mini|300px|Kreuzgang von San Gregorio Armeno
San Gregorio Armeno (Heiliger Gregor von Armenien) ist der Name einer Kirche mit dazugehörigem Kloster in Neapel. Die Kirche ist unter den Einheimischen auch als chiesa di Santa Patrizia bekannt.AA.VV.: Napoli e dintorni, Touring Club Italiano, Mailand 2007, S. 185 Es handelt sich um eines der ältesten, größten und bedeutendsten christlichen Bauwerke und eine der prächtigsten Barockkirchen Neapels, gelegen in der für ihre Weihnachtskrippen bekannten Via San Gregorio Armeno, zwischen dem decumano maggiore und dem decumano inferiore im historischen Stadtzentrum; sie gehört daher auch zum Weltkulturerbe der UNESCO.AA.VV.: Napoli e dintorni, Touring Club Italiano, Mailand 2007, S. 184
Geschichte
Ursprünge Laut einer ersten These wurde das ursprüngliche Bauwerk um 930 über einem antiken Ceres-Tempel errichtet, am gleichen Ort, wo nach einer Legende das Kloster der Flavia Julia Helena, Mutter Kaiser Konstantins, stand; die heilige Patrizia soll eine ihrer Nachfahren gewesen sein.Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, mit Fotografien von Luciano Pedicini, Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 2 Nach anderen Quellen, die insgesamt glaubwürdiger scheinen, geht die Errichtung des ersten Bauwerks auf das 8. Jahrhundert zurück, als sich in Neapel eine Gruppe von Basilianerinnen und Anhängerinnen der heiligen Patrizia niederließ, die nach deren Tod von Konstantinopel geflohen waren. Sie brachten auch Reliquien des Heiligen Gregorio Armeno (Patriarch von Armenien 257 bis 331) mit.
Im Jahr 1009, unter der normannischen Herrschaft, nahm das Kloster eine ganze Insula des antiken Stadtzentrums ein, nach der Vereinigung von vier Oratorien in der Umgebung; diese waren den Heiligen Sebastian, Gregor und Pantaleon, sowie San Salvatore geweiht.Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 13–33 In dieser Phase nahm der Orden die Regeln des heiligen Benedikt an.
Seit seiner Gründung wurde der Unterhalt des Klosters durch verschiedene Aktivitäten erreicht: unter anderem dank finanzieller Spenden von neapolitanischen Adelsfamilien; durch die Zahlung von monatlichen Gebühren für die Unterbringung und Erziehung ihrer Töchter im Internat des Klosters; durch die Vergabe von Pachtland aus dem Besitz des religiösen Instituts; oder durch Lebensmittel aus Grundstücken, die die Nonnen den Bauern anvertraut haben, die für den Anbau und die Verteilung der Ernte verantwortlich waren. Im Allgemeinen reichten jedoch bereits die Spenden der neapolitanischen Adelsfamilien aus, um die gewöhnlichen Ausgaben des Komplexes zu bewältigen, denn unter den Mädchen, die hier untergebracht waren, und auch unter den Nonnen gab es Frauen, die zu den Adelshäusern des Königreichs Neapel gehörten, darunter die Familien Pignatelli, Di Sangro, Minutolo und Caracciolo. Nur in schlechten Zeiten, während Epidemien (Cholera oder Pest) oder im Krieg, waren die Nonnen gezwungen, sich an den König von Sizilien zu wenden.
Am 3. März 1443 erhielt Ferdinand I. von Neapel hier seine Einsegnung als Thronfolger seines Vaters Alfonso V. d’Aragona, sowie den Titel eines Herzogs von Kalabrien.
Das neue Gebäude mini|hochkant=1.3|Inneres der Kirche
Nach dem Konzil von Trient 1566 wurde für die Nonnen die Klausur eingerichtet. Diese hatten bis dahin ein relativ mondänes Leben geführt, innerhalb des sozialen Gefüges der Stadt.
Ab 1572 wurde der gesamte Komplex umfassend renoviert, die Planung lag dabei in den Händen von Giovanni Francesco Mormando,Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 104–112 für die Ausführung waren Giovanni Vincenzo Della Monica und Giovan Battista Cavagna verantwortlich.
