mini|Standbild der Ahilya Bai Holkar im Datta Tempel, Sahastra Dhara, Jalkoti, bei Maheshwar Ahilya Bai Holkar (auch Ahilyabai oder Ahilyābāī Holkar, früher auch Ahilya Baee, , geb. 1725 (?)Das Geburtsdatum wird unterschiedlich angegeben; die englische Wikipedia nennt konkret den 31. Mai 1725 (ohne Quellenangabe), während Zeitzeugen und frühe Biographen sie bei ihrem Tod 1795 als „60-jährig“ bezeichnen bzw. als Geburtsjahr 1735 nennen; Malcolm, Central India, S. 177 und S. 192; Balfour, Cyclopaedia, Band 1, S. 49., gest. 13. August 1795Sardesai, New History, Bd. III, S. 330; Regierungszeit 1765–1795) war eine Fürstin des westindischen Marathenvolks aus der Familie der Holkar, die von ihrer Residenz in Maheshwar an der Narmada, der alten Hauptstadt der Holkar, 100 km südlich von Indore, über ihre Provinz Malwa im heutigen indischen Bundesstaat Madhya Pradesh herrschte.
Galt sie bereits zu Lebzeiten wegen ihrer Lebensführung und Staatskunst als vorbildliche Landesmutter, so wurde sie nach ihrem Tod in ihrer Heimat bis heute als heiligmäßige Gestalt verehrt. Nach ihr ist eine der Kategorien des Nari Shakti Puraskar, des höchsten indischen an Frauen vergebenen Staatspreises, benannt.
Leben Herkunft, Ehe Ahilya Bai stammte aus einer Bauernfamilie. Ihr künftiger Schwiegervater, der Gründer des Fürstenhauses der Holkar, Malhar Rao Holkar (1693–1766), selbst aus einfachen Verhältnissen stammendMountstuart Elphinstone: The History of India. The Hindu and Mahometan Periods. 9. Aufl. London : Murray 1905, S. 687 lernte sie auf der Durchreise durch ihr Dorf kennen und bestimmte sie wegen ihres ernsten, frommen Wesens seinem einzigen Sohn, Khande Rao Holkar (1723–1754), zur Braut, der sie im Jahr 1733 heiratete. 1745 brachte sie einen Stammhalter, den späteren Herrscher Male Rao Holkar (1745–1767), 1748 eine Tochter, Mukta Bai, zur Welt.
Wenn auch keine Schönheit, war Ahilya Bai doch schlank, darüber hinaus von hellem Verstand, heiter und freundlich, von natürlichem Wesen, starkem Willen und einem hohen, edlen Sinn für ihre Aufgaben erfüllt;Malcolm, Central India, S. 194 ff. darüber hinaus konnte sie lesen und schreiben, wie ihr Briefwechsel belegt, und verstand die Puranas (heiligen Schriften), die sie mit Vorliebe las. Mit dem Tod ihres Mannes in der Schlacht von Kumher, Rajasthan 1754 war sie jung zur Witwe geworden und nur das Einschreiten des Schwiegervaters hielt sie von der rituellen Selbstverbrennung, dem Sati, ab.
Regentschaft für ihren Sohn Von ihrem Schwiegervater in die Praxis der Regierung eingeführt, als Verwalterin ihres eigenen Jagirs (Lehens) und zum Teil sogar mit detaillierten militärischen Anweisungen versehen, wuchs Ahilya Bai bald in die Tagesgeschäfte des Fürstentums hinein.Gordon, Marathas, S. 160 ff.
Seit ihrer Verwitwung nur noch in schlichte weiße Gewänder gekleidet – weiß ist die Trauerfarbe der Hindus – verzichtete sie auf jede Art von SchmuckMalcolm, Band 1, S. 193, beanspruchte jedoch nach dem Tod ihres Schwiegervaters 1766 die Regentschaft für ihren Sohn Male Rao.
Der Sohn Male Rao hatte schon vor Amtsantritt Zeichen geistiger Verwirrung gezeigt, ehe er 1767 nach nur neunmonatiger Regierung in Umnachtung starbMalcolm, Central India, Band 1, S. 158. Die Tochter Mukta Bai, die nach Hindu-Erbrecht durch ihre Heirat von der Erbfolge ausgeschlossen war, vollzog nach dem frühen Tod des Mannes und ihres einzigen Sohnes gegen den erbitterten, fast gewaltsamen Widerstand von Ahilya Bai und zu deren unaussprechlichem Kummer jene öffentliche Witwenverbrennung (Sati), auf die sie seinerzeit selbst verzichtet hatte.Die ergreifenden Details sind nachzulesen bei Malcolm, Band 1, S. 190 f. Es waren vor allem die religiösen Argumente der Brahmanen, die sie vom hohen Wert des Sati überzeugten.
