mini|Ajanta in Maharashtra, Indien mini|Kapelle mit Buddhastatue in Ajanta (Höhle 1)

Höhlentempel sind in den Felsen gehauene oder in einer natürlichen Höhle angelegte unterirdische Sakralbauten. Höhlentempel und aus dem Stein herausgeschlagene monolithische Felsentempel sind eine Form der frühen Naturarchitektur und des Felsbaus, einer mit der Bildhauerei eng verbundenen Bautechnik in Festgesteinen.Owen C. Kail: Buddhist Cave Temples of India. Bombay: Taraporevala 1975. S. 3. Die umfangreichsten künstlich geschaffenen Höhlentempel-Komplexe entstanden in Indien, wo etwa 1200 Anlagen belegt sind, und in den angrenzenden Regionen Asiens.

Die Grundform der Höhlentempel in Asien wurde seit dem zweiten Jahrhundert v. Chr. im westlichen Indien aus der Vorform der Bergklause der weltabgewandten Shramana-Bewegung (Sanskrit, m., श्रमण, śramaṇa, Pali, m., samaṇa, Bettelmönch), einer freistehenden Hütte oder einer Höhle als Behausung von Asketen, entwickelt. Zentrale Gestaltungsprinzipien sind vermutlich vom Vorbild heute nicht mehr erhaltener hölzerner Freibauten abgeleitet.

Entlang der Fernhandelsrouten verbreiteten sich Höhlentempel von Südasien bis nach Zentral- und Ostasien. In Südostasien wurden anstelle künstlicher Höhlen überwiegend natürliche Höhlen als unterirdische Heiligtümer genutzt. Die Liste des UNESCO-Welterbes enthält zahlreiche Höhlentempel in Asien, darunter Ajanta, Elephanta, Ellora und Mamallapuram in Indien, die Mogao-, die Longmen- und die Yungang-Grotten in China, Dambulla auf Sri Lanka und Seokguram in Südkorea.

Neben den asiatischen Entwicklungslinien treten Höhlentempel und weitere, bisweilen deutlich ältere Felsbauten auch in anderen alten Kulturen wie etwa Ägypten, in Assyrien, im Hethiterreich, in Lykien und bei den Nabatäern auf.

Vorläufer und Felsarchitektur weltweit mini|links|Großer Tempel des Ramses II. (Ausschnitt), Abu Simbel, Ägypten mini|Das „Schatzhaus des Pharao“ in Petra, Jordanien

Bereits in prähistorischer Zeit dienten Höhlen Menschen als Zufluchts-, Begräbnis- oder Kultstätten. Die Markierung der Höhle wandelte diese vom faszinierenden Ort zur heiligen Stätte. Zur kultischen Nutzung zählten während des jüngeren Abschnitts der Altsteinzeit und der Mittelsteinzeit die rituelle Einweihung, eine dauerhafte Kennzeichnung (zum Beispiel in Form von Höhlenmalerei) und regelmäßig wiederholte Riten.Dorothea Baudy: Art. „Heilige Stätten. I. Religionswissenschaftlich“. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG4). Bd. 3, F-H. Hrsg. von H.D. Betz, Don S. Browning, B. Janowski, E. Jüngel. Tübingen: Mohr Siebeck 2003. Sp. 1551f. Prähistorische Felskunst ist an etwa 700.000 Orten in 120 Ländern zu finden und mit mehr als 20 Millionen figürlichen Darstellungen erfasst.Emmanuel Anati: Art. „Prähistorische Kunst“. In: Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG4). Bd. 6, N-Q. Hrsg. von H.D. Betz, Don S. Browning, B. Janowski, E. Jüngel. Tübingen: Mohr Siebeck 2003. Sp. 1555–1558, hier: Sp. 1556.

Seit der Zeit der frühen Hochkulturen traten in Nordafrika, Klein-, Vorder-, Zentral-, Süd- und Ostasien künstliche Felsbauten als neue Bauweise in Erscheinung. Sie dienten als Wohn-, Schutz- und Depotstätte (Kappadokien in der heutigen Türkei), als Grabhöhle (Petra in Jordanien) oder als Tempel und Klöster (Indien). Auch Felsbauten der präkolumbischen Hochkulturen Amerikas werden gelegentlich als Höhlentempel bezeichnet, zum Beispiel Kenko mit einem Pumaaltar bei Cusco oder der Tempel Cuauhcalli bei Malinalco in Mexiko-Staat (16. Jahrhundert).

