mini|hochkant=0.9|Jutta Klamt, 1931
Jutta Klamt (* 23. Februar 1890 in Striegau, Niederschlesien; † 26. Mai 1970 in Aarau, Kanton Aargau, Schweiz), auch Jutta Vischer-Klamt, war eine deutsche Tänzerin, Choreographin und Tanzpädagogin. Sie kam aus der modernen deutschen Tanzbewegung, führte die in Berlin ansässige Jutta-Klamt-Schule und leitete die Tanzgruppe Jutta Klamt. Sie war eine der bedeutenden Protagonisten des modernen Tanzes in Deutschland.Debra Craine, Judith Mackrell: The Oxford Dictionary of Dance (2 ed.). Oxford University Press, Oxford u. a. 2010, ISBN 978-0-1995-6344-9.Jutta Klamt (1890—1970), auf: oxfordreference.com Ihre Hingabe an die nationalsozialistische Ideologie gibt Anlass für eine kritische Betrachtung ihres künstlerischen und pädagogischen Wirkens.
Fragmentarische Überlieferungen Klamt war eine Schülerin von Hedwig „Hede“ Kallmeyer (1881–1976),Thomas Müller (Hrsg.): Psychotherapie und Körperarbeit in Berlin. Geschichte und Praktiken der Etablierung (= Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften), Ausgabe 86. Matthiesen Verlag, Husum 2004, ISBN 978-3-7868-4086-2, S. 194.Claudia Fleischle-Braun, Krystyna Obermaier, Denise Temme: Zum immateriellen Kulturerbe des Modernen Tanzes. Konzepte – Konkretisierungen – Perspektiven. transcript-Verlag, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-8394-3802-2, S. 87.Jutta Klamt (1890–1970). In: Larousse Dictionnaire de la danse, S. 234–235, auf: larousse.fr bei der sie „Harmonische Gymnastik“ studierte. Sie war jedoch auch Autodidaktin. Klamt betrachtete den Tanz als einen Weg, sich von unterdrückenden Erfahrungen zu befreien. Damit billigte sie dieser physischen Ausdrucksform einen therapeutischen Wert zu. Eine Modernität des Ausdrucks verband sie mit einer absoluten oder abstrakten Auffassung vom Tanz, der frei jeglicher pantomimischen Bedeutung war.Karl Eric Toepfer: Empire of Ecstasy. Nudity and Movement in German Body Culture, 1910–1935. University of California Press, Oakland, CA, 1997, ISBN 978-0-5202-0663-2, S. 254ff.
Im Jahr 1919 trat sie in Berlin erstmals auf. Im darauffolgenden Jahr eröffnete sie in Berlin-Charlottenburg die Jutta-Klamt-Schule. Deren ständiger Korrepetitor war anfangs Erich Klamt, danach der Komponist und Pianist Walter Schönberg.Geertje Andresen: Die Tänzerin, Bildhauerin und Nazigegnerin Oda Schottmüller (1905–1943). Lukas Verlag, Berlin 2005. ISBN 978-3-9368-7258-3, S. 117. 1925 heiratete Jutta Klamt den Tänzer Gustav Joachim „Jo“ Vischer (1900–1946), einen Schüler von Rudolf von Laban. Nach der Heirat wurde der Doppelname Vischer-Klamt gebildet. In Archiven und Publikationen kommt dieser auch in der Schreibweise Fischer-Klamt vor.
Zusammen mit ihrem Ehemann vertrat sie die Mazdaznan-Körperlehre.Lilian Karina, Marion Kant: Tanz Unterm Hakenkreuz. Eine Dokumentation. Henschel-Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-8948-7244-6, S. 46, 131, 150. Diese beeinflusste in den 1920er Jahren sowohl die Kunstszene Berlins als auch das Bauhaus, und damit die Künstlerszenen Weimars und Dessaus.Bernd Wedemeyer-Kolwe: „Der neue Mensch“. Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, ISBN 978-3-8260-2772-7, S. 160–161. Sie und ihre Schule entwickelten einen avantgardistischen Tanzstil, den auch die von Dorothee Günther und Berthe Trümpy (1895–1983), Rudolf von Laban sowie Mary Wigman betriebenen Tanz- und Gymnastikschulen vertraten.Terri J. Gordon: Fascism and the Female Form: Performance Art in the Third Reich. In: Dagmar Herzog (Hrsg.): Sexuality and German Fascism. Berghahn Books, New York City/Oxford 2005, ISBN 978-1-57181-652-8, S. 164–200 (Zitatstelle: S. 165).
