Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne ist ein satirischer Roman von Johann Karl Wezel in der Nachfolge von Voltaires Candide oder der Optimismus. Der Roman Belphegor erschien 1776 bei Siegfried Leberecht Crusius in Leipzig.

Inhalt In satirischer Form wird die ernüchternde Reise des Idealisten Belphegor durch die Welt erzählt, deren von ihm kritisierten und bekämpften egozentrische Gesellschafts- und radikale Machtstrukturen er in immer weiter bis ins Phantastische gezogenen Kreisen kennen lernt: Zuerst in Deutschland, dann im Osmanischen Reich, im exotischen Afrika, dem muslimischen Arabien, in der Mongolei, in Kalifornien und sogar in Sagenländern, überall erlebt er im Prinzip das gleiche: Neid, Rivalitäten, blutige Schlachten, Zerstörungen, brutale Verfolgungen, Versklavung, Folter usw. Schwer lädiert und desillusioniert kehrt der Protagonist von seinem Horrortrip zurück. Eingeschaltet in die Abenteuerhandlungen sind neben Erzählungen einzelner Nebenfiguren, z. B. der Marquise (3. Buch) und des Derwischs (7. Buch), v. a. die Diskussionen mit seinen ihn begleitenden Freunden Medardus und Fromal über dessen Theorie der egoistischen Weltordnung im Vergleich mit dem humanistischen Menschenbild. Diese Erörterungen werden immer wieder nach neuen leidvollen Erfahrungen des Protagonisten aufgegriffen und aktualisiert, z. B. im 5. Buch, als Belphegor die Sklaverei am eigenen Leib erfährt.

Belphegor Im Vorwort stellt der Autor seinen Plan und seine Personen vor: „Dieses wunderbare Kompositum, das wir Menschen nennen, ist im einzelnen und im Ganzen ein wahrer JANUS, eine Kreatur mit zwey Gesichtern, eins abscheulich, das andere schön – eine Kreatur, bey deren Zusammensetzung ihr Urheber muß haben beweisen wollen, daß er die streitendsten Elemente vereinigen, Geselligkeit und Ungeselligkeit verknüpfen und auch ein Etwas formen kann, dessen Masse aus lauter Widersprüchen bereitet ist und durch Widersprüche besteht.“

Die vier Hauptfiguren, die auf ihrer Reise immer wieder getrennt und an anderen Orten zusammengeführt werden und dann von ihren zwischenzeitlichen Erlebnissen erzählen, repräsentieren unterschiedliche Denk- und Lebensweisen: Der „brausend[e] und thätig[e]“ Belphegor erkennt, als er sein reines idealistisches Gedankenlabor verlassen muss, dass die Menschen aus „den verwirrten Szenen der Welt kein harmonisches zweckmäßiges Ganzes zusammensetzen können“, dass die Grundrechte missachtet werden und er bei seinen Appellen und aktiven Rettungsversuchen immer wieder jämmerlich unterliegt bzw. selbst in die von ihm kritisierten Machtstrukturen verwickelt wird und sogar davon profitiert. Im Gegensatz zu ihm reflektiert der gemütvolle beim Apfelwein plaudernde Magister der Philosophie und freien Künste Medardus nicht so viel. Er glaubt an die Vorherbestimmung im Sinne der Theodizee und sucht im Unglück die Ansätze einer positiven künftigen Entwicklung zu sehen: „Brüderchen […] sey du guten Muthes! Die Vorsicht [= Vorsehung] lebt noch. […] Der Apfelwein würde dir immer noch wohl schmecken, wenn du einen Krug voll hier hättest […] Laß das Grämen und Härmen! Wer weis wozu dirs gut ist?“ (3. Buch). Die Gegenfigur zu den beiden ist Fromal. Der Rationalist kontrolliert seine Emotionen, nimmt die Machtstrukturen der Welt, die er im 4. Und 9. Buch ausführlich entwickelt, als Naturgesetze hin und nutzt sie für sich zum Überleben und zur Bereicherung. Akante sucht als umworbene Frau vom System zu profitieren und wird dessen Opfer, als sie von der gut situierten Mätresse und Haremsdame zur Straßenprostituierten und Bettlerin absteigt.

