A. & S. Segall war ein renommiertes Rauchwarenhandels- und Pelzkonfektionsunternehmen in Berlin, 1868 gegründet von den Brüdern Adolf Segall und Samuel (Salomon?Der Vorname Salomon für den Gründer scheint nur in den Annalen von Philipp Manes auffindbar. Vermutlich irrt Manes.) Segall.

Firmengeschichte Das Adressbuch von 1860 verzeichnet bereits, vor dem später genannten Gründungsdatum, einen Kaufmann K. L. Segal (in der Schreibweise mit einem „l“), Verkauf von „Fellen und Rauchwaaren“, auf der Alexanderstraße 50. Das von 1870 nennt M. Segall, mit der Privatadresse Kommandantenstraße 40 und dem Geschäftslokal im Berliner Konfektionsviertel um den Hausvogteiplatz auf der Niederwallstraße 33. Im Jahr 1885 ist das Unternehmen A. & S. Segall auf der Berliner Niederwallstraße, jetzt Nr. 17, außer als Pelzwarenfabrik auch als Fabrik für Posamenten verzeichnet,Telefonbuch Berlin 1885, S. 988. eine übliche Verschlussart für bestimmte Uniformen und nebenbei häufig für Pelzmäntel. Eine Anzeige aus dem Jahr 1920 nannte für das Engros- und Detailgeschäft, jetzt auf der Kommandantenstraße 20/21, das Angebot von Stolas, Pelzjackets, Damenmänteln mit Pelzfutter und Herrenpelzen.Anzeige in: Deutsches Reichsadressbuch 1920. Sekundärquelle: Dina Gold: Stolen Legacy – Nazi Theft and the Quest for Justice at Krausenstrasse 17/18, Berlin. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. Ankerwycke Books, USA 2016, ISBN 978-1-63425-427-4, S. 118. Im Adressbuch von 1933 ist die Firma auf der Adlerstraße 6 eingetragen, die inzwischen aufgegebene Straße befand sich ebenfalls in der Nähe des Hausvogteiplatzes.

Philipp Manes, der 1944 von den Nationalsozialisten ermordete jüdische Pelzkommissionär und Chronist der Pelzbranche, hat die beiden Gründer Adolf und Samuel Segall noch persönlich kennengelernt:

Als der junge Paul Poser, „aus Wien kommend, in die Firma eintrat, um die Konfektion zu modernisieren und zu leiten, wurde es ein wenig anders im Hause“. Im Jahr 1908 gingen die Gründer in den Ruhestand, und das Geschäft übernahm der Schwiegersohn Moritz Liebmann (* 1. April 1878 in Groß-Zimmern; † 1932; Sohn des Fellhändlers Heÿum und Mathilde Liebmann, geborene Oppenheimer). Liebmann hatte im März des Jahres Malli Segal geheiratet, beide waren mosaischen Glaubens.Geburtsurkunde Nr. 464/1883 vom 24. April 1883, Geburtenregister, Standesamt Berlin II. Laut einem Vermerk hat sie 1934 ein zweites Mal geheiratet (Heiratsurkunde Nr. 254/1934, Standesamt Berlin VI). Er war „ein halber Amerikaner“. Von 1898 bis 1908 hatte er seinen Wohnsitz in Mexiko-Stadt, wo er Teilhaber und Interessenvertreter für Nordamerika des bekannten Exporthauses Herz und Schaberg war. In dieser Eigenschaft bereiste er die gesamten Vereinigten Staaten, Erfahrungen, die seinem neuen Arbeitsbereich zugutekamen. Er verlegte die Firma im Jahr 1909 auf die Kurstraße 47–48 in größere und modernere Räume.In: Fur Trade Review, Band 37, 1909. books.google.de

