Mit einer Selbstenthüllung (self-disclosure; auch Selbstöffnung, Selbstoffenbarung, Selbsteinbringung) teilt eine Person einem Gesprächspartner verbal eine persönliche Information mit, die diesem bisher unbekannt war. Sie enthüllt Gedanken, Gefühle, Erfahrungen oder Identitätsanteile. Sie erwartet in der Regel eine akzeptierende oder unterstützende Reaktion. Der Gesprächspartner kann durch Fragen oder Kommentare die Selbstenthüllung fördern. Es besteht andererseits das Risiko, dass er eine Enthüllung abwehrt oder dazu negativ Stellung nimmt. Durch (wechselseitige) Selbstenthüllungen entwickeln sich in einer Beziehung in der Regel emotionale Nähe und Vertrauen. Sowohl das Bild der enthüllenden Person bei Gesprächspartnern (Fremdbild, public self) als auch ihr Selbstbild (Selbstkonzept, private self) werden durch Selbstenthüllungen beeinflusst. In verschiedenen Kontexten haben Selbstenthüllungen unterschiedliche Ziele bzw. Funktionen. Neue Wege der Selbstenthüllung bieten die sozialen Medien.

Interaktives Modell der Selbstenthüllung „Selbst-Enthüllung ist die zielgerichtete, vorwiegend verbale Kommunikation von persönlichen und vertraulichen Gedanken und Gefühlen“.B.A. Farber & A.E. Sohn 2007. Patterns of self-disclosure in psychotherapy and marriage. Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training 44, 226-231. Themenbereiche von Selbstenthüllungen im Alltag sind u. a.: Einstellungen und Meinungen, Vorlieben und Interessen, Ausbildung und Arbeit, Geld, die eigene Persönlichkeit, Körpererleben.Sidney M. Jourard, P. Lasakow: Some factors in self-disclosure. In: The Journal of Abnormal and Social Psychology. Band 56, 1958, S. 91–98. Selbstenthüllung ist ein zwischenmenschlicher Prozess, der bei folgendem Ablauf ein positives Ergebnis erwarten lässt:S.R. Chaudoir & J.D. Fisher 2010. The disclosure process model: Understanding disclosure decision making and postdisclosure outcomes among people living with a concealable stigmatized identity. Psychological Bulletin 136, 236-256.T. Holtgraves 1990. The language of self-disclosure. In: H. Giles & W.P. Robinson (Hrsg.): Handbook of language and social psychology. Wiley, New York, 191-207. Eine Person (potentieller Sprecher) hatte ein positives oder negatives Erlebnis, ist mit einem Problem beschäftigt oder hat gegenüber einer anderen Person ein Anliegen. Sie möchte sich gegenüber einem Gesprächspartner enthüllen, wobei sie eine positive Beantwortung erwartet. Sie enthüllt sich gegenüber einer von ihr ausgewählten Person (Gesprächspartner, Hörer, Zielperson, Empfänger, Adressat, Publikum), mit der sie positive Beziehungs-Erfahrungen hat. Ggf. hat sie zunächst Andeutungen gemacht und die Aufnahmebereitschaft der Zielperson „getestet“. Die mit der Enthüllung konfrontierte Gesprächspartnerin kann durch (direkte oder indirekte) Fragen oder Ermutigung die Selbstenthüllung fördern. Sie reagiert unterstützend. Als unmittelbare Folge fühlt die Sprecherin sich akzeptiert und bestätigt. Wenn sie soziale Unterstützung erhält und ihre Problemsituation bewältigen kann, hat die Enthüllung langfristig ein positives Ergebnis. Der Gesprächspartner antwortet häufig mit einer eigenen Selbstenthüllung (Reziprozität) und fühlt sich in der Beziehung zum Sprecher bestärkt. Auch für ihn kann eine Enthüllung langfristige Folgen haben, z. B. wenn die Beziehung sich positiv entwickelt oder wenn ihm ein Geheimnis anvertraut wird.

Bedeutung und Implikationen einer Enthüllung werden durch die Antwort des Hörers wesentlich mitbestimmt bzw. von Sprecher und Hörer ausgehandelt.V.J. Derlega, S. Metts, S. Petronio & S.T. Margulis 1993. Self-disclosure. Sage Publications, Newbury Park, 4. – Bei jeder Selbstenthüllung besteht das Risiko, dass die Gesprächspartnerin mit Ablehnung oder Entwertung reagiert oder dass die Beziehung sich verschlechtert.

