mini| Als Java-Mensch werden Fossilien bezeichnet, die erstmals 1891 von Eugène Dubois am Ufer des Solo-Flusses (auch: Bengawan Solo) bei Trinil in Ost-Java entdeckt wurden. Nach heutigem Kenntnisstand wird ihnen ein Alter von rund einer Million Jahre zugeschrieben.Gary J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2008, S. 117. Als „Mindestalter“ werden hier 700.000 Jahre, als – „möglicherweise zu hoch angesetzte“ – Obergrenze werden 1,5 Mio. Jahre ausgewiesen. Es waren die ersten Fossilien von Hominini, die außerhalb Europas entdeckt wurden und nach den Neandertalern die zweiten Belege für fossile Verwandte des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens). Die Funde aus Java wurden zunächst als Anthropopithecus bezeichnetDie Bezeichnung Anthropopithecus ist abgeleitet von ánthropos: „Mensch“ und píthēkos: „Affe“. Sie wurde 1839 von Henri Marie Ducrotay de Blainville gewählt, um die von ihm gesammelten Schimpansen-Knochen unter diesem Gattungsnamen zusammenzufassen. Weil aber Lorenz Oken bereits 1816 die Schimpansen der Gattung Pan zugeordnet hatte, ist Anthropopithecus nur ein sogenanntes Juniorsynonym von Pan. und später als Pithecanthropus erectus. Heute werden sie von den meisten Paläoanthropologen der Art Homo erectus zugeordnet, wobei ihre Herkunft gelegentlich – wie 1940 von Franz Weidenreich angeregt – durch den Zusatz eines Unterart-Epithetons betont wird: Homo erectus javanensis.Franz Weidenreich: Some Problems Dealing with Ancient Man. In: American Anthropologist. Band 42, Nr. 3, 1940, S. 375–383 (hier: 383), Volltext. F. Gaynor Evens: The Names of the Fossil Men. In: Science. Band 102, Nr. 2636, 1945, S. 16–17 (hier: S. 17), doi:10.1126/science.102.2636.17. Als enger zeitlicher Verwandter gilt der Peking-Mensch, der entsprechend gelegentlich als Homo erectus pekinensis bezeichnet wird.

Datierung Schon bald nach Entdeckung der homininen Fossilien war sich Eugène Dubois – nicht zuletzt aufgrund des geringen Schädel-Innenvolumens von rund 950 cm³ – darüber im Klaren, dass es sich um sehr alte Funde handelte, denn „sie waren Teil einer fossilen Fauna, zu der nicht nur zahlreiche Arten, sondern auch viele Gattungen heute ausgestorbener Tiere gehörten.“Ian Tattersall: Masters of the Planet. The Search for Our Human Origins. Palgrave Macmillan, 2012, ISBN 978-0-230-10875-2, S. 89. Die genaue Datierung der Funde erwies sich hingegen als schwierig, und noch in jüngster Zeit erfuhr ihre zeitliche Einordnung durch zusätzliche Funde, Untersuchungen und Erkenntnisse wiederholt Aktualisierungen.

Die auf Java entdeckten Fossilien stammen vermutlich aus zwei Epochen: Als 1,66 bis 0,9 Millionen Jahre alt gelten die Fossilien von den Fundorten Sangiran und Trinil,Susan C. Antón, Fred Spoor, Connie D. Fellmann und Carl C. Swisher III: Defining Homo erectus: Size Considered. Kapitel 11 in: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hrsg.): Handbook of Paleoanthropology. Band 3, 2015, S. 1658, ISBN 978-3-540-32474-4. wobei ihnen häufig auch eine Altersuntergrenze von 700.000 Jahren zugeschriebenThe Java Man skullcap. Auf: talkorigins.org, eingesehen am 30. Juli 2018. und im Jahr 2020 eine mögliche Obergrenze von 1,3 Mio. Jahren publiziert wurde;Shuji Matsu’ura et al.: Age control of the first appearance datum for Javanese Homo erectus in the Sangiran area. In: Science. Band 367, Nr. 6474, 2020, S. 210–214, doi:10.1126/science.aau8556. die Fossilien vom Fundort Solo (alternativ: Ngandong), die auch als „Homo soloensis“ bezeichnet werden, sind deutlich jünger. Ob auch deren Zuordnung zu Homo erectus korrekt war, wurde 1997 aber angezweifelt, da die Fundstelle von Homo soloensis als Folge von Bodenumlagerungen nicht sicher datiert werden könne und möglicherweise zum Teil nur 27.000 Jahre alt ist.Rainer Grün und Alan Thorne: Dating the Ngandong Humans. In: Science. Band 276, Nr. 5318, 1997, S. 1575–1576, doi:10.1126/science.276.5318.1575. Im Jahr 2011 ergab dann jedoch eine 40Ar-39Ar-Datierung eine untere Altersgrenze von 143.000 ± 20.000 Jahren und eine obere von 546.000 ± 12.000 Jahren.Etty Indriati et al.: The Age of the 20 Meter Solo River Terrace, Java, Indonesia and the Survival of Homo erectus in Asia. In: PLOS ONE. Band 6, Nr. 6, 2011, e21562, doi:10.1371/journal.pone.0021562.

