mini|Gedenktafel am Haus Vaļņu iela 3 (Wallstraße 3) in Riga

Herbert Gustav Tiemer (; * 25. März 1879Ältere Darstellungen, darunter frühere Fassungen dieses Artikels, nennen den 6. März 1879. Das gedruckte Album der Fraternitas Baltica und das Baltische biografische Lexikon digital geben übereinstimmend den 25. März 1879 an. in Riga; † 24. Oktober 1938 in Berlin) war ein deutsch-baltischer Architekt, Erfinder und Unternehmer.Baltische Historische Kommission (Hrsg.): Tiemer, Herbert (1879–1938). In: Baltisches biografisches Lexikon digital, abgerufen am 29. August 2026.Album der Landsleute der Fraternitas Baltica 1865–1910, Eintrag Nr. 329, S. 102 (Geburtsdatum, Schulbildung, Matrikelnummer 5738 und anfängliches Maschinenbaustudium). Von 1909 bis 1914 führte er ein eigenes Architekturbüro in Riga. Sein dokumentiertes Rigaer Werk umfasst zehn Bauten, darunter vier Einfamilienhäuser im Stadtteil Mežaparks.Jānis Krastiņš: Mežaparks. Rīgas ekoloģiski tīrākais dzīvojamais rajons. Zinātne, Riga 1997, S. 92–93, 196–198 und 209.Jānis Krastiņš: Jūgendstils Rīgas arhitektūrā. Zinātne, Riga 1980, besonders S. 153, 166–169, 191, 196, 201 und 211. Nach seiner Übersiedlung nach Deutschland war Tiemer in Berlin an mehreren Unternehmen beteiligt; er entwickelte unter anderem das Zahlensprachsystem Timerio und ein Konstruktionsspielzeug aus wiederverwendeten Verpackungsschachteln.

Leben Herkunft Herbert Tiemers Vater war der Rigaer Kaufmann, Stadtrat und Ratsherr Heinrich Tiemer, seine Mutter Johanna Luise geborene Bierich. Seine Brüder Paul Tiemer (geboren 1866) und Robert John Tiemer (1868–1916) waren als Ärzte tätig.Isidorus Brennsohn: Die Aerzte Livlands von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Mitau 1905, S. 396–397 (Digitalisat): Einträge Tiemer, Paul, Bruder von John, … Sohn des Kaufm., Stadtrats u. Ratsherrn Heinrich T. und Tiemer, [John], Bruder von Paul.Datensatz Tiemer, Robert John in der Erik-Amburger-Datenbank des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung, abgerufen am 29. August 2026 (nennt als Eltern den Ratsherrn Heinrich Tiemer und Luise geborene Bierich, wie sie das BBLD auch für Herbert Tiemer angibt).

Ausbildung und Rigaer Tätigkeit Tiemer besuchte die Realschule in Riga und begann 1898 am Rigaer Polytechnischen Institut ein Maschinenbaustudium; das Institut führte ihn unter der Matrikelnummer 5738. Im März 1899 wurde er als Mitglied Nr. 329 in die Studentenverbindung Fraternitas Baltica aufgenommen. Von 1900 bis 1907 studierte er dort Architektur. Während der durch die Revolution von 1905 bedingten Schließung des Instituts setzte er sein Studium an der Technischen Hochschule Karlsruhe fort.Alīda Zigmunde, Jānis Kaminskis, Igors Tipāns, Kamil Kowalczyk: International Partnership Between Riga Technical University and Karlsruhe Engineers Over Three Centuries (1862–2024). In: History of Engineering Sciences and Institutions of Higher Education, Nr. 9, Dezember 2025, S. 21–42, hier S. 32, doi:10.7250/HESIHE.2025.003 (PDF).

