alt=Porzescharte|mini|Blick ins Cadore, mit Stromleitung Der Anschlag an der Porzescharte war ein terroristischer Anschlag am 25. Juni 1967, bei dem auf der Porzescharte, an der Grenze zwischen Tirol (Österreich) und dem Cadore (Provinz Belluno, Italien), vier italienische Soldaten durch eine Explosion ums Leben kamen. Die Urheberschaft des nicht aufgeklärten Anschlags ist umstritten. Nach offiziellen italienischen Angaben wurden sie durch Minen getötet, die von Mitgliedern des Befreiungsausschusses Südtirol gelegt wurden.Hans Karl Peterlini: Südtiroler Bombenjahre. Von Blut und Tränen zum Happy End? Bozen 2005, S. 308 ff. Dieser Darstellung widersprach hingegen der Historiker und Bundesheer-Oberst Hubert Speckner und stellte infrage, ob die italienischen Soldaten überhaupt bzw. alle im Bereich Porzescharte getötet wurden.Hubert Speckner: Zwischen Porze und Roßkarspitz. passim; speziell S. 214 ff., 295 ff., 339 ff. Siehe weiters: Hubert Speckner: Von der „Feuernacht“ zur „Porzescharte“. S. 384 ff. (mit zusätzlichen Dokumenten und neuen Erkenntnissen gegenüber dem vorhergenannten Buch) Der Historiker Michael Gehler bewertete den Vorfall als „äußerst hinterhältigen Anschlag“.Michael Gehler: Österreichs Außenpolitik der Zweiten Republik. Von der alliierten Besatzung bis zum Europa des 21. Jahrhunderts (= Band 1). Studien Verlag, Innsbruck 2005, ISBN 978-3-7065-4876-2, S. 338.

Der Südtirol-Konflikt und seine Entwicklung, 1963/64 Im Zuge der politischen und völkerrechtlichen Auseinandersetzungen um die Zukunft Südtirols, eine überwiegend von deutschsprachigen Tirolern besiedelte Region im heutigen Norditalien, kam es ab 1961 zu einer gewalttätigen Eskalation. Im Ringen um die Durchsetzung von Selbstbestimmung, Autonomie und dem ethnischen ÜberlebenHans Karl Peterlini: Südtiroler Bombenjahre. S. 7 ff., 11 ff., 21 ff., kam es von Südtiroler Seite aus ab 1961 zu zahlreichen Sprengstoffanschlägen. Die gewaltsame Auseinandersetzung, die zunehmend Guerillakrieg-artige Züge trug, war auch durch den stetig ansteigenden massiven Einsatz von GeheimdienstenSiegfried Steger, Militär und zum Teil Polizeigewalt durch die italienische Regierung gekennzeichnet.

Diplomatische Bemühungen der im Südtirol-Konflikt involvierten Mächte, Italien und Österreich, sowie der Regierungen von Südtirol und Nordtirol, hatten das Problem nicht entschärfen können. Häufig wurden Lösungsansätze verschleppt, da Italien nicht bereit war, von seinen Machtansprüchen sowie einer weiteren Assimilierung der Südtiroler Bevölkerung abzugehen.Hans Karl Peterlini: Südtiroler Bombenjahre. S. 204 ff, 219 ff., 231 ff., 245 ff. Zusätzlich wurden mit falschen Informationen Untergangsängste geschürt und die Unterwanderung der deutschen Sprachgruppe prognostiziert. Dass man bei der Zuwanderung von Italienern nach 1945 von falschen Zahlen ausgegangen war, interessierte damals kaum jemanden. Es schuf vielmehr die Basis für Aktivisten und Sympathisanten nördlich und südlich des Brenners, die sich mit zunehmender Eskalation radikalisierten und insbesondere nördlich des Brenners von rechtsextremer Seite unterwandert wurden.Leopold Steurer: Südtirol und der Rechtsextremismus: Über „Urangst“-Politik, Geschichtsrevisionismus und rechte Seilschaften. S. 117–122Leopold Steurer: Propaganda im „Befreiungskampf“. S. 386–388

Eskalation ab 1963 Nach zahlreichen Anschlägen und Feuerüberfällen von Südtirolern fand 1963 im Trentino ein Prozess gegen jene Carabinieri statt, die der Folter an Südtirolern nach der „Feuernacht“ von 1961 beschuldigt waren.Sepp Mitterhofer / Günter Obwegs: „…Es blieb kein andrer Weg…“. S. 65 ff, 107 ff., 143 ff., 161 ff., 301 ff. Birgit Mosser-Schuöcker: „Das vergißt man nie“. S. 91 ff., 111 ff. Otto Scrinzi (Hrsg.): Chronik. S. 337 f. Die umstrittenen Freisprüche dieser Carabinieri sowie eine Verhaftungswelle unter Südtirolern und die zahlreiche Schuldsprüche im 1. Mailänder Prozess gegen Südtirol-Aktivisten (Urteilsverkündung am 16. Juli 1964, mit teilweise langjährigen HaftstrafenOtto Scrinzi: Chronik. S. 361 ff., 378 ff., 387 ff.), führte zu einer Intensivierung der Attentate.

