Die Dürre und Hitze in Europa 1540 war ein klimatisches Extremereignis mit vielfältigen Auswirkungen auf Naturräume und menschliche Gemeinschaften. In verschiedenen paläoklimatologischen Untersuchungen wurden die Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse mit Hilfe der historischen Klimatologie rekonstruiert und zum Teil in Bezug zu den gegenwärtigen und künftigen klimatischen Bedingungen gesetzt.
Überwiegend wird auf der Basis von historischen Aufzeichnungen in der Wissenschaft davon ausgegangen, dass es sich um eine elfmonatige Periode handelte, in deren Verlauf es in großen Teilen Europas nur spärlich oder so gut wie nicht regnete und es sich somit um eine MegadürreJ. A. Matthews: Megadrought. Encyclopedia of Environmental Change. . gehandelt haben könnte. Ausgelöst wurde das Ereignis von einem ungewöhnlich stabilen, die atlantischen Luftströmungen blockierenden Hochdruckgebiet (Omegalage), das besonders Mitteleuropa beeinflusste, während zur selben Zeit im westlichen Russland kühles Schauerwetter herrschte.
Historische Beschreibungen
Die Annahme einer Megadürre im Jahr 1540 wird vor allem durch mehr als 300 zeitgenössische Chroniken aus weiten Teilen Europas gestützt,Supplementary Information, Documentary evidence of the 1540 drought in Europe (doi.org/10.48620/380) zu: Wetter, O., Pfister, C., Werner, J.P. et al. The year-long unprecedented European heat and drought of 1540 – a worst case. Climatic Change 125, 349–363 (2014). https://doi.org/10.1007/s10584-014-1184-2 die übereinstimmend die Auswirkungen einer lang anhaltenden Trockenheit und Hitze beschreiben, wie zum Beispiel ein ausgeprägtes Niederschlagsdefizit, den extrem niedrigen Pegel großer Flüsse, weiträumig auftretende Waldbrände, das Absinken des Grundwasserspiegels (wodurch Brunnen versiegten) sowie schwerwiegende Folgen für Landwirtschaft, Viehhaltung und Fischbestände. Als besonders belastbare Quelle gilt hierbei das umfangreiche Wettertagebuch des Rektors der Jagiellonen-Universität in Krakau, Marcin Biem, dessen Aufzeichnungen es ermöglichen, die Niederschlagsmengen im Krakauer Raum für das Jahr 1540 statistisch zu rekonstruieren.
mini|Der Winzer Hans Stolz im elsässischen Guebwiller lieferte eine ausführliche Beschreibung der Dürre von 1540 von Monat zu Monat Laut der Chronik des Winzers Hans Stolz war es im elsässischen Guebwiller (Gebweiler) nach einem mäßig kalten Januar vom 10. Februar bis Mitte Juni weitgehend trocken.Wolfram Stolz: Die Hans Stolz’sche Gebweiler Chronik, Zeugenbericht über den Bauernkrieg am Oberrhein, Freiburg 1979, S. 373 Etwas Regen fiel Anfang März. Im April und Mai blieb es fast durchwegs sonnig und sehr warm. Von Ende Juni bis zum 4. August herrschte brütende Hitze ohne einen Tropfen Regen. Im August und September regnete es mehrmals, aber nur wenig. Von Oktober bis Ende Dezember war es so warm wie im April, ganz ohne Frost oder Schneefall. Ähnliche Ergebnisse liefern die täglichen Aufzeichnungen des polnischen Wissenschaftlers und Theologen Marcin Biem in Krakau.
Zum Niederschlag hielt der Schweizer Reformator und Wissenschaftler Heinrich Bullinger zusammenfassend fest, dass es zwischen Februar und Ende September 1540 in Zürich nie einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht lang regnete. Vier Chronisten im Schweizer Mittelland führten über den Zeitpunkt, teilweise selbst über die wahrgenommene Ergiebigkeit des Niederschlags Buch. Im polnischen Krakau hat der Wissenschaftler und Theologe Marcin Biem das tägliche Wetter festgehalten. Anhand ihrer Angaben sind die monatlichen Niederschlagsmengen für das Schweizer Mittelland und für Krakau mit Modellrechnungen geschätzt worden. Der minimale Wasserstand des Rheins und der Elbe sowie der des Bodensees im Jahr 1540 ist anhand der Quellen mit neueren, durch Messungen belegten Extremwerten verglichen worden.
