mini|Südwestdeutsches Schichtstufenland, fast flusslose Schwäbische Alb durch Verkarstung

Die Flussgeschichte der Großen Lauter hat wie die anderen rezenten Albflüsse eine erdgeschichtlich sehr lange, wechselvolle Entwicklung hinter sich. Nur wenige, sehr alte, ehemals sehr große Gewässer der Schwäbischen Alb transportieren heute noch ihre Wasser- und Sedimentfracht oberirdisch bis zur Mündung in die Donau.

Die Urversionen der großen Gewässer, heute eher Bäche und kleine Flüsse, kamen vom nördlichen Albvorland oder durchquerten wenigstens das damals größere Gebiet, welches man gemeinhin als „Albtafel“ definiert. Die meisten dieser ehemaligen Urflüsse durchqueren auch heute noch die Schwäbische Alb von Norden nach Südost. Einige wenige Spuren sind mit dem ungeschulten Auge nachvollziehbar, wie die meist am heutigen Albtrauf beobachtbaren Strunkpässe.

Vorbemerkung Die Publikation von Fahlbusch (1981) Miozän und Pliozän – Was ist was? initiierte in der Geologie eine massive Änderung der stratigraphischen Gliederung des Neogen (Miozän, Pliozän) für Süddeutschland. (Anpassung an eine international einheitliche Zuordnung). Da hier Nachweise verwendet werden, deren Publikation vor dieser Zäsur liegen, wurde die Anpassung an die heute gültige Stratigraphie vorgenommen. Die Anpassung (Serienangabe Miozän oder Pliozän) ist in Einzelfällen u. U. nicht genau genug getroffen worden.

Fluviatile Sedimentation durch Urflüsse von Norden Südwestdeutschland im Miozän Seit 1931 gilt, dass für alte von Norden kommende Flüsse der wichtigste Beleg miozäne Sedimentrelikte sind. Wenn diese Sedimente grobkörnige, verbackene Gesteine sind, werden sie zur Kategorie der Konglomerate gerechnet, die man, wenn sie aus den Alpen stammen, Nagelfluh nennt. Für das Pendant aus dem Norden stammender Flusssedimente hat sich der Begriff „Juranagelfluh“ etabliert. Aus Zusammensetzung, Alter, Lage und Verbreitung solcher Sedimente „lassen sich einigermaßen konkrete Hinweise über das obermiozäne Flussnetz des nördlichen Albvorlandes und der Alb ableiten.“Dongus (1977) Zu heute wie damals bedeutenden Fließ-Gewässern aus dem Norden gehören (von Westen nach Osten) Breg und Brigach, Faulenbach (Rest einer den Schwarzwald entwässernden, mächtigen Ur-Eschach), Bära, Schmiecha/Schmeie, Fehla/Lauchert, Große Lauter und Brenz. Heute unbedeutend hatten Ur-Lone und Ur-Eyb damals ähnlich große Bedeutung wie die anderen genannten Flüsse.

mini|links|Von der „rheinischen“ Echaz angezapfte danubische Große Lauter (heute 7,9 km Trockental bis zur Quelle) mini|Graupensandrinne, Jüngere Juranagelfluh auf der Hegaualb

In geologischen Karten und auch in Graphiken und Textbeiträgen sind Juranagelfluh-Ablagerungen vermerkt, die zwischen dem Randen (Klettgau) in der Westalb und der Ur-Eyb/Lone („Stubenheimer Strang“) auf der Ostalb auch noch nach Millionen Jahren als geologische Archivresten vermerkt sind. Hebungsprozesse des Schwarzwalds und die Abdachung der Albhochfläche nach Südosten ließen Urflüsse aus dem Schwarzwald die mit Abstand größten Sedimentmengen Jüngere Juranagelfluh (Gesamtmächtigkeit bis 380 mSchreiner (1965)) schütten. Die in der Westalb in vier Rinnen (Tengener-, Geisinger-, Bittelbrunner- und Emminger Rinne) zwischen Tengen und Emmingen (West-Ost) geschüttete Jüngere Juranagelfluh durchschnitten zunächst nur die Albsteinplatte, mündeten in die breite, flache Graupensandrinne und verfüllten diese. Die Mengen waren so riesig, dass im Verlauf des Mittelmiozäns die ganze Albsteinfläche bis zur Oberkante des Kliffs und die Graupensandrinne lokal mit Juranagelfluh gefüllt war.Schreiner 1965, Tafel 22. Strasser&Sontheimer (2005), S. 86.

mini|links|Flussgerölle der Jüngeren Juranagelfluh im ehem. Steinbruch beim Dorf Hondingen, Hegaualb mini|Flussgerölle der Jüngeren Juranagelfluh bedecken auch heute noch Äcker auf der Hegaualb Die Juranagelfluh-Gerölle, die hohes tertiäres Alter der noch existierenden, oben namentlich genannten Flüsse bilden nur noch eine dünne Schicht oder bestehen sogar nur noch aus vereinzelten Streuschottern. In einem Fall sind es nur Relikte in einem im Miozän aktiven Tuffschlot. Die Schüttungen der Jüngeren Juranagelfluh waren also nur in einem begrenzten Bereich der Westalb mächtige Ablagerungen, die sogar die Graupensandrinne und die Landschaft nördlich davon verschütteten.