Erster Teil Das Motto bellum omnium contra omnes (Krieg aller gegen alle) ist ein Zitat aus dem Werk De Cive des englischen Philosophen Thomas Hobbes.

miniatur|Akante wirft Belphegor aus ihrem Haus. Erstes Buch Nachdem Belphegor von seiner Geliebten, der schönen und berechnenden Akante, für die er sich verausgabt hat, grob aus ihrem Haus geworfen wurde, öffnet ihm sein Freund Fromal die Augen über diese untreue Mätresse reicher Männer sowie über den Egoismus der Menschen und stattet den naiven Idealisten mit Geld aus, um die reale Welt kennen zu lernen und von seinen Träumen geheilt zu werden. Wie er später erfährt, nahm der Freund seinen Platz ein sowie, was dieser anfangs nicht wusste, ein weiterer vermögender Beschützer.

Auf seiner Reise erlebt Belphegor sogleich, durch eine von einem Habicht zerfetzte Taube symbolisiert, die ersten schmerzhaften Enttäuschungen im Bereich des Alltäglichen: Ein Bauernsohn wird von seinem Bruder übervorteilt, dazu noch von der Dorfjugend verspottet und von seinen Eltern wegen seiner Schwäche belächelt, ein trickreicher Räuber dient sich ihm als Beschützer an. Für zu Unrecht Behandelte, z. B. einen Leibeigenen, einen Erpressten, ein von Rivalinnen beneidetes Mädchen, einen durch seinen neidischen Bruder in den Ruin prozessierten Bauer, setzt er sich ohne Erfolg ein. Bei seinen Versuchen zu helfen wird er oft von den Bösewichtern und dem mit ihnen sympathisierenden Volk verjagt, verprügelt und sogar schwer verletzt, er verliert ein Auge und einen Finger. Eine weitere Enttäuschung ist die Erfahrung, dass die betrogenen Menschen, denen er zu Hilfe kam, nach anfänglicher Dankbarkeit ihn, wenn er einmal in einer vorteilhaften Situation ist, beneiden und verleumden, um z. B. seine Heirat mit der Tochter des reichen Arbeitgebers zu verhindern.

Belphegors Desillusionierung setzt sich dann in größerem Umfang im Krieg fort: Als er Soldaten nach ihrem Recht fragt, das Land zu verwüsten und die Bevölkerung auszubeuten, wird er ins Zuchthaus geworfen, muss Wolle spinnen, entkommt aber nach einem Brand und gerät im Land der Lettomanier in einen Bauernkrieg. Er wird gezwungenermaßen Anführer der gegen die adligen Grundherren für ihre Freiheit kämpfenden Bauern. Sie haben bereits achtzehn Schlösser angesteckt und die Bewohner abgeschlachtet. Beim Angriff auf ein weiteres Junkerschloss werden sie von Truppen der Landarmee aufgerieben. Belphegor gerät in Gefangenschaft, verteidigt dem Richter gegenüber die Rechte der Bauern und wird zum Tod durch Erhängen verurteilt. Ein Sturmgewitter verhindert die Hinrichtung. Das Gerüst bricht zusammen, er flieht und findet beim Pfarrer Medardus Unterschlupf.

Zweites Buch Medardus muss am nächsten Tag sein Haus verlassen, weil er für den Protest der Bauern Verständnis gezeigt hat. Er erzählt Belphegor seine wechselhafte Biographie und die Ambivalenz von Recht und Unrecht. In seiner Jugend brachte ihm seine Liebesaffäre mit Akante den Neid seines Lehrers und die Einweisung ins Kloster ein. Dort ärgerten seine Frauenbesuche seine Mitschüler. Er floh vor ihren Schikanen in ein anderes Land und konvertierte. Nun hatte er Erfolg. Die Mätresse des Fürsten verhalf ihm zur Stelle des Hofpredigers und unterstützte ihn gegen Intriganten, woraus er die Erkenntnis gewann: „ich hatte Recht, weil ich die Oberhand hatte“. Aber seine Gegner gaben nicht auf und erreichten, dass er in eine kleine Gemeinde versetzt wurde. Als Unterlegener war er zugleich im Unrecht. Dann wurde er im Krieg Feldprediger und rivalisierte mit seinem Kollegen um die Gunst der Gottesdienstbesucher. Bei der Stellenbesetzung nach dem Krieg bezweifelten seine Gegner seine Rechtgläubigkeit und er bekam nur ein kleines Ämtchen. Seine Heirat brachte ihm den Hass seines benachbarten Amtsbruders ein, der ebenfalls um das Mädchen warb. Dieser intrigierte gegen ihn und machte ihm das Leben schwer. Er wechselte die Stelle. Nun hat er wieder ein neues Ämtchen und Belphegor begleitet ihn, da seine Frau inzwischen verstorben ist und seine Kinder versorgt sind, auf der Reise. Unterwegs werden sie Zeuge, wie ein Mann einen jüdischen Händler misshandelt, und sprechen über die Vorurteile der Christen. Dieses Erlebnis führt Belphegor zu der Selbstreflexion: „Wohl war mir, Freund, da in der Einsamkeit meine geschäftige Fantasie und mein Herz aus allen moralischen Vollkommenheiten einen Koloß zusammensetzten und ihn den Menschen nannten. […] meine ganze Aussicht war in mich selbst konzentriert […] ein fantastischer Traum, aber wahrhaft süß!“