Alle bestehenden Gebäude wurden neu errichtet, insbesondere die Kirche, die aus dem Kloster hinaus verlegt wurde. Der Campanile wurde um zwei Stockwerke erhöht, oberhalb der Brücke, welche die Klostergebäude verbindet. Während der verschiedenen Phasen der Bauarbeiten mussten die Nonnen jedoch nie den religiösen Bereich verlassen, sie konnten jeweils in den Flügeln des Gebäudes bleiben, die nicht von den Arbeiten betroffen waren. Zwischen 1573 und 1574 vollendete Della Monica den größten Teil des Klausurbereichs, der im Vergleich zu vorher durch den Kauf neuer benachbarter Gebäude erweitert wurde. Auch die Zellen der Nonnen wurden erneuert, sowie Küche, Refektorium und Krankenstation.
Gleichzeitig zerstörte der Architekt auch die ursprüngliche Kirche, die kleiner war als die neue und sich fast in der Mitte des heutigen Kreuzgangs befand, und schuf das äußere Eingangsportal mit der großen offenen Treppe, beide aus Piperno. Zwischen 1576 und 1577 wurden die mit Majoliken gedeckte Kuppel der Kirche und der monumentale Kreuzgang fertiggestellt, dessen Bodenniveau im Vergleich zu vorher soweit erhöht wurde, dass die Cappella dell’Idra, die sich in der ursprünglichen Kirche auf Straßenniveau befand, nun wie eine in den Boden eingelassene Krypta wirkt.
mini|hochkant=0.8|links|Die Kassettendecke
1579 wurde der Marmorboden in der Kirche von Domenico Fontana geschaffen, und 1580 waren alle notwendigen baulichen Maßnahmen abgeschlossen, so dass das bereits ein Jahr zuvor geweihte Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und die Gläubigen aufnehmen konnte.
Zwischen 1580 und 1584 entstand die ganz außergewöhnliche Kassettendecke, die mit Gemälden des flämischen Malers Teodoro d’Errico und Schnitzereien verschiedener neapolitanischer Kunsthandwerker dekoriert ist. Zugleich wurden auch einige Seitenkapellen eröffnet: 1582 die Capella di San Giovanni Battista, 1584 die Capella del Crocifisso.Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 116 1589 erfolgte die letzte Zahlung an Della Monica, der vermutlich für die bis dahin abgeschlossenen Arbeiten verantwortlich war, während Cavagna erst in Dokumenten von etwa 1595 erwähnt wird, was darauf hinzudeuten scheint, dass er die Arbeiten vielleicht erst in einer zweiten Phase übernommen hat.
mini|Atrium und Eingangsportal der Kirche
1606 vollendete Cavagna die Außenfassade der Kirche und das Atrium mit dem Nonnenchor darüber; 1610 wird der Chor hinter der Apsis (auch capellone genannt) errichtet, das Gemälde des Hauptaltares malte Gabriele Quaranta 1612 im Auftrag von Ippolito Borghese. 1641 bis 1646 verlängerten Bartolomeo Picchiatti und sein Sohn Francesco Antonio einen Flügel des Klosters nach Westen, um die Zahl der für die Nonnen verfügbaren Schlafsäle zu erhöhen. Weitere Arbeiten wurden zwischen 1682 und 1685 von Dionisio Lazzari durchgeführt, der das neue Refektorium mit Blick auf den Kreuzgang baute. 1698 führte Lazzari selber außerdem die Balustraden einiger Seitenkapellen aus und schuf andere Elemente des Marmordekors in der Kirche, wie z. B. die Umrahmung zu Giovanni Bernardo Lamas Himmelfahrt (letztere von 1574).Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 182–191Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 198 Der Glockenturm der Kirche wurde im 17. Jahrhundert ebenfalls restauriert und erhielt dabei sein heutiges Aussehen.
Um 1745 gab es weitere bauliche Maßnahmen mit einer stilistischen Angleichung der Kirche an den Geschmack des Rokoko: diese Arbeiten wurden von Nicola Tagliacozzi Canale geleitet und durchgeführt, der Schnitzereien an der Decke des Kirchenschiffes und die Gitter des Nonnenchores schuf, außerdem Stuckdekor und Vergoldungen, und die Tore und Geländer der Kapellen aus Messing. 1759 wurde auf Wunsch der Nonnen der so genannte „Winterchor“ im zweiten Stock der Eingangshalle erbaut – an einem Ort, der für die Nonnen nachts oder im Winter zum Rezitieren von Gebeten leichter zu erreichen war.Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 210
Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wurden die Beschränkungen für die Führung des Klosters noch strenger, was Einschränkungen bei der Dekoration der Räumlichkeiten, beim Essen, bei der Aufnahme von Gästen und in anderen Aspekten mit sich brachte.
19. und 20. Jahrhundert links|mini|Fünfte Kapelle rechts: Reliquienschrein aus Gold und Silber mit den Überresten der heiligen Patrizia
Unter der napoleonischen Herrschaft des Joachim Murat zu Beginn des 19. Jahrhunderts sollte das Kloster wie viele andere zunächst aufgelassen werden. Laut einem 1808 erlassenen Dekret durfte es jedoch als eines der wenigen Benediktinerklöster weiter existieren.Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 34–45 In dieser Phase wurden in die Kirche verschiedene Reliquien gebracht, die bis dahin in anderen, mittlerweile aufgehobenen, Klöstern aufbewahrt worden waren, wie beispielsweise in Santi Marcellino e Festo oder in Santa Maria Donnaromita; Reliquien des heiligen Johannes des Täufers waren bereits 1577 aus der Kirche Sant’Arcangelo a Baiano hierher überführt worden.Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 237–249
1864, nach der Vereinigung Italiens, wurden auch die Überreste der heiligen Patrizia aus der Kirche Santi Nicandro e Marciano hierher gebracht. Von da an gab es in San Gregorio Armeno einen ähnlichen Ritus der Verflüssigung des Blutes (Blutwunder), wie dasjenige des San Gennaro in der Cappella del Tesoro di San Gennaro im Dom von Neapel, weshalb die Kirche auch unter dem Namen der Heiligen Patrizia bekannt ist.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Situation des Klosters immer schwieriger, die Zahl der Nonnen sank, sie wurden immer ärmer und mussten beim König von Italien um Hilfe beten. Um einer völligen Einverleibung durch den Staat zu entgehen, der bereits plante, Teile des Klosters zu öffentlichen Bibliotheken, Museen und Schulen umzufunktionieren,Nicola Spinosa, Aldo Pinto & Adriana Valerio: San Gregorio Armeno: storia, architettura, arte e tradizioni, … Neapel, Fridericiana Editrice Universitaria, 2013, S. 46–50 stimmte die letzte Äbtissin Giulia Caravita aus dem Fürstengeschlecht der Sirignano zu, dass ein neuer Orden in das Kloster einziehen durfte: die Suore crocifisse adoratrici dell’Eucaristia (C.A.E). Diese zogen am 4. Dezember 1922 ein, als nur noch eine einzige Benediktinerin namens Maria Peluso übrig geblieben war. In den 1950er Jahren wurde im Kloster die Casa di educazione e istruzione per fanciulle orfane e bisognose di assistenza („Heim für Erziehung und Lehre von Waisenmädchen und Bedürftigen“) eingerichtet.
Kloster Eingang des Klosters Eingangsportal nach der monumentalen Treppe Großer Kreuzgang (Chiostro) monumentaler Brunnen (Fontana) Saal der Äbtissin Nonnenchor (im ersten Stock des Atriums) Winterchor (Coro d’inverno; im zweiten Stock des Atriums) Kirche (chiesa) Chor der Apsis (oder cappellone) Korridor der Nonnen Vestibül und Kapelle der Krippe (cappella del Presepe) Reliquienkapelle (Cappella delle reliquie) kleiner Kreuzgang (Chiostrino) Apotheke Refektorium der Mädchen Zisterne Anonyme Kapelle (Cappella anonima) Kapelle der Madonna dell’Idra Refektorium der Nonnen Küchen Glockenturm (Campanile) rechts|650x650px|Plan des Klosters
mini|hochkant=1.2|Brunnen mit Christus und der Samariterin im Kreuzgang