mini|Die Magdalenenkapelle vor dem Schlossberg Die St.-Magdalenen-Kapelle ist eine 1586 auf älteren Fundamenten erbaute Kapelle für die Bewohner des ehemaligen Leprosenhauses in Staufen im Breisgau, Krozinger Straße 1 a. Eine Besichtigung ist nur nach Anmeldung möglich.

Gute Leute Die Lepra ist eine Infektionskrankheit, durch die die Haut verändert wird und das Gesicht und andere Körperteile völlig zersetzt werden können. Die Infektionsursache mangelnder Hygiene, Unterernährung und eines geschwächten Immunsystems war im Mittelalter unbekannt. Eine Behandlung war bis zur Entdeckung des Erregers 1873 durch den norwegischen Arzt Armauer Hansen nicht möglich. Diese Tatsache und das abstoßende Äußere der Erkrankten führten dazu, dass man sie von Gesunden absonderte und, obgleich sie eigentlich nur schwach ansteckend waren, in Einrichtungen außerhalb der Städte verlegte: Sie wurden zu Aussätzigen. Auch als Miselsucht wurde ihre Krankheit benannt, ihre Behausungen als Misel-, (Sonder)Siechen- oder Gutleuthaus, wobei die Herkunft dieses Wortes unklar ist.Martin, Seite 2 Die Bezeichnung „Lepra“ und damit die Benennung als „Leprosorium“ kam erst Mitte des 18. Jahrhunderts auf. mini|Die Magdalenenkapelle (rechts) mit dem Rinderlehof Geschichte des Leprosenhauses Das Leprosenhaus in Staufen zählt zu den ältesten Gründungen in Baden, wenn auch kein genaues Datum bekannt ist. Aus dem frühen 14. Jahrhundert liegen zwei Erwähnungen vor.Martin, Seite 2 Genannt wird auch das 13. Jahrhundert,Jürgen Belker-van den Heuvel: Dokumentation: Mittelalterliche Leprosenhäuser im heutigen Baden-Württemberg, in: „Die Klapper“, Münster 2003/04 weil anzunehmen sei, dass die Herren von Staufen sich nicht darauf beschränkt haben können, um 1220Hecht, Der Siechen Wandel, Seite 17 dem Lazarus-Orden in dem kleinen Dorf Schlatt ein Gebäude zur Begründung eines Lazaritenhauses zu schenken.Hugard: Gutleuthaus, Seite 22 mini|Aussätziger mit Warnklapper, Stich aus dem 16. Jahrhundert Die Gutleuthäuser standen zumeist dort, wo sich Landstraßen trafen, wie hier die von Staufen nach Krozingen einerseits und nach Kirchhofen andererseits, um den Aussätzigen das Betteln zu ermöglichen. Dabei mussten sie durch eine Warnklapper auf sich aufmerksam machen, Fremde durch einen Stock von sich fernhalten und einen Sack zur Entgegennahme der Almosen benutzen. Besonders ärmere Häuser waren auf diese Einnahmen angewiesen, wenn zumeist auch Stiftungen oder Pfründen den Unterhalt sicherten. In Staufen war schon 1522 ein bedeutendes Vermögen vorhanden, woraus auch auf ein hohes Alter der Stiftung geschlossen werden kann. Zu dieser Zeit kam es aufgrund einer neuen Lepraepidemie zu mehreren neuen Stiftungen.Hugard, wie vor Aus dem Jahr 1576 hat sich auch eine Hausordnung erhalten, die auf der des Leprosoriums „Siechen am Felde“ bei Freiburg beruhte. Danach war die Vermögensverwaltung des Hauses einem Gutleutpfleger übertragen, der auch zusammen mit einer Magd den Haushalt der Kranken führte und die Ordnung im Haus aufrechterhalten musste.Hugard: Gutleuthaus, Seite 23 f.

Um 1600 war das Gutleuthaus – möglicherweise durch einen Brand – unbewohnbar, sodass die Sondersiechen einige Wochen lang in der Kapelle schlafen mussten.Schöttler Im Dreißigjährigen Krieg wurde es niedergebrannt. Weil es nur noch für wenige Familien benötigt wurde, wurde es nur in kleinerer Form wieder aufgebaut. Ab 1720 stand es leer; lediglich Mitte des 18. Jahrhunderts musste es noch einmal kurzzeitig für drei an Lepra erkrankte Personen bewohnbar gemacht werden. Sie waren die letzten Aussätzigen, die nach ihrem Tod 1756/58 auf dem Gutleutgottesacker neben der Kapelle begraben wurden.Hugard: Gutleuthaus, Seite 25 f. 1756 wurde er auch für den wegen Unterschlagung enthaupteten Kupferschmied Joseph Kauffmann verwendet, den man auf dem bürgerlichen Friedhof nicht dulden mochte, nach der Ortsüberlieferung ein Onkel der Malerin Angelika Kauffmann.Hugard: Die letzten Leprosen, 22. Januar 1910

Von dieser Zeit an blieb das Gutleuthaus unbewohnt. Der Vorschlag der vorderösterreichischen Regierung, es in eine Spinnerei umzuwandeln, erwies sich als undurchführbar. So wurde es 1786 im Wege der Versteigerung an den Erblehenbauer Josef Rinderle verkauft, der es abriss und auf dem Fundament ein Wohnhaus errichteteSchöttler; 2018 befindet sich dort der Bauhof der Stadt Staufen.

