Im Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 trafen die Jubiläen mehrerer für die Republik Österreich relevanter Ereignisse aufeinander. Neben dem 100. Jahrestag der Gründung der Republik Österreich wurden weiterer für Österreichs Geschichte bedeutende „8er-Jahre“ gedacht (1848, 1918, 1938, 1948, 1968).

Gedenkjahre sind – ähnlich Gedenktagen – eine der Erscheinungsformen der Erinnerungskultur, des kollektiven Gedächtnisses, das den Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit beschreibt. Der Staat übernimmt dabei einerseits die Rolle des Financiers und profitiert andererseits im Sinne der Legitimation von Machtansprüchen und der Stärkung nationaler Identitäten.

Zur Koordinierung der Aktivitäten wurde Anfang 2016 von der Bundesregierung (Bundeskanzler Werner Faymann, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner) ein ehrenamtlicher „Beirat für das Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018“ unter dem Vorsitz des Regierungsbeauftragten Altbundespräsident Heinz Fischer und unter operativer Leitung von Stephan Neuhäuser eingerichtet. Der Beirat begutachtete eine Vielzahl von Projektideen und empfahl dem Bundeskanzleramt dafür die Förderung zahlreicher Ausstellungs-, Forschungs, und Kunstprojekte. Die Website Oesterreich100.at fungierte hierbei als offizieller Webauftritt der Republik Österreich. Daneben widmete sich eine Vielzahl anderer, unterschiedlicher Akteure den historischen Ereignissen der 8er-Jahre.

1848 mini|219x219px|Aufhebung der Pressezensur durch Ferdinand I. am 15. März 1848 Die Revolution in Österreich 1848/49 war eine Reaktion auf die französische Februarrevolution 1848, welche sich wie ein Lauffeuer in vielen Teilen Europas ausbreitete und bürgerlich-demokratische Motive vertrat. In Österreich führte sie, wenn auch nur für kurze Zeit, zur Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Redefreiheit sowie Lehr- und Lernfreiheit. Die revolutionären Ereignisse wurden Kaiser Ferdinand I. als Führungsschwäche ausgelegt, der daraufhin die Regierung niederlegte. In der Folge wurde sein Neffe Joseph als Franz Joseph I. zum Kaiser gekrönt. Nachdem sich der junge Kaiser im gesamten Reich behaupten konnte, war die Revolution in Österreich beendet und es begann die Phase des Neoabsolutismus. 2018 jährte sich dieses Ereignis zum 170. Mal.

Das Jahr 1848 ist im österreichischen Bewusstsein vornehmlich über den Feldherrn der Gegenrevolution Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky verankert. Es gibt in Österreich kein wirkliches Gedenken an die Akteure der 1848er Revolution: nicht an den erschossenen Robert Blum oder an den in Abwesenheit zum Tode verurteilten Hans Kudlich, nicht an die hingerichteten Revolutionäre Wenzel Messenhauser und Hermann Jellinek. In Erinnerung geblieben sind die Sieger, der blutjunge Kaiser Franz Joseph und seine Generäle Fürst Windischgraetz, Joseph Graf Jellacic und eben Radetzky.

Medien Die österreichischen Medien griffen dieses Jubiläum im Gedenkjahr 2018 auf, wenngleich es nur marginale Beachtung fand. Die Revolution von 1848 wird oft als „die vergessene Revolution“ bezeichnet, ist aber dennoch der Grundstein für viele Freiheiten sowie für die demokratische Republik Österreich. Vor allem Der Standard und Die Presse berichteten über die Revolution 1848. Erstere berief sich auf die Revolution als Mahnung an das Volk, sich politisch einzusetzen und die eigene Meinung zu vertreten. Vorrangig Studierende sollten sich, laut eines Appells der Historikerin Brigitte Mazohl, an diese Revolution erinnern und sich besinnen, dass Teilhabe wichtig, aber Gewalt zu vermeiden sei. Die Tageszeitung Die Presse konzentrierte sich vordergründig auf die Revolution als einen Grundstein für die Entwicklung der Demokratie in Österreich sowie der Pressefreiheit und betonte die Wichtigkeit des Revolutionsjahres 1848 für die Gründung des Mediums.

Institutionen Parlament Republik Österreich 177x177px|mini|links|Temporäres Parlament WienDer aktuelle Standort des Parlaments (Stand Dezember 2018), der sich vorübergehend, aufgrund der Renovierung des Parlamentsgebäudes am Ring, neben der Hofburg befindet, schafft eine räumliche Nähe zu wichtigen Schauplätzen der österreichischen Märzrevolution 1848. Damals tagte das erste Parlament Österreichs – nur wenige Meter entfernt vom derzeitigen Standort – in der Winterreitschule der Hofburg.

