mini|Der Menhir am Weg von Erzingen nach Degernau und der Abzweigung nach Ofteringen Bei den Megalithen am Hochrhein handelt es sich um Relikte einer Urkultur, die sich vor 7000 Jahren an der Atlantikküste Westeuropas und im westlichen Mittelmeerraum zu verbreiten begann. Sie ging vor 4500 Jahren durch eine Invasion indogermanischer Völker aus dem Osten, den nach ihrer Gebrauchskeramik als „Glockenbecherkultur“ benannten Gruppen, unter. Die dabei festgestellten Zerstörungen oder Nachnutzungen datieren in den Zeitraum von 2300 bis 2100 vor Christus.
Im Hochrheingebiet, das in der Literatur zur Megalithkultur zumeist noch außerhalb entsprechender Kartierungen liegt – registrierte Vorkommen enden hier am östlichen Rand von Schwarzwald und den Alpen –, war als Besonderheit nur der Langenstein an der Wutach bei Tiengen bekannt, ergänzt seit den 1950er Jahren durch die Aufdeckung des Großsteingrabes mit dem „Menhir von Degernau“.
In den letzten Jahrzehnten fielen Althistorikern und Heimatforschern Überlieferungen und Entdeckungen vor allem nördlich des Hochrheins auf und in jüngerer Zeit nahm die Fachöffentlichkeit Menhire und Dolmen auch im nördlichen Alpenraum und entlang des Hochrheins wahr.
mini|Heute angenommene Verbreitung megalithischer Bauten Allgemeine Verbreitung und Zeitstellung Wissenschaftlich fällt die Zeitspanne der Megalithen in die Jungsteinzeit, die jedoch von 11.500 bis 2800–2200 v. Chr. (Endneolithikum) angesetzt ist und deshalb pauschal mit noch primitiven Gesellschaftsformen gleichgesetzt wird. Die Technologie der Megalithkultur gibt jedoch ähnliche Rätsel auf wie das Ägypten des Pyramidenbaues. Bemerkenswert ist, dass die frühen Megalith-Großbauten noch vor den ersten Pyramiden entstanden.
Bekannt sind heute vor allem Steinmonumente – von der britischen bis zur spanisch-portugiesischen Atlantikküste und im Mittelmeerraum auch riesige Grabbauten und eine Vielzahl von Steinkreisen. Diese bestehen aus Menhiren in oft exakter geometrischer Anlage, vor allem in der französischen Bretagne. Auch in Nordeuropa sind Steinsetzungen vorhanden. Im Mittelmeerraum existiert eine Vielzahl von Monumenten an der nordafrikanischen Küste bis Libyen und auf den Inseln, vor allem auf Malta.
Verbreitung im Hochrheingebiet Karten über die angenommene Verbreitung der Menhire in Europa, in Nordafrika und Vorderasien zeigten bis vor kurzer Zeit selbst in der hochrangigen Forschungsliteratur die Alpen-Region und die inneren Landmassen des europäischen Kontinents östlich des Rheins als ‚weißen Fleck‘. Auch im süddeutschen Raum sollten nach diesen Darstellungen keine Megalithbauten existieren.Siehe die Kartensammlung in: H. Tributsch: Die gläsernen Türme von Atlantis. Ullstein, Berlin 1986, Karten S. 8/9, 144 und weitere.
Der Oberrhein und die Rhone befanden sich jedoch noch im Einzugsbereich dieser Karten und auch aufgrund der geographischen Gegebenheiten war anzunehmen, dass es entlang dem fruchtbaren Hochrheintal von Basel bis zum Bodensee eine ‚Megalith-Infrastruktur‘ gegeben haben dürfte.
Dies hat sich seit der Nachkriegszeit bestätigt, als Heimatforscher begannen, Beobachtungen und Berichte aus dem 19. Jahrhundert auszuwerten, Fundstellen zu überprüfen und zu publizieren.Für das Territorium des heutigen Landkreis Waldshut siehe: Egon Gersbach: Urgeschichte des Hochrheins (Funde und Fundstellen in den Landkreisen Säckingen und Waldshut)., Badische Fundberichte, Sonderheft 11, Katalogband, Staatliches Amt für Ur- und Frühgeschichte, Freiburg im Breisgau, 1969.
Spuren der Megalithkultur am Hochrhein mini|„Hünengrab“ zwischen Degernau und Erzingen Die Megalithen am Hochrhein stellen ein Ensemble von einigen bekannten und zahlreichen selbst vor Ort kaum bekannten Objekten in Südbaden dar, die nur in Einzelfällen in der übergreifenden Fachliteratur erfasst sind. Neben dem Menhir und dem Dolmen von Degernau fand nur noch der Langenstein bei Tiengen Eingang in Verzeichnisse archäologischer Stätten und in die überregionale Literatur. In den regionalen Überlieferungen sind sie jedoch durchaus bekannt, auch wenn das Wissen darüber erst nach neueren Ausgrabungen in Westeuropa und durch die Radiokarbonmethode (Altersmessung) im Zusammenhang erweitert werden konnte.