Geschichte der Magdalenenkapelle Ursprüngliche Kapelle und Neubau 1586 Der Besuch der Stadt war den Leprosen nicht völlig verboten. So durften sie, gekennzeichnet durch ihren Stab, am Gottesdienst teilnehmen. Den Verstorbenen aber stand der städtische Friedhof nicht zur Verfügung, sie wurden auf einem eigenen Friedhof beim Gutleuthaus beerdigt. Zu diesem gehörte schon vor dem Dreißigjährigen Krieg die 1353 erstmals als Krozinger Filialkirche erwähnte Gotthardkapelle.Hugard: Gutleuthaus, Seite 27 Wegen der großen Entfernung und der Lage am Berg war sie jedoch kaum als Friedhofskapelle geeignet. Deshalb befand sich dort eine zweite Kapelle, über deren Alter nichts bekannt ist. In den 1580er-Jahren war sie jedenfalls so baufällig, dass auf dem alten Grundriss ein fast völliger Neubau erfolgte, bei dem ihre Fundamente bis zu einer Höhe von etwa einem Meter erhalten blieben.Hesselbacher, Seite 42; Martin, Seite 4 f. Das Datum der Fertigstellung ist auf dem Türbogen mit 1586 angegeben. Die Kapelle hat einen geosteten, rechteckigen Grundriss von 9,10 × 5,84 Meter.

Barocke Umgestaltung 1721–1738 Das steile Giebeldach mit einem liegenden Stuhl in drei Querachsen wurde ausweislich einer dendrochronologischen Untersuchung aus dem Jahr 1995 allerdings erst 1721 errichtet.Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Datenbank Bauforschung/Restaurierung: Magdalenenkapelle online Im Zuge der anschließenden barocken Umgestaltung erhielt der Innenraum eine Gipsdecke mit RahmenstuckHesselbacher, Seite 44 und die beiden Seitenfenster wurden vergrößert.Martin, Seite 5 Über das Alter des gekuppelten gotischen Fensters hinter dem Altar finden sich keine Angaben. Anschließend wurde die Kapelle neu ausgemalt, wobei eine ältere Bemalung der Wände durch ein vielfarbiges, ornamentales Blattwerk überdeckt wurde.Hecht: Leprosenkapelle, Seite 42 Anlässlich dieser umfassenden Renovierung wurde dem Gebäude auch eine kleine, mit einem Korbbogen im Stil der Zeit überwölbte Eingangshalle vorgesetzt. „Wohltuend gliedert sie die Kapellenfassade und verleiht ihr Dynamik.“Martin, Seite 5 1738 waren die Arbeiten abgeschlossen, sodass der Konstanzer Weihbischof Franz Johann Anton von Sirgenstein am 14. August den Altar und die Kapelle neu weihen konnte.Hesselbacher, Seite 42

Entwidmung 1827 Nach der Aufgabe des Gutleuthauses 1786 wurde die Kapelle nicht mehr benötigt. Sie wurde profaniert und 1827 ebenfalls an Josef Rinderle verkauft, der 1804 auch bereits den Friedhof zur Gartennutzung erworben hatte. In der Folgezeit diente sie als Waschhaus und Schnapsbrennerei. Dazu wurde an Stelle des Altars ein Brennofen mit einem großen Rauchfang eingebaut, nachdem das gotische Doppelfenster an der Ostwand zugemauert worden war.

mini|Die Westwand mit dem Eingangsportal Restaurierung um 1960 und Neuweihe Eckart Ulmann (1914–1996), Bürgermeister von 1946 bis 1969, entdeckte 1955 in dem inzwischen nur noch als Lagerraum genutzten Gebäude Malereien unter dem mit einer fetten Rußschicht überzogenen Putz. Die daraufhin eingeschaltete Restauratorin Adelheid Ueberwasser (gestorben 1998) bestätigte in einem Gutachten vom 19. April 1955: „Unter einer einmaligen dick aufgetragenen Putzschicht, die die Wände egalisieren sollte, liegen dicht aufeinander zwei Bildschichten, wovon die tiefer gelegene ältere, recht gut erhalten geblieben ist, während die obere, jüngere mit der deckenden Mörtelschicht so sehr verbunden ist, daß sie unweigerlich mit ihr fällt. Eine Rettung der zweiten Malereien wird also nicht möglich sein.“ Sie ergänzte: „An der Chorwand der Kapelle hätte sich wahrscheinlich das Schönste an Malerei gefunden. Durch die Verbauung des riesigen Rauchfangs ist aber fast alles zerstört.“Hecht: Leprosenkapelle, Seite 42

