Der Thwaites-Gletscher (inoffiziell auch ) ist ein großer Gletscher im westantarktischen Marie-Byrd-Land. 2010 wies er eine Ausdehnung von rund 192.000 km² auf – eine Fläche, die größer ist als Florida.

Lage Der Thwaites fließt rund 50 km östlich des Mount Murphy zur Amundsen-See, in die er etwa 30 km nordöstlich der Bear-Halbinsel an der Walgreen-Küste in Form einer über 160 km langen und 30 km breiten Gletscherzunge mündet. 60 km der Zunge sind aufschwimmend und behindern die Schifffahrt in Ost-West-Richtung. Der Gletscher liegt in einer Gegend mit erhöhter vulkanischer Aktivität.

Die Geografie der Landschaft unter dem Gletscher wurde kartographiert (Veröffentlichung April 2024). Unter dem Gletscher befinden sich unter anderem auch Subglaziale Seen mit einer Tiefe bis zu 100 m.

Geschichte Der United States Geological Survey kartierte den gesamten Gletscher anhand eigener Vermessungen und Luftaufnahmen der United States Navy aus den Jahren 1959 bis 1966. Das Advisory Committee on Antarctic Names benannte ihn 1967 zu Ehren des Glaziologen Fredrik T. Thwaites (1883–1961) von der University of Wisconsin. Aufgrund seiner Eigenschaften wird dieser sehr große Gletscher für wissenschaftliche Szenarien des menschengemachten Klimawandels bis heute durch die NASA und Wissenschaftler genau beobachtet und analysiert.

Bedeutung als Klimaindikator

Der Gletscher hat eine wichtige Funktion. Zusammen mit dem Pine-Island-Gletscher wirkt er als stabiler „Bremsklotz“ für den viel größeren westantarktischen Eisschild. Sollte dieser eines Tages schmelzen, abbrechen oder gar zusammenbrechen, könnten zahlreiche Küstenstädte wegen eines Meeresspiegelanstiegs von mehr als einem Meter überflutet werden. Im Jahr 2020 bezeichnete die British Broadcasting Corporation (BBC) den Thwaites aufgrund dieser globalen Bedeutung als Doomsday Glacier, was ,Weltuntergangsgletscher’ oder ,Gletscher des Jüngsten Gerichts’ bedeutet.David Zauner: Westantarktis ist nicht mehr zu retten, in: klimareporter, 24. Oktober 2023.

In der Region dieses Gletschers verändern sich die atmosphärischen und ozeanischen Bedingungen besonders deutlich: Rasche Eisverluste sind die Folge (siehe Folgen der globalen Erwärmung in der Antarktis), da auch das schützende Schelfeis als natürliche Schutzbarriere des Gletschers durch die Erhöhung der Wassertemperaturen rascher schmilzt. mini|Ab- und Zunahme der Eisdicke (blau = Zunahme / rot = Abnahme) Die Stabilität des Gletschers ist durch die Marine Ice Sheet Instability gefährdet, da er eine diesbezügliche Topologie aufweist und sich die warme Meeresströmung, da das Festland in der Westantarktis abfallend unter der Meeresoberfläche liegt, immer mehr unter den Gletscher fressen kann.

Anfang 2020 nahmen Forscher der International Thwaites Glacier Collaboration (ITGC) Messungen vor, um Szenarien für die Zukunft des Gletschers zu entwickeln und den Zeitraum für einen möglichen Zusammenbruch zu prognostizieren: Die Erosion des Gletschers durch erwärmtes Ozeanwasser scheint stärker als erwartet. Die Forscher stellten besorgt fest, dass die Wassertemperatur an der Grundlinie des Gletschers bereits mehr als zwei Grad über dem Gefrierpunkt liege. Ein Auslöser der Expedition waren u. a. Geo-Erkundungen der NASA.

