mini|hochkant=1.4|Reiseerinnerungsmünze (As) des Typs α: Auf der Rückseite als Motiv die Personifikation der Provinz Ägypten als ruhende Frau mit Sistrum, Getreidekorb und Ibis; Beischrift: AEGYPTOS S C

Als Reiseerinnerungsmünzen werden antike Münzen bezeichnet, die in Zusammenhang mit den Reisen des Kaisers Hadrian stehen. Sie wurden in allen Metallen ausgeprägt. In den Jahren 122 bis 138 besuchte Hadrian Prokuratoren- und Statthaltersitze, um die Provinzialbeamten zu kontrollieren.

Name Die Bezeichnung „Reiseerinnerungsmünzen“ wurde von Theodor Mommsen und Paul L. Strack eingeführt,Paul Leberecht Strack: Untersuchungen zur römischen Reichsprägung des 2. Jahrhunderts, Teil II: Die Reichsprägung zur Zeit Kaiser Hadrians, Stuttgart 1933, S. 139. ist aber kritisch zu sehen, weil der Zusammenhang mit Hadrians Reisetätigkeit nicht das ganze Bildprogramm der Serie erklären kann und der Name daher zu kurz greift. Eine zweite Komponente neben den Reisen ist Hadrians Vorstellung vom Reich insgesamt.Michael Zahrnt: Hadrians „Provinzmünzen“, Köln 2007, S. 208.

Hintergrund mini|Sesterz des Vespasian mit Darstellung eines gefangenen Judäers, einer Dattelpalme und einer trauernden Personifikation Judäas, Beischrift: IVDEA CAPTA S C mini|Sesterz des Trajan mit sitzender Personifikation der Dacia mit Kindern, Beischrift: DACIA AVGVST PROVINCIA S C

Schon seit republikanischer Zeit stellten römische Münzmeister Siege über andere Völker auf Reichsprägungen dar.Christoph Michels: Reich und Reichsgedanke auf den Münzen der Antoninen, Wiesbaden 2016, S. 58. Dies geschah zunächst durch Symbole, seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. auch durch Personifikationen und setzte sich unter Augustus fort. Interessant sind hier die Prägungen der Jahre 19 und 18 v. Chr., auf denen die besiegten Armenier und Parther als Feinde in Kriegsrüstung und oft gefesselt oder niederkniend verbildlicht wurden, versehen mit Legenden wie ARMEN(ia) CAPT(a).

Ein Wandel in der Darstellung vollzog sich im Vierkaiserjahr: Erstmals wurden einträchtige Provinzen als Unterstützer von Kaiser Galba ins Bild gesetzt.Christoph Michels: Reich und Reichsgedanke auf den Münzen der Antoninen, Wiesbaden 2016, S. 59.

Besonders unter den Flaviern war die Darstellung besiegter Völker auf Münzen ein Mittel kaiserlicher Selbstinszenierung. Vespasian und Titus stellten den Sieg im Jüdischen Krieg propagandistisch stark heraus, besonders wenn man bedenkt, dass es sich hierbei nicht um eine Neueroberung, sondern um die Befriedung einer aufständischen Provinz handelte.

Trajan stellte sich betont als militärisch erfolgreichen Kaiser dar, dabei lassen sich bei der Münzprägung zwei gegenläufige Trends feststellen. Germania wurde als befriedete, nicht so sehr als unterworfene Provinz dargestellt. Nach dem Ende der Dakerkriege wurde die Dacia als sitzende Frauengestalt mit Kindern personifiziert, was ihre positive Zukunft als römische Provinz andeutete. Andererseits gab es auch Unterwerfungsdarstellungen in der Tradition der Münzprägung unter den Flaviern.

Hadrians Münzprägung ging einen Schritt weiter: Aus den unterworfenen, erniedrigten Feinden waren römische Provinzen geworden, die eine freie und souveräne Haltung einnehmen. Konsequent wurde auf Unterwerfungsdarstellungen verzichtet.

Bildprogramm Aufgrund der Rückseitenlegenden lassen sich bei den Reiseerinnerungsmünzen vier Münztypen unterscheiden.

Dargestellt sind geographische Personifikationen – nicht immer sind es Provinzen – aus allen Teilen des Reichs. Dabei griff die hadrianische Münzprägung auf schon bekannte Motive zurück. Die Personifikationen sind meist Frauengestalten mit bekannten Attributen.

