Heinrich Selver, ursprünglich Hersch Laib Zelwer (* 14. Dezember 1901 in Błaszki, Russisches Kaiserreich; † 21. September 1957 in Paris) war der Neffe des Darmstädter Rabbiners David Selver und zwischen 1932 und 1938 Schulleiter der Privaten Waldschule Kaliski (PriWaKi). Nach seiner Emigration ließ er sich in New York zum Sozialarbeiter ausbilden und wurde zu einem Pionier der jüdischen Sozialarbeit. 1949 kehrte er nach Europa zurück und war am Aufbau der vom Joint Distribution Committee in Versailles gegründeten Paul Baerwald School of Social Work beteiligt, die ab 1958 an der Hebräischen Universität Jerusalem fortgeführt wurde.
Familiäre Herkunft Heinrich Selver entstammte der Familie Zelwer aus dem damaligen Kongresspolen.Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver. S. 129. Die Arbeit entstand im Zusammenhang eines von der DFG geförderten Forschungsprojekts an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg über die Private Waldschule Kaliski. In diesem Kontext war die Historikerin Busemann für die Erforschung der Biografien der Schulleiterin Lotte Kaliski und des Schulleiters Heinrich Selver verantwortlich. Soweit in der nachfolgenden Darstellung über das Leben und Wirken Selvers keine anderen Quellen benannt werden, beruhen alle Angaben auf der Arbeit von Busemann.
Ende des Jahres 1906 übersiedelte der jüdische Kaufmann Abraham Chaim Selver (8. Juli 1859 in Błaszki – 18. September 1920 in Chemnitz) mit seiner Familie, in die bald ein zehntes Kind hineingeboren wurde, von Błaszki (Biaszki) nach Chemnitz, vermutlich infolge der im Juni 1906 ausgebrochenen Judenpogrome in Russisch-Polen.
Anfang Januar 1907 lässt Abraham SelverNach Buisemann lautete die Schreibweise des Familiennamens zunächst Selwer, bevor Abraham sich entschlossen habe, dem Vorbild seines Bruders David zu folgen und die latinisierte Form Selver zu wählen. seine Familie bei der Chemnitzer Polizeibehörde registrieren und gibt dabei für seinen Sohn Hersch Laib ein falsches Geburtsjahr an: 1899, das auch beim Eintritt des Jungen ins Gymnasium 1911 eingetragen wird. „Erst nach Errichtung des polnischen Staates wird 1921 in Biaszki ein Geburtsschein ausgefertigt, der als Geburtsdatum von Hersch Laib den 14./27. Dezember 1901 feststellt (die Doppeldatierung nach dem Gregorianischen und dem Julianischen Kalender).“Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver. S. 128 Sein Vorname, zunächst Henrik, wird auf dem Gymnasium zu Heinrich. In Leipzig studiert und promoviert er als Henrik, in Berlin kommt wieder Heinrich zum Zuge, und in den USA wird er schließlich Henry heißen.So erklärt sich auch, dass im Katalog der DNB als Verfasser seiner Dissertation Henrik Selver steht, dem aber keine weiteren Personendaten zugeordnet sind, während dem Eintrag Heinrich Selver korrekte Personendaten zugeordnet sind, aber keine Verweise auf Publikationen. Nachfolgend wird bis zu Selvers Emigration der Vorname Heinrich verwendet, danach Henry.
Ausbildung Abraham Selver konnte sich in Chemnitz relativ rasch geschäftlich etablieren und als Kaufmann und Handschuhhändler einen bescheidenen Wohlstand erlangen. Obwohl seine älteren Söhne schulisch und beruflich gescheitert waren, konnte er 1911 seinen Sohn Heinrich auf das humanistische Gymnasium der Stadt zu schicken. Seine dortige Ausbildung beendete der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die Familie besaß nämlich die russische Staatsbürgerschaft, und sofort nach Kriegsbeginn erging ein Erlass des Sächsischen Kultusministeriums, wonach alle Schüler mit Eltern im Besitz einer feindlichen Staatsangehörigkeit der Schule zu verweisen seien. Heinrich Selver wurde fortan von einem Hauslehrer unterrichtet.
