mini|Coleman Hawkins, Foto William P. Gottlieb, 1946 The Savory Collection 1935–1940 ist ein Kompilationsalbum mit Aufnahmen u. a. von Count Basie, Coleman Hawkins, John Kirby, Lester Young, Lionel Hampton, Fats Waller und Teddy Wilson, die zwischen 1935 und 1940 entstanden sind. Der Toningenieur William Savory nutzte professionelles Equipment, um zwischen 1935 und 1941 zu privaten Zwecken Jazzkonzerte und Rundfunksendungen mitzuschneiden. Nach der Entdeckung der Savory-Sammlung in dessen Nachlass wurde sie 2010 vom National Jazz Museum in Harlem erworben. Veröffentlicht ab 2016 zunächst in Einzelausgaben, erschien 2018 eine sechs CDs umfassende Kompilation bei Mosaic Records.The Savory Collection 1935–1940 bei Mosaic Records
Hintergrund Das Material der Kompilation stammt aus der persönlichen Sammlung des nebenberuflichen Tonmeisters William Alcott Savory (1916–2004), der in New York im Hauptberuf Radiosendungen transkribierte. In seiner Freizeit besuchte er die Jazzclubs New Yorks und anderer Städte wie Boston, Asbury Park und Chicago, um Auftritte bekannter Swingmusiker mitzuschneiden. Er nahm auch Rundfunkmitschnitte aus dem Jazzclubs Café Society, Famous Door, Panther Room, Onyx Club und dem Savoy Ballroom auf, außerdem Mitschnitte von Rundfunkprogrammen von WNEW, CBS and NBC mit Jazzstars der Zeit. Die (in der vorliegenden Edition) insgesamt 108 Titel umfassende Sammlung blieb über siebzig Jahre der Öffentlichkeit verborgen. So umfasst The Savory Collection 13 Titel des John Kirby Sextetts mit Buster Bailey, Charlie Shavers, Russell Procope, Billy Kyle und O’Neill Spencer; Aufnahmen von Chick Webb, Ella Fitzgerald und Roy Eldridge als Gaststars der CBS Rundfunksendung The Saturday Night Swing Club; Solo-Improvisationen des Pianisten Joe Sullivan bei einer privaten Party; eine bislang unbekannte Liveversion des Jazzklassikers „Body and Soul“ von Coleman Hawkins, aufgenommen im Club Fiesta Danceteria in der 42nd Street sieben Monate nach dessen legendärer Einspielung von 1939; Live-Mitschnitte des Count Basie Orchestra mit Lester Young und Herschel Evans; Mitschnitte der Rundfunksendung Martin Block Jam Sessions vom Sender WNEW; zu hören sind Lionel Hampton und Herschel Evans, der einen Monat später starb, Joe Marsala u. a. mit Bobby Hackett und Joe Bushkin, mit Jack Teagarden als Solist mit „Jeepers Creepers“; eine Jamsession von Fats Waller mit Teagarden, Pee Wee Russell, Eddie Condon, Bud Freeman und Charlie Shavers; ferner das Glenn Miller Orchestra mit seinem Hit Tuxedo Junction, einen Tag vor der Studioaufnahme für Bluebird Records; Mitschnitte vom Randall’s Island Jazz Festival vom Mai 1938 mit vier Titeln von Count Basie und einem weiteren von Stuff Smith.
Nachdem Savory 2004 gestorben war, entdeckte sein Sohn Eugene Desavouret die Schellack- und Aluminium-Platten im Nachlass seines Vaters – insgesamt 975 Schallplatten. Die Mitschnitte Savorys wurden 2010 an das National Jazz Museum in Harlem übergeben und daraufhin von Scott Wenzel von Mosaic Records gemeinsam mit dem Jazzhistoriker Loren Schoenberg, dem Leiter und Archivar des National Jazz Museum, katalogisiert und von Doug Pomeroy restauriert.
Rezeption Die Musikpresse reagierte durchweg positiv auf die Veröffentlichung der Savory Collection; George W. Harris bezeichnete sie (in Anspielung auf den gleichnamigen Kriminalroman von Dashiell Hammett) als den „Malteser Falken des Jazz“. Auch wenn man die meisten Stücke sicher unzählige Male gehört habe, sei da „eine Frische, Energie und ein Enthusiasmus, wie es niemals mehr reproduziert werden könnte.“ Die vorliegenden Aufnahmen hätten die Stimmung des Swing in dem Moment eingefangen, wie er geschaffen und perfektioniert wurde, funkelnd vor Energie, wie es nur in den Entstehungsjahren geschehen konnte, bevor schließlich Schemata und Formelhaftigkeit eingetreten seien.