Das Jahr 1964 brachte etliche Tote. Der Carabiniere Vittorio Tiralongo wurde in Mühlwald im Pustertal unter bis heute nicht geklärten Umständen erschossen.Budroni: In: Mosser-Schuöcker: „Das vergißt man nie…“. S. 115 ff. Kurz danach starb der Südtirol-Aktivist Luis Amplatz auf der Brunner Mahder-Alm bei Saltaus durch die Hand des italienischen Agenten Christian Kerbler.Zahlreiche Hinweise, u. a. bei Otto Scrinzi (Hrsg.): Chronik. S. 359 ff., 398 ff., 413 ff. Der Mitstreiter von Amplatz, Georg Klotz, konnte sich trotz schwerer Verwundung durch die Hilfe der Südtiroler Landbevölkerung nach Österreich durchschlagen.Eva Klotz: Georg Klotz. Bozen 2010, S. 118 ff.

Eine angeblich durch das Gladio-Netzwerk beeinflusste Aktion des italienischen Militärs, die eine Ausschaltung der Südtiroler Aktivisten-Gruppe der „Pusterer Buam“ (Pustertaler Buben) bewirken sollteHinweise bei Speckner: Feuernacht. S. 217 ff . Otto Scrinzi (Hrsg.): Chronik. S. 418 ff., endete mit Großrazzien, mit einem militärischen Fehlschlag für Italien und mit zahllosen Übergriffen gegen die militärisch nicht beteiligte Zivilbevölkerung im Weiler Tesselberg am 10. September 1964. Bei der letzten Razzia wurde nur durch das Eingreifen eines italienischen Offiziers eine geplante Serie von Tötungen an Südtirolern verhindert.Otto Scrinzi: Chronik. S. 421 ff. Die Jahre 1965 und 1966 brachten weitere Gefechte, Anschläge, Verhaftungen und Tote.Hubert Speckner: Feuernacht. S. 230–339

Zunehmende geheimdienstliche und rechtsextremistische Aktivitäten In der Folge weitete sich der Kampf auch auf geheimdienstliche und rechtsextremistischer Ebene aus. Aktionen von beiden Seiten umfassten Provokationen, Unterwanderung, Spitzeltätigkeiten, medienbezogene Enthüllungen, Verhaftungen, versuchte Entführungen, Tötungsversuche und Tötungen.Hubert Speckner: Feuernacht. S. 179 ff. Von italienischer Seite wurde mit Erfolg versucht, eigene Aktionen als feindliche auszugeben. In starkem Maße wurden italienische, österreichische und viele weitere europäische Medien propagandistisch für den Meinungskampf genutzt, was den Südtirolern wegen fehlender Netzwerke und mangelnder politischer Unterstützung nicht annähernd gelang. Südtirol wurde nach Leopold Steurer endgültig zum Schauplatz der Auseinandersetzung des von politisch-militärischen Kräften inszenierten „Staatsterrors“ Italiens einerseits und des vom radikalisierten Umfeld pangermanistischer und rechtsextremistischer Kreise in Österreich und Deutschland angestachelten Terrors andererseits.Leopold Steurer: Propaganda im „Befreiungskampf“. S. 398

Porzescharte, Juni 1967 Am 25. Juni 1967 kam es schließlich zu einer weiteren Eskalation, nachdem 1965/66 bereits mehrere Carabinieri und Finanzieri (Finanzpolizisten) erschossen oder durch Explosionen von Sprengfallen getötet worden waren. Italienischen Untersuchungen und Aussagen italienischer Offizieller zufolge, ist heute davon auszugehen, dass diese Gewalttaten von italienischen Kräften genutzt wurden, um die eigenen politischen Zwecke zu fördern.Vgl. als Beispiel: Otto Scrinzi: Chronik. S. 250, 403 ff.

Nach den bis heute unklaren Berichten stiegen am 24. Juni 1967 die Südtirol-Aktivisten und Gründungsmitglieder der österreichischen NDP Peter Kienesberger, Erhard Hartung sowie der österreichische Bundesheerangehörige Egon Kufner aus dem Obertilliacher Tal (Dorfer Tal) in Gegend der Klapfalm, ungefähr in Gegend der heutigen Almhütte am Klapfsee, zum Unteren Rosskar auf.Leopold Steurer: Südtirol und der Rechtsextremismus: Über „Urangst“-Politik, Geschichtsrevisionismus und rechte Seilschaften. S. 122–123 Was dann geschah, ist bis heute in manchen Details ungeklärt.

