Der magische Realismus () ist eine literarische Strömung, die durch eine Vermischung von Realismus und Phantastik gekennzeichnet ist. In der deutschsprachigen Literatur taucht sie zwischen 1920 und 1950 bei Autoren wie beispielsweise Oskar Baum, Leo Perutz, Alexander Lernet-Holenia oder Hermann Broch auf. Der Begriff wurde jedoch erst etwa seit den 1980er Jahren verwendet.

Als Wegbereiter des magischen Realismus in der flämischen Literatur gelten Johan Daisne und Hubert Lampo.Scheffel 1990, S. 22 ff. Auch Salman Rushdie wird seit dem Roman Mitternachtskinder (1981) der Strömung des Magischen Realismus zugeordnet, bis hin zu dem 2023 erschienenen Roman Victory City.

Lateinamerikanische Literatur Auf die lateinamerikanische Literatur wurde der Begriff „Magischer Realismus“ erstmals 1948 von dem Venezolaner Arturo Uslar Pietri angewandt. Als einer der Väter des magisch-realistischen Stils in Lateinamerika gilt der guatemaltekische Autor Miguel Ángel Asturias mit seinem Roman Hombres de maíz (Die Maismenschen) aus dem Jahre 1949. Darin wird die Wirklichkeit der Kultur und Geschichte Lateinamerikas aus der Sicht der indigenen Bevölkerung erzählt, deren Mythen (hier die der Maya) sich in ihr realisieren. Eine weitere Schlüsselfigur für die Stilrichtung war der in Kuba aufgewachsene Alejo Carpentier, der im Vorwort zu seinem Roman El reino de este mundo (1949) ein Manifest des „Wunderbar-Wirklichen Amerikas“ (lo real maravilloso de América) formulierte.Teodosio Fernández: Lo real maravilloso de América y la literatura fantástica. In: David Roas (Hrsg.): Teorías de lo fantástico. Arco Libros, Madrid 2001, ISBN 84-7635-453-3, S. 283–300.Michael Rössner: Alejo Carpentier zwischen dem Wunderbar-Wirklichen Amerikas und der postkolonialen Realitätssicht. In: Elena Ostleitner, Christian Glanz (Hrsg.): Alejo Carpentier (1904–1980). Jahrhundertgestalt der Moderne in Literatur, Musik und Politik (= da capo, Bd. 2). Vier-Viertel-Verlag, Strasshof an der Nordbahn 2004, S. 15–28. Sein Programm, das oft mit dem Magischen Realismus gleichgesetzt wird, will eine spezifisch lateinamerikanische Literaturrichtung etablieren. Carpentier, Asturias und Uslar Pietri lernten sich in Pariser Literaturzirkeln kennen und waren alle drei stark vom Surrealismus beeinflusst.Elia Tabuenca (UNED): Realismo mágico: autores y obras representativas. In: unprofesor, 29. November 2018, abgerufen am 10. Oktober 2020 (spanisch).

Carpentier grenzte Lateinamerika stark von Europa ab und kritisiert den Surrealismus. Dieser leide unter dem „ermüdenden Anspruch […], das Wunderbare künstlich herbeizuführen.“Alejo Carpentier: „Über die wunderbare Wirklichkeit Amerikas“, in: Michi Strausfeld: Lateinamerikanische Literatur. Frankfurt 1983, S. 326. Der Versuch der Surrealisten, in ihren Werken künstlich magische Effekte zu erzeugen, sei gescheitert. Sie hätten das Wunderbare „durch Taschenspielertricks geschaffen, indem man Gegenstände miteinander verbindet, die nie zusammengefunden würden.“Carpentier in Strausfeld 1983, S. 326. Sie deformierten damit die Wirklichkeit. Carpentier zufolge ist „dem Europäer“ die Fähigkeit des Erlebens des wunderbar Wirklichen durch die Aufklärung verloren gegangen, während Mythen- und Geisterglaube in Lateinamerika noch immer natürlich im Alltag integriert weiterlebt. Carpentier beschreibt den Magischen Realismus als natürliche, nicht erzwungene Wirklichkeitsauffassung: die Einbettung des Wunderbaren in den Alltag. Asturias (Literaturnobelpreisträger von 1967) war durch seine mestizische Herkunft von einer Mayaprinzessin geprägt. Sein 1933 erschienener Roman El Señor Presidente, der das Regime des Präsidenten Manuel Estrada Cabrera angreift, zwang ihn zur Emigration aus seinem Heimatland.

