mini|Stockheider Mühle, ehem. Walkmühle (1788) und Färberei (1891), heute Sitz des Tuchwerks Aachen
Die Geschichte der Tuchindustrie in Aachen erstreckt sich über mehrere Jahrhunderte und erlebte seit den ersten urkundlichen Erwähnungen im 12. Jahrhundert bis zur Schließung der letzten Tuchfabrik im Jahr 2003 zahlreiche Höhen und Tiefen. Sie zeigt Parallelen und Verknüpfungen mit der Textilgeschichte in den nicht weit entfernten Tuchzentren in Eupen und Verviers im benachbarten Belgien, Vaals in den Niederlanden, sowie Monschau und Euskirchen auf deutscher Seite und ist deshalb seit 2004 in der länderübergreifenden Initiative Wollroute und wurde bis zu deren Schließung im Jahr 2025 im Kultur- und Wissensstandort Tuchwerk Aachen dokumentarisch erfasst. Vor allem die in Aachen noch erhaltenen alten Mühlen aus der Frühen Neuzeit und die teilweise monumentalen Fabrikbauten aus dem Industriezeitalter sind ein Zeugnis von der Blütezeit der dortigen Tuchindustrie, die neben der Aachener Nadelindustrie als wesentlicher Wirtschaftsfaktor von Bedeutung war. Diese Tradition wird mittlerweile durch die Kooperationen von mehreren Instituten der RWTH Aachen in der wissenschaftlichen Erforschung der Materialien für die Textilindustrie fortgeführt, wie beispielsweise durch das „DWI – Leibniz-Institut für Interaktive Materialien e. V.“ (zuvor: „Deutsches Wollforschungsinstitut“ (DWI)), das „Institut für Textiltechnik“ (ITA) und das „Deutsche Forschungsinstitut für Bodensysteme e. V.“ (zuvor: „Deutsches Teppich-Forschungsinstitut“).Krempelwolf und Kastenspeiser, Presseinformation auf futurelab-aachen.de
Von den Anfängen bis zur Zeit Napoléons Begünstigt durch die vielen größeren und kleineren Bäche Aachens mit ihrem zumeist kalkarmen, weichen Wasser war das Aachener Tuchhandwerk bereits im Mittelalter einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt. An fast all diesen Bächen wurden Mühlen gebaut oder übernommen und als Tuchfabriken und Färbereien eingerichtet. Zur Blütezeit der Tuchindustrie nutzten rund 250 Tuchfabriken, Spinnereien und Färbereien die Wasserkraft der Aachener Bäche, da es sich bestens zum Waschen, Entfetten und Bleichen der Wollen und Tücher eignete. Mühlgräben und Mühlteiche regulierten die Wasserzufuhr. Mit Thermalwasser wurden die Wasserräder im Winter eisfrei gehalten und die Betriebe konnten so das ganze Jahr hindurch produzieren.
Erstmals wurden im Jahr 1136 die Aachener Tuchmacher in den Chroniken der Äbte von St. Trond erwähnt und 30 Jahre später als „Handelsreisende“ bezeichnet. Es folgten um 1200 ein Eintrag in die Wiener Mautbestimmungen und 1241 eine urkundliche Bescheinigung über die Zollbefreiung mit Antwerpen sowie weitere Erwähnungen in den Stadtbüchern von Riga und Nowgorod und 1369 eine Urkunde über privilegierten Handel mit Ungarn. Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts war dies eine erste Hochphase des Aachener Tuchhandwerks.
Um diese Zeit herum formierten sich die Tuchmacher und Weber in der so genannten Wollenambacht und beteiligten sich 1368 an einem Aufstand für mehr Mitspracherecht im Stadtrat, der jedoch blutig niedergeschlagen wurde. Erst mit der Einführung des Ersten Aachener Gaffelbriefs von 1450 erhielten nun vor allem die Tuchkaufleute Zugriff auf das Werkmeisteramt und das Werkmeistergericht der Stadt und damit Einfluss auf die gesamte Ambacht.
Nachdem ab 1530 auch in der Freien Reichsstadt Aachen die Reformation allmählich ihren Einzug genommen hatte, ließen sich in den Folgejahren vor allem protestantische (calvinistische) Tuchmacherfamilien aus Flandern, der Artois und dem Herzogtum Limburg in der Stadt nieder, die nach der Auflösung der Burgundischen Niederlande vor der streng katholischen Regierung der nunmehr Spanischen Niederlande nach Aachen geflüchtet waren. Dies führte zum Konflikt mit den alteingesessenen Familien und dem mehrheitlich katholischen Stadtrat und es kam zu den bekannten Aachener Religionsunruhen, die 1598 in einer ersten und 1614 in einer endgültigen vom Kaiser verhängten Reichsacht gegen maßgebliche protestantische Bürger, darunter viele Tuchhandwerker und -händler, gipfelten.