Giovanni Russonello schrieb begeistert in The New York Times, die Savory-Sammlung sei so etwas wie „der Heilige Gral der Swingära, vielleicht die unterhaltsamste Einzelsammlung, die Jazzfans je gesehen haben.“ Beim Hören der Savory Collection könne man sich vorstellen, wie sich in der Ära des Radios das Gefühl der Verführung eingestellt habe. Russonello hob besonders die lange Liveversion von Coleman Hawkins’ Klassiker „Body and Soul“ aus der Fiesta Danceteria in Manhattan hervor, das überwältigende Schlagzeugspiel Chick Webbs und die zwei vollen CDs mit dem Count Basies Orchester in seiner frühen Phase, darunter der gelungene Auftritt auf dem Carnival of Swing Festival im Jahr 1938.
Nach Ansicht des Koproduzenten Loren Schoenberg ist der Fund der Savory-Sammlung damit zu vergleichen, als hätte man eine bislang unbekanntes Stück von Shakespeare oder einen unbekannten Roman Mark Twains entdeckt. Es sei so etwas Ähnliches wie eine musikalische Zeitkapsel, wie man sie kaum jemals wieder finde werde. Man höre niemals zuvor erlebte Klänge in einer bemerkenswerten Klangqualität. mini|Jack Teagarden, Victor Studio, New York City., ca. Mai 1947. Foto: William P. Gottlieb Collin Fleming schrieb in JazzTimes über The Savory Collection Vol. 3 – Honeysuckle Rose: Fats Waller and Friends: „Da ist etwas wunderbar Grobes und Derbes in dieser dritten Folge der Savory Collection“; Kernstück dieser Sammlung sei „eine gewaltige Jamsession“ mit Pee Wee Russell (Klarinette), Bud Freeman (Tenorsaxophon), Jack Teagarden (Posaune und Gesang) und Fats Waller am Piano, seinen Jivegesang verteilend, außerdem Trompeter Charlie Teagarden, Gitarrist Eddie Condon, Bassist Artie Shapiro und Schlagzeuger Zutty Singleton. Dies sei „auf jeden Fall ein Swing Dream Team“. Zu den Höhepunkten dieser Jam-Session nur unter Musikern zählt der Autor Wallers flüssiges Spiel in „Honeysuckle Rose“.
Besonders relevant sind nach Ansicht Collin Flemings auch die zehn Titel von John Kirbys Sextett. „Während man sonst bei Kirbys Musik an etwas massiv Vergeistigtes mit klassischen Schnörkeln“ denke, wurden diese in die Sammlung nicht aufgenommen. Der Autor hebt hier Kirbys bluesige Fassung von Honeysuckle Rose hervor, mit dem Gesang von Leo Watson und dessen Koloraturen bei den Akkordwechseln. Weitere Höhepunkte seien Albert Ammons’ „Boogie Woogie Stomp“, Chick Webbs Version von George Gershwins „Liza“ von 1939 aus dem Café Society mit Roy Eldridge an der Trompete, die Schlagzeugsolos wie nie wieder in Webbs Karriere enthalte und zu den besten perkussiven Momenten in der Geschichte des Jazz zählten.
John McDonough stellte im Down Beat in seiner Besprechung der Ausgabe The Savory Collection Volume 3 dar, wie der Jazz sich stets unwohl in einer geschlossenen Gesellschaft der Akzeptanz gefühlt habe. Stets auf seine kulturelle Autonomie bedacht, habe sich in den späten 1930er-Jahren, als der Swing auf dem Höhepunkt seiner Popularität war, eine Gruppe von Musikern dem „wahren Jazz“ zugewandt, zu dem Zeitpunkt als Basie, Goodman, Ellington, Lester Young und Charlie Christian auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren waren und in den Augen der Jazzpuristen zu viele kommerzielle Zugeständnisse machten. Als die ersten Wiederveröffentlichungen des frühen Jazz erschienen waren, entdeckten Rebellen um Eddie Condon als deren Advokat und Publizist den Dixieland als eine Art Retro-Avantgarde, weg vom Jazz-Pop-Mainstream. Die Jam-Sessions von Fats Waller, Eddie Condon, Albert Ammons und anderen auf der Savory Collection zeigten mit ihrer Impulsivität und Spontaneität die Fähigkeiten dieser Bands. mini|Eddie Condon, in seinem Jazzclub Eddie Condon’s, New York, ca. Juni 1946. Foto William P. Gottlieb So sei zum Beispiel der Titel „Boogie Woogie“ „mit seinem schlurfenden Bass und einfachen Riffs, 1939 genauso retro wie der Ragtime; ein archaischer Kontrast zu der nuancenreichen Modernität eines Teddy Wilson und Art Tatum.“ Einer der Pioniere dieses Stils, Albert Ammons, ist mit „Boogie Woogie Stomp“ zu hören, „im Grunde genommen ein Piano-Stück, das schließlich Basis vom Tommy Dorseys „Boogie Woogie“ von 1937 und in der Kriegszeit unsterblich mit „Boogie Woogie Bugle Boy“ der Andrews Sisters wurde. Hier ist es, wiederentdeckt aber in seiner ursprünglichen Kneipenstimmung.“
Der Autor geht auch besonders auf die von Eddie Condon organisierten Sessions ein, mit Jack und Charlie Teagarden, Pee Wee Russell, Bud Freeman und dem Gaststar Fats Waller. Eingefangen seien lockeres Ensemblespiel und unbeschwerte Soli, von denen die Puristen der Swingära geglaubt hätten, die Bigbands könnten dies nicht liefern. Zusammen mit Waller, Russell und der schlüpfrigen Eleganz Jack Teagardens seien alle in kämpferischer Form; die lodernde Energie und Substanz strafe die formelhaften Stereotypen des Dixieland Lügen. Als Beispiel nennt McDonough das kurze „China Boy“ mit dem Klarinettisten Edmond Hall.
