Die Villa Romana del Casale (Römische Villa von Casale) ist eine spätrömische Villa urbana in der Nähe der Stadt Piazza Armerina im Freien Gemeindekonsortium Enna auf Sizilien. Sie wird oft einfach als Villa del Casale oder Villa von Piazza Armerina bezeichnet. Die Villa ist ein wichtiges Denkmal des römischen Sizilien und berühmt für ihre Bodenmosaiken. 1997 erklärte die UNESCO die Villa Romana del Casale zum Weltkulturerbe.
Überblick mini|Grundriss der Villa mini|Modell der Villa Der Gebäudekomplex der Villa del Casale bedeckt etwa 1,5 Hektar. Es sind heute noch etwa 45 Räume erhalten.Roger J. A. Wilson: Piazza Armerina. In: Akiyama, Terakazu (Hrsg.): The dictionary of Art. Band 24: Pandolfini to Pitti. Oxford 1998, ISBN 0-19-517068-7. Die Reste der Villa lassen sich in vier aneinander angrenzende Bereiche verschiedener Orientierung einteilen:
einen monumentalen Eingangsbereich mit drei Bögen und einem mehreckigen Hof, einen zentralen Bereich mit einem rechteckigen Peristyl, Garten und Wasserbecken, den umgebenden Räumen und einer Basilika, einen Komplex mit einem elliptischen Peristyl, den umgebenden Räumen und einem Triclinium, eine Thermenanlage mit Zugang von der Nordostecke des rechteckigen Peristyls und vom Eingangsbereich aus.
Der Boden fast aller Räume des Anwesens ist mit Mosaiken aus farbigen Tesserae bedeckt, die insgesamt eine Fläche von rund 3.500 m² bedecken und aus etwa 120 Millionen einzelnen Steinen bestehen, mehr als in jedem anderen bekannten Gebäude des römischen Reichs. Die stilistischen Unterschiede zwischen den Mosaiken der verschiedenen Bereiche sind sehr gut sichtbar. Dies weist jedoch nicht auf eine Ausführung in verschiedenen Epochen hin, sondern auf verschiedene Werkstätten, die unterschiedliche Modellalben (Vorlagenbücher) verwendeten. Der Stil der Mosaiken verrät den Einfluss nordafrikanischer Künstler, die möglicherweise die Arbeiten auch ausführten.
Jeder der vier Bereiche der Villa liegt wegen der Hanglage des Grundstücks auf einer eigenen Ebene und verfügt über eine eigene Richtungsachse. Trotz der offensichtlichen Asymmetrie im Grundriss ist die Villa das Ergebnis eines organischen und einheitlichen Projekts. Ausgehend von geläufigen Modellen des privaten Wohnungsbaus jener Zeit (Villa mit Peristyl, Aula mit Apsiden und dreischiffigem Saal) wurden eine Reihe von Veränderungen eingeführt, um dem gesamten Komplex sowohl Originalität als auch beeindruckende Monumentalität zu verleihen. Die Einheit der Bausubstanz wird auch durch die durchdachte Wegführung und die Unterteilung in öffentliche und private Bereiche bezeugt. Zwei Aquädukte aus östlicher und nordwestlicher Richtung versorgten den Komplex mit Wasser.
Lage
Die Villa befindet sich fünf Kilometer südwestlich des heutigen Piazza Armerina in der Gemarkung Casale auf einem halbkreisförmigen Plateau am linken Hang eines kleinen Tals unterhalb des Monte Mangone, durch das ein Nebenfluss des Gela fließt. Zur Zeit ihrer Erbauung lag sie sechs Kilometer nördlich der Bauernsiedlung Philosophiana. In 300 Metern Entfernung verlief die Fernstraße von Akragas (dem heutigen Agrigent) nach Catania.Luciano Catullo: Die antike römische Villa des Weilers von Piazza Armerina in der Vergangenheit und der Gegenwart. Arione, Messina 1999. Es gab an dieser Stelle ein älteres Gebäude, von dem Reste von Thermen und anderen Strukturen, aber keine Mosaiken gefunden wurden.
