mini|Pride Flag für Bisexualität entworfen von Michael Page
Als Unsichtbarkeit von Bisexualität (englisch: bisexual erasure) wird eine Tendenz bezeichnet, Bisexualität in der Geschichte, in akademischen Kreisen und in den Medien zu ignorieren, zu verleugnen oder umzudeuten. Die extremste Form von Bisexual Erasure ist die Behauptung, Bisexualität existiere nicht. Teilweise gibt es Überschneidungen mit Biphobie, obwohl für Bisexual Erasure nicht direkte Angriffe auf Bisexuelle notwendig sind. Die Inklusion und Sichtbarkeit von Bisexuellen, vor allem in der LGBT-Community, nimmt jedoch stetig zu.
Hintergründe Aufsehen erregte der Kinsey-Report 1948 mit der Aussage, dass etwa 46 % der männlichen Bevölkerung „bis zu einem gewissen Grad bisexuell“ seien. Der Forscher Kenji Yoshino meint, dass es drei Hauptgründe gebe, warum sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Menschen Bisexualität kulturell unterdrücken oder verdrängen. Erstens sei das die Stabilisierung ihrer sexuellen Orientierung; damit müssten Menschen ihre sexuelle Orientierung nicht selbst hinterfragen. Zweitens sei es der Schutz der traditionellen Auffassung von Geschlecht, welche für monosexuelle Menschen wichtig sei, aber durch Bisexualität in Frage gestellt würde. Drittens sei das die Aufrechterhaltung der Monogamie; es werde gesellschaftlich meist angenommen, dass Bisexuelle intrinsisch nicht monogam seien.
Heron Greenesmith schrieb 2010, dass Bisexualität in der US-amerikanischen Gesetzgebung fast gar nicht auftauche. Zum einen sei Bisexualität rechtlich irrelevant, da angenommen werde, dass die involvierten Parteien monosexuell sind, es sei denn, sie hätten sich anders geoutet. Wenn Bisexualität andererseits im Recht relevant ist, werde es meistens nicht beachtet, weil der Großteil des Rechtssystems auf einem binären Geschlechtssystem und einer binären Sichtweise auf Sexualität aufbaue.
Motivationen von Männern Der Psychologe Richard C. Friedman, welcher sich auf den Bereich der psychischen Dynamiken der Homosexualität spezialisiert hat, schrieb in seinem Essay Verleugnung in der Entwicklung von homosexuellen Männern, dass viele schwule Männer Sexfantasien über Frauen hätten und sogar mit ihnen schliefen. Andererseits hätten heterosexuelle Männer Fantasien über Männer und auch sexuelle Erfahrungen mit ihnen. Obwohl diese beiden Gruppen von Männern zumindest gedanklich oder auch real als bisexuell gelten würden, würden sie sich selbst als nur homosexuell oder nur heterosexuell identifizieren. Diese Verleugnung der Bisexualität käme daher, dass die Personen die Wichtigkeit der Fantasie oder der Erfahrung herunterspielen würden, um ihre eigene sexuelle Identität zu wahren oder sich immer noch einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen.Richard A. Friedman: Denial in the Development of Homosexual Men. In: Denial. 1989, S. 219–230 .