Angeblich wollten sie hier einen verwundeten Aktivisten aus Südtirol über diese Route evakuieren. Das war Jahre danach die Haupt-Verteidigungslinie im Wiener Porzescharte-Prozess, wurde jedoch später von Kienesberger gegenüber dem Geschichtsforscher Hubert Speckner bestritten.Hubert Speckner: Zwischen Porze und Roßkarspitz. S. 248 ff. (offizielle, vor Gericht behauptete Version); S. 306 f. (neue Version; Gespräch Hubert Speckner mit Peter Kienesberger und Erhard Hartung am 6. November 2012)

Von italienischer Seite wird bis heute gesagt, die Südtirol-Aktivisten seien von der Klapfalm auf die Porzescharte gestiegen, auf die Cadore-Seite übergewechselt und hätten dort in sehr kurzer Zeit zwei Minen als Sprengfallen verlegt sowie einen, direkt auf der Staatsgrenze befindlichen, Masten mit Sprengstoff, Uhr und Zünder versehen. Besagter Mast 119 der Linie Lienz – Pelos bzw. Lienz – Soverzène wurde wenige Stunden später bei einer Explosion schwer beschädigt. Die heutige Analyse lässt laut Speckner erhebliche Diskrepanzen zwischen der offiziell vertretenen italienischen Behauptung und der durch diverse Weg/Zeit-Analysen belegbaren nachträglichen Einschätzung erkennen.Hubert Speckner: Zwischen Porze und Roßkarspitz. S. 295 ff.

Laut amtlicher Darstellung der Republik Italien sei am 25. Juni 1967 im Rahmen der Aufklärung der Untersuchung der Sprengung des Masten 119 der Alpino (Gebirgsjäger) der italienischen Armee (Bataillon „Val Cismon“) Armando Piva auf eine Mine getreten. Dies führte zu seiner schweren Verwundung und bald darauf zu seinem Tod.Hubert Speckner: Zwischen Porze und Roßkarspitz. S. 25, 36 ff., 110 ff., 221 ff., 258 ff., 283 ff., 300 ff. Infolgedessen wurde eine vierköpfige Patrouille der italienischen Anti-Terror-Einheit eingesetzt, die aus Offizieren und Unteroffizieren des „Fallschirmjäger-Carabinieri-Bataillon“ und des „Fallschirmjäger-Saboteur-Bataillon“ bestand.Hubert Speckner: Zwischen Porze und Roßkarspitz. S. 25, 37 ff., 57 ff., 112 ff., 165 ff., 187 ff., 210, 216, 222 ff., 257 ff., 282 ff. (und viele weitere Stellen, siehe Namensverzeichnis)

Laut der italienischen Erklärung wurden drei Mitglieder der italienischen Spezialeinheit bei einer Explosion getötet, weil einer der Fallschirmjäger auf eine zweite Mine getreten war. Zwei italienische Offiziere (Hauptmann Francesco Gentile und Leutnant Mario di Lecce) wurden 40 bzw. 50 m weit weg – südlich hangabwärts – geschleudert, und die Unteroffiziere Olivo Dordi und Marcello Fagnani wurden direkt neben dem Minenkrater Nr. 2 Opfer, wobei Fagnani als einziger das Attentat schwer verletzt überlebte.Hubert Speckner: Zwischen Porze und Roßkarspitz. S. 25, 38, 40, 57 ff., 112 ff., 165 ff., 222 ff., 257 ff, 282 ff. (und viele weitere Stellen, siehe Namensverzeichnis)

Als politische Folge des Anschlags kam es zu einer schweren Krise zwischen Italien und Österreich; laut Außenminister Lujo Tončić-Sorinj erreichten die Beziehungen zwischen Wien und Rom den tiefsten Punkt seit 1945.Michael Gehler: Österreichs Außenpolitik der Zweiten Republik. Von der alliierten Besatzung bis zum Europa des 21. Jahrhunderts (= Band 1). Studien Verlag, Innsbruck 2005, ISBN 978-3-7065-4876-2, S. 338.

Urteile In erster Instanz wurden die mutmaßlichen drei Attentäter im (vierten) Wiener Prozess im Dezember 1968 zu Haftstrafen verurteilt:

Peter Kienesberger erhielt 8 Jahre Haft (mit einem vierteljährlichen Fasttag), Erhard Hartung erhielt 1 Jahr Haft (mit einem vierteljährlichen Fasttag), Egon Kufner erhielt 1 Jahr Haft (mit einem vierteljährlichen Fasttag).Hubert Speckner: Zwischen Porze und Roßkarspitz. S. 238 f. Alle drei Verurteilten mussten symbolisch einen Schilling an die Hinterbliebenen der Opfer zahlen.