Gavialosuchus ist eine ausgestorbene Gattung von Krokodilen mit gavialartig langgezogener (longirostriner) Schnauze aus der Gruppe der Tomistominae. Gavialosuchus eggenburgensis ist die Typusart und gleichzeitig der einzige allgemein anerkannte Vertreter der Gattung. Fossilfunde stammen aus der Burgschleinitz-Formation (Unteres Miozän – Eggenburgium, vor etwa 18,5 bis 20,5 Millionen Jahren) in der Umgebung von Eggenburg in Niederösterreich.F. Toula & J. A. Kail: Über einen Krokodil-Schädel aus den Tertiärablagerungen von Eggenburg in Niederösterreich – Eine paläontologische Studie. In: Denkschrift der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften – mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse, Band 50, 1885, S. 299–355 ().P. Pervesler, R. Roetzel & A. Uchman: Ichnology of Shallow Sublittoral Siliciclastics of the Burgschleinitz Formation (Lower Miocene, Eggenburgian) in the Alpine-Carpathian Foredeep (NE Austria). In: Austrian Journal of Earth Sciences, Vol. 104, No. 1, 2011, S. 81–96. (Digitalisat)
Etymologie und Forschungsgeschichte Der Gattungsname setzt sich zusammen aus der Bezeichnung „Gavial“ für longirostrine Krokodile und der latinisierten Form („suchus“) für den altgriechischen Namen („Souchos“) des ägyptischen Krokodilgottes Sobek. Der Artzusatz „eggenburgensis“ bezieht sich auf den Fundort bei Eggenburg. Der Artname lässt sich grob also in etwa mit „Gavial-Krokodil von Eggenburg“ übersetzen.
Für den Bau der Franz-Josefs-Bahn von Wien nach Cheb (Eger) zwischen 1866 und 1872 wurden, unter anderem auch in der Umgebung von Eggenburg, zahlreiche Kies- und Sandgruben zur Gewinnung von Baumaterial betrieben. Sowohl die Bahnbaustelle selbst als auch die dazugehörigen Abbaue wurden regelmäßig von Johann Krahuletz besucht, um nach Artefakten und Fossilien zu suchen. Dabei fand Krahuletz in einer dieser Sandgruben im Schindergraben am Westhang des Kalvarienberges bei Eggenburg neben Knochenresten der später nach ihm benannten Seekuh Metaxytherium krahuletzi auch die Fragmente eines stark zerbrochenen Krokodilschädels.
Toula und Kail gelang es die einzelnen Bruchstücke wieder zu einem nahezu vollständigen Schädel zusammenzusetzen. Die beiden verwendeten dazu Guttapercha als Klebemittel. Die Erfahrungen, die Toula dabei mit dem Klebstoff sammeln konnte, kamen ihm später bei der Rekonstruktion des Schädels des Hundsheimer Nashorns zugute.F. Toula: Das Nashorn von Hundsheim. Rhinoceros (Ceratorhinus Osb.) hundsheimensis nov. form. Mit Ausführungen über die Verhältnisse von elf Schädeln von Rhinoceros (Ceratorhinus) sumatrensis. In: Abhandlungen der k. k. geologischen Reichsanstalt, Band XIX, Heft 1, 1902, S. 1–92. (Digitalisat) Krahuletz bestand darauf, dass die Originalfossilien in Eggenburg zu verbleiben hatten und schlug Kaufangebote aus. Allerdings gestattete er die Anfertigung von Gipsabgüssen und die Wiener Wissenschaftler mussten sich damit zufriedengeben.
