mini|Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi (um 1800), gemalt von Anne-Louis Girodet-Trioson Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi (* 9. Mai 1773 in Genf; † 25. Juni 1842 in Chêne-Bougeries) war ein Schweizer Ökonom und Historiker. Er gilt als einer der ersten bedeutenden Kritiker der klassischen englischen Nationalökonomie.Emil Spiess: Illustrierte Geschichte der Schweiz, Bd. 3. Zürich 1961, S. 87.
Leben Sismondi entstammte einer alten italienischen Adelsfamilie, die im Jahre 1524 aus Pisa nach Frankreich eingewandert war und in der Dauphiné lebte.Achim Toepel: Simonde de Sismondi. In: J.C.L. Simonde de Sismondi: Neue Grundsätze der politischen Ökonomie oder Vom Reichtum in seinen Beziehungen zur Bevölkerung. Erster Band, eingeleitet und herausgegeben von Achim Toepel. Akademie-Verlag, Berlin 1971, S. XI. Nach dem Edikt von Fontainebleau 1685 wanderte die Hugenotten-Familie Symond nach Genf ein, wo sie die Schreibweise später in Simonde änderte. Sismondi selbst fügte dem Familiennamen um 1796/97, während des Exils in der Toskana, den Prädikatsnamen (de) Sismondi an, da er überzeugt war, dass seine Familie ursprünglich von dem sehr altenJ. C. L. Simonde v. Sismondi: Geschichte der italienischen Freistaaten: Ihr Ursprung, Fortschritt und Fall, Augsburg 1840, S. 222. pisanischen Patriziergeschlecht SismondiJ. C. L. Simonde Sismondi: Geschichte der italiänischen Freistaaten im Mittelalter. Band 5, Zürich 1810, S. 235. abstamme.August Oldekop: St. Petersburgische Zeitschrift, Band 2, 1822, S. 49; Helmut O. Pappe: [Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi], , S. 1. mini|Wappen Simonde de Sismondi Entsprechend spiegelte dies das geführte Familienwappen wider, das auch die französischen Simond de Moydier führten:Der Vertreter eines Zweiges der aus Touraine stammenden großbürgerlichen Familie Bretonneau (de la Bissonaye), Gabriel-Charles Bretonneau, geboren 1827 in Digne, 1851 mit Marie-Louise Simond de Moydier verheiratet, der 1889 in Paris starb, bat 1868 um die Erlaubnis, seinem Namen den Prädikatsnamen de Moydier hinzuzufügen, unter dem er bekannt war und der zur Familie seiner Frau gehörte: Dictionnaire des familles françaises anciennes ou notables, Band 7, Évreux 1908, S. 42 f. Vgl. das Wappen der Bretonneau de Moydier, die im gevierten Schild im 2. und 3. Feld das Wappen Simond de Moydier (bzw. Simonde de Sismondi) führen: Johannes Baptista Rietstap: Armorial général, Band 1, 1884, S. 297; M. Bacheline-Deflorenne: État présent de la noblesse française contenant, Paris 1886, S. 472. vorn das Stammwappen derer Sismondi, von denen nach einer Theorie auch das neapolitanische Adelshaus Caraffa abstammen soll: drei silberne Balken;Biographie universelle, Band 7, Paris 1813, S. 105; Johann Samuel Ersch: Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, Band 15, Leipzig 1826, S. 162. hinten sechs silberne Oliven; alles auf rotem Grund.Johannes Baptista Rietstap: Armorial général, Band 2, 1887, S. 780.
Sein Vater Gédéon-François Simonde († 1810)Bonstettiana, Göttingen 2003, S. 880. war Pastor und Mitglied des Genfer Rats der Zweihundert. Beide Elternteile Sismondis gehörten Familien der Genfer großbürgerlichen Oberschicht an. Durch erfolgreiche Handelsunternehmungen waren sie sehr wohlhabend geworden. Sismondis Mutter Henriette-Gabrielle-Esther (1748–1821) war die Tochter von Pierre Girodz (1715–1792),Notices généalogiques sur les familles genevoises, Genf 1829, S. 218–220. der sie mit einer ansehnlichen Mitgift, großteils in Immobilien, ausgestattet hatte.Helmut O. Pappe: [Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi], , S. 1, Helmut O. Pappe (Hg.): Statistique du Département du Léman, Genf 1971, S. 15., Benjamin Constant, Genf 1980, S. 94. Durch sie war Sismondi auch ein Großcousin des aus Genf stammenden Obersts Alphonse Girodz de Gaudy (1770–1839), dem 1827 der preußische Adelsstand zuerkannt wurde und der der Vater des Generalleutnants Alfons Girodz von Gaudi (1818–1888) war.