Fundgeschichte mini|Gabriel von Max: Versuch einer bildhaften Darstellung des Urmenschen Pithecanthropus alalus (spätes 19. Jahrhundert), Vorstudie zu einem Ölgemälde. 1871 hatte Charles Darwin in seinem Werk Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl vermutet,Charles Darwin: The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex. London, John Murray, 1871, Band 1, S. 199: „In each great region of the world the living mammals are closely related to the extinct species of the same region. It is therefore probable that Africa was formerly inhabited by extinct apes closely allied to the gorilla and chimpanzee; and as these two species are now man's nearest allies, it is somewhat more probable that our early progenitors lived on the African continent than elsewhere.“ der Mensch habe sich in Afrika entwickelt, da seine nächsten Verwandten – Schimpansen und Gorillas – dort beheimatet sind. Im Gegensatz zu Darwin hatte Ernst Haeckel drei Jahre zuvor (1868) in seiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte die Ansicht vertreten, dass „die meisten Anzeichen auf das südliche Asien“ hindeuteten.Ernst Haeckel: Natürliche Schöpfungsgeschichte. Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Entwickelungslehre im Allgemeinen und diejenige von Darwin, Goethe und Lamarck im Besonderen, über die Anwendung derselben auf den Ursprung des Menschen und andere damit zusammenhängende Grundfragen der Naturwissenschaft. Berlin, Georg Reimer, 1868, Kapitel 19 (.) Haeckel stützte seine Mutmaßung vor allem auf den Vergleich von Behaarung, Hautfarbe und Schädelform der damals als primitiv geltenden, heute als indigen bezeichneten Völker Afrikas und Asiens mit den Menschenaffen. Haeckel räumte jedoch zugleich ein: „Vielleicht war aber auch das östliche Afrika der Ort, an welchem zuerst die Entstehung des Urmenschen aus den menschenähnlichen Affen erfolgte; vielleicht auch ein jetzt unter den Spiegel des indischen Oceans versunkener Kontinent, welcher sich im Süden des jetzigen Asiens einerseits östlich bis nach den Sundainseln, andrerseits westlich bis nach Madagaskar und Afrika erstreckte.“ Den hypothetischen Urmenschen nannte Haeckel „Homo primigenius („ursprünglicher Mensch“) oder Pithecanthropus primigenius“ („ursprünglicher Affenmensch“), wobei er einen gleitenden Übergang von hypothetischen „Affenmenschen (Pithecanthropi)“ zu sprachlosen „Urmenschen (Alali)“ vermutete.

Die Bezeichnung Pithecanthropus ist abgeleitet von („Affe“) und („Mensch“). Die Pluralbildung „Alali“ und das zugehörige Epitheton alalus ist abgeleitet von griechisch („sprachlos, stumm“).

