Gesù Nuovo (italienisch: Neuer Jesus, auch: chiesa del Gesù Nuovo oder della Trinità Maggiore) ist der Name einer Jesuitenkirche im historischen Zentrum von Neapel, das zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Sie liegt an der gleichnamigen Piazza del Gesù Nuovo, gegenüber der Guglia dell’Immacolata (Mariensäule) und der Basilica di Santa Chiara.
Es handelt sich um eine der bedeutendsten und größten Kirchen der Stadt, und an ihrer Innenausstattung im typisch neapolitanischen Barock haben die einflussreichsten Künstler der neapolitanischen Schule beteiligt.
Die Kirche wurde mit dem Namenszusatz „Nuovo“ (Neu) versehen, weil die Jesuiten in Neapel bereits eine Kirche hatten, die man von da an Gesú Vecchio (Alter Jesus) nannte.
Im Inneren liegt der heilige Giuseppe Moscati begraben.Alfredo Cattabiani: Santi d’Italia, BUR, Milano, 1993, ISBN 88-17-25854-7
mini|Hauptaltar mini|Blick vom Mittelschiff zum Hauptaltar Geschichte Palazzo Sanseverino An der Stelle der Kirche Gesù Nuovo stand ursprünglich der 1470 erbaute Palast des Roberto Sanseverino, Fürst von Salerno.AA.VV.: Napoli e dintorni, Touring Club Italiano, Mailand 2007, S. 152 Datum und Name des Architekten Novello da San Lucano sind bis heute auf einer Inschrift an der Fassade zu lesen.
links|mini|Detail der Fassade aus Diamantquadern mit der weiß-marmornen Inschrift des Novello da San Lucano Im Laufe des 16. Jahrhunderts waren hier verschiedene bedeutende Persönlichkeiten zu Gast, wie Pietro Aretino und die neapolitanischen Literaten Scipione Capece und Antonio Mariconda. Zur Zeit des Ferrante Sanseverino und seiner Frau Isabella Villamarina war der Palast berühmt für die Schönheit seiner Innendekoration mit Fresken und für seinen wundervollen Garten. 1536 gab Ferrante hier ein prächtiges Fest für Karl V., als dieser von Afrika (Belagerung von Tunis) zurückkehrte.
Als der spanische Vizekönig Don Pedro de Toledo 1547 die Inquisition in Neapel einführte, kam es zu Protesten der neapolitanischen Bevölkerung, an denen sich auch Ferrante und die Sanseverino beteiligten; daher musste er 1652 ins Exil und der Besitz der Familie wurde konfisziert. Der Palast und seine Gärten wurden für 45,000 Dukaten an die Jesuiten verkauft, die von 1584 bis 1601 eine Kirche errichten ließen und daneben den Palazzo delle Congregazioni (1592) und die Casa Professa dei Padri Gesuiti (1608).
Kirche mini|Gesù Nuovo mit der Guglia dell’Immacolata Ende des 19. Jahrhunderts Architekten der Kirche waren die Jesuitenpatres Giuseppe Valeriano und Pietro Provedi, die fast den gesamten Palast der Sanseverino abreißen ließen, bis auf die ungewöhnliche breite Fassade mit Diamantquadern, die noch heute zu sehen ist.
Die Arbeiten wurden finanziert von Isabella Feltria Della Rovere, Fürstin von Bisignano (Gattin des Niccolò Bernardino Sanseverino, dem letzten aus dem Zweig der Sanseverino Fürsten von Bisignano). Ihr Name, zusammen mit dem von Roberto I. Sanseverino, erscheint auf einer marmornen Tafel mit einer Inschrift auf dem Architrav des Hauptportals. Diese Tafel wurde 1597 angebracht, als die Kirche für den Kult freigegeben wurde. Am 7. Oktober 1601 wurde sie zu Ehren der Madonna Immacolata (= Unbefleckte Empfängnis) geweiht, erhielt aber im Volksmund bald den Namen Gesù Nuovo, um sie von der alten Jesuitenkirche zu unterscheiden.
Zwischen 1629 und 1634 wurde eine erste Kuppel unter dem Jesuiten Agatio Stoia nach Plänen von Valeriano und Provedi errichtet, die 1635–1636 von Giovanni Lanfranco mit einem vielbewunderten Fresko des Paradieses ausgemalt wurde. 1639 gab es einen Brand in der Kirche und die Wiederherstellungsarbeiten wurden Cosimo Fanzago anvertraut. 1652 malte Aniello Falcone die Gewölbefresken der großen Sakristei.