Seine Kindheit verbrachte Sismondi auf dem Landsitz der Familie im nahegelegenen Châtelaine. Er besuchte Schulen in Genf und schloss 1792 in Lyon eine kaufmännische Lehre ab. Ansonsten war er ein Autodidakt. 1792 hatte er an der Genfer Akademie ein Studium der Rechtswissenschaften aufgenommen, brach es aber 1793 ab, weil er mit seiner Familie bis 1794 vor der Genfer Revolution nach England fliehen musste. → Geschichte des Kantons Genf. Nach Rückkehr nach Genf wurden Vater und Sohn festgenommen und ihr Vermögen fast ganz beschlagnahmt. So kaufte die Familie in der Toskana das Gut Il podere di Valchiusa bei Pescia. Im Herbst 1800 kehrte Sismondi nach Genf zurück, wo er schließlich vermehrt literarisch tätig wurde. Er nahm an einem Gesprächskreis von Schriftstellern und Gelehrten teil, der sich um Madame de Staël im Schloss Coppet versammelte und später als „Coppet-Gruppe“ (Groupe de Coppet) bekannt wurde.Françoise Tilkin u. a.: Le Groupe de Coppet et le monde moderne. Dros, Genève 1998.
1819 heiratete er die Engländerin Jessie Allen (1777–1853), die eine Tante von Charles Darwin war bzw. von dessen Ehefrau Emma Darwin geb. Wegwood, welche auch dessen Cousine war.A Calendar of the Correspondance of Charles Darwin, 1821–1882, S. 636,
Achim Toepel schreibt, „Sismondi gehört zu jenen in der Vergangenheit häufig anzutreffenden großen Gelehrten, deren wissenschaftliche Systeme eine umspannende Weite des geistigen Horizonts aufweisen. Neben der ökonomischen Theorie gibt es bei ihm die in sich abgeschlossene Staats- und Gesellschaftstheorie, in dem Buch ‚Forschungen über die Verfassungen der freien Völker‘ niedergelegt, das gewaltige Geschichtswerk, in der 30bändigen ‚Geschichte der italienischen Freistaaten im Mittelalter‘ und in der 33bändigen ‚Geschichte der Franzosen‘ zu finden, und schließlich das sich aus vier Bänden zusammensetzende literarisch-historische Werk ‚Die Literatur des südlichen Europas‘“.Achim Toepel: Simonde de Sismondi, in J.C.L. Simonde de Sismondi, Neue Grundsätze der politischen Ökonomie oder Vom Reichtum in seinen Beziehungen zur Bevölkerung, Erster Band, Eingeleitet und herausgegeben von Achim Toepel, Akademie-Verlag, Berlin 1971, S.IX.
Der Ökonom mini| Sismondi hat seinen Ruf als Wirtschaftswissenschaftler durch sein Werk Nouveaux principes d’économie politique, ou de la richesse dans ses rapports avec la population begründet, das 1819 erschienen ist, zwei Jahre nach dem Hauptwerk David Ricardos. Die wesentlichsten Gedanken desselben wurden schon 1815 für einen Artikel in Brewsters Edinburgh Encyclopaedia niedergeschrieben, der aber erst hernach veröffentlicht wurde. In den Études sur l’économie politique hat Sismondi seine Hauptthesen weiter ausgebaut.Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hrsg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965. S. 607.
