rechts|300px mini|Lageskizze Legionslager und Zivilstadt (3. Jahrhundert n. Chr.) mini|Darstellung des Legionslagers und der Zivilstadt auf einer Infotafel am Erlebnisweg Enns (Die Zivilstadt ist im Norden (gegen oberen Bildrand) inzwischen viel ausgiebiger befundet.) Lauriacum war Legionsstützpunkt und bedeutende Römerstadt am Limes Noricus in Österreich. Es liegt auf dem Gebiet des heutigen Ennser Ortsteils Lorch im Bundesland Oberösterreich, Bezirk Linz-Land.Enns-ShortGuideAusblick auf die Landesausstellung 2018 in Enns Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Aus einer Straßenstation an einer Kreuzung wichtiger Handelswege entwickelte sich Lauriacum durch die Stationierung einer Legion am Übergang vom 2. auf das 3. Jahrhundert n. Chr. zum größten und wichtigsten militärischen Stützpunkt in der Provinz Noricum. Wo zunächst nur eine kleinere römische Niederlassung an einer Furt über die Enns bestand, errichtete die Legio II Italica nach der Auflassung einer älteren Anlage in Albing um 200 n. Chr. ein Legionslager, das in den nachfolgenden 400 Jahren seiner Belegung als Hauptquartier und neben Virunum (auf dem Gebiet des heutigen Zollfelds bei Maria Saal) und Ovilava (Wels) als Verwaltungssitz für die römische Provinz Noricum diente. Das Legionslager war in weiterer Folge auch Teil der Sicherungsanlagen des Limes und wahrscheinlich vom 3. bis ins 5. Jahrhundert kontinuierlich mit römischen Truppen belegt. Um das Lager bildete sich im Nord- und Südwesten eine ausgedehnte Zivilsiedlung, die im frühen 3. Jahrhundert vermutlich zum Municipium erhoben wurde und im 5. Jahrhundert zum – bis dato einzig historisch nachweisbaren – Bischofssitz des nördlichen Noricum aufstieg. An zahlreichen Stellen inner- und außerhalb der Siedlungsareale konnten auch Gräberfelder nachgewiesen werden.
In der Spätantike wurde Lauriacum Stützpunkt einer Patrouillenbootflottille und Produktionsstandort einer staatlichen Schildfabrik. Auch nach Aufgabe der Grenze in Noricum und Raetia, infolge der Auflösung des Weströmischen Reiches, spielte Lauriacum bei der Evakuierung der romanischen Bevölkerung durch Severin von Noricum als Flucht- und Sammelpunkt noch einmal eine historisch bedeutsame Rolle. Der Großteil der antiken Bausubstanz fiel der Gewinnung von Steinmaterial im Mittelalter und in der Neuzeit, diversen Bautätigkeiten, landwirtschaftliche Nutzung und Bodenerosion zum Opfer. Die am besten erhaltenen antiken bzw. frühmittelalterlichen Zeugnisse sind die in der Unterkirche der heutigen Basilika St. Laurenz in Lorch zugänglichen Reste ihrer Vorgängerbauten. Der Großteil der Ausgrabungsfunde wird im Museum Lauriacum präsentiert.
Name Der Name Lauriacum stammt ursprünglich aus dem Keltischen und leitete sich vom Personennamen Laurios ab (Suffix -acus oder -acum) und bedeutet übersetzt in etwa ‚bei den Leuten oder Sippe des Laurios‘ (*Lauriakon).Gerhard Winkler, 1982, S. 135. Er wandelte sich im Laufe der Zeit über die mittelalterlichen Namensformen Loriaca/Loraha – Lorich zum heutigen Lorch. Der in antiken Schriftquellen belegte Flussname Anisus (Aist) und Lauriacum sind in verschliffener Form als „Enns“ und „Lorch“ bis heute erhalten geblieben.
Lauriacum wird auch in vielen antiken Quellen erwähnt, wie zum Beispiel im
Itinerarium Antonini (6 ×)Zum Beispiel 231,10: a Sirmi Lauriaco mp CCCCXXXVII., dem Codex Theodosianus, dem Codex Iustinianus, der Passio beatissimi Floriani martyris (9. Jahrhundert),In der durch Handschriften aus dem 9. Jahrhundert erhaltenen Passio wird der Ort mehrmals genannt: c2 und 3.castrum Lauriacense, c2 und 11, (locus) Lauriacum. dem Martyrologium Hieronymianum,Hier vermerkt für den 4. Mai, dem Tag des Martyriums des Heiligen: IV Non(as) Mai(as) … in Nurico ripense, loco Lauriaco… der Tabula Peutingeriana, wo Lauriacum als Blaboriciaco (od. Laoriaco) bezeichnet wird, wahrscheinlich handelt es sich hier um einen Abschreibfehler des mittelalterlichen Kopisten,Segmentum IV 2. in der Notitia dignitatum werden ein Militär-, ein Flottenstützpunkt und auch eine Schildfabrik angeführt,Lauriacensis scutaria (fabrica). Notitia dignitatum occ. IX, 21.letztmals ist von Lauriacum in der Vita Sancti Severini des Eugippius die Rede, in dieser im Jahre 511 aufgezeichneten Lebensbeschreibung des Heiligen wird das oppidum, bzw. die civitas oder urbs Lauriacum ebenfalls mehrmals genannt (Lauriacum, Lauriaci, Lauriaco).Kapitel 18, 1; 27, 2; 28, 1; 30, 1; 31, 1. 6.
