mini|QAnon-Anhänger bei einer Kundgebung für US-Präsident Trump (2019)

QAnon [] nennt sich eine Gruppe, die seit 2017 von den USA aus Verschwörungstheorien mit rechtsextremem Hintergrund im Internet verbreitet. Als Initiator gilt eine Person mit dem Pseudonym Q. Zentral ist die Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum zu gewinnen. Der US-Präsident Donald Trump bekämpfe diese Elite und einen vorgeblichen „Deep State“.

Diese Fiktion knüpft an die „Pizzagate“-Verschwörungstheorie von 2016 an, wonach hochrangige Politiker der Demokratischen Partei angeblich einen internationalen Kinderhändlerring zur Prostitution Minderjähriger betreiben. Trump-Anhänger verknüpften diese These mit vielen weiteren Verschwörungsthesen. Sie entwickelte sich so zu einer Verschwörungsideologie mit Millionen Anhängern, die ihrerseits als QAnon bezeichnet wird. Experten in den USA und Deutschland schätzen sie als schwere aktuelle Gefahr für die repräsentative Demokratie ein. QAnon-Gruppen wurden auf vielen Chatgruppen und -kanälen gesperrt, sind aber auf Telegram verbreitet.

Entstehung mini|Video: QAnon und Verschwörungsmythen Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 kandidierten Hillary Clinton für die Demokratischen Partei und Donald Trump für die Republikanische Partei gegeneinander. Rechtsradikale Trump-Anhänger erfanden und Rassisten, rechtskonservative Journalisten verbreiteten eine Verschwörungstheorie namens „Pizzagate“: ein Kinderschänderring aus Mitgliedern der Demokraten sei entdeckt worden, interne E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampfteam würden Geheimcodes für Pädophilie und Menschenhandel enthalten. Die Zentrale des angeblichen Ringes sei eine bestimmte Pizzeria in Washington, D.C., in deren Keller Kinder missbraucht würden. Die Satanismus- und Pädophilie-Vorwürfe wurden später zum Kern der QAnon-Ideologie.Heidi Beirich: Abstrus, aber brandgefährlich. QAnon und die amerikanische Demokratie. In: Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hrsg.): Fehlender Mindestabstand. Freiburg 2021, S. 91

Der anonyme Benutzer „Q clearance Patriot“ erschien erstmals am 28. Oktober 2017 auf dem Imageboard 4chan. Sein Nutzername deutete auf einen vorhandenen Zugang zu Geheiminformationen der US-Regierung hin.Heidi Beirich: Abstrus, aber brandgefährlich. QAnon und die amerikanische Demokratie. In: Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hrsg.): Fehlender Mindestabstand. Freiburg 2021, S. 92 „Q clearance“ steht im US-Energieministerium für die höchste Sicherheitseinstufung mit Zugang zu streng geheimen Informationen über Kernwaffen und nukleares Material.Randall Colburn: There’s a new, insane conspiracy theory tearing up 4chan. AV Club, 19. Dezember 2017 Das angehängte „Anon“ stand auf 4chan für „anonyme“, nicht angemeldete Benutzer.Christian Zaschke: Die wirre Welt der Verschwörungstheoretiker. Süddeutsche Zeitung (SZ), 7. August 2018 Wie frühere Benutzer namens „FBIAnon“, „HLIAnon“, „CIAAnon“ und „WH Insider Anon“ behauptete Q interne Kenntnisse und bot Leaks dazu an. Zuerst postete er, Hillary Clintons Festnahme und Ausweisung aus den USA stehe bevor und sei für den 30. Oktober 2017 angesetzt. Man solle mit organisiertem Aufruhr und Flucht ihrer Anhänger rechnen. Die Nationalgarde stehe deswegen bereits in Großstädten bereit; dies könne man durch einen Anruf bei deren Mitgliedern prüfen. Diesem frei erfundenen Post folgten tausende Q-Botschaften, die eine bizarre Theorie woben. Die vermeintliche Verschwörung umfasst demnach Politiker der Demokraten, Trump-Gegner in der Filmbranche und bei den Republikanern sowie große Unternehmen.Brandy Zadrozny, Ben Collins: How three conspiracy theorists took 'Q' and sparked Qanon. NBC News, 14. August 2018

