Johannische Kirche Rechtsform: Körperschaft des öffentlichen Rechts Sitz: Berlin, Gründung: 15. April 1926 Oberhaupt: Stefan Tzschentke, Stellvertreter: Daniel Stolpe Mitglieder: 3000 (Stand: 2020) Website: www.johannische-kirche.org
mini|hochkant=1.4|
Die Johannische Kirche (vormals Evangelisch-Johannische Kirche nach der Offenbarung St. Johannis) ist eine 1926 in Berlin von dem Religions- und Kirchenreformer Joseph Weißenberg (1855–1941) gegründete Religionsgemeinschaft. Sie versteht sich als christliche Kirche. Ihre Glaubensgrundlage sind die Lutherbibel, die Lehren Weißenbergs sowie eine nach Weißenbergs Verständnis geformte theologische Auslegung christlicher Traditionen und Glaubenssätze. In Berlin und Brandenburg hat sie den Körperschaftsstatus.
Die 1934 noch 60.000 Anhänger (ca. 12.000 eingetragene Mitglieder sowie Glaubensfreunde) zählende Gemeinschaft in ehemals über 150 Gemeinden mit zahlreichen Predigern, Vereinen und eigener Siedlung Friedensstadt bei Trebbin hatte im Jahr 2015 im deutschen Sprachraum um die 3.000 Mitglieder in rund 30 Gemeinden. Seit 1975 trägt sie den Namen Johannische Kirche.
Gründungs- und Kirchengeschichte
Von einer neuen christlichen Vereinigung zu einer eigenen Glaubenslehre 1907 wurde von Joseph Weißenberg die Christliche Vereinigung Ernster Forscher von Diesseits nach Jenseits, wahre Anhänger der Christlichen Kirchen gegründet. Weißenberg sah sich aufgrund seiner für sich beanspruchten prophetischen Fähigkeiten zur heftigen Kritik an den tradierten christlichen Kirchen berechtigt. Er und seine Anhänger versuchten zunächst eine Reform innerhalb der Landeskirche zu erreichen. Dieser Versuch schien bis in die 1920er Jahre auch zunächst erfolgreich zu sein. Im Jahr 1925 kandidierten mehrere Anhänger Weißenbergs bei den Wahlen der Kirchengemeinderäte. Zwei Anhänger der Weißenberg-Bewegung wurden gewählt, denen allerdings ihr Amtsantritt verweigert wurde. Anderen Anhängern Weißenbergs wurde das Abendmahl verweigert. Aufgrund dieser Ereignisse erklärte Weißenberg am 25. März 1926 seinen Austritt aus der Landeskirche und gründete am 15. April 1926 die Evangelisch-Johannische Kirche nach der Offenbarung St. Johannis. Die Lehre der Johannischen Kirche, die in Joseph Weißenberg eine Offenbarung Gottes sieht, hatte innerhalb der Kirche größten Enthusiasmus zur Folge, führte aber auch zu vielen Anfeindungen von außen. Bis Anfang der 1930er Jahre stieg die Anhängerzahl (eingetragene Mitglieder und Glaubensfreunde) auf über 60.000 in Berlin, Brandenburg und Schlesien. 1932 wurde als Joseph Weißenbergs Nachfolgerin seine Tochter Frieda Müller eingesetzt.
Projekt Friedensstadt Weithin bekannt wurde die Johannische Kirche durch ein Projekt Weißenbergs, das er Friedensstadt nannte. Nach dem Kauf von 400 Hektar Land in den Glauer Bergen bei Trebbin in Brandenburg durch die „Christliche Siedlungsgenossenschaft Waldfrieden“ entstand ab 1920 eines der größten und modernsten privaten Siedlungswerke. Bereits der erste Bauabschnitt war für 15.000 Einwohner konzipiert; tatsächlich entstanden etwa 40 Gebäude für 400 Bewohner. Der Erfolg begründete sich „in der unbegrenzten Zusammenarbeit zwischen Leitung und Genossen“.Zeitung Neubau und Siedlung. 1932.
In der Zeit des Nationalsozialismus Im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung wuchs der Druck auf die Christliche Siedlungsgenossenschaft Waldfrieden, sich im NS-Staat einzugliedern. Noch 1933 gründete sich in der Friedensstadt eine NSDAP-Ortsgruppe. Im Anschluss an diese Versammlung ließ Joseph Weißenberg, der nicht dieser Ortsgruppe angehörte, einen Gottesdienst abhalten. Nach der willkürlichen Inhaftierung und Ermordung Andersdenkender protestierte Weißenberg mit zwei Briefen an Hitler. In der Folgezeit wurden Weißenberg und seine Kirche in der gleichgeschalteten Presse lächerlich gemacht. Ende 1934 forderte die Gestapo in Potsdam vom Kirchengründer und seiner Kirche, das Alte Testament und die Geistfreundreden (Trancepredigten) aus dem kirchlichen Leben zu verbannen. Joseph Weißenberg protestierte energisch dagegen und lehnte dies ab.