Haeckels Hypothese, die Sunda-Inseln seien der Rest eines versunkenen Kontinents, auf dem sich vorzeitliche Menschenaffen zu den Vorfahren des Menschen und der anderen jetztzeitlichen Menschenaffen entwickelten, faszinierte den jungen holländischen Militärarzt Eugène Dubois derart, dass er sich 1877 nach Sumatra versetzen ließ, um im Gebiet des malaiischen Archipels nach Fossilien zu suchen. In seinem Buch Die Frühzeit des Menschen beschreibt Friedemann Schrenk Dubois’ Vorgehensweise wie folgt: „Besessen von seiner Idee, begann er an einer Stelle in Java zu graben, die nach heutigen Vorstellungen als völlig aussichtslos gelten würde. Er grub in einem Gebiet, wo im Umkreis von Tausenden von Kilometern noch nie zuvor auch nur die kleinste Andeutung von Resten eines Urmenschen gefunden wurde – und er grub auf den Zentimeter genau an der richtigen Stelle.“Friedemann Schrenk: Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zu Homo sapiens. C. H. Beck, 1997, S. 81. Dubois kannte allerdings Hinweise von Bauern, die dort Tierfossilien gefunden hatten Aus: Athena Review. Band 4, Nr. 1: Homo erectus. und durfte für seine Grabungen Gefangene einsetzen, die von Korporalen der Armee bewacht wurden.Ian Tattersall: The Strange Case of the Rickety Cossack – and Other Cautionary Tales from Human Evolution. Palgrave Macmillan, New York 2015, ISBN 978-1-137-27889-0, S. 38.

Dubois’ Grabungshelfer entdeckten 1891 zunächst einen Backenzahn (dessen Zuordnung zur Gattung Homo heute als unsicher gilt) und einige Wochen später das Fragment eines Schädeldachs (Sammlungsnummer Trinil 2) sowie im folgenden Jahr einen vollständig erhaltenen Oberschenkelknochen (dessen Zuordnung zu Homo erectus heute als unsicher gilt).Der Oberschenkelknochen wird heute von einigen Forschern dem anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) zugeschrieben, siehe insbesondere Michael Herbert Day und Theya I. Molleson: The Trinil femora. In: M. H. Day (Hrsg.): Human Evolution. Symposia of the Society for the Study of Human Biology. Band 11, Taylor & Francis, London 1973, S. 127–154. Hatte Dubois seine beiden ersten Funde noch als Vorfahren der afrikanischen nicht-homininen Menschenaffen interpretiert und daher der Gattung Anthropopithecus zugeordnet, war er nach dem Fund des Oberschenkelknochens überzeugt davon, dass dieser fossile „Menschenaffe“ bereits aufrecht gehen konnte. Daraufhin verwendete Dubois in seinem Arbeitsbericht für das 3. Quartal 1892, in dem er unter anderem den Oberschenkelknochen genau beschrieb – beiläufig und ohne formelle Diagnose – für Schädeldach, Zahn und Beinknochen die Bezeichnung Anthropopithecus erectus Eug. Dubois („aufrecht gehender Menschenaffe“).Eugène Dubois: Paleontologische onderzoekingen op Java. Verslag van het Mijnwezen, 3. Qu. 1892, S. 10–14 (erschienen 1893). Dieser Quartalsbericht, der erst 1893 veröffentlicht wurde, gilt daher als Erstbeschreibung einer neuen Art.Eduard Pop, Sofwan Noerwidi und Fred Spoor: Naming Homo erectus: A review. In: Journal of Human Evolution. Band 190, 2024, 103516, doi:10.1016/j.jhevol.2024.103516. Die offiziellen Veröffentlichungen der niederländischen Kolonialverwaltung wurden durchweg anonym und im Passiv verfasst. Dubois' Urheberschaft an den paläontologischen Berichten geht jedoch zweifelsfrei aus deren Inhalt und aus seinen handschriftlichen Entwürfen hervor, die sich im Dubois-Archiv im Naturalis Biodiversity Center in Leiden, Niederlande (Archiv-Nr. MM774C-000050-041 bis -096) befinden, zudem aus Fußnote 1 in seiner Schrift Pithecanthropus erectus: eine menschenähnliche Übergangsform von Java (1894).

1894 war Dubois dann überzeugt, den von Haeckel vorhergesagten Urmenschen gefunden zu haben, so dass er seine Fossilfunde von da an als Pithecanthropus erectus („aufrecht gehender Affenmensch“) bezeichnete.Eugène Dubois: Pithecanthropus erectus: eine menschenähnliche Übergangsform von Java. Landes-Druckerei, Batavia, 1894, (Volltext).Eugène Dubois: On Pithecanthropus erectus: A Transitional Form between Man and the Apes. In: Scientific Transactions of the Royal Dublin Society. Ser. 2, 6, 1896, S. 1–18.Eugène Dubois: Pithecanthropus erectus, eine Stammform des Menschen. In: Anatomischer Anzeiger. Band 12, 1896, S. 1–22.