mini|300px|Das Praetorium Mobeni von Südwesten (2011) mini|300px|Blick von Osten auf das Kastell (2018)

Qasr Bshir, lateinisch Castra Praetorii Mobeni bzw. Praetorium Mobeni, , das auch als Qasr Beshir, Qasr Bashir und Bser bekannt wurde, ist ein spätrömisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae in der spätantiken Provinz Arabia zuständig war. Die teilweise noch bis in das zweite Stockwerk erhaltenen Überreste der Fortifikation bilden das am besten erhaltene Kastell im heutigen Jordanien,Johanna Ritter-Burkert: Qasr Bshir – Praetorium Mobeni (JO). In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 136–139; hier: S. 137. auch wenn zahlreiche Erdbeben starke Beschädigungen angerichtet haben.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 138. Das durch Baufälligkeit und Vandalismus stark gefährdete Baudenkmal befindet sich etwa achtzig Kilometer südlich der jordanischen Hauptstadt Amman auf 800 Metern Seehöhe und 15 Kilometer nordwestlich der heutigen Kleinstadt Al-Qatrana. Seit 2001 steht es auf der Tentativliste zur Aufnahme in das UNESCO-Welterbe (Welterbe in Jordanien).

Lage Das Praetorium Mobeni befindet sich lediglich rund 15 Kilometer, also etwas einen Tagesmarsch, nordöstlich des Legionslagers Betthorus (el-Lejjun) in der weiten, leicht hügeligen Ebene der jordanischen Steppe, deren Größe rund 8000 Quadratkilometer umfasst.Nasim Barham: Geographische Probleme des Regenfeldbaus in Jordanien (= Dissertation), Universität Hannover, 1979, S. 35. Die Tafellandschaft um das Kastell wird von zahlreichen flachen kleinen Wadis durchzogen, die bei den seltenen Niederschlägen alle nach Westen in das Wadi Mudschib entwässern. Im Norden, rund drei Kilometer entfernt, liegt ein Hügelzug, der das Wadi Su’eida, einen Nebenzufluss zum Wadi Mudschib, überragt. Rund zwei Kilometer östlich befindet sich ein niedriger Bergrücken. Das Klima entspricht dem subtropisch-ariden Zonobiom, das für Wüstenlandschaften typisch ist.Heinz Ullrich Baierle: Vegetation und Flora im südwestlichen Jordanien (= Dissertationes Botanicae 200), Cramer/Borntraeger, Berlin, Stuttgart 1993, ISBN 3-443-64112-1, S. 11.

Die Garnison liegt in der Mitte einer flachen Senke an der Westseite einer leichten topographischen Erhebung und ist südwestlich orientiert. Eine geringe Lößablagerung überzieht diese Erhebung. Von den Türmen der Fortifikation aus hatten die Soldaten einen ausgezeichneten Überblick über das baumlose Land.whc.unesco.org Lediglich nach Süden war die Sicht eingeschränkt. In Sichtweite befanden sich auch die rückwärtigen Wachtürme Qasr Abu el-Kharaq, Qasr el-ʿAl. Im Westen konnte über das Wadi Mudschib und den großen Wachturm er-RamaSamuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Final Report on the Limes Arabicus Project, 1980–1989 (= Dumbarton Oaks Studies 40), Washington, D.C., 2006, ISBN 978-0-88402-298-5, S. 55. hinweg die fruchtbare, bewohnte Region der moabitischen Hochebene eingesehen werden.

Mit dem Praetorium Mobeni hatten die Römer eine zentrale Stellung im Grenzschutzsystem dieser Wüstengrenze errichtet. Das Quadriburgium sicherte Rom in dieser Gegend zusammen mit dem lediglich rund fünf Kilometer nördlich gelegenen Qasr eth-ThuraiyaSamuel Thomas Parker: History of the Roman Frontier East of the Dead Sea. In: Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Final Report on the Limes Arabicus Project, 1980–1989 (= Dumbarton Oaks Studies 40), Washington, D.C., 2006, ISBN 0-88402-298-6; S. 517 ff.; hier: S. 549. die südöstliche Grenze des römischen Reiches, die unter anderem vor Plünderungen durch arabische Nomaden und später vor den Sassaniden verteidigt werden musste. Wie an den meisten Grenzzonen des römischen Reiches bestand auch der Limes Arabicus nicht als durchgängige geschlossenes Sperrwerk, sondern aus einem System von kettenartig angeordneten Legionslagern, Kastellen, Kontrollstationen und Wachtürmen.