Zugleich verursachten die rigiden Zunftrechte, die den einzelnen Unternehmen die Anzahl der Webstühle, des Personals und der Produkte vorschrieben, massive Einschränkungen für die Aachener Tuchhersteller, wodurch diese international nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Die meisten Firmeninhaber versuchten deshalb, die Zunftrechte zu umgehen und ließen ihre Ware im sogenannten Verlagssystem herstellen, bei dem die Güter in zunftunabhängiger Heimarbeit produziert wurden, während der Vertrieb zentral geregelt wurde. Einige von ihnen wie Johann von Wespien, Christian Friedrich Claus oder Franz Carl Nellessen brachten es mit diesem System zu großem Erfolg. Die bestehenden Firmensitze waren zumeist in wasserradgetriebenen Spinnmühlen untergebracht wie beispielsweise in der Heißenstein- und Drieschmühle, der Weißen Mühle, der oberen und unteren Papiermühle, sowie in der Amia-, Heppions-, Dennewarts-, Pletsch- oder Kelmismühle.
Dennoch entschlossen sich viele Aachener Unternehmer, ihre Betriebe aufgrund der wirtschaftlichen Nachteile und teilweise auch wegen der Religionszugehörigkeit in liberaler eingestellte Städte zu verlagern, wie beispielsweise in den Nachbarort Burtscheid oder in den niederländischen Grenzort Vaals. Bekannteste Vertreter dieser „Auswanderer“ waren Johann Arnold von Clermont, der es in Vaals zu einem Tuchimperium und zu enormen Reichtum brachte und dort als „Tuchbaron“ bezeichnet wurde, oder die Familie Pastor, die in Burtscheid selbst und im angeschlossenen Frankenberger Viertel mehrere florierende Textilunternehmen und Nadelfabriken gründeten. Zudem profitierte diese Familie von engen familiären sowie geschäftlichen Verbindungen mit der Familie Cockerill. mini|hochkant|Wespienhaus; Bürgerhaus aus 1735 von Johann Joseph Couven mit Fabrik im Achterbau Obwohl es auch in Burtscheid seit dem 14. Jahrhundert eine Tuchmacherzunft gegeben hatte, florierte besonders ab dem 18. Jahrhundert vor allem durch die ortsansässige Familie Erckens und die zugezogenen Unternehmer das dortige Tuchhandwerk ebenso erfolgreich wie in Aachen. Es bestand unter anderem aus Tuch-, Hirschleder- und Kaschmirfabriken, sowie Streich- und Kammgarnspinnereien, mechanischen Webereien, Färbereien und einer Filztuchfabrik. Mit der Eingemeindung Burtscheids nach Aachen im Jahr 1897 gehörten alle betroffenen Firmen schließlich zum wirtschaftlichen Oberzentrum.
Während es also im 17. und 18. Jahrhundert aus religiösen und arbeitsrechtlichen Gründen zu einem massiven Aderlass in der Aachener Textilwirtschaft kam, lebte dagegen die „Konkurrenz“ in den liberaleren Nachbarstädten auf. Die barocken Fabrikantenvillen aus jener Zeit wie die Häuser Grand Ry, Rehrmann-Fey und Mennicken in Eupen oder Haus Clermont und die Schlösser Vaalsbroek und Blumenthal in Vaals oder das Rote Haus in Monschau belegen den wirtschaftlichen Erfolg der betreffenden Tuchfabrikanten, wobei in Aachen lediglich das ehemalige Wespienhaus des Tuchfabrikanten Johann von Wespien diesem Anspruch gerecht werden konnte.
Entwicklung ab der Napoleonischen bis zur Weimarer Zeit Nachdem es infolge der Koalitionskriege im Jahr 1795 zu der Machtübernahme durch Napoléon Bonaparte gekommen war, erlebte das Aachener Tuchhandwerk vor allem durch die Aufhebung der Zunftverfassung und der damit erworbenen Gewerbefreiheit einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung. Positiv wirkte sich zudem die Einfuhr von Merinowolle aus Spanien aus, mit der Feintuche von höchstem Standard produziert werden konnten, sowie die von Napoléon verhängte Kontinentalsperre und die damit verbundene Ausschaltung der britischen Konkurrenz. Der entscheidende Durchbruch entstand schließlich durch die neu entwickelten mechanischen Spinn-, Scher-, Aufrau- und Webmaschinen aus der Werkstatt von William Cockerill und seinen Söhnen James und John, die wegen der oben genannten Kontinentalsperre in Verviers und Lüttich hergestellt wurden.