Hingegen spiegelten die beiden Mitschnitte des Benny Carter Orchestra die mehr zeitgenössischen Standards der Swingära, ebenso wie die knisternden Soli Roy Eldridges mit der CBS Hausband der Saturday Night Swing Club show.
Auf der Schwelle zur Zukunft (des Jazz) befinden sich nach Ansicht McDonoughs die zehn prickelnden Stücke des John Kirby Sextetts von dessen CBS-Show. Während der Condon-Zweig der Jazzwelt die Freiheit der Hingabe in einem kleinen Ensemble vorziehe, bevorzuge diese Gruppe eng gestrickte Miniaturen mit der Disziplin einer Bigband.
Die Seele des Kirby-Sounds habe mit Charlie Shavers sein Zentrum gehabt, dessen gestopfte Trompete dem Mechanismus der komplizierten Musik eine chirurgische, meist zarte Präzision auferlegt habe. Shavers schrieb auch den Großteil des Repertoires, zu dem Standards wie „Undecided“ und „Pastel Blue“ gehören (letzteren verarbeitete Thelonious Monk in seiner Komposition „Blue Monk“). Shavers und der Pianist Billy Kyle besäßen eine anregende Frische wie in den swingenden Nummern „Rehearsin’ for a Nervous Breakdown“ und „Front and Center“ zu hören. Die gehaltvollen Arrangements sollten Bestandteil jedes Jazzstudienprogramm sein, resümiert McDonough.
Ende 2018 erhielt die Savory Collection den Prix de la Meilleure Réédition der französischen Académie du Jazz.Les grands prix de l'Académie du Jazz bei TSF Jazz Beim NPR Jazz Critics Poll kam das Album in der Kategorie Rare Avis auf den vierten Platz, vor Charles Mingus’ Jazz in Detroit/Strata Concert Gallery/46 Selden.
Titelliste The Savory Collection 1935–1940 (Mosaic 622)
Disc I Coleman Hawkins Orchestra, wahrscheinlich mit Bill Dillard, Joe Guy, Tommy Lindsay (tp), Claude Jones, Earl Hardy, Billy Kato (tb), Jackie Fields, Eustice Moore (as), Ernie Powell (cl, ts), Coleman Hawkins, Kermit Scott (ts), Gene Rodgers (p), Lawrence Lucie (git), Johnny Williams (b), Art Herbert (d), Thelma Carpenter (vcl), Dan McCullough (Ansager). Mitschnitt des Rundfunksenders MBS aus der Fiesta Danceteria, NYC, 17. Mai 1940 mini|Ella Fitzgerald, New York, ca. Nov. 1946 (Foto William P. Gottlieb) 1. Body and Soul (Heyman-Sour-Eyton-Green) 5:51 2. Basin Street Blues (Spencer Williams) 5:50 3. Lazy Butterfly (Coleman Hawkins) 1:03 Ella Fitzgerald – Rundfunksendung Saturday Night Swing Club. CBS Studios, NYC, 13. August 1938 (Wie II,1) 4. A-Tiskit, A-Tasket (E. Fitzgerald-Van Alexander) 2:22 5. (I’ve Been) Saving Myself for You (Cahn-Chaplin-Fox) 2:50 Fats Waller and His Rhythm, mit Herman Autrey (tp), Gene Sedric (cl, ts), Fats Waller (p, vcl), Al Casey (git), Cedric Wallace (kb), Slick Jones (dr), Lyle Van (Ansager). Mitschnitt einer Livesendeung des NBC-Red Network aus dem Yacht Club, NYC, 22. Oktober 1938 6. Yacht Club Swing (theme and intro) (Autrey-Johnson-Waller), Hold My Hand (J.C. Johnson-F. Waller) 3:39 7. I Haven’t Changed a Thing (Goldsen-Mills-Nemo) 3:56 8. (Medley): Summer Souvenirs (J. Fred Coots-C. Newman) Who Blew Out The Flame? (Sammy Fain-Mitchell Parish) 5:38 9. (Medley): You Must Have Been a Beautiful Baby (Johnny Mercer-H. Warren) Sixty Seconds Got Together (Mack David-Jay Livingston) 3:44 10. I’ve Got a Pocketful of Dreams (Johnny Burke-James V. Monaco) 2:26