mini|hochkant=0.5 mini|hochkant|Firmenprospekt „Der Bubikragen“ von A. & S. Segall Als Warenzeichen und Qualitätsmarke hatte sich die Firma „ASSEGA“ eintragen lassen. In den Jahren 1925 und 1926 reiste Moritz Liebmann, jeweils zusammen mit seiner Frau, zum Einkauf nach Amerika.Anzeige der Firma A. & S. Segall: „Assega“ bedeutet Qualität – A & S. Segall heisst Leistungsfähigkeit. M. Liebermann: Brief an die Redaktion „Z. Zt. New York“, Februar 1925. In: Die Pelzkonfektion, März 1925, Nr. 1, S. 72–74.Laut den Hamburger Passagierlisten, 1850–1934 fuhr er: 1) am 16. Januar 1925 zusammen mit seiner Frau Malli auf dem Dampfschiff „Albert Ballin“ 1. Klasse nach New York, Quelle: Staatsarchiv Hamburg, Bestand: 373-7 I, VIII (Auswanderungsamt I), Band 322, rechte Seite Eintrag 40 u. 41 und 2) am 12. Februar 1926 zusammen mit seiner Frau Malli auf dem Dampfschiff „Deutschland“ 1. Klasse nach New York. Quelle: Staatsarchiv Hamburg, Bestand: 373-7 I, VIII (Auswanderungsamt I), Band 332, rechte Seite Eintrag 64 u. 65. Manes bezeichnete ihn als „ein durchaus moderner Kaufmann, der die veraltete Firma zuerst aus dem Dunkel unmöglicher Räumlichkeiten erlöste und in eine grosse, moderne, helle Etage zog“ (Kommandantenstraße 20/21). Als einer der ersten in der Pelzkonfektion versandte er aufwändig gestaltete Kataloge an seine Kunden, als Neuheit sogar „unter Zuhilfenahme von Farbe“.Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 1. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 190. Wörtlich: „[…] A. & S. Segall, welche Farbe zu Hilfe nahmen […]“. (Kollektion G. & C. Franke).Briefkopf der Firma A. & S. Segall, 1925. Philipp Manes schrieb weiter:

Moritz Liebmann starb 1932 überraschend und früh an einem Herzschlag. Hermann Wolff führte die Firma allein weiter, bis Fritz Steiner, der Schwiegersohn von Moritz Liebmann, die Verkaufsreisen ins Ausland übernahm. Der einzige Sohn Liebmanns, Alfred Liebmann, trat 1924 als Lehrling in die Firma ein. Nach seiner Ausbildung reiste er im In- und Ausland und leitete die sehr bedeutende Filiale in Mailand bis zu ihrer Auflösung. Ein bewährter Stab von Mitarbeitern, zum Teil waren sie bis über 30 Jahre in der Firma, sorgte für die prosperierenden Abteilungen Konfektion und Fellhandel.

Nach der großen Inflation hatte sich Hermann Wolff sehr intensiv der Rauchwarenmanipulation zugewandt, das ist der Einkauf von Rohfellen, deren Zurichten (gerben) und eventuell veredeln lassen, bis hin zum Aufteilen in bedarfsgerechte Kürschner-Sortimente und Fellbunde und deren Verkauf. Die Rohware kam aus Russland oder vom Londoner Zwischenhandel mit seinen Auktionen. Die Zickelfabrikation „wurde ganz groß aufgezogen“.

Der trotz des Exodus seiner Branchenkollegen in Deutschland verbliebene Philipp Manes umschrieb vorsichtig die Vertreibung des jüdischen Inhabers, bevor Manes im Konzentrationslager ermordet wurde:

Anlässlich der Verlegung eines Stolperstein für Moritz Liebmanns Sohn Alfred Liebmann (2. Januar 1909; † 24. Mai 1944) wurde für diesen eine kurze Biografie publiziert. Alfred kam am 2. Januar 1909 in Berlin als Sohn des Fabrikbesitzers Moritz Liebmann und dessen Frau Malli geborene Segal (auch Segall geschrieben) zur Welt. Laut dieser Biografie ließ seine Mutter sich scheiden und heiratete in der Folgezeit den Pelzwarenfabrikanten Abraham Tausk (* 28. Februar 1874 in Kolmar; † 7. März 1942 im Ghetto Łódź).Abraham Tausk in Polen, Registerbücher aus dem Getto Łódź, 1939–1944 (USHMM)Abraham Tausk in Polen, letzte Briefe aus dem Getto in Łódź (Lodsch), 1941 (JewishGen.org)Abraham Tausk in Holocaust: Aufzeichnungen aus Zehn Gettos (JewishGen.org) Nicht erwähnt wird, dass Moritz Liebmann zum Zeitpunkt der Wiederverheiratung bereits etwa zwei Jahre verstorben war, in der Heiratsurkunde wird sie als Witwe bezeichnet. Der Kürschner Alfred Liebmann wohnte mit Mutter und Stiefvater seit 1939 in der Sybelstraße 35. Von 1933 bis 1935 stand er im Berliner Adressbuch als Kaufmann mit der Anschrift Alexandrinenstraße 105/106. Dieser auch Sandmannshof genannte Gebäudekomplex in Kreuzberg beherbergte zahlreiche Gewerbebetriebe, Handelsvertretungen, Kleinfabriken und Büros, darunter lange Zeit auch die Firma A. & S. Segall, Pelzwarenfabrik und Rauchwarenhandlung. Alfred Liebmann wurde als Mitinhaber geführt.