Der Krieg forcierte allerdings auch Abraham Selvers geschäftlichen Niedergang. 1916 konnte er den Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen, seine Firma wurde unter Zwangsverwaltung gestellt, und er musste sich als Wanderarbeiter verdingen. Ein Hauslehrer für Sohn Heinrich war somit nicht mehr finanzierbar. Zeitgleich traf aber ein älterer Bruder, Moses Selver (später Max Selver), aus Polen kommend in Chemnitz ein und konnte sich mit einem eigenen Geschäft selbständig machen. In das trat Heinrich Selver 1916 ein, übernahm Buchführungsarbeiten und durfte 1919 vor einer gemischten militärisch-zivilen Prüfungskommission in Chemnitz die Mittlere Reife erwerben.Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver. S. 166–167 Ebenfalls 1919 hatte Max Moses zusammen mit einem Partner eine neue Firma gegründet, in die Heinrich Selver als kaufmännischer Angestellter – zuletzt in leitender Position – eintrat. Wahrscheinlich auch dank Max Moses wurde die Zwangsverwaltung der Firma seines Vaters aufgehoben, und Abraham Selver konnte noch einige Monate als Kaufmann arbeiten, bevor er einundsechzigjährig im September 1920 verstarb.
Im Herbst 1922 schied Heinrich Selver aus der Firma seines Bruders aus und zog am 20. Oktober nach Leipzig. Über Kontakte Heinrich Selvers zu seiner Cousine Elisabeth Selver ist nichts bekannt, aber in der Tat hat auch Elisabeth Selver ihr Studium zunächst mit einem kleinen Matrikel aufgenommen, wurde dann aber 1923 erfolgreich promoviert.
Heinrich Selver studierte in Leipzig die ersten vier Semester Philosophie, bevor er sich am 13. Mai 1925 zum zweiten Mal als Student zweiter Ordnung für das Fach Geschichte immatrikulierte. Doch statt das Studium fortzusetzen, bestand er zuvor als Externer Ende September 1926 das Abitur an einem Realgymnasium in Leipzig und war nun zu einem Vollstudium berechtigt. Seine Einschreibung vom März 1925 verlängerte sich dadurch von zwei auf fünf Jahre. Inzwischen befand sich sein Bruder Max im wirtschaftlichen Niedergang und musste sein Geschäft 1927 endgültig aufgeben. Zu dieser Zeit war Heinrich bereits länger mit der aus Ruhrort stammenden Charlotte Wittgenstein (1901–2003) befreundet, die er Anfang der 1920er Jahre durch seine Schwester Lotte in Freiburg kennengelernt hatte, wo diese zusammen mit Charlotte Wittgenstein eine Hauswirtschaftsschule besuchte und in derselben Pension wohnte. Charlottes Vater war ein wohlhabender Fabrikant, und er und seine Frau scheinen über die Beziehung ihrer Tochter wenig erfreut gewesen zu sein. Dazu Stefan Laeng-Gilliatt, der Charlotte Selver persönlich kannte und ihre Biographie ausführlich erforschte: „Interessanterweise, obwohl Charlotte und Heinrich seit 1920 zusammen sind, war er weder in Ruhrort gewesen noch hatte er ihre Eltern getroffen. Dies sollte schließlich nur wenige Wochen nach dem Versand dieser Postkarte [6. Januar 1925] geschehen. Sie war Teil der Vorbereitung von Heinrich auf den Besuch. Warum es so lange gedauert hat, bis dieses Treffen stattfand, ist mir noch nicht ganz klar, aber es mag durchaus ein Klassenproblem gewesen sein. Charlotte hingegen hatte Heinrichs Familie in Chemnitz schon lange kennengelernt.“. „Interestingly, though Charlotte and Heinrich had been dating since 1920, he had never been to Ruhrort nor had he met her parents. This should finally happen only weeks after this postcard was sent. It was part of preparing Heinrich for the visit. Why it took so long for this meeting to take place is not entirely clear to me yet but it may well have been a class issue. Charlotte, on the other hand, had long met Heinrich's family in Chemnitz.“ Auch Busemann vermutet, dass es seitens Charlottes Eltern Vorbehalte gegen Henrich Selver gab und diese ihn „wegen seiner polnischen Herkunft und als ‚Habenichts‘ ablehnten“.Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver. S. 176
Die standesamtliche Trauung fand am 22. Dezember 1926 statt, offenbar in Abwesenheit von Charlottes Eltern und ihrer Schwester. Durch die Ehe mit Heinrich Selver verlor Charlotte Wittgenstein ihre deutsche Staatsbürgerschaft und erhielt stattdessen die Staatsbürgerschaft ihres Mannes, der inzwischen Pole geworden war.
