mini|300px|Abb. 1. Schichtenlehre des Aristoteles – Zum besseren Verständnis des Begriffs „Hyle“ (= ungeformte Materie, Stoff, Holz, wilde Wurzeln) siehe auch die aristotelische Lehre des Hylemorphismus. Von einem Aufwärts-Effekt spricht man in der Philosophie, Soziologie und Psychosomatik, wenn Wirkungen in einem komplex organisierten biologischen oder gesellschaftlichen System beschrieben werden, die von einer bestimmten unteren Schicht ausgehen (vgl. Schema in Abb. 1) und Auswirkungen in einer höheren Schicht zur Folge haben. Es handelt sich dabei um Modellvorstellungen nach der Schichtenlehre. Für die Wirkungen der biologischen Aufwärts-Effekte ist die Bezeichnung somatogen bzw. somatopsychisch gebräuchlich. Für die entgegengesetzte Wirkung der Abwärts-Effekte sollten daher entsprechende Bezeichnungen wie psychosomatisch, „psychogen“ oder psychogenetisch verwendet werden.
Systemtheorie Gemäß der Systemtheorie sind die schichttheoretischen Auffassungen auch als bio-psycho-soziales Modell zu verstehen. Die Bedeutung der einfachsten Elemente aus den unteren Schichten wird beim Einzelwesen nicht nur reduktionistisch aus den physischen Eigenschaften dieser Elemente abgeleitet, vielmehr geht es um übergreifende biochemische, physiologische und somatopsychische Korrelate auf eine höhere Interaktionsebene, siehe Kap. Integrationsebene. Die soziale Apologetik legt Wert auf das Gleichgewicht und das Funktionieren der Elemente im gesellschaftlichen Zusammenhang und betont nicht die aus gesellschaftlichen Unterschieden resultierenden Konflikte. Einfache, automatisch ablaufende biologische Vorgänge werden ggf. in komplexe soziale Verrichtungen integriert. So wird etwa die Aufgabe einzelner Zellen unterschiedlicher Organe als integrativer Bestandteil auf der jeweils höheren organischen Ebene verstanden, ebenso wie z. B. die Funktion des lebensnotwendigen Stoffwechsels des gesamten Organismus als Voraussetzung höherer psychischer Leistungen. Gleiches gilt auch für die Aufgabe einzelner Organe in einem gesamten Organismus. Eine hierarchische Gliederung ergibt sich aus dem Phänomen der Emergenz und der Feststellung durch Laotse (um 604–520 v. Chr.), Platon (um 427–347 v. Chr.), Aristoteles (um 384–322 v. Chr.) und Ch. v. Ehrenfels (1859–1932), dass das Ganze mehr ist als die Summe der Teile. Wendet man die Systemtheorie auf soziale Systeme an, wie etwa auf Vertreter unterer sozialer Schichten, so erscheint ihre Aufgabe ebenso in einem gewaltlosen integrativen und solidarischen Zusammenhang mit der gesamten Gesellschaft unverzichtbar.
Bei Störungen dieses Zusammenhangs bzw. im Falle von Konflikten bei einem Einzelwesen ist u. U. auszugehen von Krankheit als „ungelöste Problemsituation oder deren Folgen auf einer, mehreren oder allen Ebenen des hierarchischen Systems“. Im Hinblick auf die Gesellschaft wäre dagegen von Bürgerkrieg, gewaltsamer Revolution oder Krieg zu sprechen. Auf diesen Überlegungen beruht das philosophisch begründete Naturrecht, das von einem Naturzustand ausgeht im Gegensatz zu der Annahme, dass sich jede Kultur deutlich von diesem Naturzustand unterscheidet, nämlich durch die angeblich primäre Anwendung von Gewalt, vgl. die Mythen von Kain und Abel oder Romulus und Remus, siehe etwa auch die These von Karl Marx (1818–1883), nach der Gewalt als „mächtige Geburtshelferin der Geschichte“ fungiert, siehe auch → Historismus und Historizismus. Die analoge Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft nach der Systemtheorie konkretisiert sich beispielsweise auch in der allgemeinen, individuell-gesellschaftlichen Anwendung des Funktionalismus.
