mini|St. Gallus in Augsburg mini|St. Gallus an der Stadtmauer St. Gallus (alternativ Galluskirchlein bzw. Galluskapelle) ist eine kleine, im Kern romanische Kirche auf dem sogenannten Gallusbergle in Augsburg, die auf die lokal älteste christliche Kultsätte zurückgeht. Kirchenpatron ist der heilige Gallus. Als spiritueller Keimzelle des Klosters St. Stephan birgt sie unter ihren Fundamenten die Überreste einer frühchristlichen Basilika. Aktuelle Forschungen legen nahe, dass dort bereits in der Spätantike eine Bischofskirche stand, der älteste Bischofssitz im süddeutschen Raum.vgl. Mohr, Rückdeckel Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude ist in der Bayerischen Denkmalliste unter der Aktennummer D-7-61-000-302 verzeichnet. Zudem sind die darunterliegenden historischen Schichten als Bodendenkmal unter der Aktennummer D-7-7631-0224 erfasst.

Lage Die Kirche St. Gallus liegt am gleichnamigen Gallusplatz im Augsburger Domviertel. Sie befindet sich direkt an der historischen Stadtmauer, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kloster St. Stephan und dem dazugehörigen Gymnasium bei St. Stephan.

Merkur-Heiligtum Es wird vermutet, dass sich auf dem Gelände in römischer Zeit ein Merkur-Heiligtum befand in dessen Eingangshalle ein Votivmonument aufgestellt war. 1533 wurde laut dem Tübinger Humanisten Philipp Apian bei dem Galluskirchlein, oder der Kirche St. Stephan, das dem Gott Merkur geweihte Denkmal von Marcus Bassinius Vitalis ausgegraben. Der vom Augsburger Humanisten Markus WelserWolfgang Kuhoff: Markus Welser als Erforscher des römischen Augsburg seinerzeit am Perlach bemerkte Römerstein scheint vom Galluskirchlein dorthin verschleppt worden zu sein. Der Votivstein war am Eingang vom Ludwigsplatz zum Alten Heumarkt (Philippine-Welster-Straße) in den Anbau mit der ehemaligen Hausnummer 273 eingemauert. 1821/23 schenkte ihn der Besitzer des Anwesens, ein Kaufmann Straulino, dem Antiquarium Romanum. Von dort ging das heute auf das 1. bis 2. Jahrhundert nach Christus datierte Tuffsteinfragment in den Bestand des Römischen Museums Augsburg über. Der Text lautetet:

Transeptbasilika mini|Grundriss der Basilika von Calleva Atrebatum, ähnlich der spätantiken Transeptbasilika von Augsburg.vgl. Mohr, S. 475 Die heutige Kirche St. Gallus liegt etwa im Bereich des Planquadrates.vgl. Mohr, S. 478 Bei den archäologischen Ausgrabungen von 1958 bis 1962 konnte unter dem Kirchenboden von St. Gallus die Überreste der bisher größten römischen Basilika rechts des Rheins nachgewiesen werden.Informationstafel in der Kirche St. Stephan Während der erste Vorgängerbau stattliche Ausmaße besaß, nimmt die heutige einschiffige Galluskapelle von dieser Fläche nur noch einen Teil der Apsis ein.vgl. Mohr, S. 478 Bei der auf das 4. oder frühe 5. Jahrhundert datierten Transeptbasilika handelt es sich höchstwahrscheinlich um die älteste Bischofskirche im süddeutschen Raum, mit der ältesten römischen Figurenmalerei Mitteleuropas.vgl. Mohr, S. 196 ff. Der Archäologe Ludwig Ohlenroth sah in den Fundamenten unter dem bestehenden Kirchenbau St. Gallus, eine Saalkirche mit drei Schiffen und einer Apsis. Auch die Historiker und Archäologen Romuald Bauerreiß und Aladár Radnóti interpretierten die Funde an der Stelle als eine Doppelbasilika mit der Funktion als Bischofskirche. Ob die Strukturen unter St. Gallus als frühchristlicher Sakralbau oder als eine profane Anlage zu deuten sind, war in der Forschung bisher umstritten.vgl. Mohr, S. 248

