mini|Unabhängigkeitsdenkmal in Charkiw mit der Aufschrift „Slawa Ukrajini“ mini|„Slava Ukraini“ bei einer Protestveranstaltung gegen den russischen Überfall auf die Ukraine in New York City, 27. Februar 2022 Ruhm der Ukraine (), auch übersetzt als Ehre der Ukraine oder Hoch lebe die Ukraine,Ch. Diemer: Mutterlandpop: Lokale Markierung und Entgrenzung musikalischer Darbietungen auf ukrainischen Feiertagen. In: D. Helms, T. Phleps (Hrsg.): Speaking in Tongues. Transcript Verlag, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3224-8, S. 63–87.Y. Belorusets: Ruhm der Ukraine. In: C. Dathe, A. Rostek (Hrsg.): Majdan! Ukraine, Europa. edition.fotoTAPETA, Berlin 2014, ISBN 978-3-940524-28-7, S. 55–57. ist eine gängige Grußform und ein beliebter Slogan in der Ukraine. Seit 2018 ist der Zuruf „Ruhm der Ukraine!“ sowie die Antwort „Den Helden Ruhm!“ () der offizielle militärische Gruß der ukrainischen Streitkräfte. Im Verlauf des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 fand der Slogan als Ausdruck des Widerstands bei internationalen Protesten weite Verbreitung.
Geschichte mini|hochkant|Wsewolod Petriw schrieb zur Zeit des Ukrainischen Staates: „Es ging vor allem um die Herzen, die marschierten und laut riefen «Ehre der Ukraine, Ehre dem Hetmanat»“ Vorgeschichte Die Phrase Slawa Ukrajini wurde bereits vom Nationaldichter Taras Schewtschenko verwendet. In seinem 1840 verfassten Gedicht „Für Osnowjanenko“ (До Основ'яненка) schrieb er:http://litopys.org.ua/shevchenko/shev113.htm
Unser Seele, unser Lied wird nicht sterben, wird nicht verschwinden … Darin, Leute, liegt unser Ruhm Ruhm der Ukraine!
Die erste bekannte Erwähnung des Slogans „Ruhm der Ukraine!“ mit der Antwort „Ruhm auf der ganzen Erde!“ („По всій землі слава“) ist mit der Umgebung der ukrainischen Studentengemeinschaft im Charkiw des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts verbunden.Юзич Юрій. Хто і коли вигадав гасло «Слава Україні!» [Електронний ресурс] // Історична правда. — 04.10.2018. — Режим доступу: https://www.istpravda.com.ua/articles/2018/10/4/153036/
Unabhängigkeitskrieg 1917–1921 Der Gruß Slawa Ukrajini lässt sich bis in die Zeit des ukrainischen Unabhängigkeitskrieges (1917–1921) nach der Februarrevolution zurückverfolgen. Der Ausdruck wurde als Begrüßung unter ukrainischen Partisanen verwendet, welche die bolschewistische Invasion ihrer Heimat zu verhindern versuchten. In seinen Memoiren schrieb der Schriftsteller und Partisan Jurij Horlis-Horskyj, dass Unabhängigkeitskämpfer der Ukrainischen Volksrepublik auf den Gruß „Guten Tag“ mit „Slawa Ukrajini“ antworteten. Unter Kosaken war der abgewandelte Gruß „Slawa Ukrajini! Kosakam Slawa!“ („Ehre der Ukraine! Ehre den Kosaken!“) verbreitet. Während der Zeit des Hetmanats wurde der Gruß Slawa Ukrajini durch den Zusatz „Ehre dem Hetmanat“ ergänzt.«Слава Україні!» – історія гасла боротьби за незалежність (dt. „«Ehre an die Ukraine!» – Geschichte des Slogans vom Unabhängigkeitskampf“). In: Radio Free Europe. 19. September 2017.