Es geht dabei um übergreifende Zusammenhänge, die je nach besonderem Fall als biochemische, physiologische und somatopsychische Korrelate, soziale oder politische Beziehungen bezeichnet werden. Nach der Zeichenlehre werden sie auch als „Übersetzungen“ angesehen. Damit soll die Verbindung zu anderen Systemebenen unterstrichen werden. Alle Schichten, so auch die 5. Schicht (nach Abb. 1) des „Geists“ sind auch auf kollektive Zusammenhänge anwendbar. Geist ist nicht nur als personaler Geist der Einzelwesen, sondern auch als objektiver Geist der gesellschaftlichen Gemeinschaft zu verstehen (vgl. Geisteswissenschaften).
Jede Schicht bzw. Systemebene ist somit auch durch eine ihr eigene spezifische Sprache ausgezeichnet für die jeweils gegebene Schicht (ggf. auch bestimmt durch wissenschaftliche inhaltliche Fachbezeichnungen und spezifische Terminologie wie der von Physik, Chemie, Biologie, Psychologie und Soziologie) einschließlich im jeweiligen Einzelfall herzustellender Bedeutungskoppelungen. Sie weisen auf Verbindungen zwischen den Systemebenen hin. Nicolai Hartmann (1882–1950) führte die Begriffe des Kategorienkomplexes und zugehöriger Determinationstypen ein; siehe auch → Schichtenlehre (Philosophie).
Beispiele Als sozial und psychologisch problematisch sind in gewisser Weise folgende Beispiele in den Kap. Pawlow und Lyssenko zu bewerten, da sie vom Zeitgeist des 19. und 20. Jahrhunderts beeinflusst erscheinen, von dem viele „materialistische“ Theorien und Ideologien ihren Ausgang nahmen.
Pawlow In eine solche Richtung tendiert z. B. die Entdeckung der konditionierten Reflexe durch den russischen Mediziner, Physiologen und Verhaltensforscher Iwan Petrowitsch Pawlow (1849–1936), der 1904 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Wenig später beschrieb er die bedingten Reflexe. Seine Arbeiten bezogen sich ursprünglich auf die Physiologie des Verdauungsapparats. Die von ihm zuletzt als konditionierte oder bedingte Reflexe bezeichneten physiologischen Vorgänge, erwähnte er mit etwas anderen Worten bereits bei einem Vortrag, den er 1899 in Petersburg hielt und in dem er auch über seine Versuche berichtete, die er an den Speicheldrüsen von Hunden vorgenommen hatte. Erworben wurden diese bedingten Reflexe durch die spezifische Versuchsanordnung, durch den Anblick des Futters, das Hören der Tätigkeiten des Wärters beim Zubereiten der Nahrung usw. Die dabei gewonnenen physiologischen Beobachtungen bewertete Pawlow damals als „Elemente dessen, was wir seelische Tätigkeit nennen“. Pawlow bediente sich hiermit etwas zaghaft einer psychologischen Sprache. Sie kann in diesem Zusammenhang auch als Bedeutungskoppelung verstanden werden, die einen Zusammenhang herstellt zwischen einer in Abb. 1 dargestellten eher materialistischen Schicht („1. Hyle“) und einer höheren biologischen und psychologischen Schicht („3. Lebewesen“ und „4. Seele“).
Die von den vegetativen Organen (so u. a. auch von der Bauchspeicheldrüse) ausgehenden Signale können sehr wohl zönästhetische Wirkungen auf das Gehirn bzw. auf höhere Zentren des Nervensystems ausüben (Aufwärts-Effekt).
Die Leistung Pawlows für die Psychologie, Psychiatrie und die Psychosomatische Medizin kommt in der gewonnenen Systematik zum Ausdruck, dass den unbedingten und daher angeborenen Reflexen die vom autonomen Nervensystem gesteuerten Nerventätigkeiten entsprechen wie es bereits vor Pawlow die russische Lehre des Nervismus forderte. Den bedingten und daher erworbenen Reflexen aber können die über das animalische Nervensystem laufenden nervösen Reaktionen zugeordnet werden, vgl. Abb. 3. Letztere besitzen eine gewisse psychologische Qualität von Bewusstheit. Gestörte Funktionen dieser verschiedenen Systeme des Nervensystems wurden nach Sigmund Freud (1856–1939) und Otto Fenichel (1897–1946) einmal als Organneurosen (autonom bzw. vegetativ verursacht) bezeichnet – siehe auch Bereitstellungskrankheit – oder aber als Konversionsstörung. Letztere wurden schließlich als Ausdruckskrankheit angesehen und damit dem animalischen Nervensystem zugeordnet.