Am Hochrhein finden sich noch zwei der hier relativ kleinen Großsteingräber, auch Dolmen genannt. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass noch vor 150 bis 200 Jahren viele weitere existierten. Sie wurden häufig für den Straßenbau zerschlagen und zu Schotter verarbeitet, später ebenfalls für die Anlage der Gleisdämme der Eisenbahn.
Standort-Dokument mini|hochkant=1.2|Karte mit den Standorten von Megalithbauten am Hochrhein Neben dem Menhir und dem Dolmen von Degernau sowie dem Tiengener Langenstein sind, durch eine Karte des verstorbenen Erzinger Bauunternehmers Hans Parodi, die Standorte weiterer Menhire und Megalith-Bauwerke am Hochrhein markiert.
Hans Parodi hatte die Wiederaufrichtung des Menhirs von Degernau 1971 technisch ausgeführt.
Die Karte bezeichnet ungefähre Ortsangaben bei Wehr und Rheinfelden bis Nöggenschwiel/Brenden und Dettighofen. Unklar ist die Eintragung eines stehenden und eines liegenden Menhir sowie eines Grabbaues nördlich von Tiengen.
Dolmen Neben Schwörstadt im Kreis Lörrach ist Degernau der einzige Fundort eines Großsteingrabes nördlich des Hochrhein.
Degernau (Wutöschingen) mini|Steingrab (Dolmen) am Übergang Erzingen-Degernau (Neue Setzung) „Hauptlehrer Schneider, Freiburg, der lange Jahre in Degernau wirkte, hat 1954 im Gewann ‚Toter Mann‘ oder ‚Am langen Stein‘, wie es früher genannt wurde, die Überreste eines Megalith- oder Großsteingrabes aus der Zeit um 3000 v. Chr. gefunden. An der einen Seitenwand befand sich das für diese Oberflächen-Kastengräber übliche ovale Einstieg- oder Seelenloch, durch das die Toten in die Grabkammer gebracht worden sind, worauf dieses wieder verschlossen wurde. Die Hebung der 2–3 Tonnen schweren Deckplatte, die sich in der Erdoberfläche befand, ergab, daß das Grab, da auch keine Skelettreste oder Grabbeigaben gefunden worden sind, einst zerstört worden ist. […] Unmittelbar bei dem Grab stieß man, nach dem Scherbenfund zu urteilen, auf einen Römerweg. Schon 1936 hatte der rührige Heimatforscher und Archäologe Hptl. Schneider bei seinen Grabungen im ‚Toten Mann‘ Scherben von Tonkrügen, Steinbeile, Feuerstein-Werkzeuge und Schmuckreste gefunden, die sich im Waldshuter Heimatmuseum befinden.“Hans Matt-Willmatt: Chronik des Kreises Waldshut. Zu: Degernau, Verlag Zimmermann, Waldshut 1957, S. 32.
Schwörstadt In Niederschwörstadt unweit von Rheinfelden liegt der sogenannte „Heidenstein“: mini|Heidenstein in Schwörstadt
Aichen Fast zwei Jahre lang wurde (bis 1990) unter Leitung von Wolfgang Pape mit Studenten vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Freiburg im Gemeindewald von Aichen (Waldshut-Tiengen) in zwei Etappen gegraben: „Grund dafür war die Vermutung, daß in dieser Gegend sich ein Megalith- oder Großsteingrab aus der Zeit 3000 Jahre vor Christi Geburt befinden könnte.“ Nachdem „tonnenschwere Steinplatten mit Hilfe eines Baggers abgetragen“ waren, stellte man nach Abtragung der Bodenschichten fest, dass „vor allem in den letzten Jahrzehnten Menschen wissentlich oder unwissentlich große Teile des ehemaligen Grabes zerstört“ hätten. In tieferen Bodenschichten gab das Erdreich eine Anordnung von Steinen frei, die in der Gegend nicht zu finden sind und wahrscheinlich von Menschenkraft dorthin geschafft wurden. „Neben Tierknochen und teilweise angebrannten Menschenknochen, die auf eine Feuerbestattung schließen lassen, fand man in der letzten erhaltenen Ecke des wahrscheinlichen Megalithgrabes auch Pfeilspitzen aus Stein. Genaueres werde man jedoch erst nach den Analysen der Funde und der Bodenproben“ mitteilen können. Darüber wurden interessierte Bürger im Anschluss an eine Ortschaftsratssitzung von dem Freiburger Forscher informiert.shi (Kürzel): Archäologen über die Funde enttäuscht. Südkurier, 2./3. Februar 1991.
mini|Alte Wutachbrücke bei Tiengen Menhire Menhire sind nicht unbedingt Zeichen eines nahe befindlichen Steingrabes – da man sie bei einer Zerstörung kaum übrig gelassen hätte, sind sie offenbar auch alleinstehend. Auffallend ist, dass sie zumeist auf Anhöhen stehen, die gleichzeitig wichtige Wegübergänge markieren. Der bekannte Langenstein bei Tiengen steht im Tal, doch bezeichnet er hier einen alten Übergang über die Wutach.