Geschichtlicher Hintergrund
Während der ersten beiden Jahrhunderte der römischen Kaiserzeit hatte Sizilien unter einer Phase der Depression gelitten, hervorgerufen durch das auf Sklavenarbeit basierende Produktionssystem der Latifundien. Das Leben in der Stadt befand sich im Niedergang, das Land war verlassen und die reichen Eigentümer wohnten nicht bei ihrem Besitz, wie fehlende Wohnungsreste anzuzeigen scheinen. Für das ländliche Sizilien brach zu Beginn des vierten Jahrhunderts jedoch eine neue Zeit des Wohlstands an. Handelsposten und Bauernsiedlungen erreichten den Höhepunkt ihrer Ausdehnung und ihrer Aktivität. Ein offensichtlicher Hinweis auf Veränderung ist die Verleihung eines neuen Titels an den Statthalter der Insel, der statt corrector nun consularis hieß.
mini|links|Ritter bei der Hirschjagd, Mosaik aus der „kleinen Jagd“ Der steigende Wohlstand war einerseits durch die wieder zunehmende Bedeutung der Provinzen Africa und Tripolitanien für Getreidelieferungen nach Italien bedingt. Sizilien nahm in der Folge eine zentrale Rolle auf den neuen Handelsrouten zwischen den beiden Kontinenten ein. Andererseits begannen die wohlhabenderen Schichten, also Ritter (Equites) und Senatoren, das Leben in der Stadt hinter sich zu lassen und sich auf Besitzungen auf dem Land zurückzuziehen. So kümmerten sich die Eigentümer wieder selbst um ihre Ländereien, die nicht mehr von Sklaven, sondern von Kolonen bebaut wurden. Ansehnliche Geldsummen wurden aufgewandt, um die außerstädtischen Residenzen oder Villen zu vergrößern, zu verschönern und komfortabler auszustatten. Als Beispiele seien hier neben der Villa del Casale die Villa Romana del Tellaro, die Villa Romana di San Biagio und die Villa Romana di Patti erwähnt.
mini|hochkant|Mosaik mit der vermeintlichen Darstellung des Kaisers Maximian (Mitte) mit dem pileus Pannonicus
Datierung und Besitzer Die Identität des Erbauers und Besitzers wurde lange diskutiert und viele verschiedene Hypothesen wurden formuliert. Eng damit zusammen hängt die Frage der Datierung, wobei neben einer stilistischen Einordnung der Mosaiken und sonstiger Befunde vor allem Münz- und Keramikfunde von Bedeutung sind. Eine eindeutige präzise Datierung ist jedoch nicht möglich und die Vorschläge erstrecken sich auf fast das gesamte 4. Jahrhundert n. Chr. Traditionell tendierten die meisten Forscher zu einer Datierung in die ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts, Roger J. A. Wilson zufolge entstand die Villa beispielsweise „wahrscheinlich zwischen 310 und 325 n. Chr“. Petra C. Baum-vom Felde schlug dagegen 2003 aufgrund ihrer Untersuchungen der geometrischen Mosaiken der Villa eine Datierung dieser Werke in die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts vor,Petra C. Baum-vom Felde: Die geometrischen Mosaiken der Villa bei Piazza Armerina. Kovač, Hamburg 2003, ISBN 3-8300-0940-2, S. 419–449. der sich beispielsweise Brigitte Steger aufgrund weiterer Analysen anschloss. Die Villa selbst sei zwar vermutlich älter, in ihren ersten Jahrzehnten allerdings deutlich kleiner und noch nicht mit Mosaiken verziert gewesen.Brigitte Steger: Piazza Armerina. La villa romaine du Casale en Sicile. Picard, Paris 2017, ISBN 978-2-708-41026-8, S. 46–58. Allerdings weist auch diese Spätdatierung einige Unstimmigkeiten auf und wird daher nicht allgemein anerkannt.Siehe unter anderem Roger J. A. Wilson: Rezension zu „Brigitte Steger: Piazza Armerina. La villa romaine du Casale en Sicile. Paris 2017“ BMCR 2020.03.17, abgerufen am 11. April 2020.
Hinsichtlich des Besitzers wurde die lange Zeit vorherrschende Hypothese 1952 von Hans Peter L’Orange publiziertHans Peter L’Orange: È un palazzo di Massimiano Erculeo che gli scavi di Piazza Armerina portano alla luce? In: Symbolae Osloenses. Band 29, 1952, S. 114–128. und später auch von Josef Polzer und Gino Vinicio Gentili (1959) aufgegriffen. Ihnen zufolge sei der Besitzer der Villa der Kaiser Maximian (ab 285 n. Chr. Caesar im Westen, 286–305 Augustus) gewesen, der sich nach seiner Abdankung hierher zurückgezogen habe. Ein wesentliches Argument dafür war, dass auf gleich drei Mosaiken der Villa Amtsträger mit einer bestimmten Kopfbedeckung zu sehen sind. Es handelt sich um den pileus Pannonicus, eine besondere Form des Pileus, mit denen sich die Kaiser der Tetrarchie gerne darstellten, um ihre Herkunft aus dem Donauraum zu betonen, und die etwa auch bei der Venezianischen Tetrarchengruppe zu sehen ist. In der Folgezeit zeigten historische Studien jedoch, dass Maximian seine letzten Jahre in Kampanien und nicht auf Sizilien verbrachte. Heinz Kähler äußerte daraufhin 1973 die Vermutung, dass die Villa auch seinem Sohn Maxentius gehört haben könnte, der 305–312 n. Chr. als Kaiser regierte;Heinz Kähler: Die Villa des Maxentius bei Piazza Armerina (= Monumenta Artis Romanae. Band 12). Gebrüder Mann, Berlin 1973. dieser Ansicht schlossen sich unter anderem Salvatore Settis (1975) und Gino Vinicio Gentili an.