Durch ein Erdbeben stürzte 1688 die Kuppel ein, die Fresken von Lanfranco gingen verloren, und das Innere wurde schwer beschädigt. In der Folge fand zwischen 1693 und 1695 ein Wiederaufbau statt und die Kirche wurde fertiggestellt; die neue Kuppel wurde von Arcangelo Guglielmelli errichtet. 1695 wurde außerdem das originale Marmor-Portal aus der Renaissance mit zwei Säulen, einem gebrochenen Giebel, vier Engeln und dem Wappen der Jesuiten angereichert.
1717 wurde der gesamte Gebäudekomplex unter Ferdinando Fuga verstärkt, der zusätzliche Pilaster und Bögen einbauen ließ. Paolo De Matteis malte in der neuen Kuppel ein Fresko Gloria della Vergine. 1725 war Gesù Nuovo im Grunde fertiggestellt.
mini|Das Innere der Scheinkuppel, in der Form, wie es ab 1786 zu sehen ist Nachdem 1767 die Jesuiten aus dem Königreich Neapel verbannt worden waren, zogen in das Konvent reformierte Franziskaner ein, die aus den Konventen von Santa Croce und Trinità di Palazzo hierherkamen und die Kirche umbenannten in Trinità Maggiore (Große Dreifaltigkeit). 1774 brach auch die neue Kuppel teilweise ein und wurde danach komplett abgetragen, die Kirche blieb für 30 Jahre geschlossen. Der Ingenieur Ignazio di Nardo ließ ab 1786 eine „falsche“ Kuppel mit flacher Kalotte („Scodella“ = Schüssel) einbauen, die später mit einer illusionistischen Dekoration aus (falschen) Kassetten bemalt wurde; auch das Dach wurde erneuert.
Die Jesuiten wurden im Königreich Neapel 1804 wieder zugelassen, aber während der französischen Herrschaft von 1806 bis 1814 erneut verboten. Nach der Restauration der Bourbonen kam die Kirche 1821 wieder in den Besitz der Gesellschaft Jesu, die jedoch von 1848 bis 1860 wieder verbannt wurden. Am 8. Dezember 1857 wurde der Hauptaltar von dem Jesuiten Ercole Giuseppe Grossi fertiggestellt und die Kirche zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis (Immacolata Concezione) geweiht. 1900 durfte der Orden der Jesuiten endgültig zurückkehren.
Während des Zweiten Weltkrieges erlitt die Kirche schwere Beschädigungen aufgrund einiger Luftangriffe. Bei einer dieser Bombardierungen fiel eine Bombe auf das Dach des Mittelschiffs, die jedoch wie durch ein Wunder nicht explodierte. Diese Bombe ist heute im rechten Kirchenschiff ausgestellt, an der Stelle, die dem Heiligen Giuseppe Moscati gewidmet ist.
1975 wurde die Kirche unter der Leitung von Paolo Martuscelli restauriert; die Arbeiten wurden außerdem von dem Jesuitenpater Antonio Volino überwacht, der unter anderem für die zigste Reparatur der Pseudokuppel verantwortlich zeichnete.
Das „Rätsel“ der Fassade Die Fassade von Gesù Nuovo bzw. vom ehemaligen Palazzo San Severino hat jahrhundertelang die Geister beschäftigt, da an den Seiten der Diamantquader über die gesamte Fassade hinweg verschiedene Zeichen eingeritzt sind, deren Interpretation Rätsel aufgibt.
mini|Ansicht der Diamantquader von Gesù Nuovo von unten Die einfachste Hypothese lautet, dass es sich nur um Zeichen handele, mit denen die Steinmetze Steine aus verschiedenen Steinbrüchen gekennzeichnet hätten. Es wurde und wird jedoch auch angenommen, dass sich hinter den Zeichen möglicherweise eine alchemistische oder hermetische Bedeutung verbirgt, eine These, die u. a. von Stanislao Scognamiglio vertreten wird.Stanislao Scognamiglio: Il Mistero del Gesu’ Nuovo. Il segreto celato nel bugnato-Nuove ipotesi, , gesehen am 4. Oktober 2018
Ein populärer Aberglaube besagte, der Palast bzw. die Kirche sei „verflucht“: Die Spitzen der „pyramidenförmigen“ Diamantquader seien angebracht worden, um positive Kräfte im Inneren zu konzentrieren, und alles Negative fernzuhalten; dabei sei jedoch etwas schiefgelaufen oder absichtlich falsch gemacht worden, so dass das Gebäude und seine Bewohner umgekehrt besonders viel Unglück auf sich gezogen habe – eine These, mit der man früher versuchte, die mehrfach eingestürzten Kuppeln und andere Unglücksfälle der Geschichte zu erklären.