Langenstein bei Tiengen Der heute am alten Fußballplatz stehende Langenstein, der auch dem (neuen) Stadion den Namen gab, steht nahe der Wutach und am dortigen Übergang des direkten Weges von Tiengen nach Kadelburg sowie am Fluss entlang nach Lauchringen und Waldshut. Am Übergang befindet sich eine ältere Holzbrücke.
mini|hochkant|Der Langenstein bei Tiengen „Der Lange Stein erhebt sich auf einem schmalen Terrassenstreifen zwischen dem Nordfuß des Bürgerwaldes und der heute kanalisierten Wutach. Der stark zerklüftete Nagelfluhpfeiler erreicht eine Höhe von 5,92 m über dem Boden. Er ist an seiner Basis nahezu rechteckig und besitzt einen Umfang von 7,50 m bei einem größten Durchmesser von 1,70 m. Sein Standort in der Wutachniederung lag hart neben einem alten Straßenzug. […] Der Nagelfluhpfeiler, der auch unter dem inzwischen erloschenen Namen Chindlistai bekannt war, bildete im Mittelalter das Symbol des kaiserlichen Landgerichtes im Klettgau.“ Sitzungen des Landgerichtes Klettgau sind für 1379 und 1425 bezeugt.Egon Gersbach: Urgeschichte des Hochrheins. (Katalogband), Badische Fundberichte, Sonderheft 11, Hrsg.: Staatliches Amt Für Ur- und Frühgeschichte Freiburg und Staatliches Amt für Denkmalpflege, Abt. Ur- und Frühgeschichte, Karlsruhe. Freiburg 1969, S. 175. Gersbach nennt die Quelle für die Sitzungen: Urkundenregister Kanton Schaffhausen 1, (1906) 134 Nr. 1085 und 213 Nr. 1739., S. 173.
Brigitte Matt-Willmatt schreibt in der Chronik von Lauchringen:
„Nach der Landnahme durch die Alemannen kamen diese zu beratenden Versammlungen an bestimmten Plätzen zum ‚Ding‘ zusammen, und auch das freie kaiserliche Landgericht tagte an diesen altherkömmlichen Dingstätten, wovon als älteste der im Jahre 1020 zum ersten Mal urkundlich belegte Lange Stein bei Tiengen […] bekannt ist.“ Eine Quelle zur Urkunde gibt die Autorin jedoch nicht an.Brigitte Matt-Willmatt, Karl-Friedricht Hoggenmüller: Lauchringen – Chronik einer Gemeinde, Hrsg.: Gemeinde Lauchringen, Lauchringen 1985, S. 116 f.
mini|Namensgeber des alten Langenstein-Stadions des FC Tiengen 08 Der Stein soll in der Volkssage auch als „Chindlistein“Johannes Künzig, Schwarzwald Sagen in: Alemannische Stammeskunde I., Paul Zaunert (Hrsg.) S., 336, 1930 bezeichnet worden sein, da er bei Geburten Kraft verliehen oder glückliche Umstände bewirkt haben soll. Bis 2015 behütete er noch einen Sport- und Trainingsplatz, da 1993 in Tiengen unweit entfernt ein neues Stadion erbaut wurde.Roland Kroell: Menhire und Dolmen geben auch heute noch Rätsel auf. Badische Zeitung, 29. Februar 1992. Das Gelände um den Stein wird ab Herbst 2018 renaturiert, verbunden „mit dem Abriss der 1958 erbauten Tribüne, der Flutlichtmasten, Umzäunung und sonstigen baulichen Substanzen. […] In Zukunft wird das alte Langensteinstadion lediglich noch als Überflutungsfläche bei Hochwasser dienen, da der Flächennutzungsplan als Nutzung nur Grünflächen oder Sportplätze vorsieht. Andere Nutzungen sind nicht zulässig‘, sagte Bürgermeister Baumert“.Günter Salzmann: Fußball macht Platz für Hochwasser. In: Südkurier, 20. August 2018.
mini|An einer Wegekreuzung (beim „Langensteinhof“), Gemarkung Mauchen Mauchen In der Nähe von Stühlingen-Mauchen befindet sich ein auf der Parodi-Karte nicht aufgeführter Stein. Er könnte in jüngerer Zeit wieder aufgerichtet worden sein.
Dettighofen