Der ausgetrocknete Salzsee Lop Nor ( oder nach 1971 für „Große Ohrmuschel“) liegt in einer Höhe von an der tiefsten Stelle des Tarimbeckens im nordwestchinesischen Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang. Er war einer der größten und am weitesten vom Meer entfernten abflusslosen Salzseen der Erde. Nach vorübergehender Austrocknung seines Zuflusses Kum-darja füllte er sich im Jahr 1921 wieder, bis er von 1958 bis 1961Quelle: oder bis 1962 zum letzten Mal austrocknete. Unter der braunen Erdkruste und der steinharten, aber dünnen weißen Salzkruste, die das Becken des ausgetrockneten Sees überziehen, dehnt sich ein Salzsumpf aus.Christoph Baumer: Geisterstädte der südlichen Seidenstraße, Entdeckungen in der Wüste Takla-Makan. Belser, Zürich 1996, ISBN 3-7630-2334-8, Seite 159–179

Seit der Austrocknung des Sees ist auf Satellitenbildern in dem ehemaligen Seebett ein Muster konzentrischer, ringförmiger Linien zu erkennen, das einer Ohrmuschel ähnelt. Es handelt sich dabei um historische Uferlinien.

Ende des 20. Jahrhunderts gab es aus ökologischen Gründen Versuche, den See durch die Einleitung von Wasser aus dem Bosten-See neu zu beleben. Darauf wird China aber in Zukunft aus wirtschaftlichen Gründen verzichten, da es inzwischen begonnen hat, das Seebecken durch Straßen und eine Eisenbahntrasse zu erschließen und die Bodenschätze zu fördern. Seit 2008 werden dort jährlich 1,2 Millionen Tonnen Kali-Dünger produziert; im Jahr 2014 soll diese Produktion auf 3 Millionen Tonnen gesteigert werden.

Seit 2006 durchzieht die Fernstraße S235 den Bereich des ehemaligen Salzsees.

Zum Namen Andere Schreibungen für Lop Nor sind Lop Nur (, Lob nuur) und Lob Nor.

Der Name Lop Nor stammt aus der oiratisch-mongolischen Sprache und heißt „der See, in den viele Wasserquellen zusammenströmen“ (englisch: the lake converging many water sources), womit „Einzugsgebiet für den Zufluss verschiedener Flüsse“ (englisch: catchment for the afflux of several rivers) gemeint ist. Der Name wird seit der Yuan-Dynastie verwendet. Das mongolische Wort Nor bedeutet „See“.

Im Chinesischen hat er mehrere Namen, traditionell 羅布泊 oder 羅布淖爾 bzw. vereinfacht 罗布泊 oder 罗布淖尔. Historisch wurde der See in alten chinesischen Texten mit verschiedenen Namen bezeichnet, darunter Yan Ze (鹽澤), was „Salzsumpf“ im Shiji bedeutet oder Puchang Hai (蒲昌海), was „Meer des üppigen Schilfs“ im Han Shu bedeutet.

Der Name Lop Nor ist seit mindestens dem späten 19. bis frühen 20. Jahrhundert in Gebrauch, wobei die erste aufgezeichnete Verwendung sowohl im Englischen als auch im Deutschen auf 1895–1900 datiert wird, als die wissenschaftliche und geographische Erforschung Zentralasiens zunahm.

Der ursprüngliche Glazialsee mini|250px|Satellitenaufnahme von dem mittleren Teil des Seebeckens Lop Nor mit der Helix des früheren Sees Lop Nor. Links im Vordergrund sieht man einen Teil des Gebirges Kuruktagh mit Kratern des Kernwaffentestgeländes Lop Nor, im Hintergrund die Hänge des Kumtagh und die Hochebene des Astintagh. Blick vom Nordwesten Richtung Südosten. In der letzten Eiszeit waren die Taklamakan und die Wüste Lop Nor fast ganz von einem Glazialsee bedeckt. Das lassen Bohrkerne erkennen, die im Jahr 2003 beim Lop Nor Environmental Science Drilling Project in 160–250 Meter Tiefe entnommen wurden. Sie zeigen laut Fang Xiaomin vom Institute of Earth Environment of the Chinese Academy of Sciences, dass im Bereich des ehemaligen Sees vor 1,8 bis 2,8 Millionen Jahren ein sehr tiefer und mehr als 20.000 km² großer Süßwassersee gewesen ist, der sich über einen langen Zeitraum mit beständigem Starkregen über das Gebiet der Wüste Lop Nor hinaus bis in das Gebiet der Taklamakan-Wüste hinein erstreckte. In den Bohrkernen wurden 60 Meter mächtige Ablagerungen von Indigo-Silt in gelber Farbe mit hohem Gips-Anteil gefunden, die bestätigen, dass ein Süßwassersee von großer Tiefe bestanden hat, an dessen Grund Sauerstoff fehlte. Funde von Muscheln in den Bohrkernen zeigen, dass der See auch in späterer Zeit ein Süßwassersee gewesen ist.

