mini|hochkant|Erich Krems, um 1913 Wilhelm August Kurt Erich Krems (* 27. Mai 1897 in Magdeburg; † 10. März 1916 bei Verdun, Frankreich) war ein deutscher Schüler, der dem „Wandervogel“ innerhalb der Jugendbewegung (Bündische Jugend) angehörte. Er geriet durch seine sehr enge Freundschaft mit dem jüngsten Sohn der Bildhauerin Käthe Kollwitz und seinem Kontakt zu Walter Benjamin, Gustav Wyneken und weiteren zu einer Figur der Zeitgeschichte, die im Tagebuch der Künstlerin und deshalb auch in wissenschaftlicher Sekundärliteratur, in Lexika, der Presse und einer verfilmten Geschichtsdokumentation behandelt wurde. Er wurde in einem bekannten Werk der Künstlerin zusammen mit deren zweitem Sohn abgebildet.

Fragmentarische Überlieferungen Krems wurde in Magdeburg geboren und wuchs in Berlin auf. Zuletzt lebte er in der Merseburger Straße 12 in Berlin-Schöneberg. Sein Vater, der Konsistorialrat Wilhelm Louis August Kurt Krems, starb bereits 1901. Erich Krems gehörte der „Wandervogel“-Bewegung an, zusammen mit Walter Benjamin, Hans Blüher, Ernst Joëll, Fritz Klatt, den Brüdern Hans und Walter Koch, Hans Kollwitz, Alfred Kurella und Alexander Rüstow auch dem so genannten Westender Kreis,Ulrike Koch: „Ich erfuhr es von Fritz Klatt“ – Käthe Kollwitz und Fritz Klatt. In: Käthe Kollwitz und ihre Freunde: Katalog zur Sonderausstellung anlässlich des 150. Geburtstages von Käthe Kollwitz. Hrsg. vom Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Lukas Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-86732-282-9, S. 65. der den linken Flügel der bürgerlichen Jugendbewegung zusammenführte.Anna M. Lazzarino Del Grosso: Armut und Reichtum im Denken Gerhohs von Reichersberg. C. H. Beck, München 1973. S. 83. Klatt war wahrscheinlich der geistige und publizistische Motor dieses Bundes.

mini|hochkant|Peter Kollwitz, 1914 Krems war sehr eng mit Peter Kollwitz befreundet, dem Sohn der Bildhauerin Käthe Kollwitz,Ulrich Grober: Das kurze Leben des Peter Kollwitz. Bericht einer Spurensuche. In: Die Zeit, 22. November 1996, auf: zeit.deAufbruch der Jugend. Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung (PDF-Datei; 130 kB). Begleitbuch zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, vom 26. September 2013 bis 19. Januar 2014, in Zusammenarbeit mit dem Archiv der deutschen Jugendbewegung. Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2013, S. 45, auf: uni-heidelberg.de die sich intensiv mit den Freunden ihres Sohnes befasste. Von der Persönlichkeit und dem Charakter von Erich Krems zeigte sie sich sehr beeindruckt.

Erich Krems wurde Protagonist der Jugendzeitschrift Der Anfang. Hans Kollwitz wurde Verfasser, Peter Kollwitz trug eigene Zeichnungen und weitere Texte bei, zwei Kollwitz-Cousinen arbeiteten ebenfalls zeichnerisch zu, deren „Ziehbruder“ Georg Gretor verfasste Artikel und fungierte als Herausgeber. Zunächst hektographiert, erschien Der Anfang ab 1911 gedruckt. Georg Gretor publizierte unter Pseudonym als Georges Barbizon, nach seiner Heimatstadt Barbizon bei Paris. Als Autoren waren nun auch die jugendbewegten Walter Benjamin,Peter Kollwitz: 1914 mit nur 18 Jahren gefallen. In: vrtNWS, 22. Oktober 2014, auf: vrt.be Siegfried Bernfeld und der ebenso skandalträchtige wie äußerst streitbare Gustav Wyneken dabei, letzterer als Schriftleiter. In Bayern wurde Der Anfang an allen Schulen verboten.

