mini|David Selver, vermutlich um 1890. Quelle: Stadtarchiv Darmstadt David Selver (* 24. Februar 1856 in Chajowa (etwa 15 Kilometer südöstlich von Biaszki); † 12. Mai 1926 in Darmstadt) war ein liberaler Rabbiner, der 1907 im Streit mit der Jüdischen Gemeinde Darmstadt sein Amt aufgeben musste. Sein Neffe Heinrich Selver und seine Tochter Elisabeth unterrichteten vor ihrer jeweiligen Emigration an der Privaten Waldschule Kaliski.

Herkunft und Ausbildung David Selver entstammte der Familie Zelwer aus Kongresspolen.Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver, S. 129 Anders als sein drei Jahre jüngerer Bruder Abraham, dem Vater von Heinrich Selver, wurde David nicht in Biaszki geboren, sondern im 15 Kilometer davon entfernten Ort Chajowa (auch: Chajów). Busemann interpretiert dies als Zeichen dafür, dass zur Zeit von Davids Geburt die Familie des Vaters noch nicht richtig etabliert gewesen sei, da Biaszki später der Wohnsitz der Familie wurde. Über die Eltern von David und Abraham weiß sie allerdings auch nichts zu berichten.Hertha Luise Busemann: Der Schulleiter – Heinrich Selver, S. 132

In dem seiner Dissertation beigefügten Lebenslauf berichtete Selver über seine Ausbildung: Selver gibt hier nicht bekannt, wann er nach Deutschland gekommen ist und wann er seinen ursprünglichen Namen Zelwer latinisiert hat. Auch fehlt ein Hinweis darauf, dass er den Hochschulzugang ohne Reifezeugnis erhalten hat, wie es sich aus seiner Promotionsakte ergibt, und dass er außerdem in den Jahren 1881/1882 Hörer an der Veitel Heine Ephraimschen Lehranstalt gewesen war.David Selver, in: Michael Brocke, Julius Carlebach (Hg.): Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945

Selvers Promotion erfolgte 1885 durch die Philosophische Fakultät der Universität Leipzig, wo seine Zulassung zur Prüfung von dem Sprachwissenschaftler Ernst Windisch beantragt wurde, der als Hauptgutachter für die Dissertation Wilhelm Wundt und Max Heinze vorschlug.Universitätsarchiv Leipzig: Promotionsakte David Selver In Windischs Zulassungsantrag heißt es: „Es fehlt das Maturitätszeugnis, da Cand. das Gymnasium nur bis Secunda besucht hat. Ich habe den Candidaten auf sein Risico angenommen, weil er versichert, fleißig Lateinisch und Griechisch getrieben zu haben, wie hier das Latein seiner Dissertation beweist, weil er bereit ist, sich einem besonderen Examen in Latein zu unterziehen, und weil er großes Zutrauen zu seiner Arbeit hat.“ Selvers Arbeit wurde auf Windischs Vorschlag einstimmig „als Dissertation mit der Censur IIa“ angenommen und der Kandidat zur mündlichen Prüfung zugelassen, die er mit der gleichen Note bestand.

Selver hatte seine Dissertation „Seinem Lehrer Herrn Professor Dr. H. Steinthal“ gewidmet, womit Heymann Steinthal gemeint war, der seit 1872 auch an der HWJ unterrichtete, hauptsächlich aber Professor an der Universität Berlin (heute Humboldt-Universität zu Berlin) war.Der Entwicklungsgang der Leibniz’schen Monadenlehre bis 1695 In dem der Dissertation anhängenden Lebenslauf bedankt er sich bei einer Vielzahl bisheriger Lehrer, besonders aber bei „Herrn Prof. Dr. W. Wundt in Leipzig.“

Aus unbekannten Gründen ging David Selver noch 1885 oder kurz danach nach Göteborg. Brocke/Carlebach wissen nur zu berichten, dass er dort Rektor gewesen sei, während Busemann aus dem von Selver zusammen mit O. L. Löfgren herausgegebenen Lehrbuch schließt, „daß er in Göteborg Deutsch unterrichtet hat“. Unbekannt ist auch, wie lange er sich in Schweden aufgehalten hat, doch legte er 1889 an der HWJ das Rabbinatsexamen ab und startete danach seine Berufslaufbahn in Darmstadt.