Die Oberfläche eines Sees lag vermutlich auf etwa ; das ist südlich und nördlich der Wüste Lop Nor an steilen und durchschnittlich 20 Meter hohen Seeterrassen zu erkennen, die seinerzeit durch das Seewasser aus der umgebenden Küste herausgeschnitten worden sind und derzeit auf 870 bis Höhe liegen. Auch in der Taklamakan finden sich in einer Höhe von etwa Hinweise auf einen SeeDieter Jäkel fand 40 km westlich von Ruoqiang an der Straße nach Qiemo in einer Höhe von etwa 1000 Metern am Hang zur Ebene abrupt endende Schwemmfächer. Er schreibt: Thus there are many factors indicating the existence of a palaeo-Lob-Nor with a lake level of +- 1000 m a.s.l. Quelle: Die Erde 1991, Ergänzungs-Heft 6, Seite 196–197..

Vor 1,8 Millionen Jahren entstand im Pliozän im östlichen Tarimbecken durch eine tektonische Abschiebung das tiefer gelegene Becken, in dem sich jetzt die Wüste Lop Nor befindet. Dort bildete sich um 780.000 vor unserer Zeitrechnung durch neue tektonische Absenkungen am Ende des mittleren Pleistozän ein sekundäres Seebecken heraus.

Vor 800.000 Jahren änderte sich das Klima im Tarimbecken; es wurde extrem trocken. Der Glazialsee verkleinerte sich. Nach dem Austrocknen der Taklamakan wurde das Seebecken Lop Nor zum Ziel aller Flüsse des Tarimbeckens, die dort ihre Deltas bildeten, ihre Endseen Lop Nor und Karakoshun mit Wasser versorgten und das in den Flüssen mitgeführte Salz in einer riesigen Salzpfanne ablagerten.

Der See Lop Nor

Die massenspektrometrische Untersuchung von Sedimenten mit biotischen AblagerungenQuelle: A lacustrine record from Lop Nur, Xinjiang, China: Implications for paleoclimate change during Late Pleistocene doi:10.1016/j.jseaes.2008.03.011 im Jahr 2006 lassen vier Klimaperioden erkennen.

Seit 1980 untersuchte ein Team der Chinesischen Akademie der Wissenschaften den Lop Nor. Es stellte in den Jahren 1980 bis 1981 mithilfe der Radiokohlenstoffmethode fest, dass der See Lop Nor seit über 20.000 Jahren andauernd in wechselnder Größe und Lage im Lop-Nor-Becken bestanden hat, wozu das aride bis vollaride Klima beitrug, das sich über einen langen Zeitraum nicht veränderte. Die Flussläufe in den Deltas mäanderten und bildeten dabei Yardangs, die als lang gestreckte Inseln zwischen den verschiedenen Flussläufen stehen blieben.

Die wechselnde Höhe des Seespiegels zeichnet sich ab an der Schichtenfolge jenes Sockels, auf dem sich die Stupa (auch als Wachturm bezeichnet) von Loulan befindet; einige der sechs Schichten bestehen nur aus feinen gelben Sanden, andere dagegen aus Ton mit pflanzlichen und tierischen Überresten, darunter Schalen von Süßwasserschnecken.

mini|350px|Landkarte (1935) von Folke Bergman mit den hauptsächlichen archäologischen Funden der Chinesisch-Schwedischen Expedition 1927–1933 in der Wüste Lop Nor in Xinjiang, China Übersetzungen: Ruiner: Ruinen von Siedlungen und Festungen aus der Zeit vor 330 Gammalt vakttorn: Ruinen von Signaltürmen der Chinesischen Mauer Gravar: Grabstätten aus der Zeit 2000 v. Chr. bis 330 Bulak: Brunnen (seit 1971 ausgetrocknet) Ördeks nekropol: Nekropole, die von Sven Hedins Führer Ördek gefunden und von Folke Bergman erforscht und dokumentiert wurde; neuer Name: Xiaohe Nya Lop-nor: See Lop Nor, der in den Jahren 1921–1971 bestand, von der Chinesisch-Schwedischen Expedition vermessen wurde und dann austrocknete mini|350px|Landkarte von Folke Bergman vom östlichen Xinjiang aus dem Jahr 1939 mit prähistorischen Fundstätten und den Routen der Seidenstraße

An den Flussläufen, die zum Lop Nor hinführten, entstanden Flussoasen, die vor 4000 Jahren frühbronzezeitliche Siedlungen mit Nekropolen ermöglichten. Ab 900 v. Chr. entstanden eisenzeitliche Siedlungen mit Gräberfeldern. Im Nordwesten Chinas begann um 200 v. Chr. eine Periode hoher Temperaturen und starker Niederschläge, die vom dritten bis zum fünften Jahrhundert durch eine Periode anhaltender Trockenheit und Dürre abgelöst wurde.Journal of Geophysical Research, Vol 109, D02105, doi:10.1029/2003JD003787, 2004: Evidence for a late Holocene warm and humid climate period and environmental characteristics in the arid zones of northwest China during 2.2 - 1.8 KABP. Ab 200 v. Chr. wurden die Flüsse, die ihr Wasser zum Lop Nor hinführten, zu breiten Strömen, die das Wasser des Sees entsalzten, Süßwasser über das Seeufer schwemmten und große Feuchtgebiete schufen, die landwirtschaftlich genutzt werden konnten. Der Lop Nor war nun von fast unschätzbarer Bedeutung für die Kulturen des Tarimbeckens entlang der Seidenstraße.

