Giustino (auch Il Giustino, RV 717) ist eine Oper in drei Akten von Antonio Vivaldi. Das Libretto erstellte wahrscheinlich Antonio Maria Lucchini auf Basis von Nicolò Beregans Libretto zu Giovanni Legrenzis Oper Giustino (1683) und Pietro Pariatis darauf basierendem Libretto zu Tomaso Albinonis Oper Giustino (1711). Die Uraufführung fand im Januar oder Februar 1724 im Teatro Capranica in Rom statt. Alle Partien wurden ursprünglich von Männern bzw. Kastraten gesungen, darunter der berühmte Frauendarsteller Giacinto Fontana „il Farfallino“ als prima donna Arianna.
Handlung
Historische Grundlagen
Die Oper basiert frei auf historischen Begebenheiten um den oströmischen (byzantinischen) Kaiser Anastasios (hier italienisch Anastasio genannt), dessen Nachfolger Justin I. (Giustino), die Kaiserin Ariadne (Arianna) und die Rebellion des Vitalian (Vitaliano), die der Geschichtsschreiber Prokop um 553 in seinem Werk Anekdota beschrieben hatte.
Nach dem Tod von Kaiser Zenon im Jahr 491 heiratete dessen Witwe Ariadne gegen den Widerstand ihrer Familie den bereits sechzig Jahre alten Anastasios, der dadurch Kaiser wurde. Der illyrische Bauer Justin wiederum ging um 470 als junger Mann mit zwei Begleitern nach Konstantinopel, trat in die Leibwache Kaiser Leos I. ein und stieg bis zu deren Befehlshaber auf. Er wurde 518 in fortgeschrittenem Alter als Nachfolger Anastasios’ zum Kaiser ausgerufen. Der thrakische General Vitalian rebellierte zwei Male gegen Anastasios. Das historische Vorbild des Amantio war ein gleichnamiger Palasteunuch, der ebenfalls einen Aufstand anzettelte. Die geschilderten Liebesverwicklungen sind frei erfunden.
Kurzfassung
Erster Akt. Die byzantinische Kaiserin Arianna ehelicht ihren Vertrauten Anastasio und ernennt ihn zum Mitkaiser. Das Reich wird allerdings von Vitaliano bedroht, der Arianna selbst begehrt und ihre Hand zur Friedensbedingung macht. Unterdessen sehnt sich der Bauer Giustino nach einem ruhmreichen Leben. Die erste Gelegenheit bietet sich, als er Anastasios Schwester Leocasta vor einem Bären retten muss. Durch sie erhält er Zugang zum Kaiserhof. Vitalianos Bruder Andronico, der sich in Leocasta verliebt hat, tritt als Frau verkleidet eine Stellung als ihre Hofdame an. Als Arianna von Vitaliano gefangen genommen wird, ernennt Anastasio Giustino zum Ritter, um sie mit seiner Hilfe zu befreien. Da Arianna Vitalianos Werben weiterhin entschieden zurückweist, befiehlt er seinem Hauptmann Polidarte, sie einem Meeresungeheuer zum Fraß vorzuwerfen.
Zweiter Akt. Anastasio und Giustino, die in einem Sturm Schiffbruch erlitten haben, retten sich an die Küste. Polidarte lässt Arianna an einen Felsen ketten und überlässt sie dem Monster, das an dieser Stelle üblicherweise auf Nahrungssuche geht. Als das Meeresungeheuer erscheint, ruft Arianna um Hilfe. Giustino eilt herbei und erlegt das Untier. Der inzwischen reumütige Vitaliano kommt zu spät. Andronico wirbt weiterhin verkleidet um die Gunst Leocastas. Die Entscheidungsschlacht endet zu Gunsten Anastasios, und Giustino kann Vitaliano gefangen nehmen. Anastasios General Amanzio, der Giustino den Erfolg neidet, intrigiert gegen ihn. Andronico lockt Leocasta in einen Wald, um sie zu vergewaltigen. Giustino rettet sie erneut und lässt Andronico festnehmen.
Dritter Akt. Vitaliano und Andronico gelingt die Flucht. Als Arianna Giustino für die Rettung Leocastas großzügig belohnt, interpretiert das der von Amanzio misstrauisch gemachte Anastasio als Liebesbeweis. Er verbannt Arianna und verurteilt Giustino zum Tod. Amanzios Ziel ist jetzt der byzantinische Thron. Er plant einen bewaffneten Aufstand seiner Anhänger. Giustino kann mit Leocastas Hilfe fliehen. Als er in der Wildnis im Schlaf von Vitaliano und Andronico überrascht wird, ertönt die Stimme von deren verstorbenem Vater, die verkündet, dass Giustino ihr Bruder sei. Giustino überredet sie, auf die Seite Anastasios zu wechseln und gemeinsam den Aufstand Amanzios niederzuschlagen. Kurz vor Amanzios Thronbesteigung dringen die drei in den Palast ein und überwältigen ihn. Vitaliano und Andronico schwören Anastasio Treue und erhalten seine Vergebung. Giustino wird zum Mitregenten ernannt und heiratet Leocasta.
