mini|T-Shirts mit dem Schriftzug „Preisschild“. Der Schädel mit Schläfenlocken und Kippa sowie gekreuzten Schwertern wurde auch auf (schwarzen) Fahnen in Baladim zur Schau gestellt Als Hilltop Youth, „Hügeljugend“ (; auch: „Hilltop Youths“, „Hilltop Movement“), bezeichnet man einige Hundert militante Jugendliche aus der israelischen Siedlerbewegung, die allerdings weder organisiert sind noch sich selbst als einheitliche Bewegung verstehen.Nicola S. Mathie: (Re)Creating the Jewish State: Projects of (In)Security and the Disjuncture to Price-Tag Violence. Dissertation, 2018. S. 220.Hananel Rosenberg, Kalia Vogelman: Hilltop Youth and New Media: The Formation of a Young Religious Digital-Resistance Community. In: Religions. Band 14, Nr. 3, 2023. S. 2 der PDF. In Israel sind sie medial sehr präsent, weil man sie als die Hauptverantwortlichen für die sogenannten „Price Tag“-Attacken („Preisschild“-Attacken) auf Palästinenser sieht.
Name und Entstehung
mini|Der mittlerweile geräumte Vorposten Mizpe Avichay nahe Hebron
Unter israelischen Siedlungen im Westjordanland, die nach internationalem Recht sämtlich als illegal angesehen werden, unterscheidet man in Israel „echte“ Siedlungen, die nach israelischer Ansicht legal sind, und sogenannte „Outposts“ („Vorposten“), die auch nach israelischer Ansicht illegal sind. Diese Vorposten werden aus strategischen Gründen auf Hügelkuppen erbaut.
Nach der Zweiten Intifada im Herbst 2000 und der Räumung der israelischen Siedlungen im Gazastreifen um 2005 begannen junge israelische Familien ab 2012 erstmals wieder damit, größere Zahlen illegaler Vorposten auch im Westjordanland zu errichten. Eine weitere Gruppe, die von Anfang an mit dem Bau von Vorposten auffiel, waren die Hilltop Youths, die zahlenmäßig die jungen Familien bald überholen sollten.Shimi Friedman: Hilltop youth: political-anthropological research in the hills of Judea and Samaria. In: Israel Affairs. Band 21, Nr. 3, 2015. S. 391–407, hier 392.Eitan Y. Alimi, Chares Demetriou: Making Sense of „Price Tag“ violence: changing contexts, shifting strategies, and expanding targets. In: Social Movement Studies. Band 17, Nr. 4, 2018. S. 478–484, hier 481 f.Nicola S. Mathie: (Re)Creating the Jewish State: Projects of (In)Security and the Disjuncture to Price-Tag Violence. Dissertation, 2018. S. 222 f.Eli Alshech u. a.: Self-Radicalized Western Salafi-Jihadis and Hilltop Youth in the West Bank: Similar Radical Thought, Completely Different Practice. In: Journal of Religion and Violence. Band 8, Nr. 2, 2020. S. 153–195, hier 157 f. Die meisten von ihnen sind keine Nachkommen von älteren Siedlergenerationen, sondern Schulabbrecher aus dem israelischen Staatsgebiet.Shimi Friedman: Hilltop youth: political-anthropological research in the hills of Judea and Samaria. In: Israel Affairs. Band 21, Nr. 3, 2015. S. 391–407, hier 393. Bis 2003 waren bereits rund 70 solcher Outposts bekannt; Ende 2023, nachdem einige dieser Outposts bereits zu „Siedlungen“ umdeklariert worden waren, existierten neben den 146 Siedlungen 144 davon. Shimi Friedman beschreibt, wie zehn junge Leute über Nacht den so genannten „Flaggen-Outpost“ erbauten, von dem sie genau wussten, dass die Grenzpolizei ihn am nächsten Tag abreißen würde. Sein einziger Zweck war, „da zu sein“.
Hilltop Youths tragen permanent den Tallit Katan und andere äußerliche Zeichen strenger Religiosität. Diese pittoreske Erscheinung und ihr alternativer Lebensstil mit Gitarre und Biolandbau brachten ihnen in der Öffentlichkeit zunächst manche Sympathien ein. Das änderte sich mit dem Bekanntwerden von Hassverbrechen gegen Palästinenser.
Der Outpost Baladim nahe der Westbank-Siedlung Kochav Haschachar, in dem einige Dutzend junge Männer zeitweise kampierten, war nach Einschätzung des Schin Bet ein Zentrum der Hilltop Youth. Von dieser Basis aus unternahmen sie Angriffe auf Palästinenser, linksgerichtete Israelis und Soldaten. Im Sommer 2017 wurde die illegale Kleinsiedlung geräumt.