Alleinregierung Ahilya Bai war nach dem Verlust ihres Mannes, des Schwiegervaters, beider Kinder und Enkelkinder auf sich allein gestellt. Sie lehnte die ihr vorgeschlagene Adoption eines Thronfolgers ab und beanspruchte unter Berufung auf das Erbrecht die Regierungsgewalt für sich selbst; ein Patent ihres nominellen Oberherrn, des Peshwa von Pune, bestätigte 1767 offiziell ihren Herrschaftsanspruch.
Regierungsdualismus Sie beauftragte umgehend den gleichaltrigen, mit ihr aber nicht verwandten General Tukoji Holkar mit der Führung der Armee im Norden und im Süden (Dekkan), während sie selbst sich um die Regierung und Zivilverwaltung des eigentlichen Malwa kümmerte – ein Dualismus (do amīn, „zwei Herrschaften“), der sich in dieser personellen Konstellation bewährte. Ahilya Bais Status als Herrscherin stand dabei nie in Frage. In den Jahren der Zusammenarbeit scheint es keinen einzigen ernsthaften Zwist oder Meinungsverschiedenheit zwischen dem Feldherrn und seiner Fürstin gegeben zu haben.Malcolm, Central India, Band 1, S. 174
Für die Zeit ungewöhnlich war auch, dass es in ihrer dreißigjährigen Regierungszeit keinen nennenswerten Wechsel im Führungspersonal gab. Ihr Erster Minister, der Brahmane Khande Rao, galt als Persönlichkeit von „exzellentem Charakter“ (Malcolm), und auch die Inhaber der übrigen Posten scheinen keinen Anlass zur Unzufriedenheit gegeben zu haben.
Tagesablauf Ihr normaler Tagesablauf begann eine Stunde vor Sonnenaufgang mit dem Morgengebet und dem Anhören der Heiligen Bücher, wonach sie Essen und Almosen an Brahmanen verteilte. Nach dem (vegetarischen) Frühstück betete sie erneut und legte dann eine kurze Ruhepause ein. Gegen zwei Uhr mittags hielt sie bis sechs Uhr abends Darbar (Hof), wonach sie erneut zwei bis drei Stunden betete und ein einfaches Essen zu sich nahm. Von neun Uhr bis elf Uhr abends erledigte sie wieder Amtsgeschäfte, ehe sie sich zur Ruhe begab.Malcolm, Band 1, S. 178 f.
mini|Inschrift mit Zitat Ahilya Bais im Palast von MaheshwarDeutsche Übersetzung des Textes: „Der Verantwortung, die Gott mir anvertraut hat, – muss ich mich stellen. – Meine Aufgabe ist es, die Untertanen glücklich zu machen. – Ich bin verantwortlich für diese meine Aufgabe. – Gestützt auf Legitimität und Macht bin ich hier – Was auch immer ich tue, – dafür muss ich einst Gott Rede und Antwort stehen. – Mir gehört hier nichts, – was es gibt, das werde ich ihm schicken. – Was auch immer ich (hier) nehme, – das sind meine Schulden dort oben, – Ich weiß nicht, wie sie begleichen soll. – Ahilya Bai Devi“ – Die Quelle für das Zitat ist leider unbekannt
Rechtsprechung Die Rechtsprechung war ein besonderes Anliegen Ahilya Bais, sie sprach täglich persönlich (und unverschleiert)Malcolm, Band 1, S. 176; Gordon, Marathas, S. 160 in öffentlichem Darbar (Hof, Hofhaltung) Recht, ohne Ansehung von Person, Stand oder Bestechungsgeldern. Todesstrafen sprach sie wenige aus, warnte auch davor, hielt aber durch eine strenge, aber maßvolle Rechtsprechung die Gesetzesbrecher im Zaum.Malcolm, Band 1, S. 177 und 184
Wirtschaftspolitik, Förderung der Stadt Indore Ahilya Bai gründete und förderte die auf ihrem Gebiet gelegene Siedlung Indore, die unter ihr zu einer großen Stadt heranwuchs. Eigentumsrechte bestätigte und beachtete sie; Konfiskationen von Vermögen, deren Inhaber ohne Kinder oder ohne männlichen Erben gestorben waren, zugunsten der Staatskasse oder von Dritten (Brahmanen o.a.) ließ sie nicht zu; das Erbe blieb den Familien erhalten, auch ohne Zahlung von Bestechungsgeldern.Malcolm, Band 1, S. 180 und 183 Fußnote
Finanzen, Außenpolitik Die drei Bereiche von Staats-, Familien- und Privatvermögen hielt sie streng voneinander getrennt und rechnete genau ab.Malcolm, Central India, Bd. 1, S. 165 f. Die Außenpolitik besorgte sie durch von ihr bestellte Gesandte (Wakils) an den auswärtigen Höfen, so wie an ihrem Hof zahlreiche Diplomaten oder Bevollmächtigte der indischen Nachbarstaaten tätig waren. mini|Statue von Ahilya Bai Holkar im Palast von Maheshwar
Von großer Bedeutung für die Sicherheit ihres Herrschaftsgebietes war ihr gutes Verhältnis zu dem mächtigsten Marathen-Nachbarn, Mahadji Sindia von Gwalior, den sie sowohl durch eine große Anleihe als auch ihr Prestige von Einfällen in ihr Stammland abzuhalten verstand.