mini|hochkant=1.5|Tuchfabrik Kelleter mit Achterbau am Wylre’schen Haus Begünstigt durch diese Umstände entstanden zur Jahrhundertwende auf den Gartengrundstücken mehrerer Tuchkaufleute die so genannten „Achterbauten“Achterbau ist ein Begriff, den Laurenz Mefferdatis verwendet. Er bezeichnet neu errichtete Fabrikbauten in Zusammenhang mit Hof-Anlagen. Dauber: Aachener Villenarchitektur. 1985, S. 24. wie beispielsweise am Wylre’schen Haus, in denen die handwerklich Beschäftigten räumlich zusammengefasst wurden. Darüber hinaus erwarben mehrere Unternehmer zu günstigen Bedingungen die säkularisierten Klöster von der französischen Verwaltung, darunter Ignatz van Houtem das Kloster der weißen Frauen, Franz Ägidius Joseph August Heusch das Kreuzherrenkloster und Jakob Friedrich Kolb die Reichsabtei Kornelimünster und ließen diese zu Tuchfabriken umbauen. Recht bald stieg nun die Zahl der Hauptbetriebe ohne die zahlreichen familiären „Subunternehmen“ im Tuchhandwerk deutlich an: von etwa neun Tuchfabriken im Jahr 1800 auf 16 Tuch- und Casimirfabriken im Jahr 1804 sowie auf 41 Fabriken im Jahr 1807 und schließlich auf 93 Tuch- und Casimirfabriken im Jahr 1812 mit zusammen 1358 Stühlen. In diesem Jahr wurden 98 Tuchmachermeister, 1378 Weber, 1672 Spinner, 635 Stöpferinnen, 53 Schermeister, 645 Scherarbeiter, 18 Färbermeister und 84 Färbereiarbeiter beschäftigt.Clemens Bruckner: Aachen und seine Tuchindustrie, Mushakesche Verlagsanstalt, Horb am Neckar 1949 S. 19.
Das Ende der französischen Herrschaft im Jahr 1815 und die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Preußen brachten erneut empfindliche Umstellungen für die Tuchindustrie mit sich: zum einen weil durch die neue Grenze zu Frankreich der Markt zu den westlichen Ländern abbrach und zum anderen weil durch den Wegfall der Kontinentalsperre der Wettbewerb mit der erstarkten englischen Konkurrenz vor allem durch die dortigen technischen Fortschritte in der Mechanisierung wieder auflebte. Eine dieser technischen Innovationen war beispielsweise die Einführung einer modernen und an die Ansprüche der Tuchindustrie angepassten Dampfmaschine nach englischem Vorbild. Dies führte einerseits zur Unabhängigkeit der Tuchfabriken von der Wasserführung der Bäche und andererseits konnte das Transportwesen durch den aufkommenden dampfgetriebenen Zugverkehr effektiver und somit der Handel erfolgreicher gestaltet werden. Die erforderliche Modernisierung und Neuentwicklung der Arbeitsmaschinen für die Tuchfabriken auf Dampfkraft fand unter anderem wiederum in der Maschinenfabrik der Cockerills in Lüttich statt.
Bereits 1817 war es die Tuchfabrik Edmund Kelleter, die sich als Erste eine Dampfmaschine leistete, weitere zahlreiche Fabriken folgten in den nächsten Jahren.Dampfmaschinenlieferungen bei gieseler.de Zu der raschen Industrialisierung der Tuchfabriken Aachens, die das jahrzehntelang existierende Verlagssystem ablöste, trug sowohl die günstige geographische Lage an der Grenze, die Nähe zu den Rohstoffen, die frühe Gründung der Handelskammer Aachen und der Einsatz von Großkaufleuten wie David Hansemann als auch die preußische Gewerbepolitik nach 1814/15 bei. Nachdem sich der Konkurrenzdruck durch die liberalen Zollgesetze von 1818 verschärft hatte, stockte in den 1820er-Jahren die Wirtschaftsentwicklung, was besonders die Industrie im westlichen Preußen traf. Das zwang die Fabrikherren dazu die Produktionskosten zu senken und Arbeiter zu entlassen und mehr in Maschinen zu investieren. Dies führte zum Aachener Aufruhr vom 30. August 1830, im Verlauf dessen die Arbeiter der „Tuchfabrik C. Nellessen“ zum Stadtpalais von James Cockerill auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 7 zogen und einen Großteil seiner Wohnungseinrichtung demolierten. Nur mit Hilfe der Polizei konnte der Aufruhr blutig niedergeschlagen und die Produktion wieder angekurbelt werden.Aachener Aufruhr am 30. August 1830 auf wannewitz.de.