mini|Persephone wird von Hades überrascht, als sie Narzissen pflückt (John William Waterhouse, 1912). Lawrence verwendet dasselbe Bild in Lady Chatterley. Die erste Lady Chatterley (englischer Originaltitel: The First Lady Chatterley) ist der Titel der ersten Fassung der drei Lady-Chatterley-Romane, die D. H. Lawrence hinterlassen hat. Er schrieb diese erste Fassung 1926 innerhalb weniger Wochen und überarbeitete sie anschließend zweimal. Die dritte und letzte Fassung – Lady Chatterleys Liebhaber –, die 1928 veröffentlicht wurde, ist die bekannteste.

Von den beiden späteren unterscheidet sich die erste Fassung in Thema, Handlung, Stil und Personencharakterisierung. Als Stufe in der Entstehung des Romans Lady Chatterley ist sie von literaturgeschichtlichem Interesse; darüber hinaus bildet sie einen eigenständigen Roman, den viele Kritiker und Leser – darunter auch die Frau des Autors, Frieda von Richthofen – für die gelungenste der drei „Lady Chatterleys“ hielten. Publiziert wurde die Erste Lady Chatterley erstmals in den USA, im Jahre 1944, 14 Jahre nach dem Tode des Autors; in Großbritannien erschien sie erst 1972. In deutscher Übersetzung liegt sie seit 1946 vor.

Thema und Stil Die Erste Lady Chatterley ist ein Roman über die Sehnsucht des Menschen nach Nähe und über die Schwierigkeit, solche Nähe herzustellen und aufrechtzuerhalten. Dabei geht es hier nicht nur um die Sehnsucht nach Nähe zu irgendeinem anderen Individuum, sondern gleichermaßen um die Sehnsucht, die Fremdheit gegenüber einer sozialen Klasse zu überwinden, mit der man ohne persönlichen Kontakt auf engem Raum zusammenlebt. Die Erste Lady Chatterley ist weitaus stärker als die beiden späteren Fassungen eine Studie von Klassenschranken.

Der Stil ist realistisch. Die sexuellen Darstellungen, die in der dritten Fassung sehr breiten Raum einnehmen, beschränken sich in der ersten Fassung auf wenige und kurze Passagen und den Gebrauch obszöner Wörter, die nicht einmal ausbuchstabiert werden. Viel knapper als in der dritten Fassung sind auch die Naturbeschreibungen gehalten.

Charakteristisch für das Werk ist ein hohes Maß an Intertextualität; Bezüge bestehen unter anderem zum Buch Kohelet, zur Bibel, zur griechischen Mythologie (Raub der Persephone), zu Äsops Fabeln (Der Hund in der Krippe), Platons Mythos vom Seelenwagen, Voltaire, Racine (Phèdre), zum schottischen Volkslied The Keel Row, zu William Cowper (There is a fountain filled with blood), Moriers Schelmenroman Hadschi Baba, Swinburnes Gedicht The Garden of Proserpine und H. G. Wells’ Roman A Modern Utopia. Auf Bezüge zu Shakespeares Hamlet hat Barry J. Scherr hingewiesen.

Handlung mini|Erlegte Fasanen. In der Ersten Lady Chatterley ist die Grausamkeit herausgearbeitet, die darin liegt, dass der Wildhüter Parkin die halb zahmen Tiere nur aufzieht, damit sie später abgeschossen werden können. In der Handlung der Ersten Lady Chatterley deutet sich die Handlung der dritten Fassung bereits an, in einigen Teilen weicht sie davon jedoch ab:

Lady Constance Chatterley (Connie) liebt den Wildhüter Oliver Parkin, einen klassenbewussten Arbeiter. Der hält es nicht lange aus, sich mit der Rolle des Beischläfers einer Frau zu begnügen, die womöglich insgeheim auf ihn herabblickt und die auf keinen Fall jemals mit ihm zusammenleben würde.

Connie ist verheiratet, mit Sir Clifford ChatterleyNamensgeber war George Chatterley, der im Geburtsort des Autors einmal Bürgermeister war und den Lawrence persönlich kannte. , einem Baronet, der seit einer Verwundung im Ersten Weltkrieg querschnittgelähmt ist. Lawrence macht deutlich, dass das Kriegstrauma nicht nur die untere Hälfte seines Körpers (Genitalien eingeschlossen), sondern auch seine emotionalen Kapazitäten zugrunde gerichtet hat:

Zwar fühlt Connie sich ihrem Mann unauflöslich verbunden; nachdem sie Parkins Geliebte wird und die Macht der körperlichen Sexualität entdeckt, weiß sie aber nicht mehr, wie sie das Verhältnis zu dem zutiefst leibfeindlichen Clifford aufrechterhalten kann. Dass Clifford ein einfühlsamer Mann ist, der Connie nicht zu körperlicher Treue zwingen will und ihr sexuelle Freiheit gewährt, erleichtert ihr zwar das Fremdgehen, macht ihr Verhältnis zu Clifford für sie aber eher schwieriger als leichter.