Eine Studie aus dem Jahr 2021 kam zur Erkenntnis, dass große Teile des aufschwimmenden Teils des Gletschers innerhalb weniger Jahre abbrechen könnten. Hierauf deuteten Anzeichen in Form von Rissen und Eisbewegungen hin. Eine 2024 veröffentlichte Studie kam zum Schluss, dass sich Meerwasser bei Flut mehrere Kilometer weit unter das Eis des Gletschers presst; dies bedeutet, dass der Gletscher der Erwärmung der Meere stärker ausgesetzt ist als zuvor vermutet. Das Tauen des Thwaites-Gletschers ist bereits für etwa 4 Prozent des globalen Meeresspiegelanstiegs verantwortlich.Pietro Milillo et al.: Heterogeneous retreat and ice melt of Thwaites Glacier, West Antarctica. In: Science Advances. Band 5, Nr. 1, 2019, eaau3433, doi:10.1126/sciadv.aau3433 Forscher finden gigantischen Hohlraum in Antarktis-Gletscher. In: Spiegel Online vom 31. Januar 2019. Abgerufen am 2. Februar 2019. Der Zusammenbruch dieses Gletschers würde den Pegel der Meere um etwa 65 Zentimeter anheben, was einige Forscher innerhalb weniger Jahrzehnte erwarten. Ein vollständiges Abschmelzen des Gletschers könnte auch angrenzende Eismassen in den Prozess miteinbeziehen und den Meeresspiegel global um bis zu 3 Meter ansteigen lassen.

Im Dezember 2025 dokumentierten mehrere Studien eine weitere Verschärfung: Eine Analyse in Nature Geoscience zeigte, dass Unterwasser-Turbulenzen („submesoscale ocean storms“) das Schmelzen des Gletschers von unten aggressiver vorantreiben als bisher modelliert – ein positiver Rückkopplungseffekt, bei dem Schmelzwasser weitere Turbulenzen erzeugt. Eine Studie in Geophysical Research Letters wies 362 Gletscherbeben zwischen 2010 und 2023 nach, von denen 67 Prozent am marinen Ende des Thwaites auftraten. Forscher der University of Manitoba zeigten zudem, dass das östliche Schelfeis seinen Halt an einem kritischen Verankerungspunkt verliert.

Forschungsexpeditionen Seit 2018 koordiniert die International Thwaites Glacier Collaboration (ITGC) Forschungsmissionen zum Gletscher. Ende Dezember 2025 startete eine Expedition mit dem südkoreanischen Eisbrecher Araon vom Korea Polar Research Institute. Ziel ist unter anderem, ein 800 Meter tiefes Bohrloch durch das Gletschereis zu schaffen und Messinstrumente im darunterliegenden Ozean zu installieren. Die USA stellten 2025 ihr antarktisches Forschungsschiff Nathaniel B. Palmer außer Dienst, sodass Südkorea die einzige Nation mit regelmäßigen Expeditionen zum Thwaites ist.

Literatur

Christof Gertsch und Mikael Krogerus: Das Ende vom ewigen Eis. Ein einziger Gletscher in der Antarktis entscheidet darüber, wie wir in Zukunft leben werden – und wo. Sein Name: Thwaites, Das Magazin, N° 43, Zürich 29. Oktober 2022.

Weblinks

ITGC International Thwaites Glacier Collaboration (englisch). Thwaites Glacier auf geographic.org (englisch). Thwaites Glacier Transformed, NASA Earth Observatory (englisch)

Jon Gertner: The Race to Understand Antarctica’s Most Terrifying Glacier, in: Wired, 12. Oktober 2018 (englisch). Erin C. Pettit et al.: C34A-07 – Collapse of Thwaites Eastern Ice Shelf by intersecting fractures. AGU Fall meeting, 13. bis 17. Dezember 2021 (englisch). Davis, P.E.D., Nicholls, K.W., Holland, D.M. et al.: Suppressed basal melting in the eastern Thwaites Glacier grounding zone. Nature 614, 2023, S. 479–485 (englisch). Gian Andrea Marti: Der Thwaites-Gletscher in der Antarktis schmilzt rasant – allerdings nicht so, wie Wissenschaftler sich das vorgestellt hatten, in: NZZ, Zürich 17. Februar 2023. David Zauner: Westantarktis ist nicht mehr zu retten, in: klimareporter, 24. Oktober 2023.

Einzelnachweise Bericht bei der Generalversammlung der European Geosciences Union (EGU), 2024: New insights into the bed beneath remote Antarctic glacier. British Antarctic Survey (BAS), Presseveröffentlichung vom 16. April 2024 (). Dazu: Landschaft unter Antarktis abwechslungsreich. Auf: orf.at vom 16. April 2024. Nadja Podbregar: Landschaft unter dem Thwaites-Gletscher kartiert. Auf: scinexx.de vom 19. April 2024.

Kategorie:Walgreen-Küste