Der Remmo-Clan (auch Rammo-Clan, Arabisch: بيت رمّو) ist ein vor allem in Deutschland aktives kriminelles Netzwerk, das von Angehörigen einer arabischstämmigen Großfamilie gebildet und mit schweren Straftaten in Verbindung gebracht wird. Es ist eines der bekanntesten Beispiele der Clan-Kriminalität.
Herkunft und Clanstruktur Die zur arabischen Volksgruppe der Mhallami zählende Großfamilie Remmo stammt ursprünglich aus der Provinz Mardin im Südosten der heutigen Türkei (Südostanatolien), nahe der Grenze zu Syrien. Von dort wanderten die Mhallami ab den 1930er Jahren aus wirtschaftlichen GründenRalph_Ghadban: Die Libanon-Flüchtlinge in Berlin. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2000, ISBN 3-86093-293-4, S. 54 (PDF; 2,4 MB). zunächst in den Libanon aus, wo sie jedoch als Staatenlose nur geduldet waren und am untersten Rand der Gesellschaft lebten. Während des Libanesischen Bürgerkrieges migrierten Teile der Familie in den 1980er Jahren über die DDR nach West-Berlin.Oliver Hollenstein, Yassin Musharbash, Holger Stark, Tobias Timm, Fritz Zimmermann: Familienbande. In: Die Zeit, Nr. 28/2018.
Die Großfamilie setzt sich aus 13 Einzelfamilien mit rund 500 bis 1000 Angehörigen zusammen (Stand: 2020). Wegen der Verbreitung des Namens im arabischen Raum lässt sich nicht automatisch auf eine Clanzugehörigkeit von Namensträgern schließen.Heinrich Freckmann, Jürgen Kalmbach: (Ergebnis einer Untersuchung vom 08.–18. März 2001 in Beirut, Mardin und Ankara). Hannover / Hildesheim, 2001, S. 3–4, dort in der Schreibweise „Rammo“
Mitglieder der Gruppe lassen sich teilweise der Clan-Kriminalität zurechnen.Klaus Wolschner: „Ich will in Frieden leben.“. In: Die Tageszeitung, Bremen, 26. Juli 2018, Interview mit Houssam Remmo u. a. über seinen Austritt aus der SPD.Julia Huber: Bushido und die Berliner Clans. Süddeutsche.de, 27. September 2018. Behörden bringen den kriminellen Teil der Familie mit Delikten wie schweren Gewalt- bzw. Körperverletzungsdelikten, Schutzgelderpressung, Raub, Drogenhandel, Geldwäsche, Hehlerei, Diebstahl, illegalem Waffenbesitz und illegalem Waffenhandel sowie Mord in Verbindung.Michael Verfürden: Wie die Polizei einem kriminellen Clan auf die Schliche kam. In: Handelsblatt, 20. Juli 2018.Katja Demirci, Sebastian Leber, Hannes Heine, Werner van Bebber: Der Staat greift nach dem Geld von Berlins kriminellstem Clan. In: Der Tagesspiegel, 20. Juli 2018. Im Jahr 2017 rechnete ein Staatsanwalt dem Clan über 1000 Straftaten zu – vor allem Einbrüche und Diebstähle – mit einer Schadenssumme von über 28 Millionen Euro.
Aufsehenerregende Straftaten Mord im Jahr 1992 Zwei Familienmitglieder erschossen im Jahr 1992 in Schöneberg einen Gastronomen aus dem früheren Jugoslawien.Michael Behrendt: Die arabische Gefahr. Wie kriminelle Familienclans unsere Sicherheit bedrohen. Bastei Lübbe, Köln 2019, ISBN 978-3-7857-2661-7, S. 18: „1992 geriet der Name Remmo in die Schlagzeilen, als zwei Clan-Mitglieder im Stadtteil Schöneberg einen Gastronomen aus dem ehemaligen Jugoslawien erschossen.“ Einen anderen Mann verletzten sie schwer. Daraufhin durchsuchten Beamte eine Wohnung und fanden Heroin und libanesische Blanko-Geburtsurkunden.Hannes Heine, Sebastian Leber: Großfamilie R. – die Berliner Blutsbande. In: Der Tagesspiegel, 15. August 2018.
