Sopilka () ist eine in der Ukraine gespielte Kernspaltflöte mit traditionell sechs bis acht und in einer modernen, chromatischen Version zehn Fingerlöchern. Die landesweit in Volksmusikensembles verwendete sopilka wurde ursprünglich von Hirten gespielt; sie ist mit der denziwka im Westen der Ukraine, der dudka in Belarus und der sopel in Russland verwandt. Sopilka bezeichnet darüber hinaus allgemein ukrainische Flöten, zu denen auch kurze mundstücklose Längsflöten gehören, die unter verschiedenen regionalen Namen bekannt sind.

Herkunft und Verbreitung mini|Ukrainische dwodenziwka, eine Doppelflöte Die ältesten Flötenfunde sind Knochenflöten, die im europäischen Raum offenbar mehrheitlich über einen Kernspalt angeblasen wurden, während in Asien und auf dem amerikanischen Kontinent über das obere Ende geblasene Kerbflöten vorherrschten.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 555 Als Melodieinstrument dürfte entwicklungsgeschichtlich die Panflöte der Flöte mit Fingerlöchern vorausgegangen sein, da Fingerlochflöten mit einer Spielröhre bei gleichen melodischen Möglichkeiten eine Materialersparnis und damit Weiterentwicklung gegenüber mehreren, nur einen Ton produzierenden Pfeifen (Eintonflöten) darstellen.Klaus P. Wachsmann: Die primitivem Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 13–49, hier S. 42

Für Sibirien sind mit Gravuren verzierte Vogelröhrenknochen aus der Jungsteinzeit, die vermutlich zu einer Panflöte gehörten, im Gebiet des Baikalsees nachgewiesen. Sie stammen aus Grabbeigaben der dortigen Kitoi-Kultur (2500–1500 v. Chr.). Es gibt vergleichbare Funde aus anderen ur- und frühgeschichtlichen Grabstätten. Besonders ähnlich sind die sieben bis acht Vogelröhrenknochen einer Panflöte aus einem neolithischen Gräberfeld bei Mariupol in der Ukraine.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo: Mittelasien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 9) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1987, S. 44 Sie gehörte zu einer Jäger- und Fischer-Gesellschaft des ausgehenden 3. Jahrtausends v. Chr.Albrecht Schneider: Archaeology of Music in Europe. In: Timothy Rice, James Porter, Chris Goertzen (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Band 8: Europe. Routledge, New York / London 2000, S. 34–45, hier S. 41 Mit zehn Zentimetern Länge klang sie – wie für die Jungsteinzeit üblich – extrem hoch und produzierte möglicherweise Töne der fünf- und sechsgestrichenen Oktave.Beate-Maria Pomberger, Nadezhda Kotova, Peter Stadler: Flutes of the first European farmers. (PDF; 1,1 MB) In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien, Serie A, Band 120, 2018, S. 453–470, hier S. 467

Kernspaltflöten sind aus Glaskowo im Baikalgebiet und anderen Siedlungen neolithischer Jäger- und Fischer im nördlichen Asien bekannt. Im südlichen Zentralasien sind seit der Mitte des 1. Jahrtausends Terrakottastatuetten mit Längsflöten spielenden Musikerinnen überliefert.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo, 1987, S. 96 Flöten in dieser Region sind unter dem Namen tulak oder ähnlich verbreitet. Von der frühmittelalterlichen, über Osteuropa verbreiteten Kultur der Awaren blieben aus Schienbeinknochen von Kranichen gefertigte Doppelflöten mit fünf Fingerlöchern erhalten, die als Beleg für eine möglicherweise pentatonische Musik herangezogen werden.Samuel Szádeczky-Kardoss: The Avars. In: Denis Sinor (Hrsg.): The Cambridge History of Early Inner Asia. (PDF) Cambridge University Press, Cambridge 2008, S. 206–228, hier S. 228 Eine gedoppelte Schnabelflöte in der heutigen Ukraine, die aus zwei parallelen, in ein Holzstück gebohrten Spielröhren besteht, ist die dwodenziwka. Sie ähnelt der slowakischen Doppelflöte dvojačka. Die Flöte besitzt entweder zwei Melodieröhren mit vier Fingerlöchern rechts und drei Fingerlöchern links oder eine Melodieröhre mit fünf Fingerlöchern und daneben eine Bordunröhre ohne Fingerlöcher.Dvodentsivka. In: Grove Music Online, 25. Mai 2016

