Russalka ist eine Oper in vier Akten und sechs Bildern von Alexander Dargomyschski, der auch das Libretto schrieb. Sie basiert auf dem 1837 erschienenen Gedicht Die Nixe von Alexander Puschkin und wurde am im Zirkustheater Sankt Petersburg uraufgeführt.

Handlung

Erster Akt

Ufer des Dnjepr mit einer Mühle und einer Eiche

Der Müller beklagt sich über seine bei ihm lebende Tochter Natascha, die er als störrisch und eigensinnig empfindet (Nr. 1. Arie des Müllers). Diese unterhält seit einem Jahr eine Liebesbeziehung mit einem Fürsten, mit der sich ihr Vater abgefunden hat, da er sich davon materielle Vorteile verspricht. Ihr Geliebter hat sich zu ihrem Kummer schon längere Zeit nicht mehr blicken lassen. Als er sie endlich wieder besucht, entschuldigt er sich mit seinen anderen Verpflichtungen und schenkt ihr eine Halskette (Nr. 2. Terzett). Natascha ist zuerst glücklich, bemerkt jedoch bald an seinem Verhalten, dass etwas nicht stimmt. Sie gehen in die Mühle.

Bauern erscheinen, um zu tanzen und zu singen (Nr. 3. Chor). Der Müller gesellt sich zu ihnen. Wenig später kehrt auch der Fürst zurück. Da der Müller erkennt, dass er etwas auf dem Herzen hat, schickt er die Bauern fort und zieht sich ebenfalls zurück. Der Fürst kann nun mit Natascha allein sprechen (Nr. 4. Duett). Er teilt ihr mit, dass er sich von ihr trennen müsse, um sich standesgemäß zu vermählen. Er gibt ihr zum Abschied einen Beutel mit Gold, obwohl Natascha ihm offenbart, dass sie ein Kind erwartet. Nachdem er fort ist, versucht der Müller vergeblich, seine Tochter zu trösten (Nr. 5. Duett). Die Bauern kommen besorgt zurück (Nr. 6. Finale). Natascha steigert sich immer weiter in ihre Verzweiflung hinein. Sie wirft das Geld auf die Erde und den Schmuck in den Fluss. Schließlich ruft sie den Fluss Dnjepr an, ihr bei ihrer Rache zu helfen, und stürzt sich selbst hinein.

Zweiter Akt

Im Palast des Fürsten

Der Fürst feiert seine Hochzeit mit der reichen Adligen und empfängt die Glückwünsche seiner Gäste (Nr. 7. Chor). Nachdem alle gegangen sind, schwören sich Fürst und Fürstin ewige Liebe und Treue (Nr. 8. Arie/Duett). Der Brautwerber gratuliert ebenfalls, und ein fröhlicher Chor stößt auf das Paar an (Nr. 9. Rezitativ und Gratulationschor). Man tanzt (Nr. 10. Slawischer Tanz – Nr. 11. Zigeunertanz). Die Fröhlichkeit wird plötzlich durch ein klagendes Lied einer Frauenstimme unterbrochen (Nr. 12. Finale). Die Sängerin ist jedoch nicht zu finden. Der Fürst glaubt, es sei die Stimme seiner toten Geliebten. Der Brautwerber und die von der Fürstin aufgenommene Waise Olga versuchen noch, die Stimmung zu retten. Als der Fürst aber seine Braut küssen will, hören alle eine Frau stöhnen. Die Fürstin hat böse Vorahnungen.

Dritter Akt

Frauengemach

mini|Szenenskizze von A. Golovin, 1900

Nach zwölf Jahren steht es mit Ehe des Fürstenpaares nicht gut. Der Fürst verschwindet tagelang im Wald und lässt seine Frau alleine zurück. Sie klagt über seine Rastlosigkeit und ihre Einsamkeit (Nr. 13. Introduktion und Arie). Auch Olga kann sie nicht aufheitern (Nr. 14. Rezitativ und Lied). Da berichtet ein Jäger, dass der Fürst sein Gefolge fortgeschickt habe und am Ufer des Flusses allein zurückgeblieben sei. Die besorgte Fürstin macht sich mit Olga auf die Suche nach ihm.

Ufer des Dnjepr, wie im ersten Akt; die Mühle ist halb verfallen; Abend

Im Fluss tummeln sich Russalkas, Wassergeister der slawischen Mythologie (Nr. 15. Chor der Russalkas). Als der Fürst erscheint, ziehen sie sich ins Wasser zurück. Den Fürsten zieht es immer wieder an diesen Ort, da er Natascha nicht vergessen kann (Nr. 16. Cavatine). In Anbetracht des Zustands der Mühle vermutet er, dass der alte Müller inzwischen aus Kummer gestorben ist. Doch da erscheint dieser selbst, zerlumpt und halb nackt. Er hat vor Trauer den Verstand verloren, hält sich für einen Raben, und erzählt, dass er die Mühle den Dämonen verkauft habe (Nr. 17. Duett mit Chor). Der Fürst ist erschüttert und bietet ihm Hilfe an. Der Müller lehnt ab. Er hält den Fürsten für schuldig an seinem Unglück und wird plötzlich handgreiflich. Glücklicherweise hören die Jäger des Fürsten dessen Hilferufe und retten ihn. Der Müller fleht um Gnade. Die anderen bedauern den Wahnsinnigen und lassen ihn allein zurück.

