Der Ferrari 250 GT Berlinetta SWB (alternativ: Ferrari 250 GT Berlinetta Passo Corto) ist ein Sportwagen des italienischen Automobilherstellers Ferrari, der von 1959 bis 1962 insgesamt 167-mal gebaut wurde. Das zur Modellfamilie Ferrari 250 gehörende Auto löste den seit 1955 produzierten größeren 250 GT Berlinetta LWB „Tour de France“ ab und war die sportliche Ergänzung der zur gleichen Zeit gebauten Tourenwagen 250 GT Coupé und 250 GT 2+2. Ferrari bot den 250 GT Berlinetta SWB einerseits als wettbewerbstaugliche Versionen Competizione und SEFAC Hot Rod an, die bei internationalen Motorsportveranstaltungen erfolgreich waren, anderseits aber auch als Lusso mit etwas mehr Komfort. Auf der technischen Basis des 250 GT Berlinetta SWB entstanden einige bekannte Sonderversionen, unter ihnen der Rennwagen „Breadvan“, fünf Esperimentale-Modelle von Pininfarina und ein stilistisch herausragendes Einzelstück von Bertone. Der 250 GT Berlinetta SWB gilt als einer der attraktivsten und begehrtesten Sportwagen der frühen 1960er-Jahre. Ein halbes Jahrhundert nach der Produktionseinstellung erreichen einige Exemplare bei Auktionen Preise im zweistelligen Millionenbereich.

Hintergrund mini|Vorgängermodell: Ferrari 250 GT Berlinetta LWB „Tour de France“ Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weitete das Modeneser Unternehmen Ferrari, dessen Anfänge im Rennsport liegen, seine Tätigkeit auf die Herstellung von Straßensportwagen aus. Zunächst entstanden nur Einzelstücke oder Kleinstauflagen. Mit dem 1955 vorgestellten 250 GT Boano/Ellena erreichte Ferrari erstmals niedrige dreistellige Stückzahlen. Das GT-Coupé mit standardisiertem Pininfarina-Aufbau entstand dann von 1958 bis 1960 bereits etwa 350-mal, und der 1960 vorgestellte Viersitzer GT 2+2 kam in 954 Exemplaren auf die Straße. All diese Modelle waren Gran Turismos, bei denen das Hauptaugenmerk auf der Straßentauglichkeit lag. Sie waren zugleich die Grundmodelle der 250-Reihe.

Von Beginn an stellte Ferrari ihnen sportlichere Varianten zur Seite, die gleichermaßen im Straßenverkehr und bei Wettbewerben einsetzbar waren. In der Literatur werden diese Modelle teilweise als Dual Purpose Ferraris (etwa: Mehrzweck-Ferraris) bezeichnet. Hierzu gehörte zunächst der 1952 vorgestellte 250 MM, der 1955 durch den moderneren 250 GT Berlinetta LWB ersetzt wurde. Er hatte noch das Fahrwerk und den Radstand wie die Standard-Coupés. Nach einem Sieg bei der Tour de France für Automobile 1956 erhielt dieses Modell den Beinamen „Tour de France“. 1959 kam der Nachfolger des „Tour de France“ auf den Markt, dessen Radstand nun kürzer war als der der Standardmodelle. Er wird allgemein als 250 GT Berlinetta SWB bezeichnet. Vorher allerdings hatte Ferrari 1959 noch sieben sogenannte Interimsmodelle produziert, die den langen Radstand des LWB, andererseits aber schon die (angepasste) Karosserie des SWB haben.

Ferrari stellte den 250 GT Berlinetta SWB im Oktober 1959 auf dem Pariser Autosalon öffentlich vor. Kurz danach begann die Serienfertigung. Die Autos entstanden bei der Carrozzeria Scaglietti in Modena. Anfänglich gab es nur das als Competizione bezeichnete Wettbewerbsmodell, das ab 1961 von einer nochmals leichteren und zugleich leistungsstärkeren Version abgelöst wurde, die die inoffizielle Bezeichnung 250 GT Berlinetta SWB SEFAC Hot Rod trägt. Den Sportmodellen wurde 1960 eine komfortablere Straßenausführung Lusso zur Seite gestellt. Sie war nötig, um dem Berlinetta SWB im Motorsport die Zulassung als Serienfahrzeug zu ermöglichen. In knapp vier Jahren entstanden, alle Varianten zusammengenommen, 167 Exemplare des 250 GT Berlinetta SWB. Wie viele Fahrzeuge von den einzelnen Varianten hergestellt wurden, ist nicht eindeutig geklärt.