Am 5. Oktober 2017 hatte Trump vor einem Treffen mit seinen Militärberatern von einer „Ruhe vor dem Sturm“ gesprochen und auf Nachfragen ergänzt, man werde das Gemeinte schon noch herausfinden. Anhänger Trumps bezogen das Zitat auf alle möglichen erwarteten Ereignisse, etwa ein bevorstehendes Vorgehen gegen angebliche geheime Pädophilenclubs der Demokraten oder gegen Robert Muellers Sonderermittlung zur Beeinflussung des Wahlkampfs in den Vereinigten Staaten 2016. Q bezog den „Sturm“ auf eine baldige Festnahme von Hillary Clinton, Barack Obama und dem Finanzinvestor George Soros. Seine Follower fügten seine Aussagen unter Hashtags wie #TheStorm und #Qanon wie ein Puzzle mit vielen weiteren Verschwörungsthesen zusammen. Wie Trump-Anhänger seit 2015 benutzte ein QAnon-Thread mit dem Titel „Folge dem weißen Kaninchen“ diesen Satz aus dem Roman Alice im Wunderland und dem Film Die Matrix von 1999 für alle möglichen Andeutungen.Michael Edison Hayden: How ‘the Storm’ Became the Biggest Fake News Story of 2018. Newsweek, 1. Februar 2018

Als Beweise für seine angebliche Nähe zu Trump veröffentlichte Q unscharfe Fotografien aus einem Flugzeug, angeblich der Präsidentenmaschine Air Force One, und sagte Einzelworte in künftigen Tweets Trumps voraus.Paris Martineau: The Storm Is the New Pizzagate – Only Worse. Intelligencer, 19. Dezember 2017 Er behauptete, er gehöre als hochrangiger Militär oder Geheimdienstmitarbeiter zu Trumps engstem Regierungskreis und decke gerade alle Arten übler Pläne einer internationalen Bürokratie gegen Trumps Regierung auf. Damit verband Q verschiedene Verschwörungsthesen, die Trump als Kämpfer gegen Umtriebe antiamerikanischer Saboteure darstellen, die die Regierung, Industrie, Medien und andere öffentliche Institutionen beherrschten. Das eigentliche Ziel dieser vorgeblichen Geheimherrschaft ist unklar.Justin Bank, Liam Stack, Daniel Victor: What Is QAnon: Explaining the Internet Conspiracy Theory That Showed Up at a Trump Rally. The New York Times, 1. August 2018

Nach wenigen Wochen wechselte Q auf den Internetforen-Anbieter 8chan (heute 8kun). Dort hatten mehrere Rechtsterroristen ihre Hasspamphlete verbreitet.Patrick Beuth et al.: QAnon und seine deutschen Anhänger: Der gefährlichste Kult unserer Zeit. Spiegel, 18. September 2020 Dass keine von Qs Ankündigungen eintrafen, schmälerte seinen Erfolg nicht. Am 28. Juni 2018 führte die Zeitschrift Time Q als eine der 25 einflussreichsten Personen im Internet auf. Sie berief sich auf über 130.000 Diskussionsvideos auf YouTube, das breite Spektrum seiner Verschwörungsthesen, die breite Berichterstattung dazu und seine prominenten Follower.Melissa Chan: 25 Most Influential People on the Internet. Time, 28. Juni 2018

Identität Qs Über Qs Identität wurde viel spekuliert, etwa, er sei ein Spieler eines Alternate Reality Games oder Trump selbstMike Rothschild: Who is Q Anon, the internet’s most mysterious poster? The Daily Dot, 29. Mai 2018. oder eine Gruppe von „Informationsterroristen“, die seit der Gamergate-Kontroverse von 2014 die Art des Medienkonsums beeinflussten.Molly McKew: Brett Kavanaugh and the Information Terrorists Trying to Reshape America. Wired, 18. März 2018.

Hauptverdächtige Urheber der QAnon-Ideologie sind die US-Bürger James Arthur Watkins und sein Sohn Ronald Watkins. James Watkins betrieb das unkontrollierte Messageboard 8chan ab 2014 von Manila auf den Philippinen aus und kaufte die Website 2015 ihrem Gründer Fredrick Brennan ab. Ronald Watkins war dort Administrator und blieb es auch auf der Nachfolgeplattform 8kun. Beide bestritten ihre Identität mit Q, konnten ihn jedoch laut Brennan über 8chan jederzeit persönlich kontaktieren und seine Identität aufdecken. Brennan bewies im August 2020 über eine identische IP-Adresse, dass James Watkins auch die Website Q-Maps besaß. Diese verbreitete bis dahin die meisten Q-Drops im Netz und hatte rund zehn Millionen Besucher im Monat. Somit verbreitete Watkins wahrscheinlich direkt Qs Botschaften und profitiert davon. Bald danach wurde ein Entwickler von Q-Maps enttarnt. Er bestritt jede Verbindung zu Q; jedoch ging die Website daraufhin offline. Der zugehörige Webhost war im Oktober 2019 nur Wochen vor 8kun gegründet worden und hostete nur 8kun, Q-Maps und die Neonaziwebsite The Daily Stormer. Für die Medienforscher Brian Friedberg und Mike Rains ist der Autor der Q-Drops unwichtig, da nur James und Ronald Watkins entschieden, welche davon ins Netz gelangten. Die Betreiber von 8kun hätten somit auf jeden Fall erhebliche Kontrolle über Qs Inhalte und damit Einfluss auf die QAnon-Bewegung.Chris Francescani: The men behind QAnon. ABC News, 22. September 2020.