Zweiter Weltkrieg und Sowjetzeit mini|Ein den Spruch enthaltendes Kriegsdenkmal zur Erinnerung an die UPA in Basaltowe (Wolhynien), Ort des Wolhynien-Massakers In der Zwischenkriegszeit wurde der Ausdruck Slawa Ukrajini von einer Gruppe von Nationalisten verwendet. Die Gruppe bestand von 1925 bis 1929 und benutzte zunächst den Zusatz „Ruhm den Kosaken“. Ein Mitglied der Gruppe schlug während einer Sitzung vor, die Erwähnung der Kosaken mit dem Ausdruck „Ehre den Helden“ zu ersetzen.П. Г. Дяченко: Чорні запорожці: спомини командира 1-го кінного полку Чорних запорожців Армії Української Народної Республіки. «Стікс», Київ 2010, S. 350. 1939Ivan Katchanovski: The Politics of World War II in Contemporary Ukraine. In: The Journal of Slavic Military Studies. 27, Nr. 2, 2014, S. 210–233. doi:10.1080/13518046.2013.844493 oder 1941 wurde der Gruß Slawa Ukrajini, Slawa Herojam von der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) offiziell angenommen. Der Spruch ging mit einer Erhebung des rechten Arms zum faschistischen Gruß einher.Павло Гай-Нижник. Самолегітимізація ОУН(р) і визначення моделі майбутньої Української Держави на ІІ Великому зборі ОУН (квітень 1941 р.) // Вісник Львівського університету. Серія історична. — Вип.53. До 75-річчя Української Повстанської Армії. — Львів: ЛНУ ім. Івана Франка, 2017. — С.286-310.
Nach der Unterdrückung des bewaffneten Widerstandes der OUN wurde die Losung in der Sowjetunion für viele Jahre verboten. Der Ausdruck tauchte weiterhin auf, zum Beispiel im Buch Menschenblut ist kein Wasser (1957) von Mychajlo Stelmach, in welchem gefordert wird, den „Kosakenruhm der Ukraine“ zu verteidigen und wiederzubeleben. Ins Russische wurde das Buch jedoch verfälscht übersetzt, weil die Idee der ukrainischen Selbstständigkeit in der Sowjetzeit negativ konnotiert war.M. Ivanyc’ka: Alterität und Übersetzung im ukrainisch-deutschen Kontext. In: S. Schahadat, S. Zbytovský (Hrsg.): Übersetzungslandschaften: Themen und Akteure der Literaturübersetzung in Ost- und Mitteleuropa. Transcript Verlag, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3302-3, S. 71 ff.
Unabhängigkeit In den späten 1980er Jahren und vor allem seit dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre war der Slogan bei Kundgebungen und Demonstrationen wieder zu hören, etwa vom Menschenrechtler Wjatscheslaw Tschornowil bei einer Demonstration in Kiew im Jahr 1989.S. Kvit: The Ideology of the Euromaidan. In: Social, Health, and Communication Studies Journal. Nr. 1, 2014, S. 27–40. Im Juni 1991 protestierten Tausende von Menschen gegen die Pläne von Präsident Leonid Krawtschuk, einen Vertrag mit Moskau über die Mitgliedschaft in der Union Souveräner Staaten zu unterzeichnen. Die Demonstranten forderten Freiheit und Unabhängigkeit für eine demokratische Ukraine und riefen dabei „Ruhm der Ukraine“ und „Schande Krawtschuk“.Marchers in Kiev say „no“ to union treaty. In: The Ukrainian Weekly. 30. Juni 1991.
Im Kontext der Orangen Revolution war die Losung üblich. Als Reaktion auf die Fälschung der Präsidentschaftswahl 2004, die Wiktor Janukowytsch, Schützling des vormaligen Präsidenten Leonid Kutschma, an die Macht brachte, kam es zu tagelangen Demonstrationen. Der damalige Oppositionspolitiker Wiktor Juschtschenko verabschiedete sich jeden Abend von den Demonstranten mit den Worten: „Ehre sei jedem Einzelnen von euch! Ehre sei der Ukraine! Ehre sei dem Herrn, unserem Gott!“.A. Fournier: Between Mob and Multitude: Youth Ambivalence Toward Mass Mobilization in a Ukrainian Protest Movement. In: Demokratizatsiya: The Journal of Post-Soviet Democratization. 26, Nr. 1, 2018, S. 55–82.