Während Peter Kollwitz die Schule Ostern 1912 verließ, blieb der zwei Jahre jüngere Erich Krems bis zu den Sommerferien 1914 in dem reformpädagogischen Internat der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald. Dort war er einer der Lieblingsschüler des dem „pädagogischen Eros“ frönenden Gustav Wyneken, der um Erichs Freundschaft geradezu buhlte.Bernd-Ulrich Hergemöller, Nicolai Clarus: Mann für Mann: biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum, Teil 1 (= Sozialwissenschaftliche Studien zur Homosexualität, hrsg. v. Rüdiger Lautmann). LIT Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-643-10693-3, S. 1301–1303.Thijs Maasen: Pädagogischer Eros. Gustav Wyneken und die Freie Schulgemeinde Wickersdorf. Verlag Rosa Winkel, Berlin 1995. ISBN 978-3-86149-032-6, S. 89–102.Justus H. Ulbricht: Jugend mit George – Alfred Kurellas Ideen von 1918. Versuch einer Kontextualisierung. In: George-Jahrbuch, Band 9, Heft 1, Seiten 219–242, ISSN (Online) 1865-8881, ISSN (Print) 1430-2519.Jürgen Oelkers: Eros und Herrschaft. Neuer Blick auf Reformpädagogik. In: Frankfurter Rundschau, 22. Juli 2010, auf: fr.de Wyneken war zwar 1910 entlassen worden, beeinflusste das Landerziehungsheim jedoch weiterhin stark. Von seinen Schülern forderte Wyneken verpflichtend die Anerkennung seiner Entscheidungsgewalt und somit seines persönlichen Machtanspruchs, den Austritt aus der Kirche, Alkohol-Abstinenz sowie eine Übergabe ihrer Besitztümer an die Gemeinschaft.Peter Dudek: Grenzen der Erziehung im 20. Jahrhundert: Allmacht und Ohnmacht der Erziehung im pädagogischen Diskurs. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1999, ISBN 978-3-7815-0997-9, S. 37.Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 77. Sein ursprüngliches Ziel war die Schaffung eines „Ordens edler Knaben und Jünglinge“,Gustav Wyneken: 1922, S. 56.Barbara Rendtorff: Erziehung und Geschlecht: eine Einführung. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-17-018660-6, S. 42.Heiner Barz (Hrsg.): Handbuch Bildungsreform und Reformpädagogik. Springer-Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-658-07490-6, S. 81. in dem eine Auslese der Besten erfolgen würde, um auf diese Weise eine neue kulturelle Ära herbeizuführen.Elisabeth Charlotte Maria Petra Badry: Pädagogische Genialität in einer Erziehung zur Nicht-Anpassung und zum Engagement. Studien über Gründer der frühen deutschen Landerziehungsheimbewegung: Herman Lietz und Gustav Wyneken. Phil. Diss., Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn 1976, S. 330f.

Am 11. und 12. Oktober 1913 nahmen alle der zu dieser Zeit rund einhundert Schüler und die Lehrer des Internats am Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner teil, bei dem sowohl Schulleiter Martin Luserke als auch Wyneken ihre Reden vor rund zweitausend Zuhörern hielten, darunter auch Walter Benjamin, Selig Bernfeld, Eugen Diederichs, Adolf Grimme, Julius Groß, Ludwig Gurlitt, Fritz Helling, Ludwig Klages, Enno Narten, Herman Nohl und Bernhard Uffrecht. Dieser Jugendtag hatte eine emanzipierende Funktion und Wirkung. Er war für die Beteiligten ebenso wie für die Kritiker eine empfundene Rebellion gegen die zur selben Zeit stattfindenden offiziellen chauvinistischen Jubelfestveranstaltungen zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig gegen Napoleon Bonaparte an dem am 18. Oktober 1913 eingeweihten Völkerschlachtdenkmal und zum 25. Thronjubiläum von Kaiser Wilhelm II.Volker Weiß: Jung, frei, deutsch. Jugendtreffen am Hohen Meißner. Die Zeit, Nr. 36 (2013), 29. August 2013, auf: zeit.deBarbara Stambolis, Jürgen Reulecke: 100 Jahre Hoher Meißner (1913–2013). Quellen zur Geschichte der Jugendbewegung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 3-8471-0333-4. Wyneken warnte vor einem Krieg: „Wenn ich die leuchtenden Täler unseres Vaterlandes hier vor unseren Füßen ausgebreitet sehe, so kann ich nicht anders als wünschen: Möge nie der Tag erscheinen, wo des Krieges Horden sie durchtoben. Und möge auch nie der Tag erscheinen, wo wir gezwungen sind, den Krieg in die Täler eines fremden Volkes zu tragen“. Er rief die von ihm als „Krieger des Lichts“ apostrophierte deutsche Jugend jedoch auch deutlich patriotisch auf: „Rettet euch Deutschland, denn die Welt hat Deutschland nötig; rettet es als die blänkste und schärfste Waffe des Weltgeistes“.Werner Telesko: Erlösermythen in Kunst und Politik: zwischen christlicher Tradition und Moderne. Böhlau, Wien 2004, ISBN 978-3-205-77149-4, S. 168.Bernd Dollinger: Die Pädagogik der Sozialen Frage. (Sozial-)Pädagogische Theorie vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik. Springer Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-531-15097-0, S. 184.Barbara Stambolis, Jürgen Reulecke (Hrsg.): 100 Jahre Hoher Meißner (1913–2013). Quellen zur Geschichte der Jugendbewegung. V&R unipress, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8471-0333-2, S. 60.