Im öffentlichen Raum, vom Soziologen Erving GoffmanE. Goffman 2003. Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. 7. Aufl. Piper, München, 100 ff. mit der Metapher „Vorderbühne“ bezeichnet, werden die Interaktionen der Beteiligten vorwiegend durch die jeweils eingenommenen Rollen bestimmt; hier unterliegen Selbstenthüllungen engen Normen und sind beschränkt. Die „Hinterbühne“ gehört zur Privat- bzw. Intimsphäre, in der Rollen und Normen deutlich weniger streng definiert sind (Ehepartnerin, Freund, Arbeitskollegin, Sportkamerad); die Kommunikationen sind freier, und Selbstenthüllungen sind die Regel.

In jeder Interaktion findet auch Selbstdarstellung (presentation of self; Selbstpräsentation; Impression-Management) statt. Diese umfasst verbale Äußerungen und nicht-verbale Kundgaben einer Person (Gestik, Statussymbole, Uniform usf.), mit denen sie bei Interaktionspartnern einen bestimmten Eindruck hervorruft sowie ihre Situations- und Rollen-Definition bekanntgibt. Selbstdarstellung und Selbstenthüllung verfolgen zwei übergeordnete Ziele: „Assertive Selbstdarstellung zielt darauf ab, von anderen Personen Vorteile oder Unterstützung zu erhalten.“ Bei der „defensiven Selbstdarstellung“ geht es einer Person darum, anderen Personen von sich ein Bild zu vermitteln und zu schützen, das mit dem eigenen Ideal-Selbst übereinstimmt.H.D. Mummendey 2006. Selbstdarstellung. In: H.W. Bierhoff & D. Frey (Hrsg.): Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie. Hogrefe, Göttingen, 49-56.R.F. Baumeister 1982. A self-presentational view of social phenomena. Psychological Bulletin 91, 3-26. Selbstenthüllung und Selbstdarstellung überschneiden sich.

Nach dem Vier-Seiten-Modell der Kommunikation (F. Schulz von ThunF. Schulz von Thun 2011. Miteinander reden: 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. 49. Aufl. Rowohlt, Reinbek, 27 ff.) sind bei jeder Kommunikation vier Aspekte gegeben: Sachinhalt, Selbstoffenbarungsaspekt, Appell, Beziehung. Der Selbstoffenbarungsaspekt umfasst alles, was in einer Interaktion eine Person zusätzlich zum verbal geäußerten Sachinhalt von sich preisgibt, z. B. den Affekt, den sie mit der Sache verbindet. Selbstenthüllung ist demnach eine verbale Kommunikation, deren Sachinhalt auf die eigene Person bezogen ist. Verbale Selbstenthüllung und ihr Selbstoffenbarungsaspekt stimmen in der Regel überein. (Unbeabsichtigte) Diskrepanzen sind aber nicht selten.

Funktionen von Selbstenthüllungen Je nach Situation und Kontext der Interaktion hat eine Person bei einer Selbstenthüllung jeweils konkrete Intentionen bezüglich der Auswirkungen auf den Adressaten und der Rückwirkung auf sich selber.

(1) Selbstenthüllung in dauerhaften persönlichen Beziehungen. Zu Beginn und im Verlauf persönlicher Beziehungen, besonders in der Privatsphäre, tauschen die beteiligten Personen ständig Selbstenthüllungen aus. Es entstehen Vertrauen und emotionale Nähe, die durch Bewältigung gemeinsamer Aufgaben und Aktivitäten sowie durch fortlaufende Selbstenthüllungen aufrechterhalten werden.V. J. Derlega u. a. 1993. Self-disclosure, S. 15 ff.E. Ignatius & M. Kokkonen 2007. Factors contributing to verbal self-disclosure. Nordic Psychology 59, 362–391. – Eine bedeutende Unterform von Selbstenthüllungen bilden Mitteilungen über positive persönliche Begebenheiten (capitalizationC.R. Agnew & L.E. VanderDrift 2015. Relationship maintenance and dissolution. In: M. Mikulincer & P.R. Shaver (Hrsg.): APA Handbook of personality and social psychology, Vol. 3. Interpersonal relations. APA, Washington DC, 581-604.S.L. Gable, H.T. Reis u. a. 2004. What do you do when things go right? The intrapersonal and interpersonal benefits of sharing positive events. J Personality Social Psychology 87, 228-245.).