1962 löste der 250 GTO den Berlinetta SWB ab. Ferrari behauptete, der GTO sei eine bloße Weiterentwicklung des Berlinetta SWB; technisch waren aber nahezu alle Details neu. Das offene Parallelmodell zum 250 GT Berlinetta SWB ist der 250 GT California Spyder, der das gleiche Chassis und einen ähnlichen Motor hat.

Nomenklatur Sowohl das von 1955 bis 1959 produzierte Modell mit langem als auch sein von 1959 bis 1962 gebauter Nachfolger mit kurzem Radstand wurden werksseitig nur als 250 GT Berlinetta bezeichnet. In der Ferrari-Szene und in der Literatur hat sich eine Differenzierung beider Baureihen anhand ihres Radstandes durchgesetzt. In Italien wird der erste Berlinetta als passo lungo, der zweite als passo corto bezeichnet. Im internationalen Bereich spricht man dagegen vom 250 GT Berlinetta LWB (für Long Wheelbase = langer Radstand), wenn die 1955 bis 1959 gebaute Version gemeint ist, während der Nachfolger als 250 GT Berlinetta SWB (für Short Wheelbase = kurzer Radstand) bekannt ist. Ferrari selbst nennt das kurze Modell in seinem Internetauftritt 250 GT Berlinetta passo corto.Der Ferrari 250 GT Berlinetta Passo Corto auf der Internetseite Auto.ferrari.com (abgerufen am 13. September 2018).

Beschreibung mini|Technische Basis-Informationen zum Ferrari 250 GT Berlinetta SWB Fahrgestell Das Chassis des 250 GT Berlinetta SWB ist eine Neukonstruktion. Es trägt die Bezeichnung Tipo 593 und besteht aus einem Rohrrahmen, der aus ovalen Stahlrohren zusammengefügt ist. Darauf ist das Rohrskelett der Karosserie aufgesetzt. Der Radstand ist mit 2400 mm um 200 mm kürzer als bei der Berlinetta LWB. Dadurch sind die Autos leichter, wendiger und sportlicher.Brian Laban: Ferrari. Aus dem Englischen von Frauke Watson. Parragon Books, Bath 2006, ISBN 978-1-4054-1409-8, S. 40. Die vorderen Räder sind einzeln an doppelten Dreiecksquerlenkern aufgehängt, mit Schraubenfedern, hydraulischen Teleskopstoßdämpfern von Koni oder Miletto sowie einem Stabilisator. Die Lenkung arbeitet mit Schnecke und Rolle. Hinten hat der Wagen wie bei Ferrari seinerzeit üblich eine an Längslenkern geführte Starrachse mit halbelliptischen längsliegenden Blattfedern und hydraulischen Teleskopstoßdämpfern. Diese Konstruktion haben alle Varianten des SWB.archivierte Website des Herstellers

Motor Im 250 GT Berlinetta SWB ist eine Weiterentwicklung jenes Colombo-Zwölfzylindermotors eingebaut, der seit dem 250 Europa GT von 1953 alle Mitglieder der Ferrari-250-Familie antrieb. Er trägt hier die Bezeichnung Tipo 168. Der V12-Motor hat einen Hubraum von 2953 cm³ (Bohrung × Hub: 73 × 58,8 mm). Der Zylinderbankwinkel beträgt 60 Grad. Jede Zylinderreihe hat eine obenliegende Nockenwelle, die von einer Kette angetrieben wird. Die Zylinder haben jeweils zwei Ventile (Ein- und Auslass). Das Gemisch wird in den ersten Versionen von drei Weber-Doppelvergasern (Typ 36DCL), in den besonders leistungsstarken Ausführungen von sechs Doppelvergasern aufbereitet. Die Verdichtung ist unterschiedlich; sie variiert von 9,1 : 1 bis 9,7 : 1. Die Motorleistung liegt je nach Ausführung zwischen und .Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 201. Die gleiche Konstruktion findet sich auch im Nachfolger Ferrari 250 GTO, dort allerdings mit einer höheren Motorleistung von 302 PS (222 kW).Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 100.

Karosserie mini|Ferrari 250 GT Berlinetta SWB Die Karosserie des 250 GT Berlinetta SWB ist ein Entwurf Pininfarinas. Das Auto ist als zweitüriges Fließheckcoupé mit rundlichen Formen gestaltet. Die ovale Kühleröffnung ist niedrig positioniert, das Kühlergitter zurückversetzt. In ihr sind zwei Zusatzscheinwerfer eingelassen. Die vorderen Kotflügel fallen zu den Türen leicht ab, über den Hinterrädern schließt sich ein auffälliger Hüftschwung an. Der hintere Dachteil ist leicht eingezogen. Die Form der Karosserie änderte sich im Laufe des Produktionszyklus nur wenig. Die ab Mai 1960 produzierten Autos haben schräge Entlüftungsschlitze in den vorderen Kotflügeln. Später wurde der Tankverschluss in den linken hinteren Kotflügel verlegt, und der Kofferraumdeckel erhielt weitere Entlüftungsschlitze. Auch die Form der Seitenfenster änderte sich geringfügig.Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 200.