Vierter Akt

Unterwasserreich der Russalkas

mini|Szenenskizze von Wiktor Michailowitsch Wasnezow, 1884

Nach einigen Tänzen der Russalkas (Nr. 18) erscheint ihre Königin, die frühere Natascha, die nun selbst zur Russalka geworden ist – ebenso wie ihre nun zwölfjährige Tochter, genannt Russalotschka. Das Mädchen erzählt, dass ihr Großvater, der Müller, sie darum gebeten habe, ihm das in den Fluss geworfene Geld zurückzuholen (Nr. 19. Szene und Arie). Natascha weiß, dass der Fürst heute wieder zum Ufer kommen wird. Sie fordert ihre Tochter auf, zu ihm zu gehen, ihn an die alten Tage zu erinnern und zu ihr ins Wasserreich zu bringen.

Ufer des Dnjepr

Die Fürstin und Olga sind auf dem Weg zum Ufer. Als sie den Fürsten bemerken, verstecken sie sich hinter den Ruinen der Mühle. Russalotschka zeigt sich dem Fürsten und erzählt ihm von ihrer Mutter, seiner früheren Geliebten, die nun Königin des Dnjepr sei und noch immer auf ihn warte (Nr. 20. Finale). Als der Fürst sich bereit erklärt, ihr zu folgen, treten die Fürstin und Olga hervor, um ihn aufzuhalten. Die Stimme Nataschas ist mit Lockrufen zu hören. Der Fürst verspürt einen unwiderstehlichen Drang zum Fluss. Schließlich erscheint auch der alte Müller. Er ruft aus, dass heute Hochzeit sei und zieht den Fürsten gemeinsam mit Russalotschka in den Fluss. Die Fürstin und Olga rufen verzweifelt um Hilfe, doch die herbeieilenden Jäger können nichts mehr ausrichten.

Die Szene verwandelt sich in ein prächtiges Unterwasserkönigreich, das vom Mond beschienen wird und wie von blauem Feuer leuchtet. Russalkas legen ihrer Königin die Leiche des Fürsten zu Füßen.

Gestaltung

Russalka ist das erste Zeugnis von Dargomyschskis Versuch, mit einigen Gleichgesinnten einen neuen Gesangsstil mit der Losung „Wahrheit in Tönen“ zu entwickeln. Dargomyschskis Kollegen des „Mächtigen Häufleins“ zogen dessen spätere Oper Der steinerne Gast (1872) der Russalka vor, da ihnen sein „gemischter Stil“ nicht gefiel. Doch gerade dieser wurde vom Komponisten Alexander Serow für vorbildlich gehalten. Auch Igor Strawinsky schätzte die „Mischung aus russisch-volkstümlichem Melos und dem vorherrschenden Italianismus mit der sorglosesten und reizendsten Leichtigkeit“. Genaugenommen sind die unterschiedlichen Stile allerdings nicht gemischt, sondern stehen nebeneinander.

Der tragischen Haupthandlung setzt Dargomyschski Bauernchöre entgegen, die bei Puschkin noch fehlen. Sie enthalten musikalische Elemente der russischen Volksmusik. Dem Herzog sind Arietten im französischen Stil zugewiesen. Kontrastierend sind auch die beiden Frauen des Fürsten dargestellt. Während Natascha im italienischen Stil singt und als Königin der Russalkas im letzten Akt auf den Stil der großen Oper verweist, erinnern die Arien der Fürstin an das volkstümlich russische Klagelied. Olgas Versuch, die Fürstin zu Beginn des dritten Akts aufzumuntern, hat ein Vorbild in der Szene Agathe/Ännchen von Carl Maria von Webers Freischütz. Dargomyschski ersetzte demgemäß die alte Amme aus Puschkins Text durch ein junges Mädchen. Auch die Buffo-Arie des Müllers am Anfang der Oper bezieht sich auf den italienischen Musikstil. Russalkas Tochter im vierten Akt ist wie beiden Vorgängeropern eine Kinder-Sprechrolle. Ihr Text wird melodramatisch von einem Harfensolo begleitet. In den Vorgängeropern wurde diese Szene lediglich als fremdartige Klangfarbe eingesetzt. Bei Dargomyschski dagegen ist sie wesentlich dafür, den Fürsten in seinen Untergang zu locken.