Das Neue an Hadrians Reiseerinnerungsmünzen ist, dass fast alle Provinzen des Reichs einmal oder mehrfach dargestellt wurden, unabhängig davon, ob militärische Erfolge zu vermelden waren oder nicht. Kein römischer Kaiser hat so viele Territorien auf Münzen präsentiert wie Hadrian. Offenbar ging es aber nicht darum, die Bewohner der betreffenden Provinz zu erfreuen: Die Münzen waren zwar für den lokalen Geldumlauf vorgesehen, wurden aber gerade nicht in den Regionen vorgefunden, auf die sie sich beziehen.Christoph Michels: Reich und Reichsgedanke auf den Münzen der Antoninen, Wiesbaden 2016, S. 64.

Typ α (natio-Typ) mini|Reiseerinnerungsmünze (Aureus) des Typs α: Auf der Rückseite als Motiv die liegende Personifikation Africas mit Elefanten-Exuvie („Rüsselhaube“), die linke Hand auf einen Korb, die rechte Hand auf einen Löwenkopf gestützt

Auf der Rückseite ist eine geographische Personifikation zu sehen; in der Beischrift steht ihr Name im Nominativ.

Außer den personifizierten Provinzen wird auf Münzen des Typs α die Stadt Alexandria sowie der Flussgott Nilus ins Bild gesetzt.

Eine Besonderheit des Münztyps α besteht darin, dass die Personifikationen nicht immer mit einem Provinznamen identifiziert werden; teilweise sind es historische Regionen. Mommsen und Strack hatten vermutet, dass hier die sich selbst als Einheit begreifenden Völker des Imperiums (nationes, gentes) ins Bild gesetzt seien, die administrativ in mehrere Provinzen geteilt waren. Unter dieser Annahme wäre das Imperium geographisch weitgehend abgedeckt. Da es mit dem Sebasteion von Aphrodisias eine archäologische Bezeugung für ein vergleichbares Bildprogramm gibt, konnte auch die neuere Forschung dieser These folgen; neuerdings hat aber Marco Vitale Gegenargumente geltend gemacht: Der Repräsentationskontext der Personifikationen von Völkern im Sebasteion sei eindeutig militärisch-triumphal und daher keine Parallele zum Bildprogramm der Reiseerinnerungsmünzen.Christoph Michels: Reich und Reichsgedanke auf den Münzen der Antoninen, Wiesbaden 2016, S. 58. Marco Vitale: Personifikation von provinciae auf den Münzprägungen unter Hadrian, 2012, 158. Vitale zufolge sind die Aufschriften der Reiseerinnerungsmünzen nach verwaltungsgeographischen Gesichtspunkten ausgewählt worden. Hadrians Reisen waren ihrem Wesen nach Besichtigungs- und Inspektionsreisen.Marco Vitale: Personifikation von provinciae auf den Münzprägungen unter Hadrian, 2012, 164.

Typ β (adventus-Typ) mini|Reiseerinnerungsmünze (Sesterz) des Typs β: Auf der Rückseite als Motiv die Personifikation der Provinz Judäa, die von Kindern umringt ist und dem Kaiser am Altar opfert. Beischrift: ADVENTVI AVG IVDAEAE S C

Die Beischrift auf der Rückseite thematisiert Hadrians Ankunft in der Provinz im Rahmen seiner Inspektionsreisen: ADVENTVI AVG(usti) „für die Ankunft des Augustus.“

Das Motiv zeigt in einer Bildhälfte den grüßenden Kaiser, in der anderen die personifizierte Provinz, die ihm Opfer darbringt, der Altar bildet die Mitte des Bildes. Nicht alle Provinzen, die Hadrian nachweislich besucht hat, wurden mit Prägungen des Typs β bedacht.

Typ γ (restitutor-Typ) mini|Reiseerinnerungsmünze (Sesterz) des Typs γ: Auf der Rückseite als Motiv die kniende Achaia mit den Attributen Amphore und Palmzweig, die vom Kaiser aufgerichtet wird. Beischrift: RESTITVTORI ACHAIAE S C

Die Beischrift auf der Rückseite rühmt die kaiserliche Fürsorge für das betreffende Gebiet: RESTITVTORI „für den Wiederhersteller.“

Dargestellt sind Provinzen sowie die Stadt Nikomedia. Hadrian konnte sich zu Recht als Wiederhersteller Nikomedias bezeichnen, denn er ließ die Stadt nach einem Erdbeben wieder aufbauen und überwinterte dort 123–124 n. Chr.

Das Motiv zeigt, wie der stehende Kaiser die vor ihm kniende Frauengestalt bei der Hand nimmt und aufrichtet. Die Münzen des Typs γ zeigen nur solche Provinzen, in denen Hadrian sich tatsächlich durch finanzielle Förderung und Bauprojekte engagierte.Michael Zahrnt: Hadrians „Provinzmünzen“, Köln 2007, S. 211 f.