Beim Rückblick auf die Flussnetzgeschichte im Miozän muss man also auch das Albplateau insgesamt betrachten und unbedingt die Zeit vor der Entstehung der „Entwässerungsrinne Donau“ einbeziehen (lange Miozänzeit vor dem Obermiozän). Hier beherrschte eine bis zu 13 km breite, durchschnittlich ca. 60–80 m tiefe Graupensandrinne mit geringem, nach Südwesten (!) gerichteten GefälleSach & Heizmann (2001) den Nordrand des Molassebeckens. In diese Graupensandrinne mündeten die Urflüsse, bevor die Urdonau im Obermiozän entstand. Die Urflüsse aus dem Norden lieferten ihre Fracht über die Graupensandrinne nach Südwesten in ein Restmeer im schweizerischen Mittelland. Nach der Erosionsphase wurden Sandschichten in der Rinne abgelagert,„Grimmelfinger Schichten, Suevicus Schichten und Kirchberger Schichten“, Sach & Heizmann (2001) aber zuvor die vorhandenen Sedimente des letzten Molassemeeres (Untermiozänes Meer der Oberen Meeresmolasse, OMM) und teilweise auch die darunter liegenden Fluss-Sedimente der Unteren Süßwassermolasse (USM) des Molassebeckens ausgeräumt. Aus den Alpen wurde sodann so viel Sedimentmaterial (vor allem Obere Süßwassermolasse, OSM) angeliefert, dass diese Schüttungen die Graupensandrinne auf ihrer ganzen Länge gänzlich verfüllten. Die Rinne ist heute morphologisch nicht mehr wahrnehmbar.

Die gesamte Flächenalb wurde im Miozän bis zu 70 m hoch von der alpinen Süßwassermolasse (OSM) verschüttet,„Die Verschüttungsmassen wurden im jüngeren Obermiozän und Ältest-Pliozän wieder entfernt.“ Dongus (2000) so dass auch die von Norden kommenden Gerinne im Unterlauf vorübergehend plombiert wurden.Strasser (2005) S. 87 Auf der südlichen Mittleren Flächenalb sind tertiäre Sedimente (vor allem Obere Süßwassermolasse) auch heute noch nicht überall gänzlich abgetragen (Tautschbuch, Emerberg, Landgericht, Hochsträß).

Im Miozän begann allmählich eine Abkühlung des Klimas von subtropischen zu warm-gemäßigten Verhältnissen. In dieser langen Zeit kam es jedoch zu mehrfachem Wechsel von feuchten und ariden Zeitabschnitten.

Die prädanubische und die danubische Urlauter Die Existenz von miozäner Jüngerer Juranagelfluh wurde von Schädel (1973) im Tuffschlot Hungerberg (bei Münsingen) belegt. Die weit über der heutigen Landoberfläche abgelagerten Gerölle waren bei abklingender vulkanischer Aktivität in den Schlot zurückgefallen. Kiderlen (1931) sah Streuschotter in „hangenden Teilen des Alenbergs nördlich Hayingen und in der O.S.M. des Emerbergs“ belegt. Er ordnet diese einer Urlauter zu.Prinz (1959) S. 59 Prinz (1959) belegt Juranagelfluh auf der Gemarkung „Bising“, ca. 1,7 Straßenkilometer östlich von Oberwilzingen, südwestlich der heutigen Lauter. (Wohlgerundete Gerölle auf einem Bisinger Acker, die solche Flussgerölle sein können, belegt das Foto „Bising-Funde“).Vorkommen von Juranagelfluh auf dieser Gemarkung sind in der Geologischen Online-Karte 1:50 000 Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) eingezeichnet.