Selbstverständnis
Der Hilltop-Jugendliche Akiva HaKohen definierte Hilltop Youths wie folgt:
„[Hilltop Youths] sind junge Burschen, für gewöhnlich 14 aufwärts, die aus persönlichen Gründen beschlossen haben, die normalen (…) Hochschulen oder Schulen (…) zu verlassen. (…) Aber der gemeinsame Nenner all dieser Burschen ist, dass es ihnen wirklich viel bedeutet, was in Eretz Israel abgeht; das heißt, sie leben nicht einfach nur ihr Leben und warten darauf, zur Armee zu gehen und Kinder zu bekommen und zu arbeiten und Enkel zu bekommen und so weiter: Sie wollen Israel voranbringen, wollen Erlösung von Eretz Israel fortsetzen.“
Danach sind Hilltop Youths primär besonders kompromisslose religiöse Zionisten, die für ihre Überzeugungen typischerweise sogar die Schule abgebrochen haben. Die International Crisis Group hat entsprechend ihren ganzen Lebensstil auf das Bestreben hin aufgeschlüsselt, weiteres Land für Israel zu erschließen: Hilltop Youths bringen oft Schafe und Ziegen mit sich, um bei Weidegängen Anspruch auf große Landflächen erheben zu können,Zu dieser Strategie vergleiche auch : 35 der 50 zwischen 2017 und 2021 neu gegründeten Vorposten sind „Shepherding Outposts“, mit denen palästinensische Hirten von Weideflächen und Tränkstätten verdrängt werden sollen. unternehmen archäologische Grabungen, um die jüdische Vergangenheit des Landes ans Licht zu bringen, bauen behelfsmäßige Synagogen, Mikwen und Tora-Schulen, um das Land provisorisch zu judaisieren; ähnlich gehört zu ihren harmloseren Akten des Vandalismus, Mesusot an Gebäude zu nageln.
Die extremeren „Price Tag“-Attacken der Hilltop Youths stoßen international und auch in Israel auf wenig Sympathie. Manche israelische Politiker bezeichnen sie offiziell als „Terrorismus“.Nicola S. Mathie: (Re)Creating the Jewish State: Projects of (In)Security and the Disjuncture to Price-Tag Violence. Dissertation, 2018. S. 249 f. Auch in der etablierteren Siedlerbewegung ist man der Ansicht, dass sie dem zionistischen Projekt mehr schaden als nützen, weil sie drohen, das israelische Siedlungsprojekt insgesamt zu delegitimieren.Vergleiche z. B. Nicola S. Mathie: (Re)Creating the Jewish State: Projects of (In)Security and the Disjuncture to Price-Tag Violence. Dissertation, 2018. S. 226 f., 234 f., 251.Vergleiche z. B. Daniel Kane: The Changing Faces of Israel's Settlement Movement. In: Mosaic. August 2022. Einige Hilltop-Aktivisten warben daher im Oktober 2017 mit einer Videobotschaft um Unterstützung in der israelischen Gesellschaft. Darin stellten sie ihre Liebe zum Land Israel dar, die sich in einem harten Leben, im Hausbau und in der Kultivierung des Bodens äußere. Einen asketischen und kommunitären Lebensstil, isoliert in illegalen Camps auf Hügeln in der Westbank, schrieb auch Carlo Aldrovandi der Hilltop Youth zu. Das Vorbild seien die biblischen Hebräer.