Bereits Trajan hatte sich auf Münzen als restitutor Italiae, Wohltäter Italiens darstellen lassen. Das war zu seiner Zeit etwas Neues, denn die Kaiser hatten sich bis dahin vor allem als Wohltäter der Stadt Rom verstanden. Hadrians Münzprägung ging noch einen Schritt weiter und dehnte die kaiserliche Fürsorge auf die Provinzen aus.Christoph Michels: Reich und Reichsgedanke auf den Münzen der Antoninen, Wiesbaden 2016, S. 61 f. Gunnar Seelentag: Trajan, Hadrian und Antoninus Pius. Deutungsmuster und Perspektiven. München 2011, S. 308 f.

Typ δ (exercitus-Typ) mini|Reiseerinnerungsmünze (Sesterz) des Typs δ: Auf der Rückseite als Motiv die Ansprache des Kaisers zu Pferde an den Heeresverband der Provinz Raetia. Beischrift: [EXERCITVS] RAETICVS S C

Die Beischrift auf der Rückseite nennt den Namen der Region als Adjektiv zusammen mit EXERCITVS „Heeresverband“.

Das Motiv zeigt, wie sich der Kaiser dem Heeresverband der betreffenden Provinz mit einer Ansprache zuwendet (Adlocutio). Er kann das in Feldherrentracht von einem Tribunal aus tun und dabei von einem Lictor oder Praefectus begleitet werden oder auch nicht. Oder Hadrian ist als Reiter dargestellt und wendet sich vom schreitenden Pferd aus an die Truppen.

Als Variante des Typs δ können Münzen mit dem Motiv der Adlocutio angesehen werden, auf denen sich Hadrian nicht einem der Provinzheere, sondern den Prätorianern zuwendet (Beischrift: [ADLOC] COHORT PRAETOR). Doch wird hier die regionale Zuordnung aufgegeben, und daher sind diese Münzen nur bedingt als Reiseerinnerungsmünzen anzusprechen.

Interpretationen der Münzserie Die Sehgewohnheit der damaligen Bevölkerung war es, wenn man eine Reichsprägung zu Hand nahm, darauf einen Leistungsnachweis des Kaisers zu erwarten.

Hadrian musste sich hier an seinem Vorgänger Trajan messen lassen.

Unabhängig davon, welche Zwecke oder persönlichen Interessen Hadrian mit seiner ausgedehnten Reisetätigkeit verfolgte, war er faktisch in Rom in einem Maße abwesend, das ungewohnt war. Er konnte nicht mit den Bewohnern Roms, auf deren Unterstützung er angewiesen war, in der Weise sozial interagieren wie andere Kaiser: weder publikumswirksam bei öffentlichen Spielen erscheinen noch als Gastgeber oder Ehrengast eines Festmahls mit der römischen Elite in Kontakt treten.Gunnar Seelentag: Trajan, Hadrian und Antoninus Pius. Deutungsmuster und Perspektiven. München 2011, S. 300

Trajan war ebenfalls über längere Zeiträume nicht in Rom präsent gewesen, was in seinem Fall militärisch begründet gewesen war, und er kompensierte seine Abwesenheit, indem er seine militärischen Erfolge in Rom verherrlichen ließ, mit Monumentalbauten, aber auch mit Münzprägungen. Auf der Trajanssäule werden die Donauprovinzen als prosperierende Teile des Imperiums und die Provinzialen als zufriedene Untertanen dargestellt, was den Feldherrn Trajan in neuem Licht erscheinen lässt.

Hadrian konnte auf dem militärischen Feld mit Trajan nicht konkurrieren und versuchte, nach Gunnar Seelentag, seinen Vorgänger als Wohltäter zu übertrumpfen, „ein besonders fürsorglicher Princeps zu sein … nicht allein für Rom und Italien, sondern gleich für den gesamten Erdkreis.“Gunnar Seelentag: Trajan, Hadrian und Antoninus Pius. Deutungsmuster und Perspektiven. München 2011, S. 310. In diesem Kontext stehen die Reiseerinnerungsmünzen. In der Beischrift explizit gemacht wird das bei Münzen des restitutor-Typs. Es ist aber auch die Grundbotschaft der Münzen vom adventus-Typ. Die dargestellte Opferhandlung, ein Konsensritual, stellte eine besondere Nähe zwischen Kaiser und Provinzialen her.Gunnar Seelentag: Trajan, Hadrian und Antoninus Pius. Deutungsmuster und Perspektiven. München 2011, S. 312. Christoph Weikert: Von Jerusalem zu Aelia Capitolina, Göttingen 2016, S. 262.