mini|Elly Ney, 1900 mini|Denkmal für Elly Ney an der Brahmspromenade in Tutzing 3. April 2009 mini|Denkmal für Elly Ney an der Brahmspromenade in Tutzing, Detail

Elly Ney (* 27. September 1882 in Düsseldorf; † 31. März 1968 in Tutzing) war eine deutsche Pianistin, die als Interpretin des klassisch-romantischen Repertoires, besonders der Klavierwerke Ludwig van Beethovens, international anerkannt war. Nach 1933 trat sie aktiv für die nationalsozialistische Ideologie ein und ließ sich als Künstlerin von den Machthabern für deren Zwecke instrumentalisieren. Diese Haltung führte nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder zu kontrovers geführten, öffentlichen Diskussionen über ihre Person.Einer breiten Öffentlichkeit wurde die Problematik in jüngster Zeit durch die wiederholte Ausstrahlung (zuletzt am 6. März 2016) eines Dokumentarfilms im Fernsehen näher gebracht. Mondscheinsonate. Die Volkspianistin Elly Ney. Ein Film von Axel Fuhrmann. WDR 2014.

Leben 1882–1921: Jugend, Beginn der Karriere als Pianistin, Heirat Elly Ney wurde am 27. September 1882 als Tochter des Feldwebels Jakobus Ney und der Musiklehrerin Anna Ney in Düsseldorf geboren. Da ihre Mutter nicht in einer Kaserne leben wollte, wechselte der Vater auf eine Beamtenstelle in Bonn. Kindheit und Jugend waren geprägt von einem sowohl militaristischen als auch musischen Elternhaus; der Historiker Michael H. Kater nennt ihre Erziehung xenophob.

Mit zehn Jahren wurde die hochbegabte Elly Ney Franz Wüllner, dem Direktor des Konservatoriums Köln vorgestellt, wo sie dann neun Jahre lang Schülerin von Isidor Seiß war. Mit neunzehn Jahren gewann sie den „Mendelssohn-Preis“ der Stadt Berlin, mit zwanzig erhielt sie in Köln den „Ibach-Preis“. 1903 setzte sie ihre Ausbildung in Wien bei Theodor Leschetitzky fort, wechselte aber bald zu Emil von Sauer.

Nach Beendigung ihres Studiums in Wien war Elly Ney von 1904 bis 1907 Lehrerin am Kölner Konservatorium und baute sich gleichzeitig eine Karriere als Konzertpianistin auf.

1911 heiratete sie den niederländischen Dirigenten und Violinisten Willem van Hoogstraten. Das Paar lebte zunächst in Schlangenbad und später in Bonn. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlor Hoogstraten seine Stellung als Kurkapellmeister in Honnef. Zusammen mit dem Schweizer Cellisten Fritz Otto Reitz gründete das Paar das erste Elly-Ney-Trio und gab in Deutschland, der Schweiz und in den Niederlanden Konzerte. 1918 bekam das Ehepaar eine Tochter, die spätere Schauspielerin Eleonore van Hoogstraten.

1921 wurde Elly Ney Ehrenmitglied des Vereins Beethoven-Haus in Bonn.Elly Ney, Brief an den Verein Beethoven-Haus in Bonn, Charlottenburg, 2. Februar 1921, Autograph.

1921–1930: Karriere in den USA Von 1921 an lebte und wirkte Elly Ney vorwiegend in den USA, wo sie in ihren Konzerten als Interpretin des klassisch-romantischen Repertoires mit besonderem Schwerpunkt der Werke von Chopin, Brahms und Beethoven ihren Ruf als Pianistin festigte. Zahlreiche Berichte der New York Times aus den 1920er Jahren besprechen ihre Konzerte in Spielorten wie der Carnegie Hall in New York. Bei ihrem Debüt-Konzert in den USA am 15. Oktober 1921 spielte sie nur Beethoven, im zweiten Konzert Brahms, Schubert und Chopin. Hoogstraten leitete mehrere Orchester und wurde 1925 Musikdirektor des Oregon Symphony Orchestra. Sowohl als Solistin in Orchesterkonzerten unter Hoogstratens Leitung als auch in Klavierabenden gastierte Ney in fast allen großen Städten der USA, so zum Beispiel 1929 in Hollywood im Rahmen einer Reihe von Freiluftkonzerten Symphonies under the Stars. In den USA entstanden in den 1920er Jahren ihre ersten Plattenaufnahmen. 1928 heiratete sie in zweiter Ehe den Kohlewerkdirektor Paul Allais (1895–1990) aus Chicago, der ihr zuvor einige Jahre zu ihren Konzerten in den USA nachgereist war und dessen Wesen und Liebe zur Musik sie sehr beeindruckten. Die Ehe wurde bald wieder geschieden, man blieb aber freundschaftlich verbunden. Obwohl nicht mehr verheiratet, lebte Ney mit ihrem ersten Mann Hoogstraten danach weiter in einer Lebensgemeinschaft und feierte 1961 mit ihm Goldene Hochzeit; sie haben ein gemeinsames Grab in Tutzing.