In einer amerikanischen Umfrage wurden 2017 über 800 amerikanische Männer verschiedener Ethnien befragt. 20,7 % aller heterosexuellen Männer gaben an, homosexuelle Pornofilme zu schauen. Umgekehrt gaben 55 % der homosexuellen Männer an, heterosexuelle Pornofilme zu schauen. Die Bezeichnung als homo-, hetero- oder bisexuell wurde dabei von den Studienteilnehmern selbst vorgenommen. Der Kolumnist Zachary Zane (Bisexual.org) erfuhr von den Autoren der Studie weiterhin, dass 7,5 % der heterosexuellen Studienteilnehmern innerhalb der letzten sechs Monate Sex mit Männern hatten. Ebenso gaben 0,7 % der homosexuellen Studienteilnehmern an, innerhalb der letzten sechs Monate mit einer Frau geschlafen zu haben. Zane spekuliert, dass einige der Männer, die sich als heterosexuell bezeichnen, eigentlich bisexuell wären. Sie würden nur ihre Orientierung wegen internalisierter Biphobie unterdrücken, um ihre heterosexuelle Identität zu wahren. Die Tatsache, dass viele schwule Männer auch heterosexuelle Pornofilme schauen, interpretierte er so, dass viele dieser Männer eigentlich bisexuell seien, aber von der Gesellschaft gezwungen würden, sich für eine von beiden Seiten zu entscheiden. Ohne diesen Druck seitens der Gesellschaft würden diese Männer wahrscheinlich ebenfalls Beziehungen zu Frauen haben, aber dadurch, dass sie sich entscheiden müssten, würden sie nur mit Männern zusammenbleiben.
Der Schwulenrechtsaktivist Carl Wittman schlug vor, dass schwule Männer, die mit Frauen schlafen, sich nur als schwul identifizieren sollten, anstatt als bisexuell, bis die Gesellschaft ihre Homosexualität akzeptieren würde:
In der LGBT-Community Bisexual Erasure äußert sich auch in der Meinung, dass Bisexuelle nicht den gleichen Status oder die gleiche Inklusion wie Schwule oder Lesben verdienen. Es kann auch bedeuten, dass das Thema Bisexualität herablassend behandelt wird. In den USA seien Bisexuelle in der Debatte über die gleichgeschlechtliche Ehe übergangen worden. So sei nicht bedacht worden, dass für Bisexuelle vor der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe das Recht zu heiraten vom Geschlecht des Partners abhängt. Des Weiteren würden Bisexuelle als schwul oder lesbisch angesehen werden, wenn ihr Partner dasselbe Geschlecht wie sie hat, obwohl sie sich selbst als bisexuell identifizieren würden. Zum Beispiel wurde Robyn Ochs, eine der ersten Frauen, die in Amerika die gleichgeschlechtliche Ehe eingegangen ist, oft als Lesbe bezeichnet, obwohl sie sich selbst in Interviews als bisexuell beschrieb.
Viele Jahre lang hatten der Lambda Literary Awards keine Kategorie für Literatur von Bisexuellen, erst 2006 wurde diese Kategorie nach langem Lobbying von BiNet USA eingeführt.
Unsichtbarkeit von Bisexualität in der Belletristik Bisexuelle Individuen wurden weitestgehend in der Literatur übergangen. Clare Hemmings argumentierte, dass Bisexual Erasure in queerer Literatur wichtig ist, um Lesben und Schwule als Hauptcharaktere darstellen zu können. Bisexuelle werden oft in wissenschaftlichen Studien unter LGBT+ geführt, aber die Datenlage zu Bisexuellen ist schlechter als zu Homosexuellen. In der Vergangenheit gab es viel Forschung zu Bisexuellen in Verbindung mit der HIV/AIDS-Epidemie. Dadurch verbreitete sich auch der Mythos, dass Bisexuelle öfter HIV/AIDS übertragen würden.
Bisexualität in der Sexualwissenschaft
Literatur Kim Ritter und Heinz-Jürgen Voß: Being Bi – Bisexualität zwischen Unsichtbarkeit und Chic, Hirschfeld-Lectures, Band 13, Wallstein, Göttingen, 2019 Michael Bochow, Todd Sekuler: Bisexuell aktive Männer: Schutz- und Risikoverhalten vor dem Hintergrund von HIV/Aids, Deutsche AIDS-Hilfe e. V., Berlin, 2016
Weblinks Unsichtbarkeit von Bisexualität auf queer.de
Einzelnachweise
Kategorie:Bisexualität Kategorie:Geschichte der Homosexualität