mini|links|Franz Toula, 1882 Die Erstbeschreibung von Gattung und Typusart erfolgte 1885 durch Toula und Kail bereits unter dem Namen Gavialosuchus eggenburgensis beziehungsweise unter der Bezeichnung Crocodilus (Gavialosuchus) eggenburgensis. Für die Diagnose verwendeten die Autoren Vergleichsmaterial von drei rezenten Arten (Nilkrokodil, Sunda-Gavial und Gangesgavial) das ihnen jeweils von Andreas Kornhuber, Carl Brühl und Franz Steindachner aus verschiedenen Wiener zoologischen Sammlungen zur Verfügung gestellt worden war. Toula und Kail sahen im Sunda-Gavial (Tomistoma schlegelii) die am nächsten verwandte rezente Art. Die Erstbeschreibung wurde am 7. Mai 1885 in einer Sitzung der „Mathematisch–Naturwissenschaftlichen Classe“ der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien präsentiert. Die Ergebnisse dieser, damals wöchentlich stattfindenden, Sitzungen wurden regelmäßig im „Anzeiger der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften“ veröffentlicht. Im Heft 11 des Jahrgangs 1885 findet sich dementsprechend bereits eine Kurzversion der Erstbeschreibung mit einer Zusammenfassung der wesentlichsten Ergebnisse, jedoch ohne Abbildungen.F. Toula & J. A. Kail: Über einen Krokodilschädel aus den Tertiärablagerungen von Eggenburg in Niederösterreich. In: Anzeiger der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften – Mathematisch–Naturwissenschaftliche Classe, XXII. Jahrgang 1885, Nr. 11, 1885, S. 107–109. (Digitalisat) Die Veröffentlichung der eigentlichen Erstbeschreibung erfolgte erst später im gleichen Jahr. Im September 1885 erschien in „The Annals and Magazine of Natural History“, eine noch weiter gekürzte Zusammenfassung in englischer Sprache. F. Toula & J. A. Kail: On a Crocodile.skull from the Tertiary Deposits of Eggenburg in Lower Austria. In: The Annals and Magazine of Natural History, Vol. XVI, Serie 5, Nr. 93, 1885, S. 236. (Digitalisat)
Im November 1885 hielt Richard Lydekker einen Vortrag, der 1886 veröffentlicht wurde und in dem er die gerade erst neu aufgestellte Gattung Gavialosuchus mit der Gattung Tomistoma synonymisierte. Zu dem Zeitpunkt als Lydekker seinen Vortrag verfasste, standen ihm offensichtlich nur die Kurzversion der Erstbeschreibung von Gavialosuchus eggenburgensis und deren noch kürzere englische Übersetzung zur Verfügung. In der im Folgejahr erschienenen Publikation erwähnt er in einem Nachsatz, datiert mit 20. Januar 1886, jedoch, dass er inzwischen Gelegenheit gehabt habe die entsprechenden Abbildungen aus der eigentlichen Erstbeschreibung zu begutachten und sich in seiner zuvor bereits geäußerten Meinung voll bestätigt sehe.R. Lydekker: On the Occurrence of the Crocodilian Genus Tomistoma in the Miocene of the Maltese Islands. In: The Quarterly Journal of the Geological Society of London, Vol. 42, 1886, S. 20–22. (Digitalisat) Vielleicht auch als Reaktion auf diese Schrift überließ Toula 1886 einen der von ihm angefertigten Gipsabgüsse dem British Museum of Natural History, an dem Lydekker damals tätig war, als Geschenk.R. Lydekker: Catalogue of the Fossil Reptilia and Amphibia in the British Museum (Natural History) – Part I. Taylor & Francis, London 1888, S. 63. (Digitalisat)
mini|297px|Nordamerikanische Formen wie „Gavialosuchus“ carolinensis werden heute der Gattung Thecachampsa zugeordnet. 1915 beschrieb Elias Howard Sellards eine augenscheinlich ähnliche Art aus dem Miozän von Florida zunächst als Tomistoma americana.E. H. Sellards: A New Gavial from the Late Tertiary of Florida. In: The American Journal of Science, Vol. 40, Series 4, 1915, S. 135–138. (Digitalisat) Charles C. Mook ordnete das Taxon 1921 als Gavialosuchus americana der Gattung Gavialosuchus zu und bezog sich dabei ausdrücklich auf die Erstbeschreibung von Toula und Kail.C. C. Mook: Skull Characters and Affinities of the Extinct Florida Gavial Gavialosuchus americana (Sellards). In: Bulletin of the American Museum of Natural History, Vol. XLIV, 1921, S. 33–41. (Digitalisat) Mit Gavialosuchus carolinensis wurde 1996 durch Bruce R. Erickson und Glen T. Sawyer eine weitere nordamerikanische Art in die Gattung eingeführt.B. R. Erickson & G. T. Sawyer: The estuarine crocodile Gavialosuchus carolinensis n. sp. (Crocodylia: Eusuchia) from the late Oligocene of South Carolina, North America. In: Monograph of the Science Museum of Minnesota, Vol. 3, 1996, 47 S.