Im Parlament der Republik Österreich wurde im Rahmen des Gedenkjahres 2018 das Buch „Ideen können nicht erschossen werden. Revolution und Demokratie in Österreich 1789–1848-1918“ von Wolfgang Häusler präsentiert, welches sich mit wichtigen Stationen Österreichs auf dem Weg zur Demokratie beschäftigt. Doris Bures meinte bei der Buchpräsentation, dass das Revolutionsjahr 1848 oftmals von anderen Gedenkjahren und -tagen in den Schatten gestellt werde und wies in diesem Zusammenhang auch auf die Relevanz des Werkes von Häusler hin. Das Buch gibt einen Einblick in die Kämpfe der Bürger, Arbeiter und Bauern um mehr Rechte und zur Verbesserung ihrer Situation. Daneben wird auch das erste Ringen österreichischer Frauen um ihr Recht auf politische Partizipation thematisiert. Die Ereignisse von 1848 bahnten somit einer Reihe von politischen Transformationsprozessen den Weg und können daher als wichtiger Teil der österreichischen Demokratiegeschichte gesehen werden.

Haus der Geschichte Das Revolutionsjahr 1848 wurde in der Ausstellung „1848. Die vergessene Revolution“ museal aufgearbeitet. Diese Ausstellung wurde von Wolfgang Maderthaner und Michaela Maier kuratiert sowie vom Haus der Geschichte – Museum Niederösterreich wissenschaftlich begleitet. Ein weiterer Kooperationspartner war der Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung. Die Schau wurde – entsprechend der Jahreszahl 1848 – am 3. September 2018 um 18:48 eröffnet und war bis einschließlich 31. Oktober 2018 im Haus Niederösterreich, einem jener Orte, von dem die Revolution in Wien ausging, zu sehen. Zwischen 14. November 2018 und 31. Januar 2019 ist (Stand Dezember 2018) die Ausstellung in der Alten Schieberkammer in Wien zu sehen. Darüber hinaus wurde vom Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung eine Online-Karte erstellt, die die Orte der Revolution und die 1848 errichteten Barrikaden in der Stadt im heutigen Stadtbild Wiens nachvollziehbar macht.

Wissenschaft mini|267x267px|Universität Wien Die Universität Wien hat sich mit dem Thema im Zusammenhang mit der Beteiligung von Universitätsangehörigen an den Revolutionsereignissen in Österreich in Form eines Dossiers zum Gedenkjahr 2018 auf ihrer Homepage auseinandergesetzt. Wichtige Ereignisse im Jahr 1848 und deren Auswirkungen für die Universität Wien werden an dieser Stelle dargestellt. Viele Studierende, aber auch einige Professoren und Doktoren der Universität Wien fungierten als wichtige Akteure der Wiener Revolution 1848, die Anstoß an der Pariser Februarrevolution 1848 nahm. Am 12. März 1848 überreichte man Kaiser Ferdinand eine Petition mit Forderungen der Studentenschaft. Pressefreiheit, Reformen die universitäre Lehre betreffend, Gleichberechtigung für Angehörige aller Konfessionen, Schaffung einer Volksvertretung sowie Öffentlichkeit und Mündlichkeit von Gerichtsverfahren waren wesentliche Punkte des Forderungskatalogs.

Die Folgen des Aufbegehrens waren allerdings, dass am 24. Mai 1848 der Studienbetrieb eingestellt wurde und im Oktober das Militär das Gebäude der Universität besetzte sowie die Akademische Legion auflöste. Da die Regierung einen erneuten Studierendenaufstand fürchtete, wurde der Studienbetrieb erst im März 1849 in weit verstreuten Gebäuden wieder aufgenommen. Dies sollte ein abermaliges Aufeinandertreffen von vielen Studierenden und daraus folgende, erneute revolutionäre Aufstände verhindern.

Politik In Österreich ist die Erinnerung an die Revolution 1848 nicht sehr ausgeprägt. Hintergrund ist die Tatsache, dass die Macht der Obrigkeiten, die Instrumente der Kontrolle sowie der Unterdrückung 1848 besonders stark vorhanden waren und die Bedingungen für eigenständige und widerständische Haltungen fehlten.