In der Villa von Piazza Armerina ist jedoch nicht zwingend eine Kaiserresidenz zu sehen. In den letzten Jahrzehnten haben Ausgrabungen gezeigt, dass der Besitz solch beeindruckender Gebäude mit repräsentativem Charakter nichts Einmaliges und in der römischen Aristokratie durchaus verbreitet war. Auch wurde betont, dass der pileus Pannonicus zwar in Darstellungen der illyrischstämmigen Kaiser der Zeit um 300 auftaucht, letztlich aber einfach ein Attribut von Soldaten und Militärs war. Die Themen der Mosaiken in der Villa Romana del Casale deuten dennoch auf die römische Elite des beginnenden vierten Jahrhunderts, auf die heidnische Religion sowie auf Verbindungen zum Senatorenstand hin und beziehen Stellung gegen die Politik Konstantins. Daher wurden seit den 1980er Jahren verschiedene hochrangige Senatoren als Auftraggeber der Villa in Betracht gezogen.
Eine Hypothese identifiziert den Besitzer mit einer angesehenen Person der konstantinischen Ära, Lucius Aradius Valerius Proculus, Statthalter Siziliens von 327 und 331 und Konsul im Jahre 340. Die Spiele, die er 320 in Rom organisiert hatte, während er die Praetur bekleidete, waren so eindrucksvoll, dass ihre Berühmtheit lange andauerte. Vielleicht sollten die Darstellungen in einigen Mosaiken der Villa (der „Gang der großen Jagd“ und die „Zirkusspiele“ im Gymnasium der Thermen) an dieses Ereignis erinnern.Andrea Carandini, Andreina Ricci, Mariette de Vos: Filosofiana. La Villa di Piazza Armerina. Immagine di un aristocratico romano al tempo di Costantino. Flaccovio, Palermo 1982. Ein weiterer Vorschlag hält zwei andere Statthalter Siziliens, Betitus Perpetuus Arzygius (amtierte wohl zwischen 312 und 324) und Domitius Latronianus (amtierte 314), für die Auftraggeber.Giacomo Manganaro Perrone: Note storiche e epigrafiche per la villa (praetorium) del Casale di Piazza Armerina. In: Sicilia Antiqua. Band 2, 2005, S. 173–191. Zu den Amtszeiten siehe Ebenso wurde Ceionius Rufius Albinus als Besitzer der Villa vorgeschlagen,Salvatore Calderone: Contesto storico, committenza e cronologia. In: Giovanni Rizza (Hrsg.): La Villa Romana del Casale di Piazza Armerina. Atti della IV Riunione Scientifica della Scuola di Perfezionamento in Archeologia Classica dell’Università di Catania (Piazza Armerina, 28 settembre—1 ottobre 1983). Università di Catania, Istituto di Archeologia, Catania 1988, S. 45–57. oder zumindest ein ehemaliger Stadtpräfekt Roms, etwa aus der Familie der Sabucii.Patrizio Pensabene: Risultati complessivi degli studi e degli scavi 2004–2014. In: Derselbe, Paolo Barresi (Hrsg.): Piazza Armerina, Villa del Casale: scavi e studi nel decennio 2004–2014. 2 Bände, „L’Erma“ di Bretschneider, Rom 2019, S. 711–761, hier S. 713 und S. 730. Brigitte Steger schließlich hat 2017 dafür plädiert, den großen Ausbau der Villa, auf den die meisten heute sichtbaren Strukturen und Mosaiken zurückgehen, mit dem sizilischen Statthalter der Jahre 364/365 und späteren Konsul, Prätorianerpräfekt sowie Geschichtsschreiber Virius Nicomachus Flavianus in Verbindung zu bringen.Brigitte Steger: Piazza Armerina. La villa romaine du Casale en Sicile. Picard, Paris 2017, ISBN 978-2-708-41026-8, S. 58–73. Sollte dies zutreffen, arbeitete sein Sohn Nicomachus Flavianus der Jüngere, dreifacher Stadtpräfekt Roms, wohl in der Villa an der Korrektur einer wichtigen Livius-Ausgabe.Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford/New York 2011, S. 522.
Ausgrabungen mini|Teile des Heizungssystems der Thermen