Verfolgung und Ermordung im NS-Staat mini|hochkant=0.8|Stolperstein: „Hier wohnte Alfred Liebmann Jg, 1909 verhaftet 1939 Zuchthaus Berlin-Tegel deportiert 18. Okt. 1941 Lodz/Litzmannstadt ermordet 24. Mai 1944“ Im Jahr 1939 wurde Alfred Liebmann verhaftet und in das Strafgefängnis Berlin-Tegel verbracht. Weder der Grund noch die Dauer seiner Haft sind bekannt. Jedenfalls musste er anschließend Zwangsarbeit in der Uniformfabrik Gebr. Pluskiewitz, Große Frankfurter Straße 101, verrichten. In seiner Vermögenserklärung stand „Lohnempfänger“. Als er am 12. Oktober 1941 in der Synagoge Levetzowstraße, zu der Zeit Sammellager für zur Deportation bestimmte Juden, seine Vermögenserklärung ausfüllen musste, ließ er unter anderem als seinen Besitz eintragen: ein 20-bändiges Meyer’s Lexikon „komplett“ und zwei Bände der Weltgeschichte von Georg Weber sowie eine Schreibmaschine, ein Schifferklavier und außer sechs Straßenanzügen auch einen Skianzug. Nach seinem Vermögen befragt, gab er Konten bei der Commerzbank und einer Privatbank in der Ritterstraße 38 an und fügte, wortgleich wie sein Stiefvater Abraham Tausk, an: „Bei der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit, zumal die Commerzbank am Sonnabend ab 2 Uhr geschlossen ist, vermag ich nicht die Höhe meines Bankkontos und meiner Wertpapiere, welche sich im Depot befinden, anzugeben.“ Er besitze 196 Reichsmark Bargeld. Sein ganzer Besitz wurde am 28. Oktober 1941 mit dem seiner Mutter und seines Stiefvaters öffentlich versteigert. Die Wohnung wurde am 3. November 1941 „geräumt“. Das Finanzamt eignete sich alle Wertpapiere an und erlöste bis 1944 einen „Überschussbetrag aus der Veräußerung“ von 12.984,20 Mark. Alfred Liebmanns Vermögen bezifferte der zuständige Berichterstatter, Steuerrat Müller, auf 68.697 Reichsmark.

Am 18. Oktober 1941 wurde Alfred Liebmann zusammen mit Abraham und Malli Tausk mit dem ersten vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald abgehenden Osttransport mit 1013 Menschen ins Ghetto Litzmannstadt deportiert. Am 24. Mai 1944 ist er dort im Alter von 35 Jahren ermordet worden.

Personalien mini|Anzeige des Nachfolgers Erich Bernd Reichow „Früher A. & S. Segall“ (1943) Malli Liebmann, (* 19. April 1883 in Berlin; † 17. Juli 1942 im Ghetto Łódź), geborene Segal, heiratete, nachdem ihr Mann Moritz Liebmann 1932 gestorben war, im Jahr 1934 erneut und hieß jetzt „Tausk“. Am 18. Oktober 1941 wurde Malli aus Berlin; Bleicher Weg 4, deportiert. Am 17. Juli 1942 starb sie im Ghetto Łódź. Als Todesursache wurde Fussgangrän angegeben.Malli-M.-S. Tausk in Holocaust: Sterberegister des Krankenhauses im Getto von Łódź (Polen), 1941–1944.Malla Tausk in Polen, Registerbücher aus dem Getto Łódź (Polen), 1939–1944 (USHMM).Malla Tausk, in Holocaust: Aufzeichnungen aus zehn Gettos. Der Fellhändler Salomon Liebmann (* 2. Februar 1871 in Groß-Zimmern; † 27. Juli 1950 in New York) aus Aschaffenburg, ein Bruder von Moritz Liebmann, heiratete in Höchst im Odenwald am 25. Januar 1899 die Mathilde Oppenheimer, beide israelitischer Religion. Ihr Vater war der Pelzhändler und Gelatinefabrikant Max Oppenheimer, die Mutter Rosa, eine geborene Grünkorn.Heiratsregister-Eintrag Nr. 4. Am 14. Mai 1941 emigrierte Salomon in die USA.Miscellaneous Lists and Registers of German Concentration Camp Inmates, Originated or Collected by the International Tracing Service (Arolsen). National Archives Microfilm Publication A3355, Reel 3, Item 1. National Archives Collection of Foreign Records Seized, Record Group 242; National Archives, Washington, D. C. Salomon und Mathilde Liebmann hatten eine Tochter und zwei Söhne, zwei Kinder starben im Alter von 5 beziehungsweise 6 Jahren. Ihr Sohn Manfred Liebmann starb am 9. Juli 1997 in New York.