mini|links|Beispiel eines von Geröll, Kies und Grobsand unterschiedlichster Größe dominierten Gewässers mini|Flussgerölle, Jüngere Juranagelfluh, fluviales Sediment, miozäne Urlauter, „Bising“ (Oberwilzingen) Der Verlauf und Charakter dieses Urflusses ist ein flacher, sehr breiter, kaum eingetiefter, Nord-Süd gerichteter, Fluss – ähnlich der frühen Aaredonau (siehe weiter unten). Die Urlauter war im Miozän zwar ein kräftiger Urfluss, aber im Verhältnis zu den über die Westalb strömenden Juranagelfluh-Flüssen eher klein. Diejenigen der Westalb hatten nicht nur ihr Einzugsgebiet aus der damals noch weiter nach Nordwesten reichenden Albtafel, sondern auch aus dem nördlichen Albvorland und sogar dem Schwarzwald. Zwischen dem obermiozänen Albstufenrand und dem heutigen Trauf der Mittleren Alb lag das Tal der Ur-Lone. Diese danubische Ur-Lone zog als großer, wasserreicher Vorläufer der Lone alle albstufenrandnahe, fluviatile Einzugsbereiche an sich. Die Reliefspuren der Ur-Lone und ihrer Nebenflüsse sind mit der Rückverlagerung des Albtraufs und der weiteren Entwicklung des nördlichen Albvorlandes längst verschwunden.G. Wagner (1963) Das LGRB hat in einer Graphik die von Norden kommenden Urflüsse und deren jüngere Flussversionen angegeben, die in die Obere Donau mündeten (vgl. das Graphik-Bild „Donau-Entwicklung, Miozän bis heute“). Die Urlauter wäre geographisch etwa bei Lauterach in die Graupensandrinne gemündet, nach Entstehung der Urdonau sodann in die frühe Urdonau (Aaredonau).

mini|links|Donau-Entwicklung und wichtigste Zuflüsse von Norden, Miozän bis heute

Donau-Entwicklung, erste Verkarstung, erste Eintiefung der Großen Lauter Südwestdeutschland im Pliozän Das anhaltende Absinken des Oberrheingrabens ab dem Obermiozän leitete die zweite große tektonische Phase in Südwestdeutschland ein. Der Schwarzwald wurde angehoben, die Decken bis zum Grundgebirge abgetragen. Eine erhebliche tektonische Aufkippung der Schwäbischen Alb (Heraushebung der Schichten zu Stufen und Neigung von West nach Ost, ermöglichte die Entstehung und Entwicklung der Urdonau.Beleg für die Kippung: heute verläuft die noch wahrnehmbare „Klifflinie“ der Küste des letzten Molassemeeres (Untermiozän) zwischen 900 m im Westen und 500 m im Osten der Schwäbischen Alb) Die sehr mächtige Aaredonau entwässerte die Westalpen (Schweiz) und floss über das heutige Untere Wutachtal und das Trockental der Aitrach in trägen, stark verwilderten, kilometerbreiten Rinnen auf der Flächenalb nach Osten, dabei die zu diesem Zeitpunkt noch verbreiteten Molassesedimente ausräumend.Villinger (1986)Kiderlen (1931) Diese frühe Aaredonau dürfte so ähnlich ausgesehen haben wie der Mittelteil des letzten in Mitteleuropa noch anzutreffenden unregulierten Flusses Tagliamento, italienische Südalpen (siehe das Foto Tagliamento).

mini|urdonau-ähnlich: Letzter noch unregulierter Fluss „Tagliamento“ Mitteleuropas (italienische Südalpen)

Auch die Nord-Urflüsse lagen noch unter der riesigen alpinen OSM-Plombierung der Flächenalb.Eberle et al. (2007) S. 61 Die Hebung und Kippung der süddeutschen Großscholle führte dazu, dass sich ihre Flüsse vom Pliozän an allmählich einschnitten, das Verschüttungsmaterial (die „Plombierung“) allmählich wieder ausräumten und auch das Relief weiter veränderten.Dongus (2000)

Die Urflüsse ergossen ihr Flussfracht (Wasser und Juranagelfluh) nicht mehr in die Graupensandrinne, bzw. das Molassebecken, sondern nunmehr in die Urdonau.

Die große Urdonau wurde zum dominierenden Entwässerungsstrang. Das prägte das sich entwickelnde Gewässersystem des größten Teils des noch ausgedehnt flachen Süddeutschen Schichtstufenlandes bis zum Mittleren Pliozän. Die Aaredonau/Donau ist durch eine ganze Reihe von Resten Pliozäner Donau-Höhenschotter unstrittig belegt – zwischen Blumberg und Ulm auf der Flächenalb flächendeckend und danach auch noch vereinzelt.Graphik in Dongus (1970), Abb. 1, KartenbeilageVgl. die Kartierung und Begehung von Tillmanns (1984) Auf der Mittleren Flächenalb kam diese breite Donau bis auf zwei Kilometer an die Klifflinie heran. Allerdings schwächte die Umlenkung der Aare zu Doub/Saone/Rhone die Aaredonau, 6/7 der Wassermenge gingen der Donau verloren.G. Wagner (1961) S. 94 Der Alpenrhein floss noch bis ins Ältest-Pleistozän durch Oberschwaben bei Ehingen in die Donau.

Die Aaredonau/Donau erreichte bis zum Ende des Pliozäns ihre wesentliche Eintiefungsetappe. „An dessen Ende besaß der Fluß schon ein 150 m tiefes Kastental. Eiszeitlich wurden nur mehr 50 m der heutigen Taltiefe geschaffen (…).“

Die alles entscheidenden flussgeschichtlichen Ereignisse an der Grenze Miozän/Pliozän waren: