Scepter und Hammer gehört zum Frühwerk Karl Mays und ist der erste Teil eines Doppelromans (Scepter und Hammer / Die Juweleninsel), der 1879/80 im 4. Jahrgang der Zeitschrift Für alle Welt! erstmals veröffentlicht wurde.

Inhalt Scepter und Hammer spielt in den fiktiven Staaten Norland und Süderland, hinter denen sich der Norddeutsche und der Süddeutsche Bund der Reichsgründung 1871 verbergen. Die Süderländer, regiert von einem Despoten namens Max Joseph, planen die protestantischen, freiheitsliebenden und liberalen Norländer durch eine Invasion zu überrumpeln; diese Intrigen werden aber durch Max Brandauer, den Sohn des norländischen Hofschmieds, zunichtegemacht. Im Lauf der Romanhandlung stellt sich dann heraus, dass er in Wirklichkeit kein Handwerkerskind, sondern der geraubte und vertauschte Thronfolger von Norland ist.

In die spannende und abwechslungsreiche Handlung ist eine längere exotische Episode eingeflochten, die davon erzählt, wie der aus Norland geflohene Zigeuner Katombo es in Ägypten bis zum Nurwan-Pascha, dem Großadmiral des Sultans, bringt. Am Ende gelingt es, die süderländische Invasion mit tatkräftiger Hilfe des Nurwan-Pascha alias Katombo und des jungen Arthur von Sternburg zum Scheitern zu bringen. Brandauer wird als Kronprinz von Norland anerkannt und durch seine Hochzeit mit Prinzessin Asta von Süderland der Friede zwischen den beiden ungleichen Staatsgebilden gesichert.Christoph F. Lorenz: Von der Juweleninsel zum Mount Winnetou ..., 2003, S. 211 f.

Gliederung Kapitel. Die Zigeunerin (online) Kapitel. Belauscht (online) Kapitel. Die Brüder Jesu (online) Kapitel. Im Hause der Irren (online) Kapitel. An der Grenze (online) Kapitel. Der Beginn des Kampfes (online) Kapitel. Schachzüge (online) Kapitel. Almah (online) Kapitel. Der tolle Prinz (online) Kapitel. Vor Jahren (online) Kapitel. Paroli (online) Kapitel. Ein Rückblick (online) Kapitel. Vom Reis zum Kapudan Pascha (online) Kapitel. Der schwarze Kapitän (online) Kapitel. Am Vorabend (online) Kapitel. Kampf und Sieg (online)

Erklärung des Titels Die Zigeunerin Zarba zu Max Brandauer: „Du wirst nicht glauben, was Dir Zarba sagt, und dennoch wird es sich erfüllen. Deine Hand ist stark, den Hammer zu schwingen; sie bedarf dieser Stärke, um später das Scepter zu halten. Scepter und Hammer wird die Losung Deines Lebens sein. Du wirst Liebe säen und Feindschaft ernten; aber Deine Faust wird wie ein Hammer auf die Häupter Deiner Feinde fallen und ihnen die Kronen entreißen, die sie Dir zu rauben trachteten.“Reprint (Onlinefassung), S. 3.

Textgeschichte Karl Mays erstes großes Romanwerk wurde zwischen August 1879 und August 1880 (Scepter) sowie Mitte August 1880 und April/Mai 1882 (Juweleninsel) in der Stuttgarter Zeitschrift All-Deutschland! publiziert. Es handelte sich um den 4. Jahrgang (1880) und den folgenden 5. Jahrgang (1881); ab diesem Jahrgang trug die Zeitschrift den Namen Für alle Welt!, der schon vorher für eine Parallelausgabe verwendet worden war. Die Entstehung von Scepter und Hammer wurde von Roland Schmid auf den Zeitraum zwischen Mai 1879 und Mai 1880 datiert. Die Juweleninsel wurde nach Schmid im Juni/Juli 1880 begonnen; Hermann Wiedenroth ging von einer Entstehung ab Ende Juli/Anfang August 1880 aus.

Buchausgaben Dieser Roman (und auch der Nachfolgeroman Die Juweleninsel) wurde zu Mays Lebzeiten nicht wieder veröffentlicht. Auch während Karl Mays Prozessen wurde dieser Doppelroman nie erwähnt.

Eine stark bearbeitete Version des Textes ist seit 1926 in Band 45 der Gesammelten Werke, Zepter und Hammer, zu finden.

Aktuelle Ausgaben finden sich in der Datenbank des Freundeskreises Karl May Leipzig e. V.

Zur politischen Entwicklung in Deutschland Der Roman spiegelt eindrucksvoll die damaligen politischen Verhältnisse in Deutschland wider im Ringen um die Ablösung des Absolutismus zugunsten einer konstitutionellen Monarchie im Spannungsverhältnis zwischen den deutschen Bundesstaaten im Norden und im Süden des Landes.

Die Darstellung im Roman Eine menschlich abstoßende Personifizierung des Absolutismus ist der Sohn des süderländischen Königs, Prinz Hugo von Süderland, bekannt auch als der „tolle Prinz“. Hugo ist nicht nur der Verführer von Emma Vollmer, der Verlobten des Literaten Karl Goldschmidt, sondern auch ein skrupelloser Verbrecher, der sich unter anderem des versuchten Totschlags, der sexuellen Nötigung und der Freiheitsberaubung schuldig macht. An verschiedenen Stellen des Romans wird deutlich, dass Prinz Hugo seine Untaten durch seine absolut verstandene Machtposition als Mitglied der königlichen Familie für gerechtfertigt hält: „Ich bin der Prinz von Süderland!“ Das einzige Mitglied der königlichen Familie von Süderland, das positiv gezeichnet wird, ist Prinzessin Asta, die sich am Schluss von Scepter und Hammer mit dem wieder aufgefundenen Kronprinzen Max von Norland, vormals Max Brandauer, verlobt.

Das absolutistische Regierungsmodell Süderlands wird durch eine „gute“ Revolution gebrochen. May stellt klar, dass es sich hierbei nicht um einen Putsch der „Elite“ handelt, sondern um eine klassenübergreifende Volksbewegung. König Max Joseph bleibt zwar auf seinem Thron, aber der Absolutismus wird durch eine konstitutionelle Monarchie abgelöst, in der der König an vom Volk legitimiertes Recht gebunden ist. May setzt sich hier kritisch mit dem Absolutismus auseinander. Mit Karl Goldschmidt wirkt ein literarisches Alter Ego Karl Mays als Revolutionsführer maßgeblich an der Veränderung der Regierungsform in Süderland mit.

Deutlich komplexer sind die in Scepter und Hammer weit ausführlicher beschriebenen Verhältnisse in Norland. Der Monarch wird einführend so charakterisiert:

Wilhelm der Zweite, König von Norland, ist ein Herrscher von so wohlmeinenden Gesinnungen, wie sie in solchem Umfange wohl keiner seiner Vorfahren aufzuweisen hatte. Leider läßt die Güte seines Herzens nicht Raum genug für die strenge Energie, welche ein Mann besitzen muß, in dessen Hände die größten und schwierigsten Aufgaben staatlicher Entwickelung gelegt sind. Die Güte, welche den Einen beglückt, scheint den Andern zu benachtheiligen, kränkt ihn vielleicht wirklich in seinem Rechte, und so kommt es, daß ein Theil der Bevölkerung den väterlichen Herrscher vergöttert, während der andere Theil in stillem, verborgenem Mißmuthe sich nach Veränderungen sehnt, die nur die Selbstsucht, der kurzsichtige persönliche Egoismus herbeiwünschen kann.Reprint (Onlinefassung), S. 83.

Wilhelm wird dem Leser somit als gütiger, integrer Mensch und gutwilliger Regent vorgestellt, der auch durch seine außerordentliche Liebhaberei ... für die Schmiedekunst, der er beim Hofschmied Brandauer im lederne(n) Schurzfell frönt,Reprint (Onlinefassung), S. 65. volkstümlich-sympathisch wirkt. Deutlich klingt aber schon an dieser Stelle die Kritik an einem Monarchen an, der seine Funktion nicht ausfüllt und die Macht zu Gunsten des Ministerpräsidenten, des Herzogs von Raumburg, aus der Hand gegeben hat, der sich den eigentlichen Herrscher des Landes (nennt) und

es ganz vortrefflich verstanden (hat), die Fäden der Administration in seiner Hand zu vereinigen, die Militärmacht sich zu unterstellen und auch auf die diplomatischen Beziehungen zu dem Auslande den weitgehendsten Einfluß zu gewinnen.