Religion
mini|Schriftzug „Lang lebe der König Messias!“ an einer Hauswand in Duma, 31. Juli 2015
Weil Hilltop Youths keine einheitliche Bewegung sind, gibt es kein in sich geschlossenes „religiöses Hilltop-System“. Einige typische Positionen lassen sich aber identifizieren: Das Land Israel („Eretz Israel“) und das jüdische Volk gehören untrennbar zusammen. Solange Landstriche in Israel noch nicht von Juden bewohnt sind (var.: solange Juden noch nicht auf ihm Ackerbau treiben), ist dieser Landstrich und das Land als Ganzes „unerlöst“ und muss erst von Juden erlöst werden. Dies lässt sich der Tora entnehmen.Vergleiche zu diesem komplexen Gedanken, der nicht wirklich in der Tora steht, aber im Zionismus recht verbreitet ist, vereinfachend, aber gut verständlich z. B. Die meisten Rabbinern jedoch verfälschen dies oder stellen es nicht klar genug dar, weshalb die Tora die einzige absolute Autorität ist und man nur auf ausgewählte Rabbiner vertrauen kann (besonders wichtig: Meir Kahane, Yitzchak Ginsburgh, Eliezer Melamed).Emily Carton: Unsettling the Settlement: The Ideology of Israel's Hilltop Youth. Senior Thesis, 2011. S. 31–39.International Crisis Group: Leap of Faith: Israel's National Religious and the Israeli-Palestinian Conflict. International Crisis Group Headquarters, Brüssel 2013. S. 2 f., 18.Nicola S. Mathie: (Re)Creating the Jewish State: Projects of (In)Security and the Disjuncture to Price-Tag Violence. Dissertation, 2018. S. 224.Eli Alshech u. a.: Self-Radicalized Western Salafi-Jihadis and Hilltop Youth in the West Bank: Similar Radical Thought, Completely Different Practice. In: Journal of Religion and Violence. Band 8, Nr. 2, 2020. S. 153–195, hier 174 f. Der Staat Israel hat dieses Projekt verraten und ist auch darüber hinaus grundsätzlich zu einem demokratischen und damit quasi-heidnischen Staat entartet. Auch die etablierte Siedlerbewegung ist verweichlicht. Die Erlösung des Landes muss daher nun von überzeugten Einzelpersonen durch den Bau von Vorposten auch gegen den Staat fortgesetzt werden (Staatsverweigerung).Emily Carton: Unsettling the Settlement: The Ideology of Israel's Hilltop Youth. Senior Thesis, 2011. S. 47 f.Nicola S. Mathie: (Re)Creating the Jewish State: Projects of (In)Security and the Disjuncture to Price-Tag Violence. Dissertation, 2018. S. 223–225.Eli Alshech u. a.: Self-Radicalized Western Salafi-Jihadis and Hilltop Youth in the West Bank: Similar Radical Thought, Completely Different Practice. In: Journal of Religion and Violence. Band 8, Nr. 2, 2020. S. 153–195, hier 163, 166 f, 170 f.Samuel Peleg: In Search of Meaning and Holy Redemption. The Case of the Hilltop Youth in the Occupied West Bank. In: Ofra Mayseless, Pninit Russo-Netzer (Hrsg.): Finding Meaning. An Existential Quest in Post-Modern Israel. Oxford University Press, Oxford 2022, ISBN 978-0-19-091035-8. S. 118. Gewalt gegen Nicht-Juden (inklusive Tötung) ist nicht nur erlaubt, sondern geboten, um die Erlösung des Landes voranzutreiben.Emily Carton: Unsettling the Settlement: The Ideology of Israel's Hilltop Youth. Senior Thesis, 2011. S. 40–42, 46 f.International Crisis Group: Leap of Faith: Israel's National Religious and the Israeli-Palestinian Conflict. International Crisis Group Headquarters, Brüssel 2013. S. 18Nicola S. Mathie: (Re)Creating the Jewish State: Projects of (In)Security and the Disjuncture to Price-Tag Violence. Dissertation, 2018. S. 233 f.Eli Alshech u. a.: Self-Radicalized Western Salafi-Jihadis and Hilltop Youth in the West Bank: Similar Radical Thought, Completely Different Practice. In: Journal of Religion and Violence. Band 8, Nr. 2, 2020. S. 153–195, hier 176 f. Dazu gehört herkömmliche Siedlergewalt; darüber hinaus wird Hilltop Youths auch ein großer Teil der sogenannten „Price Tag“-Attacken zugeschrieben.
Gelegentlich wird die Ansicht vertreten, dass die Hilltop Youths auch mit ihrer typischen gehäkelten Kippa und den betonten Schläfenlocken ihre rebellischen religiösen Ansichten zum Ausdruck bringen wollen.
Shimi Friedman allerdings ist in einer der bisher nur zwei erschienenen Monographien zu diesem jugendkulturellen PhänomenDie andere ist Nicola S. Mathie: (Re)Creating the Jewish State: Projects of (In)Security and the Disjuncture to Price-Tag Violence. Dissertation, 2018. zu einem sehr anderen Ergebnis gelangt: Er beschreibt es als eine jugendliche Subkultur nur vage religiöser gesellschaftlicher Aussteiger ohne gefestigte Ideologie, für die der Umzug ins palästinensische Gebiet umgekehrt primär Ausdruck des Willens zur Selbstfindung ist. Auch ihre Landnahmen habe man sozusagen nur als Externalisierungen von zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz zu verstehen.Shimi Friedman: The Hilltop Youth. A Stage of Resistance and Counter Culture Practice. Lexington Books, Lanham u. a. 2018, ISBN 978-1-4985-6094-8. S. 27–29, 40–67. David Rodman hat diese Friedman’schen Hilltop Youths in seiner Rezension mit Peter Pans „verlorenen Jungs“ verglichen.David Rodman: The hilltop youth: a stage of resistance and counter-culture practice, by Shimi Friedman ... In: Israel Affairs. Band 25, Nr. 1, 2019. S. 210 f.