(2) Selbstenthüllung zur Selbst-Validierung. Jeder Mensch hat das Bedürfnis von seinen/ihren Handlungen, Erfahrungen, Gedanken, Gefühlen und Plänen zu sprechen; er/sie thematisiert sein/ihr Selbst. Bei bestätigender bzw. respektvoller Reaktion der Interaktionspartner erreicht die Person Klärung, Benennung und Bewertung ihrer Erlebnisse. Sie validiert ihr Selbstbild und konsolidiert sich emotional. Bei bedrückenden Gefühlszuständen wie Enttäuschung, Angst oder Wut kann eine Person durch Selbstenthüllung sich freisprechen und abreagieren (Katharsis).Derlega u. a. 1993. Self-disclosure, 3, 37.S.A. Culbert 1973. The interpersonal process of self-disclosure: It takes two to see one. In: R.T. Golembiewski & A. Blumberg (Hrsg.): Sensitivity training and the laboratory approach. Readings about concepts and applications. Peacock, Itasca/Illinois, 110-116.

(3) Selbstenthüllung zu Aufbau und Konsolidierung des öffentlichen Bildes. Jede Person hat Vorstellungen davon, welches Bild andere Personen von ihr haben bzw. haben sollten (Fremdbild, public self). Sie enthüllt selektiv persönliche Informationen, um gegenüber einem bestimmten Publikum (am Arbeitsplatz, in der Verwandtschaft, in der Gemeinde) den gewünschten Eindruck hervorzurufen. Sie ist um Reputation bemüht und versucht zu vermeiden, was zu einem negativen Bild führen könnte. Die Person erwartet, im Allgemeinen entsprechend diesem öffentlichen Bild behandelt zu werden.

(4) Selbstenthüllung der eigenen Rolle. Wenn zwei Personen unbekannt oder in einer neuen Situation zusammentreffen, geben beide eine (kurze) Selbstdarstellung, um eine gemeinsame Situations- und Aufgabendefinition zu erreichen, z. B. Arzt – Patient, Verkäufer – Kunde, Dozent – Lehrgangsteilnehmer. Sie präsentieren verbal und nichtverbal die eigene Rolle und drücken ihre Erwartungen an den/die Interaktionspartner aus.E. Goffman 2003. Wir alle spielen Theater, 12 ff.

(5) Selbstenthüllung von Identitätsanteilen. Mit der Selbstenthüllung eines bisher unbekannten Identitätsanteils (Stigma) kann eine Person das Bild, das Interaktionspartner und Bezugspersonen von ihr haben, bedeutsam verändern: z. B. ein mit Bestnote bestandenes Examen, ein schwerer Verkehrsunfall, „unpassende“ Herkunft. Häufig war die Verheimlichung dieses Identitätsanteils mit Einschränkungen verbunden. Ziel der Enthüllung ist, dass die Person das stigmatisierte Merkmal in die Beziehung einbringen kann und dass die Beziehung zur Zielperson tiefer wird.E. Goffman 2010. Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Suhrkamp, Berlin, 18.

(6) Selbstenthüllung einer Notlage. Eine Person kann Kooperation oder Unterstützung nur erhalten, wenn sie ihre Situation oder Notlage enthüllt und sie die Zielperson um Hilfeleistung bittet (Appell). Eine Person kann ärztliche Behandlung nur bekommen, wenn sie als Patient ihre Beschwerden enthüllt.J.P. Dillard & L.K. Knobloch 2011. Interpersonal influence. In: M.L. Knapp & J.A. Daly (Hrsg.): The Sage handbook of interpersonal communication. 4. Aufl. Sage Publications, Los Angeles, 389-422.

(7) Empfängerbezogene Selbstenthüllung. Eine Person gibt ihre Erfahrung und persönliches Erleben an eine bestimmte Zielperson weiter, um dieser bei einer Aufgabe oder einer Entscheidung zu helfen. Als Feedback enthüllt sie, wie das Verhalten der Zielperson auf sie wirkt (Aufrichtigkeit). Entscheidend ist, dass der Sprecher das öffentliche Bild der Zielperson und ihre Entscheidungsfreiheit respektiert.