Psychodrama (von „Seele“ und „Handlung“, „Vorgang“) ist eine Methode der Psychotherapie, Beratung und Sozialforschung,Zum Rollenspiel in der Sozialforschung siehe Manfred Sader: Rollenspiel als Forschungsmethode. 1986. entwickelt vom österreichischen Arzt Jacob Levy Moreno (1889–1974) in Wien und New York. Ursprünglich konzipiert als handlungsorientierter Gegenentwurf zur Psychoanalyse von Sigmund Freud hat sich der psychodramatische Ansatz weltweit vor allem als Methode der Gruppen- und Einzelpsychotherapie und Beratung etabliert und Einfluss auf zahlreiche andere Psychotherapieschulen wie die Gestalttherapie, Transaktionsanalyse oder Familientherapie genommen.

Arbeitsformen Das Verfahren Psychodrama in der Psychotherapie Gruppenpsychotherapie Das Psychodrama entstand als „Therapie in der Gruppe, durch die Gruppe, für die Gruppe und der Gruppe“Jacob Levy Moreno nach Grete Leutz: Psychodrama. Band 1, Springer, 1974. aus dem Stegreiftheater und war eine der ersten Formen der Gruppenpsychotherapie. Moreno betont aber, dass eine psychodramatische Sitzung weit davon entfernt sei, immer Gruppenpsychotherapie zu sein. Sie sei oft nur die Behandlung eines bestimmten Individuums in der Gruppe.Moreno 1947, zitiert nach Christopf Hutter, Helmut Schwehm (Hrsg.): J. L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, S. 415. Der Klient (Protagonist) gestalte als Hauptdarsteller des psychodramatischen Spiels im Hier und Jetzt einer Psychodrama-Bühne sein therapeutisches Thema.

Als Mitglied der Gruppe erhält der Protagonist mit deren Erlaubnis die Möglichkeit, seine eigene Thematik oder diejenige der Gruppe mit der Unterstützung des Therapeuten als Spielleiters und ausgewählten Hilfs-Ichs zu bearbeiten. Die Gruppenmitglieder lassen sich als Mitspieler oder als „Zuschauer“ vom Spiel des Protagonisten berühren, greifen mit Unterstützung des Therapeuten in das psychodramatische Spiel ein und geben nach dessen Abschluss eine empathische und, wo notwendig, kritische Rückmeldung. Dabei kann es auch bei nicht oder kaum ins Spiel integrierten Gruppenmitgliedern zu einer heilsamen Erschütterung, einer Katharsis, kommen.

Dieses Ziel wird auch für den Gruppenprozess als Ganzes angestrebt. Mit Hilfe der Gruppe soll sich der Protagonist von festgefahrenen Rollenstrukturen oder Rollenkonserven befreien.

Wir lernen soziale Rollen, welche den Individuen und individuellen Situationen nicht gerecht werden können. Je mehr die natürliche Kreativität – nach Moreno als „allerhöchste nukleare Struktur des Universums“ – durch verschüttete „Spontaneität“ nicht zum Einsatz kommen kann, umso mehr sind wir an festgefahrene Rollenbilder verhaftet.

Psychodrama-Techniken sollten nur von entsprechend ausgebildeten Fachleuten angewendet werden, die in der Lage sind, kompetent auf die emotionalen Wirkungen einzugehen und in konstruktive Bahnen zu leiten.Jacob Levy Moreno: Gruppenpsychotherapie und Psychodrama. Thieme Verlag, Stuttgart 1959.Falko von Ameln, Josef Kramer: Psychodrama. 3., vollständig überarbeitete Auflage. Springer Verlag, 2014.

Einzelpsychotherapie bzw. -beratung Obwohl das Psychodrama ursprünglich als Gruppenpsychotherapie konzipiert war, haben sich auch Formen der psychodramatischen Einzelarbeit etabliert, sowohl in der Psychotherapie als auch in der Beratungsarbeit (Coaching, Supervision). Die fehlenden Mitspieler werden hierbei durch Gegenstände (Stühle, Kissen etc.) ersetzt, zuweilen übernehmen auch die Berater bzw. Psychotherapeuten kurzfristig Rollen. Diese Form wird als Psychodrama a deux, bipersonales Psychodrama oder Monodrama bezeichnet.Roger Schaller: Stellen Sie sich vor, Sie sind... Das Ein-Personen-Rollenspiel in Beratung, Coaching und Therapie. Huber 2009, ISBN 978-3-456-84670-5.Sabine Kern, Sonja Hintermaier: Psychodrama-Psychotherapie im Einzelsetting. Theorie und Praxis des Monodramas. Facultas Verlag, Wien 2018, ISBN 978-3-7089-1544-9.

Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen Ab 1976 wurde im Psychotherapeutischen Institut Bergerhausen von Hans-Werner Gessmann, Ingrid Sevecke und Stefanie Unsin eine modizfizierte Form des Psychodramas für Kinder und Jugendliche entwickelt.Hans-Werner Gessmann: Kinderpsychodramatherapie. Dokumentation über den Beginn der Therapieform. Verlag des Psychotherapeutischen Instituts Bergerhausen, Duisburg, 2011. Dabei haben sich Arbeitsweisen bewährt, die dem Rollenspiel einen klaren strukturellen Rahmen geben. In der Erwärmungsphase wird gemeinsam mit den Kindern erarbeitet, welches Szenario spielerisch exploriert werden soll, und auch die Rollen werden untereinander verteilt. Daraufhin erfolgt die gemeinsame Einrichtung der Bühne. Erst dann erfolgt das Spiel, bei dem besonders auf die Einhaltung des „Als-Ob-Charakters“ geachtet werden muss. Nach der Spielphase erfolgt die gemeinsame Auflösung des Spiels mit dem Ablegen der Rollen und dem Aufräumen der Bühne. Eine Nachbesprechung über das Erlebte ist dabei unabdingbar. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird das Kinderpsychodrama heute wesentlich durch Alfons Aichinger, Walter Holl und Hildegard Pruckner vertreten.Alfons Aichinger, Walter Holl: Kinder-Psychodrama in der Familien- und Einzeltherapie, im Kindergarten und der Schule. Grünewald, Mainz 2002, ISBN 3-7867-2413-X.

In unterschiedlichen Ausprägungen und methodischen Differenzierungen wird das Psychodrama mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen der humanistischen Psychotherapie unter unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen angewendet, so in ambulanten Privatpraxen, in sozialpädagogischen und stationären Einrichtungen.Gabriele Biegler-Vitek, Monika Wicher (Hrsg.): Psychodrama-Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen: Ein Handbuch. Facultas Verlag, Wien 2014, ISBN 978-3-7089-1128-1.

Mehrpersonensettings: Beratung und Therapie mit Familien und Paaren J.L. Moreno gehört zu den Wegbereitern der Familientherapie (Compernolle, 1982). Jan Bleckwedel (2008) beschreibt ausführlich, wie und in welchem Rahmen psychodramatische Methoden in der Arbeit mit Familien und Paaren sinnvoll und kreativ eingesetzt werden können.

Pädagogische Anwendungsformen Psychodrama als handlungsorientiertes Verfahren findet mit verändertem Fokus auch Anwendung in der Bildungsarbeit und verschiedenen pädagogischen Handlungsfeldern.Thomas Wittinger (Hrsg.): Psychodrama in der Bildungsarbeit. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2000, ISBN 3-7867-2286-2.

Beratung und Erwachsenenpädagogik In modifizierter Form findet das Psychodrama auch Anwendung in Schulungskonzepten der Beratung und des Trainings für Unternehmen und Verwaltung. Mit vorausgeplanten Szenen können die Teilnehmer interaktiv und spielerisch verschiedene Perspektiven auf eine Situation oder Rollen gewinnen. Hierarchische Strukturen, Probleme des Informationsaustausches in der Kommunikationsformen am Arbeitsplatz können hinterfragt werden mit dem Ziel der Verbesserung der Arbeitsprozesse und der Produktivität.Karl F. Meier-Gantenbein, Thomas Späth: Handbuch Bildung, Training und Beratung: Zwölf Konzepte der professionellen Erwachsenenbildung. Beltz-Verlag, Weinheim 2012, ISBN 978-3-407-36508-8, S. 203–2014. Im Coaching bietet das Psychodrama Möglichkeiten der Erkundung und Reflexion der beruflichen Rollen und des Rollenhandelns im Spannungsfeld zwischen den organisationalen Erwartungen und den persönlichen Bedürfnissen, Ansprüchen und Werten sowie der Ausgestaltung der sogenannten Work-Life-Balance.Falko von Ameln, Josef Kramer: Psychodrama. Springer Verlag, 2014, ISBN 978-3-642-44920-8, S. 157–170.