Tödlicher Verkehrsunfall mit Fahrerflucht im Jahr 2008 Im Oktober 2008 überfuhr ein damals als Intensivtäter geltender 19-jähriger Clan-Angehöriger am Potsdamer Platz bei Verstoß gegen mehrere Verkehrsregeln einen Passanten, verletzte ihn tödlich und beging anschließend Fahrerflucht.Tanja Buntrock: Rekonstruktion einer Todesfahrt. In: Der Tagesspiegel, 4. Dezember 2008. Zwei Monate später brach er mit seinem Bruder in eine Drogerie ein. Bei der anschließenden Flucht vor der Polizei prallte das Duo mit einem nicht auf sie zugelassenen Pkw gegen einen Baum und kam dabei zu Tode.
Sparkasseneinbruch in Mariendorf im Jahr 2014 Im Oktober 2014 brach Toufic Remmo mit mehreren Komplizen in eine Sparkasse in Berlin-Mariendorf ein. Um etwaige Beweismittel zu beseitigen, setzten die Einbrecher die Filiale in Brand. Dadurch kam es zu einer Explosion, wobei sich das Clan-Mitglied verletzte, so dass seine DNA-Spuren am Tatort gesichert werden konnten. International per Haftbefehl gesucht, konnte der Mann im Januar 2015 in Rom festgenommen und nach Deutschland überstellt werden. Noch im selben Jahr wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt. Ab Dezember 2017 war er im offenen Vollzug. Sowohl die bei dem Einbruch beteiligten Komplizen als auch die gestohlenen Wertsachen im Wert von 9,16 Millionen Euro konnten (Stand: Oktober 2015) nicht ermittelt werden.Axel Spilcker: Rauschgifttaxis, Einbrüche, Mord: Wie ein Araber-Clan die Berliner Justiz in Atem hält. In: Focus Online, 27. September 2018.Kerstin Gehrke: Angeklagter verweigert Aussage zu Banküberfall. In: Der Tagesspiegel, 13. Oktober 2015.
Geldwäsche Nach Ermittlung des Landeskriminalamtes Berlin verfügt der Clan (Stand: 2018) über ein Netzwerk von Strohmännern in Beirut, Tripoli und Berlin, um auf professionelle Weise seine kriminellen Einkünfte in legale Geschäfte zu investieren.
Einbruchdiebstahl ins Bode-Museum im Jahr 2017 Wegen Einbruchs in das Bode-Museum wurde im Oktober 2018 von der Jugendkammer des Berliner Landgerichts Anklage gegen drei Clan-Mitglieder erhoben. Sie wurden angeklagt, am 27. März 2017 eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze (Big Maple Leaf) im Wert von 3,75 Millionen Euro gestohlen zu haben. Im Zuge des Ermittlungsverfahrens wurden Telefone der Verdächtigen überwacht sowie eine Durchsuchungsanordnung vollzogen, bei der u. a. scharfe Schusswaffen sichergestellt wurden. Als vierter Täter wurde ein Informant angeklagt, der als Museumsaufsicht eingesetzt war.Goldmünzen-Raub: Drei Remmo-Sprösslinge angeklagt. In: B.Z., 17. Oktober 2018. Die beiden Remmo-Brüder Wayci und Ahmed und deren Cousin Wissam waren bereits wegen verschiedener Delikte vorbelastet, unter anderem wegen Diebstahls, Hausfriedensbruchs und Betrugs. Im November 2019 – also während des laufenden Prozesses – wurde Wissam Remmo vom Amtsgericht Erlangen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten wegen des Diebstahls von Hydraulik-Scheren, wie sie von Kriminellen für das Aufbrechen von Geldtransportern oder ‑automaten verwendet werden, verurteilt.Clanmitglied zu Haftstrafe wegen Diebstahls verurteilt. Spiegel Online, 27. November 2019.
Am 20. Februar 2020 wurden Wissam und Ahmed Remmo vom Landgericht Berlin im Münzdiebstahl schuldig gesprochen und jeweils zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Der als damalige Museumsaufsicht im Besucherservice eingesetzte Denis W., der zusammen mit Ahmed Remmo in die Schule gegangen war, erhielt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten. Die Urteile erlangten im selben Jahr Rechtskraft. Ahmed Remmo ging in Revision und blieb damit zunächst auf freiem Fuß. Im Juli 2021 wies der Bundesgerichtshof die Revision ab; einen Monat später wurde Ahmed Remmo inhaftiert.