Am 17. Januar 1935 wurde die Evangelisch-Johannische Kirche als staatsfeindlich und staatsgefährdend verboten, alle Unterlagen beschlagnahmt sowie das Kirchenvermögen eingezogen und entschädigungslos dem Lande Preußen übereignet. Joseph Weißenberg und führende Mitarbeiter wurden inhaftiert. In den nachfolgenden Monaten wurde der fast 80-Jährige von der Gestapo abgeholt, verhört, bedroht, verhaftet und wieder freigelassen. Dennoch schrieb er weiterhin persönlich an Hitler und forderte die Freiheit des Glaubens und die Rücknahme des Kirchenverbotes. Am 13. August 1935 wurde Joseph Weißenberg von der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin zu eineinhalb Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust als Sittlichkeitsverbrecher verurteilt. In einem zweiten Prozess am 21. Oktober 1935 vor dem Sondergericht I erhielt er ein Jahr Gefängnis wegen illegaler und staatsfeindlicher Betätigung.
Die Siedlung Friedensstadt wurde auf Geheiß der Gestapo in die Zwangsliquidation getrieben und 1941 per Gerichtsbeschluss an das Deutsche Reich verkauft, da 14 Genossenschaftler ihre Zustimmung zum Verkauf verweigerten. Ab 1938 zog dort die Waffen-SS ein und vertrieb nach und nach die Bewohner. In der Zeit von 1942 bis Januar 1945 befand sich in der Siedlung die Außenstelle Glau des KZ Sachsenhausen. Um Joseph Weißenberg von seinen Anhängern und seinem Lebenswerk zu trennen, wurde er nach Verbüßung seiner Haftstrafen 1938 nach Schlesien verbannt und dort unter Hausarrest gestellt. Er verstarb am 6. März 1941 in Obernigk bei Breslau im Beisein seiner Tochter Frieda Müller (1911–2001).
Von der Wiedergründung bis zur Rückgabe der Friedensstadt Unmittelbar nach Kriegsende begann der Wiederaufbau der Johannischen Kirche unter Leitung von Weißenbergs Nachfolgerin Frieda Müller. In Verhandlungen mit den Alliierten konnte die Aufhebung des Kirchenverbots erwirkt werden. Am 3. Februar 1946 fand in Berlin der erste johannische Gottesdienst nach der Verbotszeit statt. In die von der SS beschlagnahmte Friedensstadt war die Rote Armee eingezogen, eine Rückgabe wurde abgelehnt. Lediglich die Kirche der Friedensstadt auf dem Waldfriedengelände in Blankensee wurde zurückgegeben. Nach Verhandlungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht konnte dort am 30. Juni 1946 wieder ein Gottesdienst stattfinden. Bei der Übergabe bat der sowjetische Kommandant: „Beten Sie auch für Russland!“ Am 25. August 1946 vereinte in Berlin der erste Kirchentag nach dem Verbot zahlreiche Kirchenmitglieder aus allen Teilen des Landes, doch es dauerte noch mehrere Jahre, bis die verstreuten Anhänger – viele kamen aus den ehemaligen Gemeinden östlich von Oder und Neiße – wieder gesammelt und betreut werden konnten.
Die mit der Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahre 1949 erfolgte Teilung Deutschlands hatte auch für die Johannische Kirche ernste Folgen. Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 war die gemeinsame Teilnahme aller Mitglieder an kirchlichen Veranstaltungen nicht mehr möglich. Obwohl in den folgenden Jahren die Johannische Kirche in beiden deutschen Staaten eigene Organisationsformen herausbildete, blieben die Einheit der Kirche und der enge Zusammenhalt der Kirchenmitglieder bestehen. In Ost und West konnte die Kirche in den Folgejahren eigene Gemeindehäuser und Andachtsstätten errichten. Außerdem war sie bei anderen Kirchen zu Gast oder gewährte anderen Glaubensgemeinschaften das Gastrecht.
Kirchliche Zentren waren in der DDR das Waldfrieden-Gelände und im Westteil Berlins das St.-Michaels-Heim. 1972 wurde mit dem Kauf des Stempferhofes in Gößweinstein der Grundstein für das kirchliche Engagement in der Fränkischen Schweiz gelegt. 1976 konnte dort mit dem Erwerb von Gut Schönhof in Eichenbirkig auch an ein weiteres Arbeitsfeld Joseph Weißenbergs angeknüpft werden, das er bereits in der Friedensstadt erschlossen hatte: die Landwirtschaft.
Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 ermöglichte auch die Einheit der Johannischen Kirche und ihrer sozialen Einrichtungen. Pfingsten 1990 versammelten sich Mitglieder aller Gemeinden der Kirche nach über fünf Jahrzehnten zu einem gemeinsamen Dankgottesdienst auf dem Waldfriedengelände. Im März 1994 kam es zur Verabschiedung der russischen Soldaten aus der Friedensstadt und zur symbolischen Schlüsselübergabe an Frieda Müllers Tochter Josephine. Kurz darauf wurde die endgültige Rückgabe der Friedensstadt verfügt.
Im 21. Jahrhundert Am 10. Juni 2001 verstarb Frieda Müller. Nachfolgerin im Amt des Oberhauptes wurde Josephine Müller (15. Juli 1949 – 30. Dezember 2019). Sie setzte den Weg ihrer Mutter fort, die Johannische Kirche allen Menschen zu öffnen. Ein äußerlich sichtbarer Schritt hierbei ist die am 6. März 2002 abgeschlossene Neugestaltung des Altares im Kirchenzentrum Waldfrieden in Blankensee südlich von Berlin mit der Inschrift: „Gott ist Liebe“ (vgl. ). Damit unterstreicht die Johannische Kirche ihren Auftrag, eine Brücke zu allen Menschen, Konfessionen und Religionen zu bauen, für die der Schöpfer ein Gott der Liebe ist.
Zugleich ist seit diesem Tag der Empfang des heiligen Abendmahls nicht mehr mit dem johannischen Glaubensbekenntnis verbunden. Josephine Müller sagte dazu: „Möge das Sakrament des Abendmahls für alle zur Kraftquelle werden, die bekennen können: ‚Ich glaube an Gott, der Liebe ist.‘“
Seit Januar 2020 wird die Johannische Kirche geleitet von Kirchenoberhaupt Stefan Tzschentke (geb. 1973) und seinem Stellvertreter und Nachfolger Daniel Stolpe (geb. 1989).
Struktur Die Johannische Kirche wird von einem Oberhaupt geleitet, das nach Auffassung der Gemeinschaft „ein von Gott geführter Prophetengeist“ ist. Erstes Oberhaupt war Joseph Weißenberg. Er berief seine Tochter Frieda Müller 1932 zur Nachfolgerin, die im Jahre 1961 ihrerseits ihre Tochter Josephine Müller als nachfolgendes Oberhaupt einsetzte. Josephine Müller berief am 13. Dezember 2019 Stefan Tzschentke zu ihrem Nachfolger.
Die Johannische Kirche ist anderen Kirchen ähnlich in Regionalbezirke geteilt, in Kirchenbezirke und Gemeinden. Den Spitzen der Kirchenbezirke stehen Bezirksleiter vor, den Gemeinden Gemeindeleiter.
Es gibt rund 30 Gemeinden in Deutschland (Stand 2018): Baden-Baden, Berlin-Grunewald, Berlin-Kaulsdorf, Bremen, Doberlug-Kirchhain, Dortmund, Dresden, Düsseldorf, Elster, Frankfurt (Oder), Friedensstadt Weißenberg im Trebbiner Ortsteil Glau, Fürstenwalde, Gößweinstein, Güstrow, Hamburg, Hannover, Jena/Zwickau, Forst, Leipzig, Pasewalk, Potsdam, Quedlinburg, Schwedt/Angermünde, Staßfurt, Stuttgart, Velten, Wiesbaden und Wittenberg.
Die Körperschaft des öffentlichen Rechts hat ihren Sitz in Berlin-Nikolassee. Kirchliche Zentren befinden sich im St.-Michaels-Heim in Berlin-Grunewald, in der Friedensstadt Weißenberg im Land Brandenburg und in der Fränkischen Schweiz auf Gut Schönhof im bayerischen Waischenfeld.
Finanzierung Die Johannische Kirche wird aus Spenden und Beiträgen von Mitgliedern, Freunden und Förderern finanziert. Dazu gehören auch Sachspenden und ehrenamtliche Arbeitseinsätze. Die Mitglieder legen die Höhe ihrer Beiträge selbst fest. Nach dem Gottesdienst wird die Kollekte eingesammelt. Die sozial-seelsorgerische Arbeit der Johannischen Kirche wird im Wesentlichen von vielen ehrenamtlichen Helfern erledigt. Das gilt auch für die vielen handwerklichen Tätigkeiten, die notwendig sind, um eigene Grundstücke und Gemeindehäuser zu erhalten.
Interkonfessionelle und interreligiöse Arbeit Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften, die nach johannischem Glaubensverständnis andere Wege zu Gott sind, wird große Achtung und Akzeptanz entgegengebracht.
Weißenberg forderte seine Anhänger bei der Gründung der Johannischen Kirche auf: „Johannische Christenheit, erkenne dein Ziel in der Überbrückung der Konfessionen durch die Liebe.“