Erich, Julius Hoyer, Hans Koch, Peter Kollwitz, Gottfried Laessig und Richard Noll hatten einen Freundschafts- und Liebesbund gebildet, der dazu diente, ein enges Gemeinschaftsgefühl entwickeln zu können. Zumindest Peter Kollwitz hatte sich innerlich stets einsam gefühlt und schon als Kind nicht allein spielen wollen. Seine Freunde begannen teilweise, dessen Mutter Käthe mit „Mutter“ anzusprechen, ein Ausdruck des engen Verhältnisses, das gepflegt wurde.Roswitha Mair: Käthe Kollwitz: Ein Leben gegen jede Konvention. Romanbiografie. Herder, Freiburg 2017, ISBN 978-3-451-81206-4, Kapitel VII. Die Sonnenwende im Juni 1914 feierten Erich, Hans Koch, Peter Kollwitz und Richard Noll mit Blumenkränzen im Haar am Seeufer von Rauchfangswerder bei Köpenick.

In den Sommerferien 1914 fuhren diese vier engen Freunde mit dem Schiff zum Wandern nach Norwegen, wo sie von der Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an das Königreich Serbien und der sich anschließenden des Deutschen Kaiserreiches erfuhren. Dort fassten sie den Plan, als Kriegsfreiwillige in den Ersten Weltkrieg zu ziehen, und brachen ihren Urlaub sofort ab.

mini|hochkant|Käthe Kollwitz, 1913 Käthe Kollwitz, deren Söhne Hans (1892–1971) und Peter die Jugendbewegung als „sehr bedeutsam“ einschätzten, schrieb im Frühjahr 1914 in ihr Tagebuch, es entstehe offenbar „aus der Jugend selbst eine Bewegung“, die mit starkem Pathos daherkommend, eine „Neugeburt der deutschen Jugend“ anstrebe. Damit gab sie eine einfühlsame Charakteristik der Zeitatmosphäre, die treffend mit dem Stichwort „vagierende Religiosität“ umrissen werden kann, als eine im weitesten Sinn religiös motivierte Suche nach Sinnangeboten.Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800–1966, Band 1: Bürgerwelt und starker Staat, C. H. Beck, München 1983, S. 508. Käthe Kollwitz beobachtete in der Altersgruppe ihrer Kinder ausgeprägte idealistische Neigungen, einen Hang hin zum Visionär-Prophetischen und eine ausgesprochene Empfänglichkeit für gefühlvoll-pathetische Aufbruchsformeln.Jutta Bohnke-Kollwitz, Käthe Kollwitz: Die Tagebücher 1989. Siedler Verlag, München 1989, ISBN 978-3-88680-251-7, S. 145f. Sie schwärmte von Erich Krems: „Noch ganz der unverdünnte herrliche Idealismus der ersten Wochen. Mit einem Wiederkommen rechnet er nicht, will er kaum, dann wäre die Gabe verkürzt. Opfer kann man das kaum nennen, ein Opfer setzt Überwindung voraus. Dies ist eben ein strahlendes stolzes Darbieten des Lebens“. Sie war entschlossen, dieser Jugend in die Zukunft zu folgen.Yvonne Schymura: Käthe Kollwitz. Die Liebe, der Krieg und die Kunst. Ch. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69872-9, S. 127, 147, 148, 149, 152.Yury Winterberg, Sonya Winterberg: Kollwitz. Die Biografie. Bertelsmann, Gütersloh 2015. ISBN 978-3-570-10202-2.

Der Vater von Hans Koch war ein hoher Beamter im Preußischen Kriegsministerium, möglicherweise der Wirkliche Geheime Admiralitätsrat Paul F. H. Koch aus Groß-Lichterfelde, der seine Beziehungen spielen lassen musste, um die Freunde nicht nur überhaupt in einem Regiment unterzubringen, sondern auch noch im selben, denn es gab zu dieser Zeit mehr als genug Freiwillige.

mini|hochkant|Erich Krems, Juni 1915