Krisentheorie Historischer Auslöser für Sismondis kritische Wendung gegen zentrale Lehren der klassischen Nationalökonomie war die Erfahrung der Absatzkrisen der Jahre 1815 und 1818/19, die im Zusammenhang mit dem Beginn und dem Ende der Kontinentalsperre zu sehen sind. Sismondi wies gegenüber den klassischen Nationalökonomen, die fast durchweg vom Sayschen Gesetz ausgingen, nachdrücklich auf die Möglichkeit einer technologisch bedingten Arbeitslosigkeit hin, die durch die Maschinisierung der Produktionsprozesse hervorgerufen wird. Was theoretische Erkenntnisse angeht, so sind vor allem Sismondis Argumentation gegen Says Gesetz beachtlich sowie seine „Unterkonsumtionstheorie“ zur Erklärung von Wirtschaftskrisen. Er geht vom Dogma Adam Smith’ aus, der den Wert des jährlichen Gesamtprodukts mit der Summe aus Einkommen Lohn, Profit und Rente gleichsetzt und den Wert des verbrauchten konstanten Kapitals (Maschinen, Rohstoffe usw.) unberücksichtigt lässt, und sagt, dass sich das Produkt eines jeden Jahres nur gegen das Einkommen des jeweils vorangegangenen Jahres austausche. Produktion und Absatz klafften auseinander, weil in einer wachsenden Wirtschaft das kleinere Einkommen der Vorperiode stets die höhere Produktion der laufenden Periode nachfragen würde. Die verzögerte Nachfragewirkung des Einkommens begründe eine permanente Unterkonsumtionskrise.Klaus Müller: Boom und Krise, PapyRossa-Verlag, Köln 2017, S. 61. Die kapitalistische Wirtschaft neige fortwährend dazu, mehr zu produzieren, als sie konsumieren kann. Smith und Ricardo irrten daher, indem sie befürworteten, die Produktion auszudehnen, weil sie dadurch den Widerspruch zwischen der Produktion und der Konsumtion nur noch vergrößerten.Achim Toepel: Simonde de Sismondi, in: J.C.L. Simonde de Sismondi, Neue Grundsätze der politischen Ökonomie oder Vom Reichtum in seinen Beziehungen zur Bevölkerung, Band 1, eingeleitet und herausgegeben von Achim Toepel, Akademie-Verlag, Berlin 1971, S.XCII. Einen weiteren Grund der Krise sieht Sismondi in der ungleichen Einkommensverteilung. Einkommensstruktur und Produktionsstruktur drifteten auseinander. Lohnempfänger könnten sich keine hochwertigen Güter leisten, ihre Einkommen reichten, wenn überhaupt, gerade für das Dringendste. Unternehmer und Profitbezieher fänden auf dem heimischen Markt nicht genügend Luxuswaren oder zögen diesen ausländische Kostbarkeiten vor. Ein Teil der jährlichen Produktion bliebe unabsetzbar, weil er nicht der heimischen Einkommens- und Nachfragestruktur entspräche. Die Hauptursache des zur Krise führenden Widerspruchs zwischen der Produktion und der Konsumtion aber sah Sismondi in der Trennung von Arbeit und Eigentum. „Wir befinden uns in einer Lage, die für die Gesellschaft gänzlich neu ist“, sagt Sismondi, „wir streben dahin, jede Art Eigentum von jeder Art Arbeit zu trennen.“zit. aus Karl Marx: Das Kapital, Band 1, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 23, Berlin 1972, S. 790 Dadurch konzentriere sich der Reichtum in den Händen weniger, die kleinen Warenproduzenten würden ruiniert und proletarisiert, die Arbeiter verarmten. Die größer werdende Produktion stoße auf eine mangelnde Konsumtionsfähigkeit, der innere Markt verenge sich. Sismondi sah unter diesen Bedingungen die Lösung darin, auf fremden Märkten Absatzwege zu finden und zurückzukehren zur einfachen Warenproduktion, die Eigentum und Arbeit wieder zusammenführe.Günter Fabiunke: Geschichte der bürgerlichen politischen Ökonomie, Berlin 1975, S. 180 f. Achim Toepel lobt bei allen Unzulänglichkeiten Sismondis Krisentheorie. Bei ihm „lassen sich die Krisen… nicht auf irgendwelche außergewöhnlichen Störungen des kapitalistischen Wirtschaftsablaufs (Naturkatastrophen, politische Ereignisse etc.) zurückführen. Krisen sind für ihn Erscheinungen, die aus den kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnissen mit unabänderlicher Gesetzmäßigkeit entspringen. Mit dieser großartigen Idee hatte Sismondi das ökonomische Denken seiner Zeit um eine wichtige Erkenntnis bereichert.“Achim Toepel: Simonde de Sismondi, in: J.C.L. Simonde de Sismondi, Neue Grundsätze der politischen Ökonomie oder Vom Reichtum in seinen Beziehungen zur Bevölkerung, Akademie-Verlag, Berlin 1971, S. CIV