Auch in Deutschland blieb Elly Ney in den 1920er Jahren weiter aktiv. Für ihren Beitrag zum besonders glanzvollen Gelingen des Beethovenfestes 1927 und für ihre internationale Karriere, die auch ihrer Heimatstadt Bonn zu Ansehen verhalf, wurde ihr im selben Jahr die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bonn zugesprochen.

1930–1945: Die Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant|Konzertprogramm mit der Dresdner Philharmonie am 9. Juli 1944 Ab 1930 verlagerte sie ihren künstlerischen Wirkungskreis wieder nach Europa. Mit dem Geiger Wilhelm Stross und dem Cellisten Ludwig Hoelscher gründete sie 1932 erneut ein Trio, das als Elly-Ney-Trio international agierte.

Im Jahr 1933 beantragte Ney, die nach ihrer Scheidung staatenlos war, die Wiedereinbürgerung in Deutschland. Angesichts der Prominenz der Antragstellerin wurde vom zuständigen Beamten die Frage, ob „die Antragstellerin in nationaler Hinsicht als wertvoller Bevölkerungszuwachs anzuerkennen sei“, positiv beantwortet. Sie sei als Künstlerin im deutschen Sinne tätig gewesen, wenngleich ihre Heirat mit einem Amerikaner an sich gegen eine gute deutsche Gesinnung spräche, so der Beurteiler der Stadt Bonn über deren Ehrenbürgerin.Manfred van Rey: „Beethoven – Bonn – Elly Ney“. Ein schwieriges Verhältnis. In: Bonner Geschichtsblätter. Band 51/52, S. 458.

1933 begeisterte sich Elly Ney für Adolf Hitler und wandte sich dem Nationalsozialismus zu. In einem Brief an Willem van Hoogstraten vom März 1933 schrieb sie: „Eben hörte Hitler 45 Minuten sprechen. Bin tief erschüttert. Eine ungeheure Gewalt. Lies die Rede! … Das ist Wahrheit einer tief empfindenden und entflammten Menschenseele. Hitler sprach mir aus der Seele über die Kunst. … Endlich wird es ausgesprochen und wird die Bahn frei.“Manfred van Rey: „Beethoven – Bonn – Elly Ney“. Ein schwieriges Verhältnis. In: Bonner Geschichtsblätter. Band 51/52, S. 457.

Mit Erlass vom 19. April 1937 wurde ihr von Hitler der Titel Professor verliehen,Ehrungen deutscher Künstler durch den Führer. In: Kölnische Zeitung. Nr. 197 vom 20. April 1937 (Morgenblatt), S. 2 (online bei Zeitungsportal NRW).Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 432. zum 1. Mai 1937 trat sie der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 6.088.559).Bundesarchiv R 9361-II/757486Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-Rom-Lexikon. Kiel 2009, 2. Auflage, S. 5189. Für ihre Mitarbeit bei den Olympischen Spielen 1936 verlieh Hitler ihr 1937 eine Erinnerungsmedaille. Ney war Mitglied weiterer nationalsozialistischer Organisationen, unter anderem als Ehrenmitglied im Bund Deutscher Mädel (BDM), und hielt Reden an die Jugend, in denen sie Beethoven und die „nordische Musik“ im Geist des Nationalsozialismus deutete.

Im Zweiten Weltkrieg gastierte Elly Ney 1941 auch im Generalgouvernement Polen in Krakau, wo damals die „Philharmonie des Generalgouvernements“ eingerichtet war. Ihre missionarische Musikauffassung bewies sie 1942 in Görlitz, wo sie die zweite Aufführung von Carl Orffs Carmina Burana unter Protest verließ, das Werk als „Kulturschande“ bezeichnete und ein lokales Aufführungsverbot erreichte.Prieberg: Handbuch. S. 5200. Ney spielte im Verlauf des Kriegs zunehmend Konzerte in Lazaretten und Krankenhäusern. 1943 erhielt sie das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse für Truppenbetreuung. 1944, in der Endphase des Krieges, wurde sie von Hitler in die Gottbegnadetenliste der unersetzlichen Künstler aufgenommen.