Rabbiner in Darmstadt Die Berufung mini|hochkant|Ehemaliges Wohnhaus der Familie Selver in der Landwehrstraße 12 Im Dezember 1889 begann David Selver in Darmstadt als Leiter der Religionsschule und wurde als Rabbinatskandidat Stellvertreter des Rabbiners Julius Landsberger. Landsberger war als „Großherzoglicher Landesrabbiner zu Darmstadt“ und Vorsteher der jüdischen ReformgemeindeTexte zur Geschichte der Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde in Darmstadt auf Alemannia Judaica eine Persönlichkeit, die in Darmstadt eine nahezu 30-jährige Ära geprägt hatte. Welche Gründe dafür ausschlaggebend waren, dass der Gemeindevorstand den relativ unerfahrenen Selver zu Landsbergers Stellvertreter und bereits ein Jahr später, 1890, zu dessen Nachfolger berufen hat, ist nicht überliefert. Allerdings wurde mit dieser Berufung auch ein etwa sechs Jahre währendes Provisorium begründet, wie in einem von einem orthodox-konservativen Gemeindeglied verfassten Artikel in Der Israelit, dem „Centralorgan für das orthodoxe Judentum“, aus dem Jahre 1893 nachzulesen ist: „Wohl keine größere Gemeinde dürfte eine längere interimistische Versehung des Rabbinats haben als Darmstadt; keine Gemeinde auch einen Vorstand, der mit so wenig Energie bei seiner vorgesetzten Behörde auf endgültige Regelung der Verhältnisse, wie sie jetzt in der Gemeinde und in der Provinz liegen, drängt.Die Religions-Gemeinde, das ist die Hauptgemeinde der Residenz, ist seit dem im März 1890 erfolgten Tode des seligen Rabbiner Dr. Landsberger ohne definitiv angestellten Rabbiner, da die Regierung, wie angeblich gesagt wird, bis zur Lösung der Frage über das Verhältnis zwischen Stadt- und Landjudenschaft, ein Definitivum nicht gestattet. Am meisten durch dieses Provisorium hat die Hauptgemeinde Darmstadt zu leiden, und ist es ja gar nicht anzusehen, wann dieses Verhältnis aufhört.“ Selver war zu dem Zeitpunkt auf Lebenszeit bestellter Direktor der Religionsschule und versah auch das Amt des Rabbiners, aber eben ohne großherzogliche Berufung.