Aufenthalte von römischen Kaisern im Lager werden für die Spätantike bei:
Ammianus Marcellinus31, 10, 20 (zum Jahr 378): Gratianus exinde digressus per castra quibus Felicis Arboris nomen est, per Lauriacum ad opitulandum oppresseae parti porrectis itineribus ire tendebat. und im Codex TheodosianusDer Codex nennt im Kapitel 8, 2, 1 = Codex Iustianus 10, 71 , 1 Lauriacum als Ausstellungsort eines kaiserlichen Erlasses: Imp(erator) Constantius Aug(ustus) ad Catullinum p(raefectum) p(raetorio) …. dat(um) VIII K(alendas) Iul(ias) Lauriaco Marcellino et Probo coss. (= consulibus). am 24. Juni 341. erwähnt.
Lage und Funktion mini|Position des Lagerareals im heutigen Stadtgebiet von Enns (Infotafel bei der Lorcher Basilika)
Der Standort war aufgrund der topographischen Gegebenheiten und seiner Lage an zwei wichtigen Verkehrsstraßen ideal zur Anlage eines Militärstützpunktes geeignet. In römischer Zeit verzweigte sich der Strom hier in mehrere Arme, da das Schwemmgut des Bleicherbaches (Stallbach) im Laufe der Zeit größere, nach Norden zur Donau abfallende Schotterinseln und -terrassen aufgeworfen hatte. Legionsfestung und Zivilstadt standen vor Hochwasser geschützt auf einer dieser Terrassen westlich des Ennsufers in einer Ebene nahe der Donau, die hier die nördliche Zone der Traun-Enns-Platte zum Linzer Feld bildet und im Nordwesten gegen das Bleicherbachtal abfällt.Gerhard Winkler, 1982, S. 137. Die Wasserläufe der Enns (Anisus oder Anisa) und Bleicherbach hatten zusätzlich zwei Schwemmfächer aufgeschüttet, auf denen vor Errichtung des Legionslagers ein Auxiliarkastell gestanden haben soll (siehe unten).Kurt Genser: 1986, S. 128. Etwas weiter östlich befindet sich der Sporn des Georgenberges, der steil gegen das Ufer der Enns abfällt und von den Römern als Steinbruch genutzt werden konnte, wie auch der Tabor nordöstlich von Enghagen, ein Felsrücken aus Granit, der ebenfalls zur Steingewinnung herangezogen wurde. Hinzu kam, dass der Standort aufgrund seiner fruchtbaren Lößböden auch problemlos mit Nahrungsmitteln aus der nahen Umgebung versorgt werden konnte.
Lauriacum lag aber auch am Kreuzungspunkt der wichtigsten Verkehrswege der Provinz Noricum und war ein zentraler Ort, dessen militärische, politische und vor allem ökonomische Bedeutungen durchaus als gleichwertig bezeichnet werden können. Wesentliche Voraussetzung für einen Verwaltungsmittelpunkt war immer eine gute Verkehrsanbindung zu den übrigen civitates der Provinz. Die Limesstraße und der Schifffahrtsweg Donau (Danuvius) tangierten Lauriacum direkt. Die Mündung der Aist (Agista) lag genau gegenüber dem Legionslager am Nordufer der Donau. Schon seit prähistorischer Zeit führte von hier aus eine Handelsroute bis an die Moldau und von dort weiter ins freie Germanien. Lauriacum war somit der am rechten Donauufer gegenüberliegende Brückenkopf dieses Handelsweges, den sog. „Freistädter Steg“. Auf den rechten Donau-Nebenflüssen Enns und Traun wiederum wurden das norische Eisen und das Hallstätter Salz an die Donau transportiert und gehandelt.
Die Sicherung dieser Verbindungen ins nördliche Hinterland waren angesichts der unruhigen Barbarenstämme im Norden unerlässlich. Von hier aus hatte die Besatzung einen guten Überblick auf die Donau zwischen Traun- und Ennsmündung und ihr gegenüberliegendes Ufer. Wie schon im Lager von Albing hatte die Besatzung daher auch hier vorrangig die Aufgabe, das in den Markomannenkriegen vom Feind als Anmarschweg genutzte Aisttal unter Kontrolle zu halten. Dazu kamen die Bewachung der (auch in der Florianuslegende erwähnten) Ennsbrücke und die Kontrolle der Limesstraße.Kurt Genser, 1986, S. 153.