Erster Akt
Prunksaal für die Krönung Anastasios und dessen Hochzeit mit Kaiserin Arianna
Szene 1. Vor dem versammelten Hofstaat und Volk heiratet Kaiserin Arianna ihren Vertrauten Anastasio und ernennt ihn zum Mitkaiser (Aria breve Arianna/Chor: „Viva Augusto eterno impero“ – Anastasio/Chor: „Viva Arianna e il suo bel core“). General Amanzio unterbricht die Feierlichkeiten, um vor dem Tyrannen Vitaliano zu warnen, der bereits den Bosporus erobert habe und jetzt die Stadt bedrohe.
Szene 2. Vitalianos Hauptmann Polidarte trifft mit einem Friedensangebot seines Herrn ein. Bedingung ist allerdings, dass Arianna in die Ehe mit Vitaliano einwilligt. Anastasio weist dies entschieden zurück. Er ist bereit zum Krieg. Seine Kraft will er aus den liebenden Augen Ariannas ziehen (Arie Anastasio: „Un vostro sguardo“).
Szene 3. Beeindruckt von der Tatkraft ihres Gatten beschließt Arianna, ihm in den Kampf zu folgen (Arie Arianna: „Dà tuoi begl’occhi impara“).
Feld mit Obstbäumen
mini|Fortuna erscheint dem auf seinem Pflug schlafenden Giustino. Bild aus dem Libretto von Giovanni Legrenzis Oper Giustino, Venedig 1683
Szene 4. Der Bauer Giustino hat genug von seinem anstrengenden Leben. Er sehnt sich nach Ruhm auf dem Schlachtfeld und lässt sich müde auf seinem Pflug nieder (Arie Giustino: „Bel riposo dè mortali“).
Szene 5. Begleitet von Genien mit Zeptern, Girlanden und Schätzen erscheint die Göttin Fortuna in einer prachtvollen Maschine (Sinfonia) und fordert Giustino auf, sein Schicksal anzunehmen: Königreiche und Schätze warten auf ihn (Arie Fortuna: „Della tua sorte“). Giustino erhebt sich voller Tatendrang.
Szene 6. Plötzlich erscheint Leocasta, die Schwester des Kaisers, auf der Flucht vor einem wilden Bären. Sie fleht Giustino um Hilfe an. Nachdem er die Bestie erlegt hat, lädt die beeindruckte Leocasta ihn an den Königshof, wo er seine Belohnung erhalten soll (Arie Leocasta: „Nacque al bosco e nacque al prato“).
Zimmer
Szene 7. Arianna bittet den General Amanzio um Unterstützung bei ihren Kriegsplänen.
Szene 8. Anastasio stellt Arianna ihre neue Hofdame Flavia vor. Bei dieser handelt es sich allerdings in Wirklichkeit um Vitalianos als Frau verkleideten Bruder Andronico. Arianna schickt sie zu Leocasta und bedankt sich bei ihrem Mann mit einem Liebeslied (Arie Arianna: „Sole degl’occhi miei“). Amanzio geht, um die Schlacht vorzubereiten (Arie Amanzio: „La gloria del mio sangue“). Anastasio will ihm nach einem kurzen Besuch bei seiner Schwester folgen. Er kann sich nur schwer von Arianna trennen (Arie Anastasio: „Vedrò con mio diletto“).
Szene 9. Leocasta empfängt die vermeintliche Flavia freundlich. Andronico, der in sie verliebt ist, erwähnt beiläufig ein Leid, das durch ihre Gegenwart wiedergutgemacht werde. Daraufhin bietet ihr Giustino seinen Beistand gegen den Verursacher an – was eifersüchtige Gefühle bei Leocasta und Andronico hervorruft.
Szene 10. Anastasio bringt die Nachricht, dass Arianna von den Feinden gefangen genommen wurde. Daraufhin schlägt Leocasta vor, dass Giustino einen Überraschungsangriff ausführen soll. Anastasio ernennt ihn zu seinem Ritter.
Szene 11. Giustino verspricht Leocasta die Treue bis in den Tod (Arie Giustino: „Allor che mi vedrò“). Flavia/Andronico deutet ihr vorsichtig ihr/sein Liebesleid an, ohne sich ihr jedoch zu offenbaren. Leocasta empfiehlt ihr, diese Liebe im Stillen zu bewahren (Arie Leocasta: „No bel labro men sdegnoso“).
Szene 12. Andronico sieht sein Ziel, Leocasta für sich zu gewinnen, in Gefahr (Arie Andronico: „È pur dolce ad un anima amante“).