Im März 1891 war Selver neben einem evangelischen und einem katholischen Pfarrer auch Mitglied des städtischen Schulvorstandes geworden, und seiner wissenschaftlichen Herkunft blieb er durch die Mitgliedschaft im Verein Mekiȥe Nirdamim treu.„Der 1862 gegründete und noch heute existierende Verein Mekiȥe Nirdamim (Erwecker der Schlummernden) widmete sich der wissenschaftlichen originalsprachlichen Edition seltener, kaum zugänglicher hebräischer Handschriften und Druckwerke sowie dem internationalen Austausch unter jüdischen Gelehrten und Forschern. Sein Sitz folgte dem Lebensmittelpunkt seiner leiltenden Mitglieder vom ostpreußischen Lyck über Berlin nach Frankfurt am Main und Kopenhagen; seit 1934 ist er in Jerusalem beheimatet. Mekiȥe Nirdamim legte bis 1970 über hundert edierte Werke vor; seit seiner Gründung verbindet der Verein die traditionelle jüdische Textorientierung und Gelehrsamkeit mit akademischen Standards und wissenschaftlicher Kommunikation.“ (Mirjam Thulin: Mekiȥe Nirdamim, in: Dan Diner (Hg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Band 4: Ly – Po, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, 2013, ISBN 978-3-476-02504-3, S. 114) mini|hochkant|Gedenkstein für die jüdischen Gefallenen im Ersten Weltkrieg auf dem Jüdischen Friedhof in Darmstadt, Seekatzstr. Auf der Gedenktafel ist auch Paul Selvers Name eingraviert. Ebenfalls im Jahre 1891 heiratete David Selver Amalie Neustein (* 27. August 1867 in Nürnberg – † 17. Mai 1948 in Rugby (Warwickshire). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: der am 10. Januar 1893 geborene Paul Friedrich, gefallen im Ersten Weltkrieg,Laut Eckhart G. Franz war er einer von 34 gefallenen jüdischen Kriegsteilnehmern aus Darmstadt. (Eckhart G. Franz (Hg.): Juden als Darmstädter Bürger, S. 106). Auf dem Gedenkstein für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden sind aber nur die Namen 28 Personen aufgeführt. Im Historischen Melderegister der Stadt Darmstadt ist unter dem Eintrag für David Selver als Todesdatum für Paul Friedrich Selver der 27. Mai 1915 eingetragen. und die eingangs bereits erwähnte Tochter Elisabeth (1895–1991), später verheiratete Paul. Das Paar, und später die junge Familie, wohnte zunächst unter unterschiedlichen Darmstädter Adressen zur Miete, bevor sie ab 1908 eine Wohnung in dem von ihnen erbauten und heute noch bestehenden Haus in der Landwehrstraße 12 bezogen.Stadtarchiv Darmstadt: Historische Melderegister; Amtsgericht Darmstadt: Grundbuchakte zu Band 26, Blatt 1251 des Gundbbuches von Darmstadt, Bezirk III (Haus Landwehrstrasse 12 in Darmstadt) Die Grundstücke, auf denen das Haus errichtet wurde, waren um 1900 von Amalie Selvers Vater, Heinz Neuenstein, erworben worden und wurden nach dessen Tod seiner Tochter vererbt.Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: Entschädigungsakte Amalie Selver, Reg.-Nr. D/00804 /95(A), Bestand 518, Nr. 27881. Zum Schicksal des Hauses während der Zeit des Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit siehe: Elisabeth Paul#Vermögensverwaltung und Enteignung

Auf dem Weg zur Spaltung der Jüdischen Gemeinde Es gibt keine Überlieferungen von David Selver, die Aufschluss über sein Religions- und Amtsverständnis geben könnten. Busemann bezeichnet ihn als einen „kulturell assimilierten Juden“ (was sie schon durch die Vornamenswahl für seine beiden Kinder bestätigt sieht) und als eine „Bedeutende Figur im kulturellen Leben Darmstadts. Mit Karl Wolfskehl, dem expressionistischen Dichter und Mitglied des Kreises um Stefan George, war er befreundet.“ Und auch einer der wenigen Hinweise in dem von Eckhart G. Franz herausgegebenen Buch Juden als Darmstädter Bürger bezieht sich auf die Nähe Selvers zur Familie Wolfskehl: „Ein enger Vertrauter der Familie, der Rabbiner der liberal-jüdischen Gemeinde David Selver, war der erste Kritiker des mit summa cum laude ausgezeichneten Doktors und Jungschriftstellers … Was Ihre Darstellung betrifft: Ihre Ausdrücke und Begriffsbezeichnungen sind immer sachlich und trefflich, verrathen geschultes Denken. Dabei sind Satzbau und Übergänge etc. gerade elegant. Ihre Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Kultus und Mythos waren für mich besonders interessant …“Eckhart G. Franz (Hg.): Juden als Darmstädter Bürger, S. 254 Zu dem Freundeskreis, in den später auch seine Tochter Elisabeth einbezogen war, zählte unter anderem auch Friedrich Gundolf und der Dirigent Willem de Haan. Zum Tode von Heinrich Blumenthal hielt er 1901 die Grabrede,Eckhart G. Franz (Hg.): Juden als Darmstädter Bürger, S. 239 dem im Dezember 1910 verstorbenen Sigmund Gundelfinger widmete er Anfang 1911 einen Nachruf.