Politik gegenüber den Stämmen (Adivasi) Den in ihrem Herrschaftsgebiet ansässigen Stammesgruppen der Bhils und Gonds sicherte sie den Bestand und die Unverletzlichkeit ihrer Besitzungen zu gegen die Auflage, gegen eine geringe Gebühr – zu Lasten der Durchreisenden – für die Sicherheit der Verkehrswege zu sorgen, die durch ihr Gebiet führten; diese Vereinbarung erwies sich als überaus effektiv, praktisch und Friede stiftend.Malcolm, Central India; der Ethnologe und Indologe Christoph von Fürer-Haimendorf bezeichnete die Zusicherung ihrer Landrechte – noch vor dem Anspruch auf Bildung – als das wichtigste Element zur Integration und Pazifizierung zentralindischer Stämme; Tribes of India. The Struggle for Survival. New York. Toronto. Delhi : Oxford University Press 1985, S. 34, 165 und passim
Religiöse, soziale und „investive“ Wohltätigkeit Ihre Wohltätigkeit erstreckte sich weit über die Grenzen ihres Herrschaftsgebiets hinaus bis zu den vier Char Dham, indem sie systematischIhre systematische Vorgehensweise schildert Thakur, A Short Note, S. 139 f. durch ihre brahmanischen AgentenMalcolm, Band 1, S. 186 in ganz Indien von Kedarnath im äußersten Norden bis Rameshvaram im äußersten Süden, von Dvaraka im Westen bis Jagannath/Puri im Osten Pilgerstraßen, Tempel, Brunnen, Heiligenschreine und Ghats (Zugänge zu den heiligen Flüssen) errichten ließ oder förderte, wobei sie nicht nur die Hinduheiligtümer shivaitischen Glaubens bedachte – die Holkars waren ShivaitenThakur, A Short Note, S. 140 –, sondern auch Vishnu- und andere Denominationen des Hindu-Spektrums. Auch muslimische Pilger- und Wallfahrtsstätten, vor allem der Fakire, kamen in den Genuss ihrer Zuwendungen und Sanads (Patente).Eine offizielle, aber unvollständige Liste ihrer Bauten und Spenden – zum Teil Gangeswasser zum Waschen der heiligen Statuen – stammt aus dem Jahr 1923; Thakur, A Short Note (1930), S. 141–142 Sie unterstützte Hunderte von Brahmanenfamilien und sponserte zahlreiche religiöse Festlichkeiten als „königliches, dharmisches Spenden“ Barbara N. Ramusack: The Indian Princes and their States. Cambridge : Cambridge University Press 2004 [ND 2008]. (The New Cambridge History of India. Band 3,6), S. 36 und Gordon, Marathas, S. 194 Ein geflügeltes Wort erinnerte noch 150 Jahre später an die wirtschaftlich belebende Bautätigkeit Ahilya Bais:
Infrastruktur, Wohltätigkeit Auch Straßen – z. B. über die Steilhänge des Vindhya-Gebirges – und Forts ließ sie errichten. In der heißen Zeit ließ sie an den Überlandstraßen Wasser verteilen, zum Teil auch für das Zugvieh, richtete Volksfeste aus, verteilte täglich Lebensmittel an die Ärmsten und in der kalten Jahreszeit Kleidung. Sie ließ eigens Felder brachliegen, die den Vögeln als Wohltätigkeit das nötige Futter bereitstellten und andererseits die Vogelscharen von den Feldern der Bauern fernhielten.
Religionspolitik Kommunalistische Unruhen, wie sie zwischen den Angehörigen der muslimischen und Hindubevölkerung damals wie heute an der Tagesordnung waren, traten unter ihrer Herrschaft nicht auf: „Muslime wie Hindus beteten vereint für ihr langes Leben und ihr Wohlergehen.“Malcolm, Band 1, S. 189
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