Helena Alexandrowna Timofejew-RessowskiIn der biologischen Fachliteratur hat sich die Transkription „Timoféeff-Ressovsky“ für den Nachnamen des Forscherehepaares eingebürgert. Dies ist die Transkription, die das Ehepaar Timofejew-Ressowski selbst für ihre deutschsprachigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen verwendet hat. (, wiss. Transliteration ; * in Moskau; † 29. April 1973 in Obninsk) war eine russische Genetikerin. Sie war mit dem russischen Genetiker Nikolai Timofejew-Ressowski verheiratet. Das Ehepaar führte ein gemeinsames Forscherleben. Trotz gemeinsamer Forschungen und zahlreicher gemeinsamer Veröffentlichungen geriet Helena Timofejew mit den Jahren zunehmend in der Scientific Community in den wissenschaftlichen Schatten ihres Mannes. Neben biografischen Daten stellt dieser Artikel die schwächer werdende wissenschaftliche Wahrnehmung von Helena Timofejew gegenüber ihrem Mann Nikolai dar. Die Wissenschaftshistorikerinnen Helga Satzinger und Annette Vogt gehen davon aus, dass der qualitative Anteil an den genetischen Timofejew-Forschungsergebnissen von Helena zu dem Anteil ihres Mannes Nikolai deutlich zu gering eingeschätzt wird und wesentlich höher veranschlagt werden muss.Der Artikel basiert insgesamt auf den wissenschaftshistorischen Untersuchungen von Helga Satzinger und Anette Vogt: Elena Aleksandrovna und Nikolaj Vladimirovic Timoféeff-Ressovsky
Familie, Jugend, Studentenzeit Begebenheiten aus Jugend, Familie und Studentenzeit von Helena Timofejew-Ressowski sind nur aus den Erinnerungen, die ihr Mann Nikolai aufzeichnete, bekannt.Helga Satzinger, Anette Vogt: Elena Aleksandrovna und Nikolaj Vladimirovic Timoféeff-Ressovsky Sie wurde am 21. Juni 1898 als Helena Alexandrowna Fidler in Moskau geboren. Väterlicherseits hatte sie deutsche Vorfahren. Die Familie war assimiliert. Ihr Vater Aleksandr Fidler (auch Fiedler) betrieb ein privates Mädchengymnasium in Moskau. Von ihrer Mutter ist nichts bekannt. Von neun Kindern, sieben Töchtern und zwei Söhnen, war Helena eine der jüngsten. Mehrere ihrer älteren Schwestern studierten, die älteste wählte Musikwissenschaften als Studienfach, drei andere Schwestern wurden Chemikerinnen. Helena wuchs wohlbehütet in einer gutsituierten Familie auf und erhielt eine ausgezeichnete Schulbildung. Im Mai 1917 beendete sie das Alferovskij-Gymnasium in Moskau.
Sie begann mit dem Studium der Biologie und Zoologie unter anderem bei Nikolai Konstantinowitsch Kolzow. Dieser galt bei Zeitgenossen als der beste russische Zoologe. Die Ausbildung bei Kolzow war denkbar breit und gründlich. Die klassischen Fächer Zoologie und vergleichenden Morphologie wurden ebenso gelehrt wie neu entstehende Gebiete der experimentellen Biologie. Neben Laborarbeit mussten die Studenten auch ökologische Beobachtungen und Experimente unter Freilandbedingungen durchführen. Darüber hinaus mussten sie sich mit Erkenntnistheorie beschäftigen.
Mitten in Helena Fidlers Studium brachen die gewaltigen politischen Erschütterungen herein, die Russland veränderten und die 1922 zur Gründung der UdSSR führten, deren Bürgerin sie wurde und zeitlebens blieb. Den Bürgerkrieg erlebte sie hautnah, da sie sich Anfang der 1920er Jahre auf einer Expedition im Süden des damaligen Russland befand. An der Universität Simpferopol auf der Krim hatte sie das Glück, die besten Professoren aus Moskau hören zu können, die dorthin aus dem hungernden zentralrussischen Teil geflüchtet waren. Hier machte sie die Bekanntschaft mit dem Geologen Wladimir Iwanowitsch Wernadski, der nach 1947 aufgrund seiner ökologischen Vorstellungen für sie und ihren späteren Ehemann große wissenschaftliche Bedeutung erlangen sollte.