Der musikalisch bedeutsamste Teil der Oper ist das zweite Bild des dritten Akts mit der Wahnsinnsszene des Müller. Dieser verschließt zu Beginn die Augen vor der Realität, als er der Beziehung seiner Tochter mit dem Fürsten nicht entgegentritt. Erst als er nach deren Tod dem Wahnsinn verfällt, kann er die Wahrheit sehen und aussprechen. Die Vokallinie orientiert sich an dieser Stelle an der Redeintonation. Der Text ist wörtlich Puschkins Vorlage entnommen. Der Konflikt zwischen Müller und Fürst erfährt eine Entsprechung im Orchester, das hier auch eine kommentatorische Funktion hat.

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:

Holzbläser: Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, zwei Kornette in B, drei Posaunen, Ophikleide Pauken, Schlagzeug: Trommel, große Trommel Harfe Streicher

Musiknummern

Die Oper enthält den Angaben bei operalib.eu zufolge diese Musiknummern:Musiknummern bei operalib.eu, abgerufen am 26. August 2018.

Erster Akt

Nr. 1. Arie des Müllers: „Ох, то-то все вы, девки молодые“ („Och, to-to wse wy, dewki molodyje“) Nr. 2. Terzett: „Чу! Я слышу топот его коня… Он! Да, он!“ („Tschu! Ja slyschu topot ego konja… On! Da, on!“) Nr. 3. Chor: „Ах ты, сердце, моё сердце“ („Ach ty, serdze, mojo serdze“) Nr. 4. Duett: „Нет, не рассеет дум тяжёлых“ („Net, ne rassejet dum tjaschjolych“) Nr. 5. Duett: „Ба, ба, ба, ба! Что вижу!“ („Ba, ba, ba, ba! Tschto wischu!“) Nr. 6. Finale: „Ах ты, поле, моё поле“ („Ach ty, pole, mojo pole“)

Zweiter Akt

Nr. 7. Chor: „Как во горнице-светлице“ („Kak wo gornize-swetlize“) Nr. 8. Arie/Duett: „Подруги детства, подруги светлых дней“ („Podrugi detstwa, podrugi swetlych dnei“) Nr. 9. Rezitativ und Gratulationschor: „А где дружко?“ („A gde druschko?“) Nr. 10. Slawischer Tanz Nr. 11. Zigeunertanz Nr. 12. Finale: „Да здравствует наш Князь младой“ („Da sdrawstwujet nasch Knjas mladoi“)

Dritter Akt

Nr. 13. Introduktion und Arie: „Чу! кажется, трубят“ („Tschu! kaschetsja, trubjat“) Nr. 14. Rezitativ und Lied: „Княгиня бедная!“ („Knjaginja bednaja!“) Nr. 15. Chor der Russalkas: „Свободной толпою“ („Swobodnoi tolpoju“) Nr. 16. Cavatine: „Невольно к этим грустным берегам“ („Newolno k etim grustnym beregam“) Nr. 17. Duett mit Chor: „Что это значит?“ („Tschto eto snatschit?“)

Vierter Akt

Nr. 18. Tänze der Russalkas Nr. 19. Szene und Arie: „Оставьте пряжу, сёстры, солнце село“ („Ostawte prjaschu, sjostry, solnze selo“) Nr. 20. Finale: „Невольно к этим грустным берегам“ („Newolno k etim grustnym beregam“)

Werkgeschichte

mini|hochkant|Fjodor Schaljapin als Müller, 1916 mini|hochkant|Wladimir Kastorski als Müller, vor 1917

Alexander Dargomyschskis Oper Russalka entstand in den Jahren 1848 bis 1855. Er selbst schrieb das Libretto, das „unter Bewahrung vieler Verse des Dichters“ auf dem Gedicht Die Nixe von Alexander Puschkin (1832) basiert. Letzteres – ein als „dramatische Romanze“ bezeichnetes Libretto für ein Singspiel – war seinerseits von Ferdinand Kauers Singspiel Das Donauweibchen (Wien 1798) inspiriert. Eine von Stepan Dawydow als „Komische Zauberoper“ überarbeitete Fassung mit dem Titel Russalka hatte 1803 im Großen Theater Petersburg auf den Musikbühnen Russlands so großen Erfolg, dass Dawydow und sein Kollege Catterino Cavos in den nächsten Jahren mehrere Fortsetzungen komponierten. Der Dichter Iwan Krylow wandte sich gegen die in diesen Werken hervortretenden Trivialitäten. Sein künstlerisch bedeutenderes Libretto für Cavos’ Oper Ilja Bogatyr von 1807 wurde schließlich zur Vorlage von Puschkins Text. In der Darstellung der Rache der verführten und verlassenen Müllerstochter behandelt er einen Konflikt zwischen Bürgerschicht und Aristokratie. Die interessanteste Gestalt bei Puschkin wie auch bei Dargomyschski ist nicht die titelgebende Nixe, sondern der Müller, der nach der absehbaren Katastrophe wahnsinnig wird. Hier gibt es im Gegensatz zu den frühen Fassungen kein glückliches Ende mehr. Der Schwerpunkt liegt auf dem Motiv der Sühne.