Da sowohl der Ehemann als auch der Liebhaber sie vor unauflösbare Probleme stellen, erweist ein seit langem geplanter Aufenthalt auf dem Festland sich als willkommene temporäre Fluchtmöglichkeit. Connies Vater ist Maler, und so reist Connie gemeinsam mit ihm und ihrer Schwester Hilda nach Frankreich. Als sie erfährt, dass Parkins getrennt lebende Frau erneut Anspruch auf ein Zusammenleben erhebt, zieht es sie nach Wragby zurück. Nach einem körperlichen Angriff auf Parkin endet die Noch-Ehefrau im Gefängnis; später wird Parkin die Scheidungsklage einreichen.

Connie ist mittlerweile schwanger. Mit Rücksicht auf diesen Zustand haben Connie und Parkin in der zweiten Hälfte der Romanhandlung keinen Sex mehr miteinander. Dadurch fällt für beide ein Moment weg, das sie bisher unwiderstehlich zusammengebracht hatte:

Bereits während Connies Aufenthalt in Frankreich hatte Parkin es nicht mehr ertragen, im Dienste des Ehemannes seiner Geliebten zu stehen, und hatte seine Stellung als Wildhüter aufgegeben. Connie und Parkins letztes intimes Zusammensein ist eine keusche Nacht in der Waldhütte, in der sie zum ersten Mal zusammengekommen waren; wie Adam und Eva tollen sie nackt durchs Mondlicht. Nach einer kurzen Übergangszeit, in der er den neuen Wildhüter einarbeitet, geht Parkin nach Sheffield, um dort als Arbeiter im Stahlwerk zu arbeiten. Connie besucht ihn in Sheffield und lernt die Freunde kennen, bei denen er wohnt: den Arbeiter Bill Tewson und seine Familie. Connie, die anfangs geglaubt hatte, Parkin besitze keinerlei sozialen Feinschliff, entdeckt beim gemeinsamen Afternoon Tea, wie kultiviert die Lebensart der Arbeiter tatsächlich ist und wie wenig sie davon versteht. Dies bringt sie Parkin jedoch nicht näher, sondern erfüllt sie nur mit neuer Frustration.

Clifford lädt Freunde zu einer Jagdpartie nach Wragby ein. Unter den Gästen befindet sich auch Connies Jugendfreund Duncan Forbes, der einzige Mensch, dem sie sich über ihre Liebesbeziehung mit Parkin anvertraut. Duncan ist einverstanden zu lügen, er sei der Vater von Connies Kind.

mini|Southwell Minster. In der dritten Fassung kommt die große abschließende Aussprache, die Connie und Parkin an der Kirche führen, nicht mehr vor. Connie und Duncan nutzen die Gelegenheit für eine Autoausfahrt zu zweit. Als sie in Tevershall zufällig Parkin begegnen, nehmen sie ihn kurzerhand mit. Während Duncan das Southwell Minster besichtigt, haben Connie und Parkin eine letzte Aussprache und gehen im Streit auseinander. Duncan versucht zu vermitteln, scheitert aber an Connies Widerstand.

Connie gesteht Clifford ihre Schwangerschaft und auch, dass Duncan nicht der Vater sei. Clifford, der sich weiterhin in tiefer Verdrängung von Connies tatsächlicher Sexualität befindet, schwelgt in Metaphern einer bevorstehenden Jungfrauengeburt und sieht sich selbst als Josef. Connie glaubt, dass er wahnsinnig geworden sein muss, und beschließt, ihn zu verlassen und mit ihrer Schwester Hilda nach Schottland zu gehen.

Personen Connie Connie stammt aus relativ einfachen bürgerlichen Verhältnissen. Ihr Vater ist ein Mitglied der Royal Academy of Arts und verdankt seine Erhebung in die Gentry lediglich der Tatsache, dass er „historische“ Bilder gemalt hat.