Unkonventioneller Berufseinstieg Nach Moskau zurückgekehrt lernte sie am Institut Kolzows den zwei Jahre jüngeren Studenten Nikolai Timofejew-Ressowski kennen. Sie heirateten kurze Zeit später im Mai 1922. Am 11. September 1923 wurde ihr erster Sohn Dmitri, genannt Foma, in Moskau geboren. Beide Eltern waren jung und befürworteten die neue Rolle der Frau. Helena arbeitete als Biologin weiter und wollte nicht nur die Mutter ihres kleinen Sohn sein. Ohne Studienabschluss, der nach der Revolution als „bürgerlich“ betrachtet wurde, arbeiteten beide in der Abteilung Genetik des Moskauer Institut für experimentelle Biologie unter der Leitung von Sergei Sergejewitsch Tschetwerikow. Hermann Joseph Muller hatte 1922 bei einem Besuch diese Genetiker-Arbeitsgruppe etabliert und Zuchtstämme der Fruchtfliege Drosophila melanogaster in die UdSSR gebracht, mit denen seit 1910 die Arbeitsgruppe von Thomas Hunt Morgan Vererbungsvorgänge untersuchte. Im Unterschied zu den US-Amerikanern benutzte die Gruppe Tschetwerikow die Kreuzungsexperimente, um Fragen nach der Vererbung und der Entstehung von Arten im Laufe der Evolution nachzugehen. Die Gruppe legte damit wichtige Grundsteine für die Synthetische Evolutionstheorie.
Die Berliner Jahre Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung Anfang der 1920er Jahre weilte der Berliner Hirnforscher Oskar Vogt mehrfach in Moskau. Er suchte für sein Institut, das Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Hirnforschung, junge Wissenschaftler, die sowohl Insektensystematik als auch Genetik beherrschten. Er hatte gute Kontakte zum damaligen Volkskommissar für das Gesundheitswesen der UdSSR Nikolai Aleksandrovic Semascko. Letzterer schlug ihm das Ehepaar Timofejew-Ressowski für die anstehende wissenschaftliche Aufgabe vor. Helena und Nikolai Timoféeff-Ressovsky gingen mit ihrem Sohn nach Berlin, wo beide eine Zeit lang in Vogts Institut arbeiten sollten. Keiner ahnte, dass dieser Berlin-Aufenthalt sich auf 20 Jahre ausdehnen würde. Im Tätigkeitsbericht des KWI von 1925 heißt es: „Einen weiteren Ausbau erfuhr dann die Genetische Abteilung. […] Außerdem haben Herr und Frau Dr. TIMOFEEFF aus Moskau an der […] Drosophila bestimmte Fragen systematisch in Arbeit genommen.“Aus dem Tätigkeitsbericht des KWI 1925, nach Satzinger, Vogt. Die Arbeitsbedingungen am KWI in den 1920er Jahren waren phantastisch: „Die Atmosphäre am Institut war […] kosmopolitisch. […] Ausländische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen arbeiteten häufig am Institut, gesprochen wurde deutsch, französisch und russisch. Die genetische Abteilung wurde eine „russische Kolonie“, aber Elena und Nikolai Timoféeff-Ressovsky sprachen und schrieben auch deutsch.“
Mutationsexperimente Am 9. April 1927 gebar Helena Timofejew-Ressowski ihren zweiten Sohn Andrei. 1927 fand der 5. Internationale Genetik-Kongress in Berlin statt. Muller stellte seine neue und biologiegeschichtlich folgenreiche Methode vor, mit Röntgenstrahlen bei Drosophila experimentell neue, erbliche Eigenschaften zu erzeugen. Helena und Nikolai Timofejew übernahmen diese Methode umgehend und entwickelten den Arbeitsschwerpunkt Mutationsforschung, der in der Folge den Forscherruhm beider in den 1930er Jahren begründete. Helena und Nikolai Timofejew bekamen Forscherzuwachs im Genetik-Institut des KWI. Statt Theodosius Dobzhansky, der nicht abkömmlich war, kam Sergei Romanowitsch Zarapkin mit seiner Frau Aleksandra Sergeevna nach Berlin. Die promovierte Biologin Estera Tenenbaum kam 1929 an die genetische Abteilung, musste aber bereits 1934 emigrieren. Hermann Joseph Muller arbeitete ebenfalls Anfang der 1930er Jahre an besagtem KWI-Institut.