Obwohl sich die beiden schon viele Jahre kannten, scheint das Zusammenleben schwierig gewesen zu sein; bereits vom November 1927 an lebten die Eheleute in getrennten Wohnungen. Zu den möglichen Hintergründen schreibt Stefan Laeng-Gilliatt:
Seit Heinrich Selver Vollstudent geworden war, belegte er neben dem Fach Geschichte, für das er sich eingeschrieben hatte, auch Veranstaltungen in Deutsch, Geographie und Philosophie und strebte die Prüfung für das höhere Lehramt an. Dieses Ziel gab er jedoch bald auf, um in Germanistik zu promovieren. Sein Doktorvater wurde der Germanist Hermann August Korff, der 1930 Selvers Dissertation mit Cum laude bewertete. Zweitgutachter der Arbeit war Georg Witkowski. Die mündlichen Prüfungen brachten bessere Noten, doch habe sich, so Busemann, aufgrund der Dissertationsbenotung „die Hoffnung auf eine akademische Karriere zerschlagen“.Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver. S. 182 Selver entschied sich daraufhin erneut, die Prüfung für das höhere Lehramt anzustreben. Dazu musste er jedoch sein Studium fortsetzen, da die Prüfungsordnung ein mindestens achtsemestriges Studium verlangte, und dafür die Semester aus dem Studium II. Ordnung nicht anerkannt wurden. Selver immatrikulierte sich im Mai 1930 erneut, erklärte aber zu Beginn des Wintersemesters 1930/31 gegenüber der Universität seinen Verzicht auf den weiteren Besuch von Lehrveranstaltungen. Das Ziel Höheres Lehramt war damit obsolet geworden. Selver kümmerte sich nur noch um die Drucklegung seiner Dissertation und verzog im März 1931 nach Berlin. Zuvor war noch die Ehe mit Charlotte geschieden worden, worauf diese ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurückerhielt.
In Berlin erhielt Selver die deutsche Staatsbürgerschaft zugesprochen und konnte am 23. Oktober 1931 das Mittelschullehrerexamen erfolgreich ablegen.
Die Berliner Jahre Lehrer an der Theodor-Herzl-Schule Heinrich Selvers erste Anstellung erfolgte an der privaten jüdischen Theodor-Herzl-Schule.Siehe hierzu den Artikel über Paula Fürst und Jörg H. Fehrs: Von der Heidereutergasse zum Roseneck. S. 273 ff. Warum sich Selver für diese Schule entschieden hat, ist nicht überliefert, doch sieht Busemann durchaus einen Widerspruch zwischen dem zionistisch ausgerichteten Curriculum der Schule und Selver, der sich „zunehmend als deutscher Bildungsbürger definiert hatte, wie zuletzt seine Dissertation zeigte“.Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver. S. 186–187 In einem Nachruf im Aufbau wird ihm allerdings eine durchgängige jüdische Identität attestiert. Er wird dort charakterisiert als „Dr. Henry Selver, der wohlgebildete Leipziger Philologe, der ‚alte Blau-Weisse‘, seinem Judentum in allen Lebensphasen verpflichtet“,Wilfred C. Hulse: Nachruf auf Henry Selver und der Hinweis auf den „alten Blau-Weissen“ besagt, dass Selver auch in der Jüdischen Jugendbewegung aktiv war, ein Umstand, der bei Busemann keine Erwähnung findet. Vor dem Hintergrund dürfte für Selver die Entscheidung für die Theodor-Herzl-Schule nicht so abwegig gewesen sein, wie es Busemann suggeriert.
Jenseits ihrer zionistischen Ausrichtung war die Theodor-Herzl-Schule aber auch den Prinzipien der Reformpädagogik verpflichtet und erwies sich damit als eine gute Vorbereitung auf Selvers nachfolgende Stelle.
Schulleiter der Privaten Waldschule Kaliski (PriWaKi)