Forschungsgeschichte Zum ersten Mal wurde das Kastell durch zwei in den Jahren 1897 und 1898 durchgeführten Forschungsreisen des österreichischen Althistorikers Alfred von Domaszewski (1856–1927) und des deutsch-amerikanischen Philologen Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917) bekannt, die den römischen Limes und viele weitere antike Stätten der einstigen Provinz Arabia besuchten. Sie waren auch die ersten, die über die Bauinschrift berichteten.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2: Der äussere Limes und die Römerstrassen von el-Maan bis Bosra. Trübner, Straßburg 1905. S. 57 ff.; hier: S. 48.

Der Biblische Archäologe Nelson Glueck (1900–1971), der in den 1930er Jahren viele Bauten des römischen Limes in Jordanien besuchte, zeigte kein näheres Interesse am Qasr Bshir und verwies auf von Domaszewskis und Brünnows Beschreibungen.Nelson Glueck: Explorations in Eastern Palestine, III. In: The Annual of the American Schools of Oriental Research 18/19, 1937–1939, S. 105–107.

Trotz dieser frühen Untersuchungen gehörte der Limes im heutigen Jordanien in der Folgezeit bis Anfang der 1980er Jahre zu den am wenigsten untersuchten Grenzregionen des Römischen Reiches. Den ausschlaggebenden Beitrag zur modernen Erforschung des spätantiken Limes Arabicus leisteten die Untersuchungen des amerikanischen Provinzialrömischen Archäologen Samuel Thomas Parker (1950–2021), der mit einer Mannschaft aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen von 1980 bis 1989 archäologische Expeditionen unternahm. Als Leiter des Limes Arabicus Projects legte er dabei seinen Schwerpunkt auf den römischen Grenzverlauf in Zentraljordanien. Das Projekt wurde während der Forschungskampagnen der Jahre 1980 und 1982 hauptsächlich durch Zuschüsse des National Endowment for the Humanities finanziert, als weitere Unterstützer traten der jordanische Antikendienst, die North Carolina State University, das Dumbarton Oaks Center for Byzantine Studies und die American Philosophical Society auf.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens: A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. XIII. Weitere Fördermittel kamen von der National Geographic Society, der Samuel H. Kress Foundation und privaten Spendern.

Für Parker nahm das Praetorium Mobeni eine dreifache Schlüsselrolle am arabischen Limes in Jordanien an, da die Anlage nicht nur die am besten erhaltene römische Fortifikation des Landes ist und ihr architektonischer Aufbau damit besondere Aufmerksamkeit verdient, sondern auch, weil von diesem Fundort das Baudatum durch die in situ vorgefundene Bauinschrift erhalten geblieben ist.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 53. Als dritten Punkt führte der Archäologe die von ihm während der zweiten und dritten Feldkampagne des Projekts in den Juni- und Julimonaten 1982 und 1985Suzanne Richard, Samuel Thomas Parker: The Roman castellum of Khirbet el-Fityan. In: Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan (= BAR International Series 340), Oxford 1987, S. 8. vorgenommenen Untersuchungen an, durch die stratifizierbare Münzen und Keramiken geborgen werden konnten. Die 1982 geborgene Keramikfragmente konnten die bei einer Feldbegehung 1976 aufgelesenen Scherben in ihrer Datierung bestätigen.