Die Karosseriehaut bestand bei den Wettbewerbsversionen aus Aluminiumblechen, die Straßenversionen hingegen hatten Stahlkarosserien mit einzelnen Teilen aus Aluminium.

Werksversionen

Competizione mini|250 GT Berlinetta SWB Competizione 1959 und 1960 baute Scaglietti etwa 45 Competizione-Versionen des Berlinetta SWB auf. Die Motorleistung dieser Version beträgt etwa . Die Competizione haben Karosserien aus Aluminiumblechen. Die Innenausstattung ist „spartanisch“ und auf geringes Gewicht ausgelegt. Details wie Stoßstangen fehlen und es gibt Schiebe- statt Kurbelfenster.

SEFAC Hot Rod mini|250 GT Berlinetta SWB SEFAC Hot Rod: Das 1961 von Stirling Moss gefahrene Exemplar (2735GT) 1961 erschien eine weiterentwickelte Version des Competizione. Sie überbrückte die Zeit bis zum Erscheinen des 250 GTO im Jahr 1962. Werksseitig wurden diese Autos als 250 GT Berlinetta SWB Competizione/61 bezeichnet; in der Literatur hat sich allerdings die Bezeichnung SEFAC Hot Rod etabliert,Matthias Braun, Ernst Fischer, Manfred Steinert, Alexander Franc Storz: Ferrari Straßen- und Rennsportwagen seit 1946. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-613-02651-3, S. 203. wobei SEFAC die werksseitig verwendete Abkürzung für „Scuderia Enzo Ferrari Automobili Corsa“ ist.

Gegenüber der ersten Competizione-Generation ist einerseits das Gewicht des Autos reduziert, andererseits haben die Hot-Rod-Versionen einen stärkeren Motor. Die Rohre, aus denen der Rahmen zusammengeschweißt ist, haben eine geringere Wandstärke, außerdem wurde für die Karosseriehaut 1,1 mm dünne Aluminiumbleche verwendet. Die Seitenscheiben und das Heckfenster bestehen aus Kunststoff, im Innenraum gibt es keine Verkleidungen. Der Motor (Tipo 168 Comp./61) war erneut überarbeitet worden. Er hat Testa-Rossa-Zylinderköpfe, und der Durchmesser der Einlassventile ist vergrößert. Einige Motorteile wie die Ventildeckel sind aus Magnesium gefertigt. Die Verdichtung beträgt 9,7 : 1, die Gemischaufbereitung übernehmen sechs Weber-Doppelvergaser (Typ 46DCL3). Die Motorleistung wird mit angegeben. Die SEFAC Hot Rod beschleunigten von 0 auf 100 km/h in fünf Sekunden; auf der Mulsanne-Geraden in Le Mans erreichten sie eine Höchstgeschwindigkeit von fast 260 km/h.Eingehende Beschreibung der SEFAC-Hot-Rod-Versionen auf der Internetseite www.supercars.net (abgerufen am 14. September 2018).

Insgesamt baute Scagiletti 1961 etwa 20 Exemplare des SEFAC Hot Rod. Die einzelnen Autos unterschieden sich in zahlreichen Details voneinander.

Die SEFAC Hot Rod erreichen bei Verkäufen höhere Preise als die früheren Competizione-Modelle. 2010 wurde ein Fahrzeug (Chassisnummer 2845GT) in den USA für 6,1 Mio US-$ verkauft..

Lusso mini|250 GT Berlinetta SWB Lusso 1960 erschien der 250 GT Berlinetta SWB Lusso als „leicht abgemilderte Version des kompromisslosen Sportwagens.“ Die Karosserie der Lusso-Modelle besteht aus Stahlblechen, lediglich die Türen und die Hauben sind aus Aluminium gefertigt. Die Seitenscheiben und das Heckfenster bestehen aus Glas. Auf Wunsch installierte Ferrari Kurbelfenster; erhältlich waren außerdem lederbezogene Sitze. Die meisten Fahrzeuge haben Stoßstangen. Bei einigen sind die vorderen Stoßstangen zweiteilig, bei anderen gehen sie über die gesamte Fahrzeugbreite. Die Lusso-Versionen haben üblicherweise mit etwa eine deutlich geringere Motorleistung die Competizione. Allerdings gab es auch Mischformen. Einzelne Kunden ließen sich in unterschiedlichem Maße leistungsgesteigerte Motoren oder auch Competizione-Triebwerke in die Lusso-Karosserie einbauen.