Kurze Zeit später kamen allerdings erste Zweifel auf, ob eine Zuordnung der nordamerikanischen Formen zur Gattung Gavialosuchus zulässig sei. Im Jahr 2000 wurde Gavialosuchus eggenburgensis erstmals in umfangreicheren phylogenetischen Analysen mit berücksichtigt und es ergaben sich erste Anzeichen dafür, dass die nordamerikanischen Formen mit Gavialosuchus eggenburgensis keine monophyletische Gruppe bilden.Ch. A. Brochu: Phylogenetic Relationships and Divergence Timing of Crocodylus Based on Morphology and the Fossil Record. In: Copeia, Jahrgang 2000, Nr. 3, 2000, S. 657–673. (Digitalisat)Ch. A. Brochu & Ph. D. Gingerich: New Tomistomine Crocodylian from the Middle Eocene (Bartonian) of Wadi Hitan, Fayum Province, Egypt. In: Contributions from the Museum of Paleontology – The University of Michigan, Vol. 30, Nr. 10, 2000, S. 251–268. (Digitalisat) Albert C. Myrick, Jr. synonymisierte 2001 Gavialosuchus americana mit dem bereits 1852 von Joseph Leidy beschriebenen Taxon Thecachampsa antiqua,A. C. Myrick, Jr.: Thecachampsa antiqua (Leidy, 1852) (Crocodylidae: Thoracosaurinae) from Fossil Marine Deposits at Lee Creek Mine, Aurora, North Carolina, USA. In: Smithsonian Contributions to Paleobiology, Nr. 90, 2001, S. 219–225. stieß damit in Fachkreisen jedoch zunächst kaum auf Zustimmung. Erst 2007 wurde Myricks Einschätzung durch Piras et al. teilweise bestätigt. Gavialosuchus americana und Gavialosuchus carolinensis wurden neben Thecachampsa antiqua in die Gattung Thecachampsa gestellt.P. Piras, M. Delfino, L. Del Favero & T. Kotsakis: Phylogenetic position of the crocodylian Megadontosuchus arduini and tomistomine palaeobiogeography. In: Acta Palaeontologica Polonica, Vol. 52, Nr. 2, 2007, S. 315–328. (Digitalisat) Spätere phylogenetische Analysen bestätigten diese Gliederung und Gavialosuchus eggenburgensis war damit wieder der einzige bekannte Vertreter der nunmehr wieder monotypischen Gattung Gavialosuchus.
Synonyme Die wechselvolle Forschungsgeschichte und die allgemeine Schwierigkeit fossile Vertreter der Krokodile systematisch einzuordnen, spiegelt sich in der Anzahl der in der Fachliteratur verwendeten Synonyme für Gavialosuchus eggenburgensis wider. Die in der folgenden Liste angeführten Referenzen beziehen sich nur auf die in den Einzelnachweisen angeführten Quellen und stellen dementsprechend eine subjektive Auswahl dar. Crocodilus eggenburgensisCh. Depéret: Über die Fauna von miocänen Wirbelthieren aus der ersten Mediterranstufe von Eggenburg. In: Sitzungsberichte der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Band 104, 1895, S. 395–416. (Digitalisat) Crocodilus (Gavialosuchus) eggenburgensis Gavialosuchus eggenburgense Gavialosuchus eggenburgensis Tomistoma eggenburgense Tomistoma eggenburgensisO. Abel: Lebensbilder aus der Tierwelt der Vorzeit. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1922, 643 S. (Digitalisat)
Fossilbeleg Neben dem, von Toula und Kail mühsam rekonstruierten, Schädel umfasst das von Krahuletz geborgene Fossilmaterial noch einen isolierten Einzelzahn und mehrere Wirbel, von denen jedoch nur ein präsakraler Wirbel gut genug erhalten ist um diagnostisch verwertbare Merkmale zu zeigen.
Merkmale
mini|330px|Der Sunda-Gavial (Tomistoma schlegelii) ist die am nächsten verwandte rezente Art. Der Schädel von Eggenburg erreicht, ohne die fehlende Schnauzenspitze, eine Länge von 73 cm und entspricht in seinen Dimensionen annähernd denen der größten Gangesgaviale (Gavialis gangeticus) die eine Länge von bis zu 6 m erreichen können. Die Form des Schädels entspricht dagegen der des Sunda-Gavials (Tomistoma schlegelii). Insbesondere ist der Übergang vom Schädel zur langgestreckten Schnauze fließend, wie beim Sunda-Gavial und nicht abgesetzt, wie beim Gangesgavial.
Die in weiterer Folge aufgelisteten Merkmale entsprechen der Erstbeschreibung durch Toula und Kail die im Wesentlichen auch für spätere phylogenetische Analysen verwendet wurde. Die angeführten Merkmale sind eine Auswahl und beziehen sich hauptsächlich auf Unterschiede zum rezenten Sunda-Gavial und der nahe verwandten fossilen Form Tomistoma lusitanica aus dem Miozän des Mittelmeerraumes entsprechend der von Stéphane Jouve 2016 verwendeten phylogenetischen Datenmatrix. Im Text verwendete Abkürzungen beziehen sich auf die rechts wiedergegebenen Originalabbildungen aus der Erstbeschreibung.
Gemeinsame Merkmale mit Tomistoma lusitanica im Gegensatz zum Sunda-Gavial