Am 30. Januar 1907 legte Tiemer die Staatsprüfung in der Architekturabteilung des Instituts ab.Rigasche Rundschau, Nr. 28 vom 3. Februar 1907, S. 9, „Polytechnikum“ (Digitalisat der Lettischen Nationalbibliothek). Von 1909 bis 1914 betrieb er in Riga ein eigenes Architekturbüro. Die Fachliteratur rechnet seine Bauten vor allem dem rationalistischen Jugendstil und neoklassizistischen Strömungen der Rigaer Architektur zu.

Von 1914 bis 1917 leistete Tiemer Dienst im russischen Heer. Im Januar 1919 floh er nach Deutschland und ließ sich in Berlin nieder.

Berliner Unternehmen Zum 15. Oktober 1919 gründeten der Kaufmann Eduard Lion, der Architekt Herbert Tiemer und der Ingenieur Henryk Lion die offene Handelsgesellschaft Lion & Tiemer in Berlin. Der Handelsregistereintrag bezeichnete Tiemer weiterhin als Architekten und nannte Charlottenburg als seinen Wohnort.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 2. Februar 1920, S. 35, Handelsregister Berlin, Nr. 52.950 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek). Die Gesellschaft wurde 1922 aufgelöst und aus dem Register gelöscht.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 3. November 1922, S. 17, Handelsregister Berlin, Nr. 52.950 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek).

Im November 1922 wurde Tiemer gemeinsam mit dem Ingenieur Gottlieb von Lilienfeld Vorstandsmitglied der neu gegründeten Offerten-Kontor Aktiengesellschaft. Das Unternehmen sollte Angebote und Nachfragen unter anderem zu Waren, Unterricht, Unternehmen, Grundstücken, Gebäuden und Adressen vermitteln.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 17. November 1922, S. 17, Handelsregister Berlin, Nr. 26.725 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek). Spätestens im Mai 1924 gehörten Tiemer und Lilienfeld dem Vorstand nicht mehr an.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 23. Mai 1924, S. 16, Handelsregister Berlin, Nr. 26.725 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek).

Seit dem 1. Januar 1927 war Tiemer als Diplomingenieur Gesellschafter der Berum-Plan-Gesellschaft von Rautenfeld, von Zimmermann und Tiemer. Die Registerbekanntmachung nennt daneben den Direktor Victor Berens von Rautenfeld und den Diplomingenieur Wilhelm von Zimmermann; zum Gegenstand des Unternehmens macht sie keine Angabe.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 1. April 1927, S. 23, Handelsregister Berlin, Nr. 71.260 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek).

mini|Entwurf Tiemers und F. Schülers für Hochhäuser über den Berliner Spreekanälen, 1929

Am 6. Januar 1929 veröffentlichte die Berliner Illustrirte Zeitung einen Entwurf Tiemers und F. Schülers für Hochhäuser über den Berliner Spreekanälen. Der Begleitartikel führte aus, dass eine Überbauung städtischer Wasserwege den Flächenbedarf der Großstädte für Bebauung und Verkehr miteinander in Einklang bringen könne. Vorgesehen waren Türme mit Bootsanlegestellen, nach Süden ausgerichteten Sonnenterrassen, einem Schwimmbecken, einem Dachgarten und Cafés über dem Wasser.„Platzhunger der Großstädte. Wie die Architekten neuen Raum in Berlin schaffen wollen“. In: Berliner Illustrirte Zeitung, 38. Jahrgang, Nr. 1 vom 6. Januar 1929, S. 3; Bildunterschrift: „Hochhäuser über den Spreekanälen (Projekt von Dipl.-Ing. H. Tiemer und Dipl.-Ing. F. Schüler).“

Timerio und Erfindungen 1921 stellte Tiemer unter dem Namen Timerio ein System zur schriftlichen Verständigung zwischen Menschen verschiedener Sprachen vor. Rund 7000 Wörtern waren Zahlen zugeordnet; typografische Zusatzzeichen erweiterten das System nach zeitgenössischer Darstellung auf etwa 12.000 Begriffe. Die Zeitung Vorwärts beschrieb das System als einfach aufgebaut, wies aber darauf hin, dass für seine Verwendung ständig ein gedruckter Schlüssel benötigt werde.„Timerio“. In: Vorwärts, 16. Februar 1921, S. 2 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek). 1922 wurde Timerio unter der Nummer 288720 als Wortmarke von Lion & Tiemer für Druckerzeugnisse, Spielkarten, Lehrmittel und weitere Waren eingetragen.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 15. August 1922, S. 36, Warenzeichen Nr. 288720, Aktenzeichen L. 22749 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek).

