Die Nationale Befreiungsfront des Khmer-VolkesTiziano Terzani: »Berliner Mauer im Dschungel«. In: Der Spiegel, Nr. 11/1985.Außenpolitischer Bericht 1988. Bericht des Bundesministers für Auswärtige Angelegenheiten. S. 108. oder Nationale Front zur Befreiung des Khmer-VolkesWilfried Lulei: Regionale Aspekte des Kambodscha-Konflikts. In: Ingrid Wessel: Nationalism and Ethnicity in Southeast Asia. Lit Verlag, Münster/Hamburg 1994, S. 137–153, hier S. 147.Phalvorun Chhim: Politisch-biographisches Glossar. In: Wilfried Lulei, Diethelm Weidemann: Kambodscha. Innere und äußere Aspekte einer Konfliktregelung. Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1998, hier S. 373–408, hier S. 392. (Khmer-Sprache: engl. Khmer People’s National Liberation Front, KPNLF; frz. Front national de libération du peuple khmer, FNLPK) war eine politische Organisation, die 1979 für den Widerstand gegen das von Vietnam installierte Regime der Volksrepublik Kampuchea (engl. People’s Republic of Kampuchea, PRK) in Kambodscha gegründet wurde. Die 200.000 vietnamesischen Truppen, die die PRK unterstützten, sowie die Überläufer der Roten Khmer hatten das brutale Regime des Demokratischen Kampuchea von Pol Pot gestürzt und wurden zunächst von der Mehrheit der Kambodschaner als Befreier begrüßt. Die Mitglieder der KPNLF sowie andere Organisationen befürchteten hingegen aufgrund der historischen Rivalität der beiden Länder, dass Vietnam versuchen würde, das Land zu unterwerfen, und begannen, sich ihrer militärischen Präsenz entgegenzustellen.

Ursprünge Am 5. Januar 1979 wurde in Paris das Komitee für ein neutrales und friedliches Kambodscha (engl. Committee for a Neutral and Peaceful Cambodia, CNPC; frz. Comité pour un Cambodge Neutre et Indépendant, CCNI) gebildet, das aus Son Sann (einem führenden kambodschanischen Neutralisten, Ex-Präsidenten der Nationalbank von Kambodscha und Premierminister von 1967 bis 1968), Sim Var, Yem Sambaur, Hhiek Tioulong, Nong Kimmy, Thonn Ouk und Chai Thoul bestand. Es gab eine Sechs-Punkte-Erklärung ab, in der es die Roten Khmer und die „nordvietnamesische Aggression“ verurteilte, die Einhaltung der Genfer Abkommen von 1954 und des Vertrags der Pariser Friedenskonferenz von 1973, einen sofortigen Waffenstillstand in Kambodscha und die Gründung einer demokratisch gewählten Regierung nach einem Referendum forderte.Justin J. Corfield: A History of the Cambodian Non-Communist Resistance, 1975–1983. Centre of Southeast Asian Studies, Monash University, Clayton (Victoria, Australien) 1991, S. 9.Daniel Bultmann: Inside Cambodian Insurgency. A Sociological Perspective on Civil Wars and Conflict. Ashgate, Farnham 2015, ISBN 978-1-4724-4307-6.

mini|240px|Die gegen das Demokratische Kampuchea gerichteten Lager an der thailändisch-kambodschanischen Grenze; 1979–1984 (schwarz die Lager der KPNLF) Vietnam war im Dezember 1978 in das Demokratische Kampuchea eingefallen und am 6. Januar 1979 nach Phnom Penh vorgestoßen. Darauf unterbreitete die königlich-thailändische Regierung Son Sann ein Angebot zur Unterstützung einer nichtkommunistischen Widerstandstruppe. Son Sann seinerseits flog nach New York, um Prinz Norodom Sihanouk (der sich an der Generalversammlung der Vereinten Nationen befand) zu bitten, die KPNLF anzuführen. Sihanouk aber lehnte ab und verweigerte überhaupt jegliche Unterstützung.Justin J. Corfield: A History of the Cambodian Non-Communist Resistance, 1975–1983. Centre of Southeast Asian Studies, Monash University, Clayton (Victoria, Australien) 1991, S. 10.