In der Anfangsphase der Zeit des Nationalsozialismus gab sie zahlreiche kostenfreie Konzerte für Organisationen der NSDAP und beschwerte sich beim Reichspropagandaministerium über zu wenige staatliche Aufträge als Honorarkünstlerin. Später wurde sie offenkundig häufiger bezahlt, denn für 1943 meldete sie ca. 190.000 Reichsmark Einnahmen.Mitteilung ihres Sekretariats an den Sondertreuhänder für kulturschaffende Berufe vom 19. November 1944. 180.708 RM Einnahmen zuzüglich 9.000 RM Vergütung für Lehrtätigkeit am Mozarteum.

Im Jahr 1937 hatte Elly Ney ihren Wohnsitz in das oberbayerische Tutzing verlegt. Von 1939 bis 1945 leitete sie eine Klavierklasse am Salzburger Mozarteum.

1945–1968: Alterskarriere, Tod mini|Beethovenhalle in Bonn 1959 nach Wiederaufbau mini|Ehrengrab für Elly Ney in Tutzing (3. April 2009). Auch ihr erster Ehemann und ihre Tochter sind in demselben Grab beigesetzt. Nach Kriegsende sollen auch Einheiten der amerikanischen Besatzungstruppe Elly Ney zu Konzerten eingeladen haben. Soweit bekannt, spielte sie Mitte 1945 für deutsche Kriegsgefangene auf dem Rittergut in Sierkshagen (britische Zone bei Neustadt/Holstein), das als Kriegsgefangenenlager hergerichtet war. In der Scheune des Gutes gab sie ein etwa vierstündiges Konzert für die Gefangenen.

Auch nach Ende der NS-Diktatur blieb Ney mit Kreisen früherer NSDAP-Musikfunktionäre in enger Verbindung. So berichtet Felix Oberborbeck (NSDAP seit 1. Mai 1933) in den von ihm herausgegebenen Rundbriefen an ehemalige Lehrkräfte und Studierende der von den Nationalsozialisten gegründeten Hochschule für Musikerziehung in Graz-Eggenberg, den Eggenberger Chroniken, über ein Treffen vom 1. bis 8. Juni 1947 auf Gut Waitzacker bei Weilheim/Oberbayern: „Mancher Gast trat überraschend auf, von allen jubelnd begrüßt: Willhelm Twittenhoff, Elly Ney, Willem van Hoogstraten, Heinz Müller, eben aus Frankreich heimkehrend, und mancher, der nicht gemeldet war!“Eggenberger Chronik Nr. 11, Juni 1947, Nachlass Felix Oberborbeck, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Sig. Oberborbeck 20. Der erwähnte Musikpädagoge Willhelm Twittenhoff war seit 1937 ebenfalls Mitglied der NSDAP sowie in leitenden Positionen während der NS-Herrschaft.Archiv der Jugendmusikbewegung online, abgerufen am 4. Mai 2023.

Wegen ihrer nationalsozialistischen Verstrickung wurde Elly Ney, die in den 1920er und 1930er Jahren maßgeblichen Anteil an der Gestaltung und Entwicklung der Beethovenfesttage in Bonn gehabt hatte und mit dem Elly-Ney-Trio sowie als Solistin die dominante Musikerin dieser Musikereignisse gewesen war, von der Stadt Bonn in der Nachkriegszeit bis 1952 mit einem Auftrittsverbot belegt.

Trotz ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit konnte Elly Ney, genau wie andere Künstler, deren Nähe zum Nationalsozialismus bekannt war und die ihre Karriere fortsetzten, in den 1950er Jahren eine Alterskarriere beginnen, die bis wenige Wochen vor ihrem Tod andauerte. Sie gab Konzerte in Gefängnissen und Flüchtlingslagern, veröffentlichte 1952 eine Autobiographie und spendete für den Neubau der Bonner Beethovenhalle. Nachdem jedoch durch die Presse verbreitet worden war, dass sie dem rechtsextremistischen Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes nahestand, stellte sie ihre Zahlungen ein.Prieberg: Handbuch. S. 5203. In ihrem Nachlass wurde allerdings ein Sparbuch mit dem Zweck „Spenden für den Wiederaufbau der Beethovenhalle“ gefunden, auf das bis 1959 Spenden eingegangen waren. Der Betrag von ca. 75.000 DM wurde 1995 für Renovierungsarbeiten an der Beethovenhalle verwendet. Ebenfalls 1952 erhielt sie die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Tutzing in Bayern aufgrund ihrer Verdienste um die Musik und ihrer musikalischen und kulturellen Aktivitäten an ihrem damaligen Wohnort.