Zu den markantesten Komplexen weltweit zählen die monumentalen Felsentempel des ägyptischen Pharaonenreichs, die Tempel von Abu Simbel (hier auch unter der Bezeichnung Speos). Der Große Tempel von Ramses II. in Abu Simbel am westlichen Nilufer entstand bereits um 1280 v. Chr. Die Tempelanlage, die ein Sanktuarium und diverse Kammern umfasst, wurde komplett in das Felsmassiv eingeschnitten.Weitere Felsentempel in Ägypten sind in der Regel als Mischformen gestaltet, bei denen ein Teil des Tempels in den Fels gehauen ist und die Vorhallen, Fassade und Skulpturen vor dem Tempel aus dem gewachsenen Gestein herausgeschält sind oder als gebaute Architektur ergänzt wurden, darunter Beit el-Wali bei Kalabscha, Beni Hasan und Deir el-Bahari.

Weitere Felsbauten sind vor allem in Klein- und Vorderasien erhalten. Hethitische Heiligtümer wurden im 15. bis 13. Jahrhundert v. Chr. in Yazılıkaya in der heutigen türkischen Provinz Çorum aus dem Fels geschlagen. Im 5. Jahrhundert v. Chr. bauten die Lykier im südlichen Anatolien (zum Beispiel bei Dalyan, Provinz Muğla, Türkei) hunderte von Felsengräbern. Auch die Nabatäer schlugen in Petra (Jordanien) zwischen 100 v. Chr. und 150 n. Chr. Tempel und Gräber in den Fels. Christliche Höhlensiedlungen mit weitläufigen Wohnanlagen und Felsenkirchen wurden in Göreme im türkischen Kappadokien (seit dem 4. Jahrhundert), in Matera in Süditalien (frühmittelalterlich) sowie im 12. bis 13. Jahrhundert in Lalibela im Norden Äthiopiens erschaffen.

Buddhistische Höhlentempel in Indien mini|links|Die buddhistischen Höhlen von Ellora, Indien mini|Sattapanni-Höhle in Rajagriha, Bihar, Indien, Stätte des Ersten Buddhistischen Konzils mini|Einzige Chaitya-Halle Elloras (Höhle 10) mit Portikus, Balkon und hufeisenförmigem Fenster mini|Kanheri bei Mumbai, Tempelanlage mit 109 Höhlen mini|Ajanta (Höhle 1), Vihara oder (Felsen-)Kloster mit Vor- und Haupthalle und Kultbildkapelle, ca. 40 Meter lang mini|Ajanta (Höhle 1), Vihara, Indien mini|Guptazeitliche Wandmalerei in Ajanta (Höhle 1) zum Mahâjanaka-Jātaka: ein Raja erklärt den Weltverzicht

Höhlen im frühen Buddhismus Buddhistische Höhlentempel stellen eine unterirdische Variante der buddhistischen Kloster- und Tempelanlage dar, die auf die Behausung der asketischen Shramana-Bewegung seit der Epoche der Upanishaden (8. bis 7. Jahrhundert v. Chr.) sowie auf urbuddhistische Meditationsstätten zurückgeht. Der historische Siddhartha Gautama zog sich bereits als junger Wanderasket vor Erlangen der Erleuchtung zur Meditation in Höhlen zurück (der Überlieferung nach zum Beispiel in die Dungeshwari-Höhle bei Bodhgaya in Bihar).Uwe Bräutigam, Gunnar Walther: Buddha begegnen. Eine Reise zu den heiligen Orten in Nepal und Indien. Krefeld: Yarlung 2005 (DVD, 11.-15. Min.) Als Buddha nutzte er gelegentlich eine Höhle bei Rajagriha als Meditationsstätte, wie der Pali-Kanon, eine frühe Aufzeichnung von Buddhas Lehrreden aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., überliefert (DN, Kap. 16,3, Kap. 21 und 25). Diese Höhle wurde von dem chinesischen Pilgermönch Faxian im 5. Jahrhundert n. Chr. als Pippala-Höhle auf dem Berg Vebhara (Geierberg) identifiziert.Tarthang Tulku: Holy Places of the Buddha. Berkeley: Dharma 1994. S. 111.