Im August 1979 begab sich Son Sann mit seinen Söhnen (Son Soubert und Son Monir) sowie den alle aus Frankreich kommenden Neang Chin Han (ehemaliger Direktor des Exekutivkabinetts unter Präsident Lon Nol), Suon Kaset Sokhomaly, Oberst Thou Thip, Oberst Ea Chuor Kim Meng, Suon Sophat und Buon Say nach Thailand. Die KPNLF wurde am 9. Oktober 1979 in Sok Sann ausgerufen, einem Lager im Dschungel der Kardamom-Berge, das „knapp 2000 Mann“ umfassteJacques Bekaert: Kampuchea: The Year of the Nationalists? Southeast Asian Affairs, Institute of Southeast Asian Studies, Singapur 1983, S. 169 ff. und eine Fusion von 13 ziemlich heterogenen Gruppen war wie Khleang Moeung (500 Mann), Cobra (angeführt von Oberst Prum Vith), der Khmer-Islam-Bewegung, der Nationalistenbewegung, Oknha Son Kuy, Kauv Tjlok, der Khmer-Neutralistenbewegung, der Schwarzen Indra, den Vereinigten Freien Khmer, ASW, Tonle Bassak und den Bewegungen in Prey Veng und Kompong Thom. Im folgenden Monat traf die erste Lieferung von 3000 Gewehren aus Peking ein. Son Sann übernahm die Führung der KPNLF zusammen mit einem Exekutivkomitee und einem Militärrat.Justin J. Corfield: A History of the Cambodian Non-Communist Resistance, 1975–1983. Centre of Southeast Asian Studies, Monash University, Clayton (Victoria, Australien) 1991, S. 11.

Die KPNLF bildete damit die rechte, prowestliche, antikommunistische politische Faktion gegen die von Vietnam installierte und unterstützte Volksrepublik Kampuchea.Russell R. Ross: The Khmer People’s National Liberation Front. In: Cambodia. A Country Study. Library of Congress Country Studies, Washington 1987 (Hintergrundinformationen über die KPNLF). US-Präsident Ronald Reagan genehmigte die Bereitstellung von Hilfe für die KPNLF, um ein Ende der vietnamesischen Besatzung zu erzwingen.Michael Johns: Cambodia at a Crossroads. In: The World and I. Februar 1988. Im Jahr 1982 initiierte die US-Regierung ein geheimes Hilfsprogramm der CIA für den nichtkommunistischen Widerstand (non-communist resistance, NCR) in Höhe von 5 Millionen US-Dollar pro Jahr, angeblich nur zur Selbstverteidigung. Dieser Betrag wurde 1984 auf 8 Millionen und 1987 sowie 1988 auf 12 Millionen US-Dollar erhöht. Ende 1988 reduzierten die Vereinigten Staaten die Finanzierung durch die CIA wieder auf 8 Millionen US-Dollar, nachdem Berichten zufolge 3,5 Millionen US-Dollar vom thailändischen Militär abgezogen worden waren. Gleichzeitig gab die Reagan-Regierung dem Fonds mehr Flexibilität und erlaubte es der NCR, US-amerikanische Waffen in Singapur und anderen regionalen Märkten zu kaufen. 1985 errichteten die Vereinigten Staaten ein separates, offenes Hilfsprogramm für die NCR, das nach einem seiner Hauptförderer, dem demokratischen Abgeordneten des Repräsentantenhauses Stephen J. Solarz, als Solarz Fund bekannt wurde. Das offene Hilfsprogramm kanalisierte etwa 5 Millionen US-Dollar humanitäre Hilfe für die NCR durch die USAID.Cortland Robinson: . In: Refugees Survey Quarterly. Bd. 19, Nr. 1, 2000 (PDF; 4 kB).

Politischer Arm vor dem Pariser Friedensvertrag mini|links|Fahne der KPNLF, übernommen von der Fahne der früheren Republik Khmer (1970–1975) Seit ihrer Gründung war die KPNLF auf internationale Finanzhilfe angewiesen, um ihre zivilen Lager zu erhalten und militärische Operationen durchzuführen. Sann spielte eine entscheidende Rolle bei der Akquisition der Hilfsgelder und der Stärkung des internationalen Bewusstseins für die Anliegen der KPNLF. Er unternahm 1982 eine Fundraising-Reise in die Vereinigten Staaten und nach Europa. Sann war aufgrund seines ruhigen, bescheidenen Auftretens und seiner einnehmenden Persönlichkeit sehr beliebt.Elizabeth Becker: The Quiet Cambodian. In: The New Republic. 186, Nr. 2, 2000, S. 18–19. Zusätzlich zu Sanns Reisen betonte die KPNLF ihren Status als erste nichtkommunistische Anti-PRK-Faktion in Kambodscha. Dies begünstigte die finanzielle Hilfe, indem es an die westlichen Kräfte appellierte, die daran interessiert waren, die Vietnamesen zu vertreiben, aber die Roten Khmer nicht unterstützten.