Weite Ebene vor Konstantinopel mit dem Feldlager Vitalianos
Szene 13. Vitaliano ruft seine Leute zum Kampf auf (Arie Vitaliano: „All’armi o Guerriri“). Polidarte präsentiert ihm die gefangene Arianna. Vitaliano erneuert sein Angebot zur Heirat, das Arianna verächtlich ablehnt. Er verliert die Geduld mit ihr und befiehlt Polidarte, sie einem Ungeheuer zum Fraß vorzuwerfen (Arie Vitaliano: „Vanne sì superba và“).
Szene 14. Arianna ist entschlossen, Vitaliano niemals nachzugeben, sollte es sie auch das Leben kosten. Sie widmet ihrem geliebten Gatten einen letzten Gruß (Arie Arianna: „Mio dolce amato sposo“).
Zweiter Akt
Offener Wald mit Blick auf das vom Sturm bewegte Meer
Szene 1. Anastasio und Giustino steigen aus einem am Strand gekenterten Schiff. Trotz aller Rückschläge ist Giustino zuversichtlich, dass sie Vitaliano schlagen können. Sie suchen Schutz in einer Hirtenhütte. Anastasio befürchtet, dass Arianna in einer Flut von Tränen versinkt (Arie Anastasio in der Urfassung: „Sento in seno ch’in pioggia di lagrime“).
Szene 2. Polidarte führt die gefangene Arianna herbei. Hier will er sie an das Meeresungeheuer verfüttern. Während er ein verächtliches Lied singt, binden seine Leute Arianna an einen Felsen (Arie Polidarte: „Ritrosa bellezza“).
Szene 3. Ein furchterregendes Monster schwimmt heran und klettert allmählich auf den Felsen. Ariannas Hilferufe werden vom Echo verstärkt (Arioso Arianna/Echo 1/Echo 2: „Per me dunqu’il ciel non ha“). Giustino eilt herbei, besiegt das Monster im Kampf und befreit sie.
Szene 4. Arianna und Anastasio fallen sich erleichtert in die Arme (Duett Arianna/Anastasio: „Mio bel tesoro“). Anastasio verspricht Giustino zur Belohnung die Erfüllung eines beliebigen Wunsches. Giustino lehnt bescheiden ab.
Szene 5. Glücklicherweise trifft nun Anastasios General Amanzio mit einem Schiff ein, so dass die Gestrandeten den Schreckensort verlassen können. Arianna betet um eine ruhige Fahrt (Arie Arianna: „Per noi soave e bella“).
Szene 6. Vitalianos Zorn auf Arianna ist inzwischen verraucht. Er lässt sich reumütig von Polidarte an die Küste führen, um sie zu befreien oder wenigstens ihre sterblichen Überreste ein letztes Mal zu küssen. Da entdeckt er am Strand das tote Ungeheuer. Er hofft, dass Arianna noch lebt und sich durch seine Tränen besänftigen lässt (Arie Vitaliano: „Quel torrente che s’inalza“).
Garten
Szene 7. Andronico/Flavia versucht, die Eifersucht Leocastas zu vertreiben, indem er ihr versichert, dass er Giustino zwar wegen seiner Tapferkeit liebe, ihn aber nicht begehre. Leocasta ist von seinen Reden verwirrt. Sie erzählt ihm von Ariannas Rettung durch Giustino.
Szene 8. Arianna berichtet den beiden, dass die Entscheidungsschlacht bevorstehe und Giustino geschworen habe, ihr den Kopf Vitalianos zu Füßen zu legen. Leocasta schlägt vor, zusammen mit Flavia die Götter zu beschwören. Andronico/Flavia geht unter dem Vorwand voraus, die beiden einen Moment allein lassen zu wollen (Aria breve Andronico: „Più bel giorno e più bel fato“). Leocasta fordert die Kaiserin auf, eine Weile im Garten zu bleiben, um dessen Schönheiten zu genießen (Arie Leocasta: „Senti l’aura che leggiera“). Arianna muss dennoch an ihren durch die Schlacht gefährdeten Gatten denken (Aria breve Arianna: „Augelletti garruletti“).
Zimmer
Szene 9. Anastasio lässt sich als Sieger feiern (Aria breve Anastasio: „Verdi lauri cingetemi il crine“). Giustino hat Vitaliano gefangen genommen. Dieser besteht darauf, dass sein Untergang lediglich dem Schicksal geschuldet war und nicht dem Arm Giustinos. Anastasio gesteht Giustino jedoch den alleinigen Ruhm zu – sehr zum Missfallen seines Generals Amanzio, für den Giustino nur ein einfacher Bauer ist. Giustino bittet darum, den Gefangenen der Kaiserin vorzuführen. Er will unterdessen die letzten noch übrigen Feinde zurückschlagen (Arie Giustino: „Sù l’altar di questo nume“).