Wir haben es bei Wilhelm II. zwar mit einem guten Menschen, aber nicht mit einem fähigen Regenten zu tun, wie in paradoxer Formulierung der loyale General von Sternburg feststellt: „Der König von Norland ist ein guter Herrscher, aber er hat sein Scepter aus der Hand gegeben, denn der eigentliche Regent ist jener böse Herzog von Raumburg ...“Reprint (Onlinefassung), S. 403.

Die Bilanz der Regentschaft des Königs von Norland – des nach Mays Weltbild für die Wohlfahrt des Volkes politisch Verantwortlichen – ist eindeutig negativ; er wird deshalb von breiten Kreisen seines Volkes nicht mehr geschätzt. Ein an den Putschvorbereitungen beteiligter norländischer Oberst beschreibt dies im Gespräch mit dem Jesuitenpater Valerius alias Alois Penetrier wie folgt:

„Und die Bevölkerung Ihres Kreises?“ „Ist mit der jetzigen Regierung höchst unzufrieden. Wir befinden uns hier im bevölkertsten Fabrikdistrikte des Landes; Handel und Gewerbe stocken nicht blos, sondern liegen ganz und vollständig darnieder; der Arbeiter hungert mit seiner Familie; die Sozialdemokratie erhebt ihr Haupt und heult um Rache und Hülfe überall, am kleinsten Orte tagen Meetings und Versammlungen, in denen der Kreuzzug gegen die Aristokratie, gegen die besitzenden Klassen gepredigt wird. Was wollen Sie? Ich höre schon den muthigen Schritt der Arbeiterbataillone, welcher alles Widerstrebende zertreten und zermalmen wird. Die Schaaren der Turner, die Vereine der Bürgergarden, sie bedürfen nur der brauchbaren Waffe, um nach der Residenz geführt zu werden. Das hiesige Zeughaus birgt viele tausend Gewehre: ich lasse sie vertheilen und stelle mich an die Spitze der Bewegung; der Teufel soll mich holen, wenn dieses Beispiel nicht sofort im ganzen Lande Nacheiferung findet!“Reprint (Onlinefassung), S. 33.

Obwohl der Ministerpräsident und Generalissimus Herzog von Raumburg der wahre Herrscher ist, wird die politische Verantwortung des untätigen Königs für die Verhältnisse im Land deutlich. Grund der Unzufriedenheit der Bevölkerung ist vor allem eine Wirtschaftskrise, die Arbeiter und Bürger betrifft und in der sich die in Deutschland von 1873 bis 1879 andauernde Rezession der „Gründerkrise“ widerspiegelt. Es gibt somit auch in Norland objektive Missstände. Der Oberst setzt deshalb auf eine Unterstützung der geplanten Revolution auch durch die Basis des Militärs und breite Kreise der Bevölkerung. Das von May für Norland gezeichnete Revolutionsszenario geht – trotz grundlegender Unterschiede zum südländischen Volksaufstand – weit über einen nur von wenigen Mitgliedern der „Elite“ getragenen Putsch hinaus.

So ist es konsequent, dass selbst der Superheld von Scepter und Hammer, der verkappte Kronprinz Max Brandauer, König Wilhelm II. offen kritisiert. Die Schwäche des Königs ermöglicht seinen Gegnern die Vorbereitung eines breit projektierten Staatsstreichs, der nur mit erheblichem Aufwand unterbunden werden kann. Erfasst sind die politische und militärische Elite Norlands, wie der Kriegsminister, die Admiralität, Repräsentanten beider Kirchen bis hin zum OberhofpredigerAuch die evangelische Konfession wird in Scepter und Hammer von May nicht geschont. Der evangelische Oberhofprediger von Norland ist, sozusagen „Arm in Arm“ mit den Jesuiten, auch „unter den Hochverräthern“ und spielt sogar eine Schlüsselrolle in der Rebellion gegen den „guten“ König Wilhelm II.: „In der Bibliothek des Hofpredigers, wo man so etwas am wenigsten sucht, liegen die nöthigen Proklamationen und Flugblätter in vielen tausend Exemplaren ...“ (Zitiert bei Hartmut Wörner: Gott, König und Vaterland ..., 2015, S. 154.) sowie die Armee. Der Spiritus Rector des Aufstands, der Herzog von Raumburg, geht sogar davon aus, dass „die ganze zivile Bevölkerung ... gewonnen“ sei, was sich allerdings dann doch als zu optimistisch erweist. Sogar das Nachbarland Süderland ist in die Pläne einbezogen und soll militärisch eingreifen.