mini|hochkant|Gabriel García Márquez gilt als wichtigster Repräsentant des Magischen Realismus

Die Popularisierung der Stilrichtung des Magischen Realismus ist eng mit dem sogenannten Lateinamerikanischen Boom ab Mitte der 1960er Jahre verbunden,Boomliteratur. In: Meyers Lexikon online, Stand: 10. März 2009. einer von jungen lateinamerikanischen Autoren wie dem Peruaner Mario Vargas Llosa, dem Argentinier Julio Cortázar und dem Mexikaner Carlos Fuentes getragenen literarischen Bewegung. Der in diesem Kontext 1967 erschienene Roman Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez (Literaturnobelpreisträger von 1982) gilt als grundlegendes Werk des lateinamerikanischen Magischen Realismus und machte ihn weltbekannt. Im Zuge des Booms wurden auch die Werke älterer lateinamerikanischer Autoren wie dem Mexikaner Juan Rulfo, dem Uruguayer Juan Carlos Onetti, dem Paraguayer Augusto Roa Bastos oder dem argentinischen Surrealisten Jorge Luis Borges in Europa und den Vereinigten Staaten bekannt, die anschließend ebenfalls dem Magischen Realismus zugeordnet oder als dessen Vorläufer interpretiert wurden.

Der Magische Realismus verwischt die Grenzen zwischen Realität und Phantasie: Volkskultur, Mythologie, Religion, Geschichte und Geographie verschmelzen zu einer auf der Handlungsebene als natürlich empfundenen Wirklichkeit. Der Grundgedanke ist, dass Phantastik und Realismus gut nebeneinander existieren können und nicht zwangsweise im Konflikt stehen.

Abgrenzung Phantastik und Fantasy

Magischer Realismus kann als eine Untergattung der Phantastik gelten. Einige englischsprachige Autoren sehen auch enge Übereinstimmungen zwischen dem Magischen Realismus und der (nicht mit der Phantastik zu verwechselnden) Fantasyliteratur. In einem Interview definierte Gene Wolfe den magischen Realismus folgendermaßen: „Magischer Realismus ist von spanischsprachigen Menschen geschriebene Fantasy.“Gene Wolfe, Brendan Barber: Gene Wolfe Interview. In: Peter Wright (Hrsg.): Shadows of the New Sun. Wolfe on Writing, Writers on Wolfe. Liverpool University Press, Liverpool 2007, S. 132 (online): “Magic realism is fantasy written by people who speak Spanish.” Laut Terry Pratchett ist magischer Realismus „für manche Menschen leichter zu akzeptieren“ und „eine höfliche Art zu sagen, man schreibe Fantasy“.Linda Richards: January Interview: Terry Pratchett. In: January Magazine, 2002. Abgerufen am 24. Juni 2010 (“more acceptable to certain people” … “a polite way of saying you write fantasy”). Andere spanischsprachige Autoren phantastischer Literatur wie die Mexikanerin Martha Cerda grenzen sich hingegen ausdrücklich vom magischen Realismus ab: „In meinem Roman geht es um das Durchbrechen der Naturgesetze im Text, das hat nichts mit dem Auftreten ungewöhnlicher Dinge im Alltag zu tun, wie es im magischen Realismus der Fall ist.“Amelia Castilla: Martha Cerda recrea el México de María Félix en una novela. In: El País, 27. Oktober 1998, abgerufen am 9. Oktober 2020 (spanisch): “mi novela trata de romper las leyes naturales en el texto, nada que ver con el surgimiento de cosas insólitas en la vida cotidiana como sucede en el realismo mágico.”