Um ihre politische Schlagkraft und Legitimität zu erhöhen, schloss sich die KPNLF mit den Roten Khmer (zu diesem Zeitpunkt offiziell Partei des Demokratischen Kampuchea genannt) und mit Prinz Sihanouks Nationaler Einheitsfront für ein unabhängiges, neutrales, friedliches und kooperatives Kambodscha (FUNCINPEC, frz. für Front Uni National pour un Cambodge Indépendant, Neutre, Pacifique, et Coopératif) zusammen, um die Koalitionsregierung des Demokratischen Kampuchea (Coalition Government of Democratic Kampuchea, CGDK) zu bilden. Obwohl sowohl die KPNLF als auch die FUNCINPEC nicht mit der Philosophie und Methodik der Roten Khmer übereinstimmten, schlossen sie sich der CGDK an, weil diese eine zunehmende Legitimation und Anerkennung des Auslands erfuhr, indem die Kambodschaner offensichtlich damit ihre Differenzen beiseitelegten und sich zusammenschlossen, um einen ausländischen Besatzer zu entfernen.

Militärischer Arm Im Februar 1979 flogen General Dien Del und Nguon Pythoureth nach Thailand, um die „Nationalen Befreiungsstreitkräfte des Khmer-Volkes“ (Khmer People’s National Liberation Armed Forces, KPNLAF), den militärischen Arm der KPNLF, zu bilden. Die beiden gingen von Lager zu Lager und überzeugten die lokalen Führer, sich anzuschließen. Bereit, unter Son Sann zu kämpfen, waren Chea Chhut (in Nong Chan), Prum Vith, Ex-Oberst der Khmer National Armed Forces, Ta Maing und Om Luot (in Nong Samet). Mitte 1979 gab es 1600 bewaffnete Soldaten der KPNLAF.

Von 1981 bis 1992 (außer während einiger Machtkämpfe)Rodney Tasker: Up Against the Odds. In: Far Eastern Economic Review. 131, Nr. 3, 1986, S. 22 f. wurde die KPNLAF von Sak Sutsakhan befehligt. In jeder einzelnen Einheit war der Kommandant jedoch relativ autonom, was zwangsläufig zu großer Verwirrung und eingeschränkter Effizienz für große Schlachten führte. General Sak hatte die schwierige Aufgabe, die Aktionen der Einheiten zu koordinieren. Anderseits waren die Vorteile dieser Organisation mehr Flexibilität und Mobilität der Streitkräfte. Für größere Operationen schloss sich die KPNLAF gelegentlich aber auch mit anderen separatistischen Kräften zusammen. So führte die CGDK zum Beispiel am 28. März 1986 einen erfolgreichen Angriff auf Battambang, die zweitgrößte Stadt Kambodschas, aus.Rodney Tasker: The Reality of Coalition. In: Far Eastern Economic Review. 133, Nr. 28, 1986, S. 11 f.

Für die KPNLAF wurden groß angelegte militärische Aktionen nach der vietnamesischen Trockenzeit-Offensive 1984–1985 unmöglich.Kambodscha: Weihnachtsoffensive der vietnamesischen Besatzer. In: Die Zeit. 4. Januar 1985. Diese Angriffe waren verheerend, aber nicht völlig lähmend. Selbst nach dem enormen Verlust von etwa 30 % ihrer Soldaten und ihres Materials konnte die KPNLAF bis zum Ende ihres Bestehens noch immer Guerilla-Operationen durchführen.

Innere Machtkämpfe vor dem Pariser Friedensvertrag Wie bei vielen politischen Gruppen gab es auch in der KPNLF innere Parteikämpfe, darunter zwei besonders heftige: jenen vor dem Pariser Friedensvertrag von 1991 und jenen nach den von den Vereinten Nationen unterstützten Wahlen von 1993.

Ins öffentliche Bewusstsein trat die erste Auseinandersetzung Ende Dezember 1985. Auf der einen Seite stand Son Sann, der Faktionsvorsitzende, auf der anderen die Herausforderer, angeführt vom Militärkommandeur Sak Sutsakhan, seinem Stabschef Dien Del und den Parteimitgliedern Abdul Gaffar Peang Meth und Hing Kunthorn. Die Dissidenten warfen Sann vor, sich zu weigern, die Vietnamesen zusammen mit Sihanouks Truppen anzugreifen, und sich in militärische Angelegenheiten einzumischen, was beides die militärische Wirkung reduziere. Sie beschuldigten Sann zudem, undemokratisch zu sein und „mit eiserner Faust zu herrschen“.