Der Pali-Kanon nennt natürliche Höhlen (Pali, kandara) als gebräuchliche Rückzugsstätten für die Mitglieder des buddhistischen Ordens (MN, Kap. 27, 38, 39 und öfter), die dort weitgehend abgeschirmt von sensorischen Reizen meditieren konnten. Auch das Erste Buddhistische Konzil, das kurz nach dem Tod Buddhas im 5. Jahrhundert v. Chr. bei Rajagriha durchgeführt wurde, soll buddhistischer Überlieferung zufolge in einer Halle vor der Höhle Sattapanni am Nordhang des Vebhara-Bergs stattgefunden haben.Hans Wolfgang Schumann: Buddhismus. Stifter, Schulen und Systeme. 4. Auflage. München: Diederichs 1997. S. 55f., 130. Angesichts des Grundsatzes der „Hauslosigkeit“ des buddhistischen Ordens kam der natürlichen Schutzfunktion von Höhlen eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung der buddhistischen Höhlentempel zu. Höhlentempel boten besseren Schutz gegen Witterungseinflüsse als die selbstgebauten freistehenden Regenhütten aus Bambus und Matten, die während der regenreichen Monsunzeit als Refugien dienten und nach Ende des Monsuns wieder abgerissen wurden.Mario Bussagli: Indien, Indonesien, China. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1985. S. 85.

Die Ära Kaiser Ashokas Der eigentliche Bau künstlicher Höhlentempel aus „gewachsenem“ Felsen wurde erst in der Ära von Maurya-Kaiser Ashoka angestoßen, der im 3. Jahrhundert v. Chr. entsprechende, zunächst noch recht elementare Anlagen für die asketische Gemeinschaft der AjivikaA. L. Basham: History of Doctrines of the Ajivikas. London: Lucac 1951 (Nachdruck: Delhi: Motilal Banarsidass 1981). stiftete (zum Beispiel die Lomas-Rishi-Höhle bei Barabar). Die Buddhisten entwickelten diese Vorformen zu aufwändigen Zentren mönchischen Lebens mit zunehmend reicherem Reliefschmuck weiter. Mit Unterstützung wohlhabender buddhistischer Laien schufen sie während der Jahrhunderte vor und nach Christi Geburt die Grundform der indischen Felsarchitektur, die sich während des folgenden Jahrtausends entlang der Handelswege weitläufig verbreitete.Klaus Fischer, Michael Jansen, Jan Pieper: Architektur des indischen Subkontinents. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1987. S. 153. Eine Verbindung zwischen der älteren ägyptischen, hethitischen oder lykischen Felsarchitektur des Westens und den jüngeren, erheblich zahlreicheren indischen Felsbauten konnte bislang nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Entstehungskontext Die Entstehung der indischen Höhlentempel-Anlagen nahm nach verhaltenen Anfängen im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. mit dem wachsenden Wohlstand der Handwerksstände des westlichen Indiens einen erheblichen Aufschwung. Eine wesentliche Ursache dafür bestand in dem gesteigerten Handelsverkehr mit dem römischen Weltreich seit dem ersten Jahrhundert n. Chr. Gerade auf die indischen Handwerker (Skt., m., शूद्र, shudra), die innerhalb der undurchlässigen brahmanischen Gesellschaft die niedrigen Kasten bildeten, übte der Buddhismus aufgrund seiner Würdigung auch der Laienbekenner als vollgültige Heilsanwärter, aufgrund der faktischen Abwertung der Kastenzugehörigkeit (Skt., वर्ण, varnas) und der Ablehnung kostspieliger vedischer Opferrituale erhebliche Anziehung aus.

Im Gegensatz zum Hinduismus stützte sich der Buddhismus mit seinen Mönchsgemeinschaften vorrangig auf die städtische Kultur.Klaus Fischer, Michael Jansen, Jan Pieper: Architektur des indischen Subkontinents. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1987. S. 94. Einflussreiche städtische Kaufmannsgilden stifteten das Geld für den Bau und die Ausstattung ganzer Klöster, wie Stiftungsinschriften belegen. Die Klöster ihrerseits finanzierten die örtlichen Händler durch Anleihen.Richard Gombrich: Der Buddhismus im alten und mittelalterlichen Indien. In: Heinz Bechert, Richard Gombrich (Hrsg.): Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart. München: C.H. Beck ³2008. S. 71–93, hier S. 84. Zudem zählt das Stiften von Tempeln im Hinduismus und Buddhismus zu den spirituell verdienstvollen Handlungen (Skt., puṇya). Der Wettstreit unterschiedlicher Handwerksgilden um die Ausgestaltung ihrer Stiftungen führte insbesondere während der Periode der Gupta-Dynastie, die von 320 bis 650 n. Chr. über Nord- und Zentralindien herrschte,Gabriele Seitz: Die Bildsprache des Buddhismus. Düsseldorf: Patmos 2006. S. 88. zu einem erheblichen Aufschwung der indischen Felsbau-, Bildhauer- und Malkunst, deren Werke in den später vielfach verwaisten Höhlentempeln die Zeit überdauerten.