Schulische Arbeit (Szenische Didaktik) Methoden des Psychodramas können auch in der schulischen Arbeit eingesetzt werden. Nach Mariele Schmitz-Gessmann wurden bereits in den 1940er Jahren psychodramatische Methoden im Unterricht an Schulen der USA von Moreno und anderen beschrieben.Mariele Schmitz-Gessmann: „Ich bin dick, rund und ein bisschen klebrig.“ – Unterrichten mit psychodramatischen Methoden. In: Hans-Werner Gessmann (Hrsg.): Humanistisches Psychodrama 2. Verlag des Psychotherapeutischen Instituts Bergerhausen, Duisburg 1994, S. 137–171. Die pädagogischen und didaktischen Möglichkeiten mit psychodramatischen Methoden wurden von Lehrkräften für die schulische Anwendung so modifiziert, dass sie im Grundschulunterricht didaktisch und richtlinienorientiert genutzt werden können.Hans-Werner Gessmann, H. Hossbach: Peter Härtling – Trauer und Trost. Erarbeitung eines literarischen Textes mithilfe szenischer Methoden aus dem Humanistischen Psychodrama. Verlag des Psychotherapeutischen Instituts Bergerhausen, Duisburg 2006. Gessmann und Hossbach stellten daneben Methoden des Psychodramas beim Unterrichtseinsatz in einer Deutschstunde der gymnasialen Oberstufe durch Videodokumentation vor.

Ziel der Arbeit mit psychodramatischen Methoden ist zum Beispiel beim Reflektieren von Gewalt, Aggression oder Mobbing die Übertragung von alternativen Verhaltensmustern in die eigene Rolle. Das Kind oder der Jugendliche kann durch Doppeln, Rollentausch und -wechsel, Spiegeln von einem hierzu ausgebildeten Pädagogen, Rückmeldung (im Sinne von Hypothesen) erhalten über Rollenverhalten und dessen Wirkung. Ein Rollentausch findet nicht auf der realen Ebene statt. Stattdessen ist ein Arbeiten auf der Symbolebene ausschlaggebend für die erfolgreiche Anwendung der psychodramatischen Methoden. Nicht der Schüler nimmt die Rolle des Lehrers ein und der Lehrer spielt den rebellischen Schüler, sondern durch Symbole und symbolische Handlungen wird das Thema abgearbeitet.

Im Unterricht oder in Projektwochen kann beispielsweise die Methode „Soziodrama“Christoph Buckel, Uwe Reineck, Mirja Anderl: Praxishandbuch Soziodrama: Theorie, Methoden, Anwendung diese Möglichkeiten bieten. Beltz-Verlag, Weinheim 2021, ISBN 978-3-407-36747-1. eingesetzt werden. Mittels Verfremdung in einem gestellten Szenario (zum Beispiel Schulhof und Gewalt, Spielplatz und Störer, Schulfest und Drogenkonsum, Schüler und Schulleitung, aber auch Arbeitgeber und Betriebsrat) und der Übernahme von Rollen aus diesem Szenario können die Schüler eine Art der Verhaltensweise nach ihren Kenntnissen ausleben. Durch einen Rollentausch mit den jeweils Andersdenkenden wird ihnen anschließend ein dazu konträres Gefühl vermittelt. Die Rolle schützt sie davor, selbst gemeint zu sein: Immer wird aus der Rolle heraus gehandelt. So können sie Andersdenkende erleben und sich in deren Denkweise einfühlen. Der Lehrer wird dabei Beobachter bleiben oder Rollen übernehmen, die nicht der Lehrerrolle entsprechen. Er kann zum Beispiel als Journalist Interviews mit den Spielern durchführen.

Unterrichtsbeispiele mit Methoden des Psychodramas Soziometrie und Aktionssoziometrie: Aufstellung nach Alter, Herkunft, Arbeitsort, Hobby, nach Wünschen für eine Klassenfahrt, nach Zimmerbelegung

Monodrama (Einzelarbeit mit Schülern) Klärung von Aufgabenverteilungen in einer Projektarbeit, Orientierung bei dem Verbalisieren einer Projektdokumentation, Klärung von Beziehungen in der Klasse mit anderen Schülern, Beziehungsaufstellung unter Kollegen

Soziodrama, Gesellschaftliche Konflikte darstellen Kontrahenten der aktuellen politischen Bühne werden nachgespielt und im freien Spiel interpretiert. Anschließend folgt eine Sequenz mit Rollenwechsel in die jeweilig anderen Rollen; Zum Abschluss: Sharing und Mitteilen der Erlebnisse in den Rollen (Rollenfeedback)

Symboltechnik, bewegte/unbewegte Skulpturen und Standbilder zur Darstellung von Unterrichtsinhalten aus der Elektrotechnik: Darstellung von Spannung, Strom; Ladungsverhältnisse im Kondensator; Verhalten des Elektronenstroms im Leiter/Nichtleiter aus der Informatik: Spielen von Kontrollstrukturen und Algorithmen in einem Wegespiel für Roboter; Objektorientierte Programmierung: Darstellung von Objekten, Klassen, Eigenschaften und Tätigkeiten durch bewegte Skulpturen