In Aufzeichnungen aus der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 200 n. Chr.) wird der See Lop Nor so beschrieben: „P’u-ch’ang Hai (d. h. Lop Nor) bedeckt ein Gebiet von 300 Li (= 150 km) Länge und Breite, das Wasser endet hier, niemals verändert sich seine Höhe.“ Alte chinesische Karten zeigen den Salzsee im Durchmesser von 150 km. Der Klimawandel führte ab 200 v. Chr. zu Stadtgründungen in Loulan, Miran, Haitou, Yingpan, Merdek und Qakilik. Die Stadt Loulan, die an einem Flusslauf lag und als Vorposten der Chinesen eine wirtschaftliche Blütezeit erlebte, wurde um 330 zusammen mit weiteren Siedlungen am Kum-darja wegen des Wassermangels aufgegeben. Eine Ursache war ein beginnender Klimawechsel, der dazu führte, dass die Flussläufe und Flussoasen austrockneten und dass in Loulan von nun an das Süßwasser fehlte. Es wurde auch vermutet, dass die häufigen Erdbeben den Tarim in eine andere Richtung lenkten. Die mittlere Seidenstraße nördlich des Sees Lop Nor war von nun an unbegehbar, und die Bevölkerung in der Wüste Lop Nor nahm rapide ab.

Nach einem Bericht des Chinesen Li Daoyuan mit Titel Shuijing zhu (2. Teil), der vor dem Jahr 527 n. Chr. entstand, besaß der See drei Zuflüsse: Qiemo (d. h. Tschertschen-Darja oder Qarqan He), Nan (d. h. Tarim) und Zhubin (d. h. Hädik-gol und seine Unterläufe Konqi, Kontsche-darja und Kum-darja). Offenbar führte der See zu diesem Zeitpunkt wieder Wasser. In der späten Qing-Dynastie war er von Osten nach Westen 80 oder 90 Li (40 oder 45 km) lang und vom Süden nach Norden 1–2 oder 2–3 Li (0,5–1 oder 1–1,5 km) breit.Quelle: Xia Xuncheng, Hu Wenkang (Hrsg.): The Mysterious Lop Lake. The Lop Lake Comprehensive Scientific Expedition Team, the Xinjiang Branch of the Chinese Academy of Sciences. Science Press, Beijing 1985, Seite 49.

Es könnte sein, dass der Lop Nor noch Anfang des 18. Jahrhunderts als See bestand. Sven Hedin notierte, was ihm 1896 der achtzigjährige Häuptling Kuntschekan Bek im Fischerdorf Abdal mitgeteilt hatte: „dass sein Großvater, Numet Bek, in seiner Jugend an einem großen, nördlich vom Karakoshun gelegenen See gewohnt habe, und dass der Karakoshun sich erst etwa 1720 gebildet habe“.Sven Hedin: Der wandernde See, F. A. Brockhaus, Leipzig, 2. Aufl. 1938, S. 290.

In den Jahren 1725 bis 1921 füllte sich das Seebecken Karakoshun im Südwesten der Wüste Lop Nor mit Süßwasser vom Tarim, und der Lop Nor wurde zu einem Salzsumpf. 1921 trocknete der Karakoshun aus, und der Tarim brachte sein Wasser wieder zum Lop Nor. Die uigurischen Loplik verließen um 1920 die Siedlungen in der Wüste Lop Nor, nachdem eine Pest-Epidemie dort zu zahlreichen Todesfällen geführt hatte.

Die Größe des Sees betrug im Jahr 1928 3100 km², im Jahr 1931 1500–1800 km², im Jahr 1942 3006 km²Quelle: Some new progress in scientific research on the Lop Nur Lake region, Xinjiang, China., im Jahr 1950 2000 km² und im Jahr 1958 5350 km². Den tiefsten Wasserstand hatte der Lop Nor 1934 in der spiralförmigen Erhebung, ein nur wenige Zentimeter hoher Wasserstand bestand zwischen dem Bereich der Erhebung und der nördlich liegenden Einmündung des Flusses Kum-darja. Die Feuchtgebiete am See hatten eine Größe von 10.000 km².

Sven Hedin befuhr den nördlichen Teil des Sees am 16. Mai 1934. Nach seinen Angaben war der See 130 km lang und bis zu 80 km breit.Sven Hedin: Der wandernde See, F. A. Brockhaus, Leipzig, 2. Aufl. 1938, S. 118 f.