Gegenwart mini|Demonstranten vor einer Bühne mit der Aufschrift „Слава Україні“ während des Euromaidan in der Hauptstadt Kyjiw am 21. Februar 2014 mini|Die Kleinstadt Marjinka in der Oblast Donezk wurde im Juni 2015 von russischer Besatzung befreit, Aufschrift „Slawa Ukrajini“ Im gegenwärtigen Gebrauch ist Slawa Ukrajini fest mit der Euromaidan-Protestbewegung assoziiert. In der ersten Phase des Euromaidan waren ukrainische Staatssymbole und die Flagge der Europäischen Union von zentraler Bedeutung für das Selbstverständnis der Bewegung und zu Mobilisierungszwecken. In späteren Phasen der Proteste und insbesondere nach gewalttätigen Übergriffen der staatlichen Sicherheitskräfte auf Demonstranten zur Zeit der Präsidentschaft Janukowytschs und zu Beginn der russischen Militärintervention auf der Krim und im Südosten der Ukraine rückten kosakische Traditionen in den Vordergrund.W Jilge: Geschichtspolitik auf dem Majdan: Politische Emanzipation und nationale Selbstvergewisserung. In: Osteuropa 5–6/2014, S. 239–258. In diesem Kontext übernahm die Mehrheit der Euromaidan-Demonstranten den Spruch.V. Kulyk: Ukrainian Nationalism Since the Outbreak of Euromaidan. In: Ab Imperio. 3/2014, 94–122. doi:10.1353/imp.2014.0064. Seit Anfang Januar 2014 wurde die Maidan-Bühne mit einem großen blauen Banner dekoriert, auf dem in Gelb stand „Slawa Ukrajini“. Der Ausdruck nahm im Laufe des Euromaidans eine neue Bedeutung an, frei von nationalistischen Konnotationen.Y. Shveda, J. Ho Park: Ukraine’s revolution of dignity: The dynamics of Euromaidan. In: Journal of Eurasian Studies. 7, Nr. 1, 2016, S. 85–91. doi:10.1016/j.euras.2015.10.007.I. Gerasimov: Ukraine 2014: The First Postcolonial Revolution. Introduction to the Forum. In: Ab Imperio. 3/2014, S. 22–44. doi:10.1353/imp.2014.0072.A. Portnov, T. Portnova: The Ukrainian „Eurorevolution“: Dynamics and Meaning. In: V. Stepanenko, Y. Pylynskyi (Hrsg.): Ukraine after the Euromaidan: Challenges and Hopes. Peter Lang, Bern 2015, ISBN 978-3-0343-1626-2, S. 65: "As far as the slogan „Glory to Ukraine“ is concerned, it shifted in meaning; on the Maidan it came to be a non-party slogan in support of the European revolution. And the mythology of Europe as a space of rule of law, social justice, freedom of movement and expression could be compared with the positive images of Europe in the new EU member states before the accession." Rituale wie das Singen der ukrainischen Nationalhymne, Schwenken der Fahne sowie der Ruf „Slawa Ukrajini“ trugen zu einer Konsolidierung der ukrainischen Gesellschaft bei und stärkten die patriotische Stimmung.D. Orlova: EuroMaidan: Mediated Protests, Rituals and Nation-in-the-Making. In: B. Mitu, S. Poulakidakos: Media Events: A Critical Contemporary Approach. Palgrave Macmillan, New York 2016, ISBN 978-1-349-84733-4, S. 212. Die Grußform wird in verschiedenen Situationen genutzt und symbolisiert je nach Kontext die Hoffnung auf eine demokratische und westlich orientierte Ukraine,S. Yekelchyk: The Conflict in Ukraine. Oxford University Press, New York 2015, ISBN 978-0-19-023727-1, S. 106. auf Freiheit aller UkrainerG. Kasianov: How a War for the Past Becomes a War in the Present. In: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History. 16, Nr. 1, 2015, S. 149–155. doi:10.1353/kri.2015.0000. und Einheit.
Auch der Zusatz „Ruhm den Helden“ wurde inhaltlich neu besetzt. Seit dem Euromaidan sind damit die Maidan-Aktivisten und vor allem die Menschen gemeint, die am 22. Januar und im Februar 2014 bei Protesten gegen die Janukowytsch-Regierung ums Leben kamen. In der Ukraine sind sie als „Himmlische Hundert“ bekannt und werden als gefallene Helden des Maidans gefeiert.G. Kasianov: History, Politics and Memory (Ukraine 1990s – 2000s). In: M. Pakier, J. Wawrzyniak (Hrsg.): Memory and Change in Europe: Eastern Perspectives. Berghahn, New York 2015, ISBN 978-1-78238-929-3, S. 193–211. Als Frauen dabei halfen, die Barrikaden in der Nacht zu verteidigen, wurde der Slogan entsprechend mit der weiblichen Form abgeändert, sodass die Demonstranten riefen: „Ruhm den Heldinnen, den Heldinnen Ruhm“.E. S. Channell-Justice: „We’re Not Just Sandwiches“: Europe, Nation, and Feminist (Im)Possibilities on Ukraine’s Maidan. In: Signs. 42, Nr. 2, 2017, S. 717–741. doi:10.1086/689639. Dennoch wird aus feministischer Perspektive die Verwendung des generischen Maskulinums „Helden“ kritisiert. Frauen und ihre Beteiligung am Euromaidan würden so ungenügend sichtbar gemacht.T. Martsenyuk: Gender Issues in Ukraine: Were the EuroMaidan Protests Patriarchal or Egalitarian? Heinrich-Böll-Stiftung, 2015, S. 73–81.