Daneben ließ Tiemer mehrere Gebrauchs- und Gestaltungsideen amtlich schützen. 1921 wurden für Lion & Tiemer eine „Warenpackung mit Reklame“ und für Herbert Tiemer ein Hosenhalter geschützt.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 27. Juni 1921, S. 24, Schutzrecht Nr. 781844, Aktenzeichen L. 47056 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek).Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 22. August 1921, S. 15, Schutzrecht Nr. 786887, Aktenzeichen T. 22992 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek). Im Mai 1925 hinterlegte die Firma Herbert Tiemer sieben Muster für die Verkleidung von Schachteln, Rollen und anderen Verpackungen mit Abbildungen, die wie Baumaterialien wirkten.Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger vom 10. Juni 1925, S. 35, Musterregister Nr. 35103 (Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek).

Tiemers polnisches Patent Nr. 6456 beschrieb ein Konstruktionsspielzeug, bei dem gebrauchte Streichholz-, Zigaretten- und andere Verpackungsschachteln als Bausteine dienten. Aufgeklebte Darstellungen von Ziegeln, Stein, Fenstern und Türen sollten ihnen das Aussehen von Bauteilen geben; die Patentschrift erläuterte außerdem Säulen, Gewölbe und ganze Gebäude aus den Schachteln. Die Anmeldung erfolgte am 14. August 1925, die Patenterteilung am 1. Dezember 1926 und die Veröffentlichung am 10. Januar 1928.Herbert Tiemer: Sposób wyrobu zabawek w postaci klocków budowlanych („Verfahren zur Herstellung von Spielzeug in Form von Bausteinen“), polnisches Patent PL6456B1, angemeldet am 14. August 1925, erteilt am 1. Dezember 1926, veröffentlicht am 10. Januar 1928.

Familie Herbert Tiemer war mit der ebenfalls in Riga geborenen Elisabeth („Else“) Waldhauer (1885–1971) verheiratet, einer Tochter des Rigaer Arztes Werner Robert Waldhauer, Enkelin des Augenarztes Carl Friedrich Werner Michael Waldhauer und Cousine des Archäologen Oskar Waldhauer.Zur Waldhauer-Genealogie: Isidorus Brennsohn: Die Aerzte Livlands. Mitau 1905, S. 415–416: Einträge Waldhauer, Carl, Vater von Werner Rob. und Waldhauer, Werner Robert, Sohn von Carl (seit 1883 freipraktizierender Arzt in Riga, verheiratet mit Gertrud von Holst). Aus der Ehe gingen der Sohn Werner Tiemer (1909–1970) sowie die Töchter Gerda Else (1912–2002) und Irmela Wojna (1915–1994) hervor.

Tod Tiemer starb am 24. Oktober 1938 in Berlin. Am 1. November 1938 erschien in der Rigaschen Rundschau eine Todesanzeige des Convents und des Philisterverbandes der Fraternitas Baltica.Rigasche Rundschau, Nr. 249 vom 1. November 1938, S. 11, Todesanzeige des Convents und des Philisterverbandes der Fraternitas Baltica (Digitalisat der Lettischen Nationalbibliothek).

Bauten in Riga Die Liste vereinigt die vier Einfamilienhäuser aus Krastiņš’ Mežaparks-Katalog von 1997 mit den sechs innerstädtischen Bauten aus dem Werkkatalog seines Jugendstil-Buches von 1980. Jahreszahlen und Nutzungsangaben folgen den jeweils genannten Katalogseiten.