Surrealismus Alejo Carpentier sieht einen Gegensatz zwischen dem magischen Realismus und europäischen Stilen wie dem Surrealismus, der ihm zufolge das Wunderbare künstlich erzeugen muss. Dagegen gehöre die magische Realität in Lateinamerika zum Alltag und der Stil belege die ungekünstelte Integration des Wunders (z. B. Göttermythen) in das tägliche Leben.

Kritik Die Kritik am Magischen Realismus und seiner Kommerzialisierung in Europa und den USA verstärkte sich in den 1990er Jahren vor allem in Chile, wo er zuerst von José Joaquín Brunner (* 1944) abwertend als Macondismo bezeichnet wurde, und Mexiko sowie in Guatemala. Er zeichne ein falsches Bild einer idyllischen mestizischen Kultur, welche die Spuren des Kolonialismus und die vielfältige Spaltung und Hybridisierung der modernen lateinamerikanischen Gesellschaften ignoriere.Michael Rössner: Hybridität als ‚Anti-Macondismo‘: Paradigmenwechsel in der lateinamerikanischen Literatur der Jahrtausendwende? In: Alfonso de Toro, Cornelia Sieber, Claudia Gronemann, René Caballo (Hrsg.): Estrategias de la hibridez an América Latina. Frankfurt, New York 2007, S. 395–407.

Vorläufer, Vertreter und zugeordnete Autoren lateinamerikanischer Literatur

Isabel AllendeRafael Bayce: Realismo mágico. In: Hugo Edgardo Biagini, Arturo Andrés Roig (Hrsg.): Diccionario del pensamiento alternativo. Biblos, Buenos Aires 2008, ISBN 978-950-786-653-1, S. 442–444. Mário de AndradeMilton Hermes Rodrigues (UEM): Antecedentes conceituais e ficcionais do realismo mágico no Brasil. In: Revista Letras (UFPR), Nr. 79 (September/Oktober 2009), S. 119–135. José María Arguedas Miguel Ángel Asturias Augusto Roa Bastos Gioconda BelliMiguel Castro: Interview: „Escribo sobre mujeres, no (solo) para mujeres“. In: Trierischer Volksfreund, 3. November 2016, abgerufen am 10. Oktober 2020 (Interview mit Gioconda Belli, die sich selbst nur bedingt dem Realismo mágico zuordnen will; spanisch). Jorge Luis Borges Alejo Carpentier Julio Cortázar Laura EsquivelMariela Rodríguez: Macondismo. In: Hugo E. Biagini, Arturo Andrés Roig (Hrsg.): Diccionario del pensamiento alternativo. Biblos, Buenos Aires 2008, ISBN 978-950-786-653-1, S. 321–323. Carlos Fuentes Gabriel García Márquez Juan Carlos Onetti João Guimarães Rosa Murilo Rubião Juan Rulfo Arturo Uslar Pietri Mario Vargas Llosa

Literatur Michael Scheffel: Magischer Realismus. Die Geschichte eines Begriffes und ein Versuch seiner Bestimmung (= Stauffenburg-Colloquium. Bd. 16). Stauffenburg, Tübingen 1990, ISBN 3-923721-46-3 (Zugleich: Göttingen, Univ., Diss., 1988). Kenneth Reeds: Magical Realism: A problem of definition. In: Neophilologus 90, Heft 2 (2006), S. 175–196. Uwe Durst: Begrenzte und entgrenzte wunderbare Systeme: Vom Bürgerlichen zum ‚Magischen‘ Realismus. In: Lars Schmeink, Hans-Harald Müller (Hrsg.): Fremde Welten. Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 57–74.

Weblinks Michael Perkampus: . Abgerufen am 28. August 2011. David Schmidhofer: Zugänge zum magischen Realismus in der flämischen Literatur. Abgerufen am 24. Juni 2010. Auflistung zahlreicher Beispiele für Magischen Realismus (englisch) „What Is Magical Realism, Really?“ – Bruce Holland Rogers (englisch) „Der magische Realismus“ – über die phantastische Seite der Wirklichkeit – Essay von Thomas Nussbaumer (Teil 1) und (Teil 2)

Einzelnachweise

Kategorie:Lateinamerikanische Literatur Kategorie:Phantastische Literatur