Auch 1948, zum 100-jährigen Jubiläum der Revolution, war das Gedenken an 1848 verhalten. Der deutschnationale Gehalt der Wiener Revolution von 1848 wurde vor dem Hintergrund des Endes des Großdeutschen Reichs als wenig erinnerungswürdig empfunden. In Bezug auf diese Tatsache spricht der Politik- und Rechtswissenschaftler Manfred Welan nicht ohne Grund von einem Tabu, das sich über das Thema Revolution 1848 in Österreich gelegt habe und somit gar keine öffentliche Diskussion darüber aufkommen lasse.

So kam dem Jahr 1848 auch im Gedenkjahr 2018 nur eine geringe Bedeutung zu und wurde von anderen Thematiken wie 100 Jahre Republik oder 80 Jahre Anschluss an Hitlerdeutschland überschattet. Vizekanzler Heinz-Christian Strache hat in seiner Ansprache zum „Staatsakt 100 Jahre Österreich“ seinen Schwerpunkt, in Bezug auf die Anfänge der österreichischen Republik, anders gelegt als sein Vorredner Kanzler Kurz. Strache sprach davon, dass bereits mit der Revolution 1848 der Startpunkt für die Republik gelegt worden sei. Bundespräsident Van der Bellen ging beim Staatsakt weniger auf die geschichtlichen Verlauf der Geschehnisse ein, als auf die je aktuelle Bedeutung der Demokratie.

Altbundespräsident Heinz Fischer sieht es positiv, dass die Zeit des Absolutismus, in dem Bürgerinnen und Bürger sehr kurz gehalten worden sind, zu Ende ging. Er macht auf die Bedeutung der Geschehnisse von 1848 aufmerksam, durch welche das Pendel kurze Zeit weit in eine andere Richtung ausgeschlagen hat und sogar eine konstitutionelle Verfassung ausgearbeitet wurde, um die Macht zwischen Kaiser und Staat zu teilen. Mit Blick auf die Auswirkung der Revolution meinte er, dass die Revolution zwar niedergeschlagen wurde, aber der Geist des Konstitutionalismus aus der „Flasche“ war und nie mehr eingefangen werden konnte.

1918 Das Jahr 1918 sticht im Zuge des Gedenkjahrs 2018 besonders heraus. Einerseits handelt es sich hierbei um ein hundertjähriges Jubiläum, andererseits ist die Bedeutung der Ereignisse dieses Jahres in der Geschichte Österreichs herausragend. Durch die Niederlage der Donaumonarchie im Ersten Weltkrieg musste die Habsburger-Dynastie auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften verzichten, was in weiterer Folge zur Gründung der Ersten Republik am 12. November 1918 führte. Im Zuge der ersten Wahlen im Februar 1919 wurde auch das im Herbst 1918 beschlossene Frauenwahlrecht zum ersten Mal angewandt.

Medien Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde im Gedenkjahr 2018 sehr stark von den österreichischen Medien aufgegriffen. Häufig diente das Ziehen von Parallelen beziehungsweise Analogien zwischen historischen Ereignissen einerseits und aktuellen Geschehnissen andererseits der medialen Instrumentalisierung. Dies zeigte sich beispielsweise in einem Interview des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer mit Der Standard. Darin bezog sich Heinz Fischer mehrmals auf das Jahr 1918 und zwar zum einen als Jahr des Kriegsendes, zum anderen als Gründungsjahr eines demokratischen Österreichs. Er zog Parallelen zwischen dem damaligen Nationalismus und den heutigen Ausprägungen dieses, um vor derartigen Ideologien explizit zu warnen. Des Weiteren betonte er die Bedeutung der Demokratie für Österreich. links|mini|187x187px|Palais Niederösterreich Das Jahr 1918 jedoch wurde nicht nur dahingehend medial instrumentalisiert, gewissen politischen Entwicklungen entgegenzutreten, sondern ebenso, um die Selbstlegitimation gewisser Institutionen zu stützen. So feierten die österreichischen Bundesländer im Gedenkjahr 2018 öffentlichkeitswirksam die Gründung der Republik und betonten ihren Anteil an diesem Prozess. Die Legitimation des Föderalismus sollte medienwirksam gefeiert werden. Auch der für die Festlichkeiten gewählte Ort war Teil dieser medialen Inszenierung, denn der Festakt fand im Palais Niederösterreich statt, also in jenem Gebäude, in dem 1918 die Provisorische Nationalversammlung konstituiert wurde.