mini|hochkant|Querflötenspieler. Ausschnitt aus einem Wandbild mit Musikern und Akrobaten in der Sophienkathedrale in Kiew, 11. Jahrhundert. Aus archäologischen Funden sind keine Querflöten in Europa bekannt. Mutmaßlich von Indien kommend tauchen Querflöten erst im 10. Jahrhundert auf illuminierten Handschriften im Byzantinischen Reich auf, von wo sie anschließend nach Europa gelangten.Jeremy Montagu, Howard Mayer Brown, Jaap Frank, Ardal Powell: Flute. I. General. 2. Classification and distribution. In: Grove Music Online, 2001 Ein bedeutendes frühes Zeugnis für die Existenz der Querflöte ist ein Wandbild in der Sophienkathedrale von Kiew aus dem 11. Jahrhundert, auf dem Akrobaten zu sehen sind, die außerdem Trompeten oder Schalmeien, Lauten, Psalterium und Zymbal spielen.Roger Blench: The worldwide distribution of the transverse flute. (PDF; 2,2 MB) Draft, 15. Oktober 2009, S. 4

Der in der europäischen Volksmusik verbreitetste Flötentyp umfasst einfache, aus weichen Zweigen (Haselnuss, Holunder, Weide) oder härteren Holzarten gefertigte Längsflöten, die auch Hirtenflöten genannt werden und sechs Fingerlöcher besitzen.Andreas Michel, Oskár Elschek: Instrumentarium der Volksmusik. In: Doris Stockmann (Hrsg.): Volks- und Popularmusik in Europa. (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 12) Laaber, Laaber 1992, S. 316 Zu diesem Typ gehören in Osteuropa die randgeblasene fluier in Rumänien, die ähnliche kaval in Bulgarien sowie die Kernspaltflöten furulya in Ungarn und fulyrka in den südpolnischen Karpaten. Eine in den ukrainischen Karpaten gespielte, beidseitig offene Endkantenflöte ist die floyara. Die etwa 60 Zentimeter lange floyara ist eine einfache Schäferflöte mit sechs Fingerlöchern, die in zwei Dreiergruppen angeordnet sind.

Eine Art Zwitter zwischen Endkantenflöten und Kernspaltflöten stellt die seltene Gruppe der Zungenspaltflöten (englisch tongue duct flute) dar, die eine Schneidenkante besitzen, aber keinen Blockflötenkopf, sondern ein offenes Ende, in das die Zunge hineingesteckt wird, um die Öffnung zu einem Windkanal zu verengen.Anblasvorrichtung der Zungenspaltflöte (Slowakei). Abbildung in: Oskár Elschek: Typologische Arbeitsverfahren bei Volksmusikinstrumenten. In: Studia instrumentorum musicae popularis I, Stockholm 1969, S. 23–40 Dieser Flötentyp kommt bei finno-ugrischen Völkern vor (in Finnland etwa als mäntihuilu), ebenso im ostslawischen Sprachraum: in der Ukraine mit fünf bis sechs Fingerlöchern unter dem Namen dudka.Ernst Emsheimer: Tongue Duct Flutes Corrections of an Error. In: The Galpin Society Journal, Band 34, März 1981, S. 98–105, hier S. 100f Das Wort dudka (von Russisch dut, „blasen“, verwandt mit dudy und duda für Sackpfeifen) bezeichnet darüber hinaus allgemein Kernspaltflöten in Belarus, Russland und der Ukraine. Zu den regionalen Namen dieser Kernspaltflöten gehören in Belarus pasvistsyol, svistsyol, sipovka und sapyolka, in Russland svirer, pizhatka, sipovka und sopel sowie sopilka in der Ukraine.Inna D. Nazina, Ihor Macijewski: Dudka. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 2, Oxford University Press, Oxford / New York 2014, S. 100

Mit der sopilka namensverwandt ist die in Nordmazedonien und Nachbarländern gespielte schupelka (шупелка, šupelka), eine an beiden Enden offene Hirtenflöte mit sechs Fingerlöchern.Radmila Petrović: Šupelka. In: Grove Music Online, 31. Januar 2014 Die Bezeichnungen für Blasinstrumente, zu denen auch sopila (Plural sopile) für eine auf der kroatischen Insel Krk gespielte Kegeloboe gehört, gehen auf den slawischen Wortstamm *sop, „blasen“, zurück.