Klimahistorische Untersuchungen mini|500x500px|Die Sommer 1531 bis 1540 waren im Durchschnitt ähnlich warm wie jene in der Periode 1961–1990. Die Dürre und Hitze in Europa 1540 wurde mit Hilfe von Methoden der historischen Klimatologie untersucht.
Petr Dobrovolny vom Geographischen Institut der tschechischen Masaryk-Universität in Brünn und seine Mitarbeiter haben 2010 monatliche, jahreszeitliche und jährliche Temperaturschätzungen seit 1500 auf der Grundlage von Temperaturindizes und Messwerten aus Deutschland, der Schweiz und Tschechien publiziert. Darin sind die Anomalien des Jahres 1540 deutlich zu erkennen.
2013 ergab eine klimahistorische Untersuchung, dass die Temperatur in West- und Zentraleuropa im Sommer 1540 wahrscheinlich höher lag als im Hitzesommer 2003. Die Sommer 1531 bis 1540 waren im Durchschnitt ähnlich warm wie jene in der Periode 1961–1990.
Für Burgund gibt es mehrere Rekonstruktionen der Frühlings- und Sommertemperaturen anhand des Weinlesebeginns, der aus verschiedenen historischer Quellen abgeleitet werden kann. Eine 2004 veröffentlichte Rekonstruktion für die Zeit zwischen 1370 und 2003 deutete nicht darauf hin, dass das Jahr 1540 ein für diesen Zeitraum extrem warmes war, der Hitzesommer 2003 war mit Abstand der wärmste. Doch ist diese Einschätzung relativiert worden: Der Weinlesebeginn für das Jahr 1540 war fehlerhaft und musste etwa einen Monat nach vorne korrigiert werden. Aber auch in einer weiteren Rekonstruktion für den Zeitraum 1354–2018 lagen die burgundischen Frühlings- und Sommertemperaturen des Jahres 1540 statistisch nur an 19. Stelle. Die Autoren erklären dies damit, dass die extreme Hitze und Trockenheit den Beginn der Reife der Beeren (Véraison) etwas verzögert haben könnte. Ein weiterer Grund könnte sein, dass die Weinlese – die sonst nach einer fast konstanten Zeit auf die Véraison folgt – in diesem außergewöhnlichen Jahr deutlich verzögert begann. Das jedenfalls legen Dokumente nahe, die aus der Zeit für andere Weinbaugebiete überliefert sind. Während aber in den Rekonstruktionen extrem warme Jahre früher Ausreißer waren, sind sie seit 1988 die neue Norm geworden.
mini|500x500px|Geschätzte jahreszeitliche und jährliche Niederschlagsmenge im Schweizer Mittelland und in Krakau im Jahr 1540. Angabe in Prozent im Verhältnis zum Mittel 1901–2000. Die geschätzten jährlichen Niederschläge betrugen nur einen Viertel der durchschnittlichen Mengen im 20. Jahrhundert. Die geschätzte Anzahl der Niederschlagstage und die geschätzte Niederschlagsmenge für Mittel- und Westeuropa im Jahr 1540 lag unter den 100-jährigen Minima der instrumentellen Messung im Frühling, Sommer und Herbst. Die Auswertung der täglichen Beobachtungen im polnischen Krakau liefert ein vergleichbares Ergebnis. Die anhand eines Modells geschätzten Niederschlagsmengen waren im Frühjahr, Sommer und Herbst deutlich geringer als die Minima im 20. Jahrhundert. Der Jahresniederschlag, unter Annahme durchschnittlicher Verhältnisse im Winter, betrug rund einen Viertel der mittleren Werte im 20. Jahrhundert. Jener für das 900 km entfernte Krakau liegt in derselben Größenordnung Die geschätzte jährliche Niederschlagsmenge ist die niedrigste, die jemals zwischen 1500 und 2024 in Mitteleuropa gemessen oder geschätzt wurde. Ein solches Ereignis kann mit Klimamodellen nicht simuliert werden.
Der herbstliche Abfluss großer Flüsse wie des Rheins in Basel und Köln und jener der Elbe in Meißen wurde anhand von ausführlichen Beschreibungen auf 10 % der mittleren Abflussmengen von Mai bis Oktober geschätzt. Man konnte diese damals noch mäandrierenden Flüsse stellenweise zu Pferd oder zu Fuß durchwaten. Am Ende des Jahres 1540 war der Hochrhein auf den niedrigsten je verzeichneten Stand gesunken, wie aus einer Niedrigwassermarke hervorgeht.