Es existieren keine Hinweise, die verraten, wann der Sakralbau gegründet und warum er wieder aufgegeben wurde. Als erste christliche Kathedrale der römischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum könnte der Bau nach der Konstantinischen Wende errichtet worden sein, vielleicht in Anlehnung an die Basilika Alt-St. Peter in Rom.vgl. Mohr, S. 262 Statische Probleme führten vermutlich dazu, dass die Basilika nach Mitte des 5. Jahrhunderts aufgegeben und als Steinbruch genutzt wurde. Auch die Verkleinerung der Römerstadt, durch die der Vorgängerbau außerhalb der frühmittelalterlichen Bischofsstadt lag, könnte ein Grund für die Verlegung an die Stelle des heutigen Augsburger Domes gewesen sein.vgl. Mohr, S. 266 Neben der größeren Apsis stieß man bei den Ausgrabungen auf Höhe des Querhauses auf die Fundamente einer kleineren Apsis, bei der es sich um einen möglichen Nachfolgebau der aufgegebenen Bischofskirche handelt.vgl. Mohr, S. 286

Galluskirche mini|hochkant|Eingangsbereich mini|hochkant|Infotafel Anfang des 10. Jahrhunderts errichtete man eine neue Kirche, die mit pfarrlichen Rechten ausgestattet, das geistliche Zentrum eines ländlichen Oppidums, nordwestlich der Domburg gewesen sein soll. Daneben entstand eine Zelle bzw. Einsiedelei, als Vorgänger des Frauenklosters St. Stephan. Am Fuß des Altars wurde laut Grabstein die erste Äbtissin des Klosters Elesinde bestattet. Ursprünglich dürfte die Galluskirche das Stephans-Patrozinium getragen haben, bis dieses auf die heutige Kirche St. Stephan übertragen wurde.vgl. Mohr, S. 89 Ausgrabungen von 1958 belegen auch die Existenz eines alten Friedhofes, der die Kirche umgab.vgl. Mohr, S. 278 Der heutige einschiffige Kirchenbau stammt im Kern aus dem 11. Jahrhundert und wurde 1051 von Papst Leo IX. neu geweiht, als dieser auf der Durchreise war. Das Gallus-Patrozinium verweist frühestens auf dieser Periode.vgl. Mohr, S. 87

Eine gestiftete Kaplanstelle besteht seit 1367. Während der Reformationszeit fiel St. Gallus kurzzeitig in die Hände der Protestanten. Laut Infotafel soll Martin Luther am 21. Oktober 1518 an der Pforte von St. Gallus heimlich die Stadt verlassen haben. Nach dem Religionsfrieden konnte das Damenstift St. Stephan das Kirchlein zurückerwerben. 1578 ist die Kaplanstelle der Pfarrei St. Stephan einverleibt worden. Äbtissin Euphrosina Kreuth ließ das Gotteshaus 1589 neu gestalten. Weitere Instandsetzungsarbeiten erfolgten 1662 unter der Äbtissin Dorothea von Westernach sowie 1759. Nachdem die bayerische Regierung St. Gallus 1806 nach der Säkularisation des Klosters St. Stephan hatte schließen lassen, gab sie die Kirche zu einem späteren Zeitpunkt wieder für Gottesdienste frei.Helmut Rößle: St. Gallus In: Gotteshäuser im Bombenkrieg – Die Zerstörung Augsburger Kirchen im Zweiten Weltkrieg. Regio Akademica Verlag, Augsburg 2004, S. 63 Seither gehört das Gotteshaus zum Sprengel der Dompfarrei, die sich auch zu seinem Unterhalt verpflichtete. Im Zweiten Weltkrieg blieb die kleine Kirche größtenteils unversehrt, jedoch wurden die angebauten Wohngebäude zerstört. St. Gallus wurde bis vor wenigen Jahren von der russisch-orthodoxen Gemeinde genutzt. 2002 erfolgte eine umfassende Sanierung.

Ausstattung Die Grabstätte der ersten Äbtissin des Klosters St. Stephan, Elesinde, befindet sich am Fuß des Altars. Ihr Epitaph wurde im Jahr 1589 von der Äbtissin Euphrosina von Kreut gesetzt.Placidus Braun, in: Der Altar stammt aus dem Jahr 1760 und zeigt die Holzfigur des hl. Gallus. An der Decke im Ostjoch ist eine Strahlenkranzmadonna angebracht, die um die gleiche Zeit entstanden ist.

Literatur Denis Mohr: Die Überreste der spätantik-christlichen Transeptbasilika unter der Galluskapelle in Augsburg und ihre figürliche Wandmalerei In: Jahrbuch für Augsburger Bistumsgeschichte. Band 1 - 59-1/2025, Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 2025

Weblinks

Weiterführende Informationen zur Kirche Eintrag im Augsburger Stadtlexikon

Einzelnachweise

Gallus Gallus Kategorie:Galluskirche Kategorie:Kirchengebäude im Bistum Augsburg Kategorie:Saalkirche in Bayern Kategorie:Romanische Kirche Kategorie:Bauwerk der Romanik in Bayern Kategorie:Kirchengebäude in Europa Kategorie:Ehemalige Kathedrale in Deutschland