Straßen und Fernverbindungen mini|Lauriacum auf der Tabula Peutingeriana (rote Markierung) Mehrere wichtige Wasserstraßen und Verkehrswege führten direkt an Lauriacum vorbei: die Donau, die Enns, die Straße entlang des Donaulimes (Donausüdstraße), die „Norische Reichsstraße“ und eine Straße nach Steyr.
In der Tabula Peutingeriana bildet das römische Reichsgebiet zwischen Aquileia, Regensburg und Lauriacum den fünften Teil - Pars V mit den Segmenten IV und V.
Mehrere Befunde zeigen um Lauriacum ein dichtes römisches Straßennetz. Zu nennen ist zu aller erst die via iuxta Danuvium (Donausüdstraße), die südlich am Legionslager vorbeilief und die meist frequentierte Römerstraße im Donautal war. Sie war die Ost-West-Verbindung südlich des Donaulimes zwischen Pannonia, Noricum, Raetia und verlief parallel zur Donau. Ihr folgen heute noch die von Kristein kommende Alte Landstraße, die Stadlgasse und die Mauthausener Straße. Östlich des Legionslagers befand sich wahrscheinlich auch eine Brücke über die Enns, da sich in Ennsdorf antike Gräberstätten entlang eines Weges finden, die eine Fortsetzung der antiken Straße am östlichen Ennsufer vermuten lassen. Am Südwesttor zweigte eine weitere antike Straße ab, die heute vom Mitterweg überdeckt wird.
Eine weitere Fernverbindung führte zwischen dem Stadtberg und dem Eichberg weiter nach Süden in das Ennstal. Im Norden konnten zwei Nord-Süd-Anschlüsse nachgewiesen werden, von denen ein Weg offenbar direkt ans Donauufer führte. Ausgrabungen nördlich des Legionslagers in den Jahren 2005 bis 2007 förderten einen weiteren antiken Straßenstrang zu Tage, der parallel zur nördlichen Lagerseite verlief.
Im Itinerarium Antonini wird Lauriacum als nördlicher Endpunkt der Straße nach Aquileia angegeben, die hier auf die Limesstraße traf. Diese Straße, die Via Julia Augusta, führte von Aquileia, durch das Kanaltal über den Plöckenpass ins Drautal, wo bei St. Peter im Holz (Teurnia) bzw. Seeboden ein Strang nach Salzburg (Iuvavum) abzweigte und so die Ostalpen auf kürzestem Weg überquerte. Von der alten Provinzhauptstadt Virunum verlief die Straßentrasse durch das Görtschitztal, Neumarkter Sattel, Rottenmanner Tauern (1700 m) mit Zwischenstation in Wieting (Candalicas) über den Pyhrnpass (Windischgarsten/Gabromagus) nach Wels/Ovilava, von wo man aus die Limesstraße nach Lauriacum nahm. In der Tabula Peutingeriana sind noch wesentlich jüngere Routen angegeben, sie zeigt eine bedeutend kürzere Straße durch das Kanaltal und den Verlauf von Virunum nordwärts über Friesach durch eine Klamm, mit der Straßenstation Noreia.
Die hochalpine Lage des Tauernüberganges machte es wahrscheinlich, dass in den Wintermonaten ein Umweg über die Bernsteinstraße (Aquileia–Carnuntum) gemacht werden musste, sodass man Lauriacum erst zwei Wochen später erreichte. Auch die Passage vom Murtal ins Ennstal über St. Michael – Pass Trieben dürfte zwei zusätzliche Tage gekostet haben, wenn der verschneite Tauernpass unpassierbar war.Gerhard Winkler: Die römischen Straßen und Meilensteine in Noricum-Österr. Stuttgart 1985 (Schriften des LM Aalen Nr. 35); Josef Stern: Wo Römerräder rollten. Überlegungen zum Verlauf römischer Straßen. Wien 1994 (Sonderschriften des ÖAI Nr. 24) und Römerräder in Raetien und Noricum. Unterwegs auf römischen Pfaden. Röm. Österr., Nr. 25, Wien 2002. Werner Lugs: Die römerzeitliche Verbindung zwischen Steyr und Enns. In: Jahrbuch d. OÖMV. Nr. 149, Linz 2004, S. 213–221. Hans Deringer: Die römische Reichsstraße Aquileia – Lauriacum. Carinthia Nr. 139, 1949, S. 193–221, Nr. 140, 1950, S. 171–228.
Forschungsgeschichte mini|Max von Groller-Mildensee während der Ausgrabungen in Enns (um 1908) mini|Grabungsplan des Legionslagers von 1904 (Max von Groller) mini|Münzfund aus der Principia des Lagers