Witterungsverlauf Der Schweizer Historiker Christian Pfister, vorwiegend tätig auf den Forschungsfeldern Umweltgeschichte und historische Klimatologie, beschreibt die Ereignisse des Jahres 1540 in Mitteleuropa folgendermaßen: (Im Wesentlichen wortgleiche Wiedergabe des Textes vom 4. August 2018 aus der Neuen Zürcher Zeitung, um einige Zusatzinformationen ergänzt und um einige schweizbezogene Sätze gekürzt)
Elf Monate fiel damals praktisch kein Regen, „die Temperatur lag fünf bis sieben Grad über den Normalwerten des 20. Jahrhunderts, verbreitet muss die Temperatur im Hochsommer über vierzig Grad geklettert sein. […] [I]m ganzen Sommer 1540 wurde kein einziges Gewitter registriert.“
„Alles begann in Norditalien, mit einem Winter, der sich wie ein Juli anfühlte. Kein Tropfen fiel von Oktober 1539 bis Anfang April 1540. Dann griff die Dürre auf den Norden über.“ Der Juli brachte eine solche „Gluthitze, dass die Kirchen Bittgebete aussandten, während Rhein, Elbe und Seine trockenen Fußes durchwatet werden konnten. Dort, wo noch Wasser floss, färbte sich die warme Brühe grün“, Fische trieben tot mit dem Bauch nach oben. „Der Bodenseepegel sank auf Rekordniveau, Lindau war sogar mit dem Festland verbunden. Bald verdunstete das Oberflächenwasser vollständig, die Böden platzten auf, manche Trockenrisse waren so groß, dass ein Fuß darin Platz fand.“
Die geschätzte Anzahl der Niederschlagstage und die Niederschlagsmenge für Mittel- und Westeuropa im Jahr 1540 liegt deutlich unter den 100-jährigen Minima der instrumentellen Messperiode für Frühling, Sommer und Herbst. Dieses Ergebnis wird durch unabhängige dokumentarische Belege über extrem niedrige Flussabflüsse und europaweite Wald- und Siedlungsbrände gestützt. Oliver Wetter und Co-Autoren schrieben 2014 in ihrer Zusammenfassung: „Wir haben festgestellt, dass ein Ereignis dieser Schwere von modernen Klimamodellen nicht simuliert werden kann.“ Im Gegensatz dazu kommt eine 2015 publizierte Studie anhand der Auswertung von Wachstumsringen verschiedener europäischer Baumarten zu dem Ergebnis, dass die durchgeführten Analysen keine Hinweise auf eine außergewöhnliche Dürreperiode im Jahresverlauf 1540 ergeben hätten. In ihrer Erwiderung wiesen die Autoren der erstgenannten Arbeit (Wetter et al.) darauf hin, dass Wachstumsringe heiße und trockene Extreme mitunter unvollständig oder verzögert wiedergeben, mit spezieller Betonung des Umstands, dass in neuerer Zeit bei klimatischen „Ausreißern“ öfters Diskrepanzen zwischen instrumentell ermittelten und dendrochronologischen Daten auftreten („Divergenz-Problem“).
Andauernde Hitze Die monatlichen und jahreszeitlichen Temperaturdifferenzen zur Periode 1961–1990 in Deutschland, der Schweiz und in den tschechischen Ländern beruhen auf ausführlichen Beobachtungen von (Kultur)-Pflanzen (Phänologie). Kirschbäume standen um den 10. April in Vollblüte. Einen Monat später waren die Kirschen reif. Vor dem 10. Juni endete die Rebenblüte. Die ersten reifen Trauben wurden in Zürich schon einen Monat später gepflückt, was einem Vegetationsvorsprung von 4–5 Wochen entspricht. Rekordtemperaturen wurden im April, Mai und Juli verzeichnet. Im letzteren Monat wurden möglicherweise Maxima von über 40 °C erreicht. Anfang September blühten die Kirschbäume erneut, im Oktober pflückte man in Lindau am Bodensee nochmals reife Kirschen. Die warme Witterung hielt bis zum Jahresende an. Um Weihnachten (am 6. Januar 1541 nach dem heute gültigen gregorianischen Kalender) schwammen in Basel einige Burschen über den Rhein, was darauf hindeutet, dass die Wassertemperaturen auf Grund der anhaltenden Wärme und den rekordtiefen Wasserständen um diese Zeit wesentlich höher waren als heute.
Hydrologische Dürre mini|Räumliche Verteilung von für 1540 dokumentierten Daten über das Auftreten von Dürren. Rote Punkte: Beschreibungen von Hitze und Dürre, Violette Punke; große Niederschlagsmengen: Hitzegewitter in Süditalien, anhaltende Nässe und Kälte im westlichen Russland.