Das Gericht hat neben der Haftstrafe auch die Einziehung von insgesamt 3,4 Millionen Euro bei den Verurteilten angeordnet. Goldspuren und Goldspäne in Wohnungen, Fahrzeugen und an Kleidung der Täter waren wichtige Indizien bei der Überführung. Das Gericht geht von noch mindestens zwei weiteren Tätern aus; eine Tatbeteiligung von Wayci Remmo konnte nicht nachgewiesen werden.
Dresdner Juwelendiebstahl im Jahr 2019
Im Zuge von Ermittlungen zum Dresdner Juwelendiebstahl wurden bei einer Razzia mit über 1600 Polizisten im November 2020 drei Clanmitglieder festgenommen; die Zwillingsbrüder Abdul Majed und Mohamed Remmo wurden zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Sie sollen im November 2019 in das Grüne Gewölbe in Dresden eingebrochen sein und Kunstobjekte und 21 Schmuckstücke mit insgesamt 4300 Diamanten im Versicherungswert von mindestens 113,8 Millionen Euro gestohlen haben. Im Dezember 2020 und Mai 2021 wurden schließlich beide Zwillingsbrüder in Berlin gefasst. Im August 2021 wurde mit Ahmed Remmo der sechste Tatverdächtige festgenommen. Ahmed Remmo war bereits wegen des im März 2017 geschehenen Einbruchsdiebstahls ins Bode-Museum im Oktober 2018 angeklagt und im Jahr 2020 zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er ging jedoch in Revision und blieb damit auf freiem Fuß. Die eingereichte Revision wurde vom Bundesgerichtshof im Juli 2021 abgewiesen. Im September 2021 erhob die Staatsanwaltschaft Dresden Anklage gegen die sechs Tatverdächtigen. Die Behörde wirft den Angeklagten, die alle die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, schweren Bandendiebstahl, Brandstiftung und besonders schwere Brandstiftung vor. Gesichert wurden bei der Ermittlungsarbeit am Dresdner Residenzschloss DNA-Spuren, die sich vier Mitgliedern der Remmo-Familie zuordnen lassen.
Im Dezember 2022 übergaben Mitglieder der Familie Remmo den Großteil des aus dem Grünen Gewölbe gestohlenen Sachsenschatzes über ihre Anwälte an die Polizei Sachsen. Der Übergabe waren umfassende Verhandlungen mit den Anwälten der Angeklagten vorausgegangen. Jedoch sind Teile des zurückgegebenen Schatzes in deformiertem, zerkratztem, rostigem, zerbrochenem und unvollständigem Zustand übergeben worden. Den Gesamtschaden beziffert eine Sachverständige auf grob geschätzt etwa 22–25 Millionen Euro. Im Januar 2023 erklärten sich die Angeklagten Rabieh Remo sowie Wissam und Bashir Remmo bereit, ein umfassendes und überprüfbares Geständnis abzulegen. Im Gegenzug boten die Richter den genannten Angeklagten eine auf 5– Jahre begrenzte Freiheitsstrafe an. Ihre Geständnisse sowie Erklärungen zum Tathergang gaben sie noch im selben Monat ab. Im Mai 2023 wurden Wissam Remmo, Rabieh Remo, Bashir Remmo, Abdul Majed Remmo und Mohamed Remmo wegen des Dresdner Juwelendiebstahls (Diebstahls mit Waffen, besonders schwerer Brandstiftung und schwerer Körperverletzung) schuldig gesprochen und zu Freiheitsstrafen zwischen vier Jahren und vier Monaten sowie sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Ahmed Remmo wurde, weil er ein Alibi hatte, freigesprochen.
Der Freistaat Sachsen musste rund 3,8 Millionen Euro Prozesskosten für zwölf Pflichtverteidiger der sechs Angeklagten bezahlen. Darin sind rund 240.100 Euro für die Verteidigung der Remmos bei einem Schadenersatz-Prozess gegen den Clan enthalten.
Zwei der wegen des Diebstahls verurteilten Clan-Mitglieder traten ihren im August 2024 vorgesehenen Haftantritt im offenen Vollzug nicht an.
Straftaten zulasten der Nachbarschaft Nach mehreren Jahren Belästigung und über 200 von Nachbarn polizeilich gemeldeten Vorfällen wurde ein mehrfach vorbestraftes Clanmitglied im Januar 2021 wegen Sachbeschädigung und Nötigung zu einer Geldstrafe von 200 Tagessätzen à zehn Euro verurteilt.
Überfall auf Geldtransporter im Jahr 2021