Von 1921 bis 1923 war Leni Riefenstahl eine von Klamts Tanz-Élèven. Riefenstahl nahm zu dieser Zeit vormittags in der Schule der russischen Ballettmeisterin Eugenie Eduardowa in Berlins Regensburger Straße Unterricht in klassischem Tanz (Ballett)Birgit Haustedt: Die Wilden Jahre in Berlin. edition ebersbach, Dortmund 1999, ISBN 3-931782-59-X, S. 159. und kam nachmittags zur Jutta-Klamt-Schule in die Fasanenstraße (auch die Pariser Straße wird in Sekundärliteratur genannt), um dort den modernen expressiven Bühnentanz, den Ausdruckstanz, zu erlernen.Terri J. Gordon: Fascism and the Female Form: Performance Art in the Third Reich. In: Dagmar Herzog (Hrsg.): Sexuality and German Fascism. Berghahn Books, New York City/Oxford 2005, ISBN 978-1-57181-652-8, S. 164–200 (Zitatstelle: S. 193). Diesen hatte Mary Wigman in Hellerau bei Dresden populär gemacht. Riefenstahl schrieb sich 1923 auch bei Wigman ein, tanzte dort neben Yvonne Georgi, Gret Palucca und Vera Skoronel, kehrte jedoch nach wenigen Monaten wieder zu Eduardowa und Klamt zurück, weil ihr Wigmans Stil zu abstrakt, asketisch und streng erschien.Jürgen Trimborn: Riefenstahl: Eine deutsche Karriere. Biographie. Aufbau Digital, Berlin 2018, ISBN 978-3-8412-1507-9, S. 41.
mini|Eine Männergruppe der Jutta-Klamt-Schule, 1926 mini|Zwei Frauen der Jutta-Klamt-Schule am Strand der Ostsee, 1928
In Riefenstahls späterem filmischen Werk finden sich diverse Bezüge zu dem avantgardistischen Tanzstil, den auch Klamt vertrat, so beispielsweise im Prolog der Olympia-Filme, Fest der Völker und Fest der Schönheit, die 1936/37 entstanden und 1938 uraufgeführt wurden.Olympia – Fest der Völker. In: YouTube, auf: youtube.com Darin zeigen die damals populären Hiller-Girls eine naturistische Performance.Terri J. Gordon: Fascism and the Female Form: Performance Art in the Third Reich. In: Dagmar Herzog (Hrsg.): Sexuality and German Fascism. Berghahn Books, New York City/Oxford 2005, ISBN 978-1-57181-652-8, S. 164–200 (Zitatstelle: S. 195). Ähnlich wie Riefenstahl wurden auch die Hiller-Girls von Tänzerinnen wie Klamt beeinflusst.
Im Juli 1925 nahm die Jutta-Klamt-Schule mit Performances an der 1. Internationalen Arbeiterolympiade in Frankfurt am Main teil und wurde in der dazu herausgegebenen Festzeitung vorgestellt.Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege (Hrsg.): 1. Internationales Arbeiter-Olympia Frankfurt am Main. Fr. Wildung Verlag, Berlin 1925. Seit Sommer 1926 unterrichtete der ehemalige Bauhaus-Meister Johannes Itten die Klamt-Schüler im Fach Kunst, sowohl in der Klamt-Schule als auch in seiner eigenen, wo sie als Hospitanten geführt wurden.Eva Streit: Die Itten-Schule Berlin. Geschichte und Dokumente einer privaten Kunstschule neben dem Bauhaus. Gebr. Mann, Berlin 2015, S. 71. Itten gehörte auch dem Prüfungsgremium der Klamt-Schule an, wie das Diplom der vielleicht bekanntesten Klamt-Schülerin und späteren Assistentin Ellinor Bahrdt ausweist.Webseiten zu Ellinor Bahrdt beim Deutschen Tanzarchiv Köln, download 27. April 2020.
Ende der 1920er Jahre untersuchte Fritz Giese Verfahrensweisen für ein benotbares Körpertraining, so auch die von Gustav Vischer-Klamt entwickelte Tanznotation.Gabriele Brandstetter: Tanz als Wissenskultur. Körpergedächtnis und wissenstheoretische Herausforderung. In: Sabine Gehm, Pirkko Husemann, Katharina von Wilcke: Wissen in Bewegung. Perspektiven der künstlerischen und wissenschaftlichen Forschung im Tanz. transcript Verlag, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-89942-808-7, S. 38–48. Dabei arbeitete er mit Tanzschulen in Berlin, München und Wien zusammen, darunter die Schule des Bundes für angewandte und freie Bewegung e. V. von Dorothee Günther und vermutlich auch die Schule von Jutta Klamt und Gustav Vischer-Klamt.Wolf-Dieter Ernst, Anja Klöck, Meike Wagner (Hrsg.): Psyche - Technik - Darstellung: Beiträge zur Schauspieltheorie als Wissensgeschichte. epodium, München 2016, ISBN 978-3-9403-8847-6, S. 72–75.