An einem anderen Reisetag begegnen sie Akante, die Belphegor ihre, wie er im 10. Buch erfährt, der Wahrheit entsprechende Version der Trennung erzählt: Sie stand vor der Entscheidung, ihn zu verabschieden oder zu verhungern. Fromal umwarb sie mit seinem Geld und verdränge ihn. Er tötete dann ihren zweiten Beschützer in einer in-flagranti-Situation aus Eifersucht und musste fliehen. Anschließend erzählt sie ihnen die skurrile Geschichte, wie sie auf der Reise durch Italien zur Mätresse reicher und einflussreicher Männer wurde, z. B. des Papstes Alexander VI., mit dem sie Pläne schmiedete, die Welt zu erobern, oder des Markgrafen von Salocca, in dessen Serail ihr die Rivalinnen aus Eifersucht ihr schönes Gesicht zerstört und ihre weiße rechte Hand abgeschnitten hätten, weshalb sie jetzt eine kunstvolle Maske und eine Prothese aus Marmor trage.

Drittes Buch Auf dem Marsch geraten sie in eine Wasserhose, einen Sturm, der Belphegor und Medardus durch die Luft in die „Wallachey“ trägt, während Akante in der Türkei landet (7. und 8. Buch). In einer Hütte finden sie bei einer Französin Unterschlupf. Ein in einem Gefäß versteckter Junge hält die beiden für seine Verfolger und ersticht sich. Er ist der jüngste Bruder des Sultans, der gerade dabei ist, zur Machterhaltung seine Verwandtschaft auszurotten. Die Französin, die Amurat aus Mitleid aufgenommen hat, ist die „Markisinn von E.“ und, wie Belphegor im 7. Kp. erfährt, die Schwester des Derwischs. Sie erzählt, warum sie aus Paris in die Einöde auswandern musste. Sie war unglücklich mit einem finsteren menschenfeindlichen Mann verheiratet und geriet, wie sich zwanzig Jahre später durch das Geständnis der Mörderin herausstellte, in das Intrigennetz eines von ihr abgewiesenen Verehrers, der sich an ihr rächte. Er stiftete ihr Kammermädchen an, den Marquis zu vergiften. Man verdächtigte sie als Ehefrau, ein Gericht verurteilte sie wegen Mordes und sie floh in die Walachei. Aber nicht nur sie, auch ihre Brüder wurden Opfer der Justiz bzw. der Despotie des Aberglaubens. Als er vorgetäuschte Wunder aufdeckte, wurde der jüngere Bruder wegen Gotteslästerung verbrannt. Ihr älterer Bruder musste als „heimlicher Hugenott“ das Land verlassen. Die Klage der Französin und ihrer Gäste über die Herrschaft der Dummheit und Unwissenheit über den Menschenverstand wird von türkischen Soldaten unterbrochen. Sie suchen Amurat, finden dessen Leiche und töten die Marquise. Belphegor und Medardus verkaufen sie als Sklaven. Ihr Besitzer will dem grausamen Machtkampf im Sultanat durch Flucht entkommen. Seine Karawane wird angegriffen und niedergemacht, die beiden Protagonisten überleben unter einem Leichenberg, in dem sie Fromal entdecken. Er ist ihr Gebieter, der Sklavenbesitzer.