Während danach von der barocken Ausmalung aus der Renovierung von 1721–1738 nur wenig zu retten war, war es möglich, die älteren Gemälde teilweise wiederherzustellen. Sie stammen „vermutlich aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg“, hatte die Restauratorin in ihrem Gutachten ausgeführt. Mit Unterstützung der Familie Rinderle, der Stadt Staufen, des damaligen Landkreises Müllheim und vor allem des damaligen Staatlichen Amtes für Denkmalpflege in Südbaden unter ihrem Leiter Martin Hesselbacher (1908–1983), sowie in Abstimmung mit dem Dekan Johann Georg Schmutz (1908–2002), konnte sie die Arbeiten um 1960 zusammen mit ihrem Mann Jürgen Brodwolf,Schöttler; Martin, Seite 8 den sie 1956 geheiratet hatte, und Karlheinz SchererHecht: Leprosenkapelle, Seite 75 ausführen.

Zunächst waren die Wände durch den Einbau von Luftrohren auszutrocknen. Der tragende Mörtelgrund wurde durch Injektionen und Untergießungen wieder fest mit der Mauer verbunden. Lose Farbteilchen wurden mit Zelluloseleim gespritzt und wieder an den Mörtel gedrückt. Da vor dem Aufbringen des barocken Putzes die Wände aufgepickelt worden waren, um ein besseres Haften auf dem vorhandenen Grund zu ermöglichen, waren alle Bild- und Wandteile mit Schlaglöchern übersät, die ausgeflickt werden mussten.Hesselbacher, Seite 43 f.

Das zugemauerte Doppelfenster wurde wieder geöffnet, sodass auch an der Ostwand die vorgefundenen Malereien soweit möglich wieder sichtbar gemacht werden konnten. Die baufällige Vorhalle der Kapelle musste nach den Befunden fast vollständig neu aufgemauert werden.

Nachdem auch wieder ein Altar aufgestellt worden war, konnte die Kapelle am 23. Juli 1961 durch den Dekan Johann Georg Schmutz wieder geweiht werden.

mini|Die Ostwand der Kapelle Restaurierung Ende der 1990er-Jahre 1996 befand sich die Kapelle wieder in einem schlechten Zustand, der auf Mangel an Betreuung, aber vor allem darauf zurückzuführen war, dass ihr Mauerwerk schon seit ihrer Erbauung unter drückendem Wasser vom Schlossberg zu leiden hatte. Für die erforderliche Instandsetzung verkauften sie deshalb die Nachfolger des Josef Rinderle an den 1977 gegründeten „Arbeitskreis Staufener Stadtbild e. V.“, der sich nach seiner Satzung „das Erhalten der spezifischen Ortsbilder und von schätzenswerten Bauwerken, Ensembles, Baugruppen und Straßenräumen“ zum Ziel gesetzt hat.

Großzügige Spenden und wiederum ein Zuschuss des Landesamtes für Denkmalpflege ermöglichten es, die bis auf die halbe Höhe der Wand zugeschwemmte Ostseite der Kapelle freizulegen, wobei eine bis dahin unbekannte mittelalterliche Stützmauer zum Vorschein kam. Außerdem stieß man auf menschliche Skelettreste, die aber nicht datiert werden konnten. Nach Anlegung einer Drainage wurden an den Innen- und Außenwänden der Zement- durch einen Kalkputz ersetzt, die Fenster erneuert, das Dach saniert und die Wandmalereien nochmals stabilisiert. Besonders aufwendig war die Sanierung des der Witterung ausgesetzten Gemäldes über dem Eingangsportal. Zum Abschluss der Arbeiten erfolgte am 23. Juli 1999 eine erneute Weihe der Kapelle.Martin, Seite 10 f.; Arbeitskreis Staufener Stadtbild e. V. im Anschluss an Schöttler

mini|Das Gemälde über dem Eingang; auf dem Türbogen das Baudatum 1586 der Kapelle mini|Der Magdalenenaltar, heute in der Staufener St.-Gotthard-Kapelle, mit dem Wappen der 1602 erloschenen Herren von Staufen Maria Magdalena Die Kapelle war von alters her an Maria Magdalena geweiht. „Am St. Maria-Magdalenatag“, dem 22. Juli, hatten die Leprosen „für ihre Kapelle beim Gutleuthaus Kirchweihfest; es fand daselbst Gottesdienst statt und mittags wurden sie vom Gutleutpfleger und der Bürgerschaft festlich bewirtet.“Hugard: Gutleuthaus, Seite 24