Das psychologische Interesse wurde von Pawlow jedoch nicht konsequent weiter verfolgt. Hierbei mag die allgemeine materialistische Haltung vieler Wissenschaftler zur damaligen Zeit eine Rolle gespielt haben, die schon vor Pawlow ähnliche Konzepte verfolgten. Sie können als Vorläufer des Behaviorismus gelten. Als ein solches Konzept sei die bereits 1884 und 1885 entwickelte James-Lange-Theorie erwähnt.
Politische Faktoren dürften vor der Revolution bis 1917 wohl kaum eine Rolle für die frühe Tätigkeit Pawlows gespielt haben. Dennoch war Pawlow bereits vor 1917 an der russischen Militärakademie seit 1895 in Petersburg tätig. Er war auf staatliche Billigung seiner Tätigkeiten angewiesen, auch nach 1917. Da die Würdigung psychischer Aktivitäten im Behaviorismus bekanntlich problematisch erscheint, sprach Pawlow im oben erwähnten Vortrag nur von „wenig bewussten“ Wünschen, Gefühlen und Gedanken, die damals nur eine „minimale“ Beachtung erforderten. Pawlow wollte sich von den experimentellen Arbeiten Wilhelm Wundts (1832–1920) abgrenzen, da dieser den Emotionen und Erlebnissen eine eigene Qualität zuordnete im Gegensatz etwa zu William James (1842–1910). Den „wenig bewussten“ Wünschen hatte jedoch der zur gleichen Zeit lebende Sigmund Freud mit der Bezeichnung Organneurose besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die Entdeckungen Pawlows bedeuteten für die sowjetische Philosophie und Psychologie allerdings den Nachweis der ›materiellen Natur der psychischen Tätigkeit‹. Insofern Pawlows Psychologie bewusst und fraglicherweise absichtlich in reduktionistischer Weise auf seine Reflexlehre bezogen erscheint, wird ihm daher in kritischer Hinsicht ein „Pawlowianismus“ bzw. eine „Reflexologie“ oder gar eine „Reflexmythologie“ unterstellt. Zur Begriffsgeschichte der Art von Analogie zwischen „höheren“ (bedingten) und „niedrigen“ (unbedingten) Reflexen vgl. a. den Terminus des „psychischen Reflexbogens“.
Im Ergebnis erscheint die Bedeutung der Reflexlehre Pawlows sich nur schwer in die Theorie der Aufwärts-Effekte einbeziehen zu lassen. Sieht man unter normalen Bedingungen von „minimalen“ zönästhetischen Auswirkungen der zentralen Rückmeldung durch innere Organe ab, so verbleibt es wohl dabei, auf entwicklungsgeschichtliche Unterschiede zu verweisen wie dies bereits Jakob Johann von Uexküll (1864–1944) getan hat. Bei der Klärung der Frage, ob der Körper bisweilen als agierende Instanz auftrete, hat er betont, dass dann, wenn der Seeigel laufe, auch wenn er nicht über ein zentrales Nervensystem (ZNS) verfüge, die Beine den Seeigel bewegen. Wenn allerdings der Hund laufe, so bewege der Hund seine Beine. Mit „Hund“ ist hier die Beteiligung seines ZNS gemeint. Üexküll nannte den Seeigel eine „Reflexrepublik“, weil die Richtung, in die sich der Seeigel bewege, zwischen den einzelnen ziemlich autonom organisierten Körperabschnitten abgestimmt werden müsse, vgl. die bewusst gewählte politische Analogie der Bezeichnung. Die Arbeiten Pawlows erfuhren ebenfalls eine deutliche politische Unterstützung wie etwa durch die 1926 erfolgte Gründung der biologischen Station für Evolutionsbiologie in Koltuschi. Die Aufgabe des autonomen Nervensystems beim Menschen besteht aber im Normalfalle gerade darin, die Steuerung der Organe nicht zentral, sondern ohne Beteiligung bewusstseinsbildender Zentren – also unterhalb des psychophysischen Niveaus und ohne Beteiligung der höchsten Zentren – im Sinne eines Automatismus – ablaufen zu lassen. Auch das Nervensystem kann im übertragenen Sinne der Abb. 1 in „höhere“ und „niedrigere“ anatomisch konkretisierbare Schichten gegliedert werden. Diese Gliederung des Nervensystems in ein anatomisch strukturiertes Gefüge von Funktionen, die nicht nur den meist einförmigen, grundlegenden und lebensnotwendigen Bedürfnissen dienen (Reiz-Reaktions-Modell), sondern auch der zunehmenden Komplexität von Entscheidungen in der Entwicklungsreihe Rechnung tragen (Informationstheorie), wird auch als Niveauschema der Reizbeantwortung bezeichnet.