Die Timofejew-Ressowskis hielten den Kontakt zu ihrem ehemaligen Institut in Moskau aufrecht und veröffentlichten einen Teil ihrer Berliner Arbeiten in sowjetischen Zeitschriften. Bis 1929 schien der Aufbau einer wissenschaftlichen deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit vor allem in Hinsicht auf die Populationsgenetik erfolgversprechend. Nikolai wurde in diesem Jahr Leiter der Abteilung für experimentelle Genetik. Helena blieb Assistentin. Zwischen 1925 und 1933 publizierten die Timofejews über 36 Aufsätze in deutschsprachigen, russischen, englischen und US-amerikanischen Fachzeitschriften.
Geschlechtsspezifische Bevor- und Benachteiligungen Zwischen Helena und Nikolai Timofejew-Ressowski entwickelte sich inner- und außerhalb des Labors eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Helena war immer im Labor tätig und trug die Hauptlast der Erziehung ihrer beiden Söhne. Nikolai Timofejew selbst berichtete davon, dass es seine Frau war, die versuchte, das Geld zusammenzuhalten, das er, wenn er alleine zu Kongressen oder Vorträgen fuhr, reichlich ausgab. Das Klima am Berliner Institut für Genetik änderte sich durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten drastisch. Helena musste dem Druck gegen das sogenannte Doppelverdienertum, mit dem die Nationalsozialisten die Beschäftigung von verheirateten Frauen beenden wollten, nachgeben und ihre Stelle offiziell aufgeben. Sie schied offiziell als Assistentin aus, arbeitete aber weiterhin im Laboratorium ihres Mannes. Während Nikolai Timofejew bis 1938 seine Position als Wissenschaftler auch noch bei den Nationalsozialisten stärken konnte, verschlechterte sich die Position seiner Frau Helena zusehends. Sie war nur noch mitarbeitende Ehefrau, ohne formalen Status und akademischen Titel, was der Wahrnehmung ihrer Arbeiten und deren Bedeutung abträglich war. Zudem blieb sie unter der Wissenschaftsbedingungen der Nationalsozialisten als Koautorin wohl einfach oft unerwähnt.
Einflüsse der Politik 1937 forderte die russische Botschaft in Berlin die Rückkehr des Ehepaares Timofejew-Ressowski. Russische Genetikerkollegen wie der bereits genannte Kolzow und der Botaniker Nikolai Wawilow warnten das Ehepaar Timofejew vor möglichen Deportationen nach Sibirien bei einer Rückkehr nach Russland. Lyssenkos neolamarckistische Erblehre war unter Stalin salonfähig geworden. Anhänger der klassischen Genetik wurden in der Sowjetunion unter der Ägide Stalins als Mendelisten, Weismannisten und Morganisten verunglimpft und als Dissidenten in Lager verbracht. In Berlin dagegen wurde Nikolai Timofejews Forschergruppe als selbständige Abteilung im KWI etabliert und aufgewertet. Er selbst wurde Wissenschaftliches Mitglied des KWI. Darüber hinaus wurde Nikolai Timofejew 1940 zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt. Die wesentlich auf atomphysikalischen Verfahren und Theorien beruhende Mutationsforschung führte zur Zusammenarbeit Timofejews mit einer Reihe jüngerer Physiker wie Max Delbrück, Karl Günter Zimmer, Pascual Jordan, Friedrich Möglich und Robert Rompe. Alle diese Physiker erlangten nach 1945 in ihren Herkunftsländern bedeutenden wissenschaftlichen Einfluss. Es hat den Anschein, als hätte sich Nikolai Timofejew in eine ausschließlich von Männern beherrschte Forscherdomäne begeben, die Apparatebau und physikalisch-theoretische Diskussionen erforderte, während seine Frau Helena mit der Planung und Durchführung von Kreuzungsexperimenten im Labor die weniger spektakuläre und weniger öffentlichkeitswirksame Arbeit verrichtete.
Der Zweite Weltkrieg für die Timofejews