Einen weiteren wichtigen Schritt zur Erforschung der östlichen römischen Wüstengrenze und ihrer Bauwerke lieferte die Auswertung historischer Luftbilder aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Da nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch lokale politische und militärische Einschränkungen zivile Luftbildaufnahmen in dieser Region zumeist verhinderten, waren systematische luftbildarchäologische Aufklärungen bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr möglich.David L. Kennedy: Aerial Archaeology in the Middle East. The Role of the Military — Past, Present ... and Future?. In: Robert H. Bewley, Wlodzimierz Raczkowski (Hrsg.): Aerial Archaeology. Developing Future Practice, (= NATO Science Series 1: Life and Behavioural Sciences 337). IOS Press, Amsterdam 2002. S. 33–48. Seit 1995 konnten sich die Archäologen bei der Erforschung der großen Zusammenhänge in dieser Limeszone jedoch zusätzlich auf ältere, inzwischen freigegebene Fotoarchive stützen, die durch die frühen US-Aufklärungssatelliten zwischen 1960 und 1972 angefertigt wurden.Robert A. McDonald: Opening the Cold War sky to the public. Declassifying satellite reconnaissance imagery. In: Photogrammetric Engineering and Remote Sensing 61 (1995), S. 385–390. Dabei konnten auch Fotos rund um das Gebiet des Qasr Bshir analysiert werden.

Im Jahr 2010 wurden die Ergebnisse einer seit 2002 laufenden Forschung im Rahmen des Ausgrabungs- und Restaurierungsprojekts am römischen Kastell Qasr Hallabat, das im rückwärtigen Limesraum stand, publiziert. Im Zuge dieser Arbeiten wurde auch ein Forschungsprogramm aufgelegt, das den Titel „Analyse und Dokumentation zu Bautechniken und architektonischen Typologien in der Übergangszeit von der Spätantike zur frühislamischen Zeit in Jordanien“ trug. Letzteres Programm wurde ab 2004 vom spanischen Kulturministerium durch die Stipendien finanziert. Die Leitung beider Projekte lag in der Hand des Architekten und Archäologen Ignacio Arce,Ignacio Arce: Qasr Hallabat, Qasr Bshir and Deir el Kahf. Building techniques, architectural typology and change of use of three “Quadriburgia” from the “Limes Arabicus”. Interpretation and significance. In: Stefano Camporeale, Hélène Dessales, Antonio Pizzo (Hrsg.): Arqueología de la construcción II, Los procesos constructivos en el mundo romano: Italia y provincias orientales. (= Anejos de Archivo Español de Arqueología 57), Certosa di Pontignano, Siena, 13–15 de noviembre de 2008, Madrid/Mérida 2010, ISBN 978-84-00-09279-5, S. 455–481; hier: S. 455–456. unter anderem Lehrstuhlinhaber an der Deutsch-Jordanische Hochschule in Amman. Im Rahmen dieser Bauforschungen wurde auch das Praetorium Mobeni einer detaillierten Analyse unterzogen.

Baugeschichte In seinem Geschichtswerk Res Gestae des um 395 verstorbenen Ammianus Marcellinus beschreibt dieser die spätantike Provinz Arabia.László Borhy: Terminologie spätrömischer Befestigungen bei Ammianus Marcellinus. In: Erika Juhász: Byzanz und das Abendland VI. Studia Byzantino-Occidentalia (= Antiquitas – Byzantium – Renascentia 38), ELTE Eötvös-József-Collegium, Budapest 2019, ISBN 978-615-5897-24-5, In: S. 13–66. Dort gebe es Ammianus betont mit seinen Aussagen ganz besonders, die Abhängigkeit des wirtschaftlichen Wohlstands von einem effektiven Grenzschutzsystem und zusätzliche rückwärtige Sicherungsmaßnahmen für die wichtigsten Großstädte.Ignacio Arce: Qasr Hallabat, Qasr Bshir and Deir el Kahf. Building techniques, architectural typology and change of use of three “Quadriburgia” from the “Limes Arabicus”. Interpretation and significance. In: Stefano Camporeale, Hélène Dessales, Antonio Pizzo (Hrsg.): Arqueología de la construcción II, Los procesos constructivos en el mundo romano: Italia y provincias orientales. (= Anejos de Archivo Español de Arqueología 57), Certosa di Pontignano, Siena, 13-15 de noviembre de 2008, Madrid/Mérida 2010, ISBN 978-84-00-09279-5, S. 455–481; hier: S. 459.