Bauform und Spielweise mini|hochkant|Zwei Größen der ähnlichen rumänischen Hirtenflöte fluier. In der älteren Form besitzt die sopilka eine 30 bis 40 Zentimeter lange, zylindrische Spielröhre aus weichem Weidenholz, Haselnussholz oder Holunder mit sechs Fingerlöchern. Bei selbst gefertigten Flöten werden die Fingerlöcher mit einem Messer eingeschnitten oder mit einem glühenden Eisen ausgebrannt. Am gerade abgeschnittenen oberen Ende ist ein Holzpfropf (copyk) mit einem rechteckigen Windkanal eingesetzt. Der Luftstrom wird durch den Windkanal auf eine Anblaskante an der Oberseite der Röhre geleitet. In der Karpatenukraine im Westen des Landes heißt diese Flöte auch denziwka (auch dencivka, dentsivka).

Die aus Haselnuss hergestellte sopilka der Huzulen mit sechs Fingerlöchern produziert die Töne d–fis–a–h–c–d–e. Ein Übungsinstrument mit fünf Fingerlöchern ist bei den Hutsulen als denziwka bekannt. Die Huzulen verwenden neben diesem Flötentyp weitere, aus der Hirtentradition stammende Flöten, darunter die frilka, eine kurze, am Ende offene Kerbflöte, und die floyar(k)a, eine längere Version der frilka. Bei diesen ebenfalls sopilka genannten Flöten mit einem offenen oberen Ende, die in den Volksmusikgruppen der Karpatenukraine verwendet werden, ist die Tonbildung schwieriger als bei Flöten mit Windkanal. Die leise und tief klingende floyara ist etwa ein Meter lang und besitzt sechs Fingerlöcher. Sie wird meist solistisch gespielt, wobei der Musiker mit seiner Stimme einen tiefen Brummton ergänzt.

Die hoch klingende frilka ist ein Orchesterinstrument, das entsprechend seiner Begleitfunktion in unterschiedlichen Längen verwendet wird. Für das Zusammenspiel mit einer Violine dient eine 20 Zentimeter lange frilka mit der Tonhöhe einer Piccoloflöte und für das Hackbrett cymbaly (tsymbaly) eignet sich eine 30 Zentimeter lange Flöte. Tiefer klingt eine 40 Zentimeter lange Variante.

Eine einfache ukrainische Kernspaltflöte ohne Fingerlöcher ist die auch bei den Huzulen vorkommende, 70 Zentimeter lange telenka (теленка, auch tylynka), die mit der rumänischen tilincă und der slowakischen koncovka verwandt ist. Durch abwechselndes Öffnen und Schließen der unteren Öffnung mit dem Finger und durch Überblasen kann der Spieler eine Reihe von Obertönen erzeugen. Außerdem lassen sich die Töne durch partielles Schließen des unteren Endes stufenweise erhöhen.

Eine weitere ukrainische Flöte, die in den westukrainischen Bergen vorkommt, ist die zubivka (зубівка, subiwka, auch skosivka). Das Mundstück dieser etwa 60 Zentimeter langen, fingerlochlosen Flöte ist diagonal etwa im 45-Grad-Winkel angeschnitten.Viktor Sostak: The Sopilka. carpatho-rusyn.org

In den mittelalterlichen Quellen bis zum 13. Jahrhundert zu Kiew, damals Hauptstadt der Kiewer Rus, werden Tänzer und Musiker erwähnt und abgebildet, die mit der Flöte sopilka, der gestrichenen Schalenhalslaute gudok, der Kastenzither gusli, dem Doppelrohrblattinstrument zurna, der Rahmentrommel bubon (бубон) und dem Becken tarelki auftraten.Nina Gerasymova-Persyds’ka, Onisja Schreer-Tkatschenko: Kiew. II. Die Entwicklung der professionellen Musik bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1996) In der sowjetischen Zeit wurden um 1960 an den Musikschulen und am Konservatorium von Kiew für den solistischen Einsatz und für die Verwendung in Volksmusikensembles vier Instrumente unterrichtet: das Zupfinstrument bandura, die Zither gusli, die Laute domra und die sopilka.Vanett Lawler: The Arts in the Educational Program in the Soviet Union. In: Music Educators Journal, Band 47, Nr. 4, Februar–März 1961, S. 40–48, hier S. 46