Im Oktober 2020 deckte ein Cybersecurity-Unternehmen auf, dass James Watkins über sein Unternehmen N.T. Technology Webdomains für eben jene Kinderpornographie und Pädophilie hostete und verkaufte, die QAnon-Anhänger angeblich beenden wollen.AJ Vicens, Ali Breland: QAnon Is Supposed to Be All About Protecting Kids. Its Primary Enabler Appears to Have Hosted Child Porn Domains. Mother Jones, 29. Oktober 2020. Im Januar 2021 wies der Schweizer Claude-Alain Roten mit einer automatisierten Text- und Schreibstilanalyse nach, dass zwei verschiedene Einzelpersonen Q-Einträge verfassten, die eine auf 4chan, die andere auf 8chan bzw. 8kun.Walliser Start-up kommt QAnon auf die Schliche. bazonline.ch, 21. Januar 2021 (anmeldepflichtig) Im April 2021 gab der kalifornische Filmemacher Cullen Hoback bekannt, Ronald Watkins habe sich in seinem Interview mit ihm versehentlich als Q bezeichnet.David Gilbert: Q hat sich versehentlich geoutet, den QAnon-Anhängern ist das egal. Vice.com, 7. April 2021 Bei einer Anhörung im US-Repräsentantenhaus zum Anschlag in El Paso 2019, den der Täter über 8chan angekündigt hatte, trug James Watkins eine Q-Anstecknadel. Er handelt mit Q-Verkaufsprodukten, bewirbt Bücher und Videos von Q und prominenten QAnon-Anhängern, verbreitet Interpretationen von Q-Drops und meldete 2020 ein politisches Aktionskomitee unter dem QAnon-Slogan Disarm the Deep State („Entwaffne[t] den Tiefen Staat“) an. Wegen dieser Indizien gelten James und Ronald Watkins selbst als Q, zumindest ihr direkter Kontakt zu Q gilt als erwiesen.

Mithilfe maschineller Sprachanalyse und KI lieferten 2022 zwei voneinander unabhängige Forscherteams empirische Hinweise darauf, wer den QAnon-Mythos erfunden habe: ein Schweizer Team des Unternehmens Orphanalytics in Vevey und ein französisches Team um die beiden Computerlinguisten Florian Cafiero und Jean-Baptiste Camps identifizierten mit Ronald Watkins und Paul Furber, einem frühen Moderator von Qs Forum („BaruchtheScribe“), dieselben beiden Männer als wahrscheinliche Verfasser der Nachrichten, die die virale Bewegung angeheizt und zu einem Selbstläufer gemacht hätten. Die Franzosen untersuchten mithilfe von künstlicher Intelligenz Tausende Beiträge von Q, verglichen sie mit Beiträgen realer Personen aus dem Umfeld von QAnon und von Donald Trump selbst und glauben, Watkins’ Schreibstil in 99 Prozent und Furbers Schreibstil in 98 Prozent der Textproben identifiziert zu haben. Die Übereinstimmungen in den Texten von Furber und Watkins mit jenen von Q liegen dem Schweizer Team zufolge bei 93 Prozent.Who Is Behind QAnon? Linguistic Detectives Find Fingerprints. nytimes.com, 19. Februar 2022; Wie Sprachwissenschafter die zwei Männer identifiziert haben, die hinter QAnon und seinen Verschwörungstheorien stecken. nzz.ch, 22. Februar 2022.

Inhalte und Stil QAnon wird als ein zentraler Knotenpunkt der weltweit herrschenden „Infodemie“ mit Falschnachrichten und Verschwörungsmythen beurteilt. Unter anderem spielte QAnon eine wichtige Rolle bei der Coronaleugnung und Klimawandelleugnung, aber auch bei Verbreitung von Wahlbetrugsnarrativen und russischen Propaganda zum Russischen Überfall auf die Ukraine.Julia Ebner: Massenradikalisierung. Wie die Mitte Extremisten zum Opfer fällt. Berlin 2023, S. 285.

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