Die deutschen Tänzerinnen und Tänzer waren in der Fachgruppe Körperbildung und Tanz des Kampfbundes für deutsche Kultur (KfdK) organisiert, der 1928 von dem NS-Chefideologen Alfred Rosenberg gegründet worden war. Dieser Fachgruppe, geleitet von dem Dalcroze-Gegner Rudolf Bode, gehörten die Tanzschulen von Mary Wigman und Gret Palucca an. Der Kampfbund bestand bis 1934 und ging dann in der Nationalsozialistischen Kulturgemeinde auf.Karl Hörmann: „Glaube und Schönheit“ – Zur Ideologisierung des Tanzes und der Körperkultur (PDF-Datei; 52,5 kB), auf: tanzwissenschaft.de
Im Juli und August 1931 veranstaltete Klamt im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht im Grunewald pädagogische Fortbildungslehrgänge für Gymnastiker, Tänzer und Tanzpädagogen. Parallel dazu fanden auf der Deutschen Bauaustellung Berlin 1931Deutsche Bauausstellung Berlin 1931. In: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 191 VWM, Nr. 134/2, auf: deutsche-digitale-bibliothek.de (Ring der Frauen) Gymnastik- und Tanzvorführungen statt.Jutta Klamt: Pädagogische Sommerlehrgänge Berlin. In: Die Musik, Jg. XXIII/10, Juli 1931, Schuster & Loeffler, Berlin/Leipzig 1931, S. 796. Im Juli 1934 führte Klamt auf der Ostseeinsel Hiddensee einen vierwöchigen Fortbildungslehrgang durch, musikalisch begleitet von Walter Schönberg.Die Musik, Band 27 (1934), S. 719.
Anfang der 1930er Jahre nahmen Klamt und ihr Ehemann enthusiastisch den Nationalsozialismus wahr. 1933 trat Jutta Klamt in die NSDAP ein.Jutta Klamt. In: Der Spiegel, Nr. 21 (1947), 24. Mai 1947, auf: spiegel.de Das Ehepaar passte seinen Stil an die spezifische Ästhetik der nationalsozialistischen Propaganda an. Im Januar 1933 gab Klamt das Körperkultur-Quartalsmagazin Kontakt. Körper – Arbeit – Leistung heraus.Laure Guilbert: Danser avec le IIIe Reich: les danseurs modernes sous le nazisme. Éditions Complexe, Bruxelles 2000, ISBN 978-2-8702-7697-6, S. 155. Darin wies beispielsweise Fritz Böhme die Ekstase als Ziel des modernen Tanzes zurück. Ein internationalistisches, individuelles Streben nach Ekstase führe zu einem überzogenen und einschränkenden Formalismus, der den Tanz von seinem nationalen und rassischen Ursprung der Identität und dem kulturellen Band zwischen Blut und Bewegung entfremde. Die Aufgabe sei es daher, eine einzigartige deutsche Sprache der Bewegung zu entwickeln.
Wer beruflich tanzen wollte, durfte dies nach der Machtabtretung an die Nationalsozialisten nur noch als Mitglied der Reichstheaterkammer (RTK). Ab 1935 war zudem der „Ariernachweis“ zu erbringen. Wer diese Anforderungen nicht erfüllen konnte, wurde arbeitslos.
Die ersten beiden deutschen Tanzschulen, die von den Nationalsozialisten staatlich anerkannt wurden, waren die Jutta-Klamt-Schule und die Berliner Tanzschule von Dorothee Günther, die diese gemeinsam mit Berthe Trümpy leitete. Günther hatte auch in München zusammen mit Carl Orff den Bund für angewandte und freie Bewegung e. V. gegründet,Claudia Fleischle-Braun, Krystyna Obermaier, Denise Temme: Zum immateriellen Kulturerbe des Modernen Tanzes. Konzepte – Konkretisierungen – Perspektiven. transcript Verlag, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-8394-3802-2, S. 97–99. später in Günther-Schule umfirmiert,Geertje Andresen: Die Tänzerin, Bildhauerin und Nazigegnerin Oda Schottmüller (1905–1943). Lukas Verlag, Berlin 2005. ISBN 978-3-9368-7258-3, S. 136. die von 1924 bis 1944 bestand. Die Günther-Schule und die Jutta-Klamt-Schule waren nach 1933 eng miteinander verbunden.
Der zum 1. April 1933 von Joseph Goebbels für Theater und Tanz an das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda berufene Ministerialrat Otto von Keudell war ein bedeutender Förderer des Ausdruckstanzes, der seinerzeit auch als „Deutscher Tanz“ bezeichnet wurde. Keudell wertete den modernen Bühnentanz während seiner Amtszeit erheblich auf. Im Juni 1936 wurde er von Rolf Cunz abgelöst,Geertje Andresen: Die Tänzerin, Bildhauerin und Nazigegnerin Oda Schottmüller (1905–1943). Lukas Verlag, Berlin 2005. ISBN 978-3-9368-7258-3, S. 126. der im nachfolgenden Jahr zusammen mit Gustav Vischer-Klamt das Jahrbuch Deutscher Tanz herausgab.Rolf Cunz, Gustav Fischer-Klamt: Jahrbuch Deutscher Tanz. Dorn-Verlag, Berlin 1937.