2010 veröffentlichten der Kunsthistoriker Vincenzo De Pasquale und die ungarischen Musikwissenschaftler Csar Dors und Lòrànt Réz in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern (Mathematiker, Architekten) eine auch in den Medien vielbeachtete These, dass es sich bei den Zeichen an der Fassade von Gesù Nuovo um Buchstaben des aramäischen Alphabetes handele (also der Sprache Jesu). Diese könnten sinnvoll zu Noten umgedeutet werden und würden folglich ein Musikstück ergeben, das von den Autoren als Enigma (= Rätsel) bezeichnet wurde.Pietro Treccagnoli: Chiesa del Gesù nuovo, svelato il mistero della facciata, in: Il Mattino, 28. Dezember 2010, , zuletzt eingesehen am 4. Oktober 2018L’enigma diventa un concerto, in Il Mattino, 6. Oktober 2011,
Stanislao Scognamiglio deckte Unstimmigkeiten dieser Theorie auf und wies dabei zugleich darauf hin, dass sich bestimmte Zeichen in die alchemistische und hermetische Tradition einreihen. Zugleich halte er es aber durchaus für möglich, dass der Sinn etwas mit Musik im Sinne von Sphärenharmonie zu tun haben könnte – eine Konzept, das in der Ideenwelt der Renaissance eine wichtige Rolle spielte. Dabei wies er auch darauf hin, dass es eine Parallele zwischen dem ehemaligen Palazzo Sanseverino in Neapel und dem etwa zwanzig Jahre später erbauten Palazzo dei Diamanti (Biagio Rossetti, 1492) in Ferrara gibt, der eine ähnliche Fassade besitzt: In beiden Palästen wurden humanistische Akademien (accademie) abgehalten.
Inneres Plan der Kirche Kapelle der heiligen Märtyrer (cappella dei Santi Martiri) Geburtskapelle (cappella della Natività) Große Kapelle des Heiligen Ignatius von Loyola (cappellone di Sant’Ignazio di Loyola) Sakristei Kreuzkapelle (capella del Crocifisso) und von San Ciro Kapelle des San Francesco De Geronimo Apsis Heiligherz-Kapelle (Cappella del Sacro Cuore) Kapelle des San Francesco Borgia Oratorium des San Giuseppe Moscati Große Kapelle des Heiligen Franz Xaver (cappellone di San Francesco Saverio) Kuppel Kapelle der Visitation (oder von San Giuseppe Moscati) Kapelle des Heiligen Carlo Borromeo rechts|250x250px|Plan von Gesù Nuovo
Mittelschiff und Apsis Der Innenraum, der 1630 von Cosimo Fanzago üppig mit feinsten Marmorintarsien dekoriert wurde (mit den Hauptfarben Rosa und Weiß), basiert auf einem griechischen Kreuz, das in der Längsachse leicht verlängert ist. Im Zentrum des Transeptes die Kuppel, rechts und links zehn Seitenkapellen, je fünf auf jeder Seite, davon zwei in der Apsis. mini|links|Malereien von Belisario Corenzio und Lanfranco im Gewölbe An der Eingangswand befindet sich ein riesiges Fresko von Francesco Solimena von 1725: „Vertreibung des Heliodorus aus dem Tempel“.AA.VV.: Napoli e dintorni, Touring Club Italiano, Mailand 2007, S. 154 Die Kassetten der gewölbten Decke wurden zwischen 1636 und 1638 von Belisario Corenzio ausgemalt; einige davon wurden später von Paolo De Matteis ausgebessert, wegen der Schäden durch das Erdbeben von 1688. Längs des Mittelschiffs befinden sich Szenen über das Thema „der Name Jesu“ (il Nome di Gesù).
Die von Ignazio di Nardo gebaute Kuppel wird durch eine Stahlbetonkonstruktion gestützt; sie hat eine kugelförmige Kalotte, die von lünettenförmigen Fenstern unterbrochen ist. Die Stuckverzierungen nehmen das Motiv der Kassetten wieder auf, und in den Zwickeln der falschen Kuppel sind Fresken der vier Evangelisten zu sehen, die noch von der Ausmalung durch Giovanni Lanfranco um 1630 stammen.
Die Kirche besitzt zwei Orgeln, die sich in der Apsis rechts und links im Mittelschiff befinden. Die eine ist auf ca. 1640 datiert und stammt von Vincenzo Miraglia – sie ist nicht mehr spielbar –, die andere von Pompeo de Franco aus dem 17. Jahrhundert wurde von Gustavo Zanin 1989 unter Wiederverwendung des barocken Gehäuses und von Teilen des originalen Pfeifenmaterials restauriert. Das Instrument besitzt 61 Tasten in den Manualen und ein Pedal mit 32 Tasten; es hat eine mechanische Spieltraktur für die Manuale und eine elektronisch Traktur für Register und Kombinationen. mini|Der Hauptaltar in der Apsis