Die Connie der ersten Version ist eine aktive und selbstbewusste Frau; wenn sie fälschlich manchmal für schüchtern gehalten wird, so liegt das daran, dass sie sich selbst sehr zurücknimmt, denn sie ist zutiefst gut und pflichtbewusst, was sie letztlich auch ein bisschen langweilig macht. Sie hat in Deutschland abstrakte philosophische Diskurse kennengelernt (= Diskurse der Befreiung) und ist ein ausgeprägt intellektueller Mensch. Ihr fehlen jedoch der scharfe Zynismus und die Sophistication, die für ihre soziale Klasse eigentlich kennzeichnend ist (der einzige Zyniker in der Ersten Lady Chatterley ist Connies Schwester Hilda); eher als in Worten denkt Connie in Symbolen und Bildern. Unter dem Eindruck von Cliffords persönlichem Unglück und in der Isolation von Wragby wird sie überdies still und grüblerisch. Die zentrale Frage, die sie umtreibt, ist die nach dem perfekten Kontakt zwischen Mann und Frau. Connie wird entdecken, dass es auf diesem Gebiet keine Perfektion gibt, und sie wird daran scheitern.

Von dem unmittelbar benachbarten Grubenort Tevershall hält Connie, ebenso wie ihr Mann, Abstand. Die russische Oktoberrevolution liegt erst wenige Jahre zurück, und die Vorstellung, dass der Bolschewismus auch auf England übergreifen könnte, erschreckt sie.

Lawrence assoziiert Connie Chatterley mit Persephone, der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, und bringt sie damit in Gegensatz zu Platon (Clifford):

Hintergrund dieses Rückgriffs auf die griechische Mythologie war Lawrences Rezeption von James Frazers anthropologischem Klassiker Der goldene Zweig (1890), dessen Autor die antike Mythologie als eine Welt porträtiert hatte, die anders als die Moderne einen Zwiespalt von Leib und Geist noch nicht gekannt habe.

Clifford Der Clifford der ersten Fassung ist eine tief angelegte, facettenreiche, sympathische Figur, in die der Leser sich gut einfühlen kann. Er ist ein Mann, der angesichts seines Schicksals bewundernswert tapfer ist. Trotz seiner Behinderung ist Clifford nicht vergrübelt oder niedergeschlagen, sondern immens froh – ja triumphierend –, am Leben zu sein. Die Nahtoderfahrung regiert auch sein bescheidenes intellektuelles Leben: mehr als jedes andere philosophische Problem interessiert ihn seit seiner Verwundung die Frage nach der Unsterblichkeit.

Clifford hat seine intellektuelle Prägung in Cambridge empfangen und teilt mit Connie die Liebe zur deutschen Kultur und Philosophie. Er hat es gehasst, im Weltkrieg gegen Deutsche kämpfen zu müssen. Kunstgenuss und Platon-Lektüre sind Zerstreuungen, die ihm helfen, seine Leiblichkeit zu vergessen. Platon steht wirklich für Cliffords Denken:

Wie bei Connie fehlt auch bei Cliffords Intellekt die Spitze und Verfeinerung, er ist ein bisschen beschränkt. Er malt ein wenig, verliert aber bald das Interesse daran; er hört Radio. Während Connies Frankreichreise unternimmt er einen Versuch, durch Managementbemühungen in der Tevershaller Kohlegrube zu der Verantwortung aufzuleben, zu der seine Baronetswürde ihn traditionell verpflichtet. Er ist Anteilseigner. Clifford ist ungesellig und hat keinerlei persönliche Freunde; seine gastgeberischen Pflichten beschränkt er auf ein Minimum: den Empfang von Verwandten und gelegentliche Jagdpartien. Noch fremder als die Mitglieder seiner eigenen Klasse sind ihm, obwohl er sie in Tevershall täglich vor Augen hat, die Arbeiter. Sie beunruhigen ihn, er fürchtet, dass sie ihn bemitleiden. Das einzige Mittel, das er hat, um sein ungeklärtes Verhältnis zu ihnen in eine Ordnung zu bringen, besteht darin, sie zu bezahlen. Er kann aber nicht ganz Tevershall in seinen Dienst stellen.

Connie und Clifford Connie und Clifford haben ihre Ehe in sexueller Unerfahrenheit begonnen. Zum Zeitpunkt ihrer Heirat und weit darüber hinaus waren sie wirkliche Kameraden, ihre Zuneigung zueinander ist tief und echt und gegenseitig. Beide empfinden ihre Ehe – in Übereinstimmung mit dem Geist der Zeit – als unauflöslich. Aufgrund seiner Behinderung kann Clifford Connie jedoch keine sexuelle Erfüllung bieten.