mini|Logo der Atomwaffen Division

Als Atomwaffen Division (deutsch und englisch; abgekürzt AWD) bezeichnet sich eine rechtsterroristische Gruppe, die ab Oktober 2015 in Florida öffentlich hervortrat und sich seitdem in den USA und anderen Staaten verbreitet. Sie gilt als eine der gefährlichsten Neonazi-Gruppen der Gegenwart. Ihr Logo, ein schwarzweißes Strahlenwarnzeichen, erinnert an Kennzeichen der Waffen-SS. Ihre Ideologie orientiert sich am Nationalsozialismus und propagiert Antisemitismus, White Supremacy, Hass auf Minderheiten und maßlose Gewalt, um den Zusammenbruch westlicher Staatssysteme zu beschleunigen (Akzelerationismus), einen weltweiten apokalyptischen „Rassenkrieg“ und eine Herrschaft der „weißen Rasse“ herbeizuführen. Sie verherrlicht rechtsextreme und islamistische Massenmörder als Vorbilder und ruft zum Ermorden von Juden, Muslimen, Homosexuellen und anderen Minderheiten auf.

Bis 2019 hatte die AWD in den USA 80 bis 100 Mitglieder und mehr als 100 Bewerber. Sie organisierten sich gemäß dem Aktionskonzept Führerloser Widerstand in voneinander unabhängigen Zellen und bildeten deren Mitglieder an Maschinengewehren und im Bombenbau aus. Drei Mitglieder töteten seit 2017 insgesamt fünf Menschen. Nach der Festnahme einiger Täter erklärte sich die AWD im März 2020 für aufgelöst, besteht aber in mehreren Nachfolgegruppen fort, etwa als National Socialist Order.

Seit 2017 entstanden Teilgruppen oder gleichartige Gruppen in Australien (Antipodean Resistance), Kanada (Northern Order), Großbritannien (Sonnenkrieg Division), Osteuropa (Feuerkrieg Division), Skandinavien (Nordische Widerstandsbewegung), der Ukraine und Russland (M.K.Y.). Seit Juni 2018 existiert eine Atomwaffendivision Deutschland (AWDD) mit bis zu 36 Mitgliedern. Als deren Partner erschien im Juni 2020 eine Atomwaffen Division Russland (AWDR). Im Januar 2021 gründete sich die etwa 25-köpfige Atomwaffen Division Europe (AWDE). Diese und weitere Gruppen bilden mit der AWD ein Netzwerk von jungen männlichen “White Power Terrorists”, die „führerlosen Widerstand“ üben und sich durch eine „Propaganda der Tat“ vom Rechtspopulismus abgrenzen, von dessen Erstarken sie zugleich profitieren.

Entstehung

2011 wurde in den USA die Webseite Iron March für Neonazis gegründet. Dieses Forum propagierte vor allem den Akzelerationismus durch Terroranschläge gegen Juden, Homosexuelle und People of Color. Der 19-jährige Brandon Clint Russell (Nutzername „Odin“) tauchte ab dem 22. März 2014 dort auf und empfahl das Buch des rumänischen Faschisten Corneliu Zelea Codreanu For My Legionaries, dessen Anhänger rituell Blut tranken.Michael Edison Hayden: Visions of Chaos: Weighing the Violent Legacy of Iron March. SPLC, 15. Februar 2019 Auf Fotografien posierte er mit einem Gewehr und einem mit “Natural Born Killers” und einem Reichsadler bedruckten T-shirt. Er pries den Amoklauf an der Columbine High School, den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik und Adolf Hitler. Aus Interesse an Kernwaffen studierte er an der University of South Florida einige Semester Kernphysik und postete Anleitungen zum improvisierten Bau von Kernreaktoren.A. C. Thompson: An Atomwaffen Member Sketched a Map to Take the Neo-Nazis Down. What Path Officials Took Is a Mystery. ProPublica, 20. November 2018

Am 18. März 2015 trat Russells 16-jähriger Mitbewohner Devon Arthurs (“TheWeissewolfe”), am 28. März 2016 der 17-jährige Andrew Oneschuk (“Borovikov”) dem Iron March bei. Der russische Neonazi Dmitry Borovikov hatte Migranten und eine Antifaschistin ermordet. Oneschuk stellte sich als der wiedergeborene Breivik vor, der Kontakt zu einer Gruppe wie der britischen National Action suche. Die drei beurteilten aktuelle Ereignisse stets danach, ob sie den angestrebten Zusammenbruch der Staatsordnung beschleunigen könnten.

Russell bat im Juni 2015 im Iron March um ein GIF mit dem Satz Atomwaffen intensifies. Im Juli 2015 stellte er seine neue Gruppe als Miliz namens “Atomwaffen Division” vor. Dazu gehörten anfangs nur vier bis fünf Teenager.Kelly Weill: Inside the Private Messages of Neo-Nazi Group Atomwaffen Division. Daily Beast, 8. November 2019

Am 12. Oktober 2015 gab Russell im Iron March Gründung, Namen und Ziele der AWD bekannt. Sie sei seit mindestens 2012 entstanden und habe mehr als 40 Mitglieder. Diese fanatische Kameradschaft verbreite ihre Ideen auch mit ungewöhnlichen Methoden und verlange ernsthafte Hingabe an einen kompromisslosen Endsieg. Als Mitglied geeignet sei nur, wer bereit sei, überall auf der Welt physisch zusammenzuarbeiten. „Tastenkrieger“ am PC seien ungeeignet, obwohl man unauffällig auch viel Hacken betreibe.Barry J. Balleck (Hrsg.): Hate Groups and Extremist Organizations in America, Santa Barbara 2019, S. 50

Einige Mitglieder begrüßten Donald Trumps Kandidatur zur US-Präsidentenwahl 2016, meist weil sie erwarteten, er werde die Weltpolitik rascher ins Chaos stürzen. Russell betrachtete Trump als „projüdische“ „Schwuchtel“, der seinen Anhängern bloß Phrasen zurufe und ihre Liebe zum „System“ anheize. Laut Experten entstand die AWD im Kontext der erheblichen Zunahme und Radikalisierung rechtsextremer Gruppen vor und nach Trumps Wahlsieg 2016. Diese sehen Terrorgewalt wie ihre Vorläufer in den USA als legitime und einzige Lösung für ihre Klagen an, radikalisieren sich außerhalb fester Organisationsstrukturen und beziehen ihre Ideologie und Inspiration aus dem Internet.Jacob Ware: Siege, Juli 2019, S. 2–4

Ideologie Verhältnis zur Alt-Right Wie andere Neonazigruppen der USA verehrt die AWD Adolf Hitler, propagiert antisemitische Verschwörungstheorien vom Zionist Occupied Government und Weltjudentum, das angeblich einen Völkermord an der „weißen Rasse“ und deren Austausch durch Einwanderer und Schwarze plane. Sie folgt David Eden Lanes rassistischem Bekenntnis der Fourteen Words, glaubt an einen kommenden „heiligen Rassenkrieg“, verehrt die fiktiven Turner-Tagebücher, deren Held die Regierung stürzt und einen Rassenkrieg auslöst, und bejaht individuelle Terrorgewalt nach Louis Beams Konzept des führerlosen Widerstands.Jacob Ware: Siege, Juli 2019, S. 5

Wie die Alt-Right-Bewegung, aus der sie entstand, vertritt die AWD die Ideologie der weißen Überlegenheit (“white supremacy”), jedoch mit der extremen Variante des Akzelerationismus: Angesichts unrettbar korrupter westlicher Regierungen seien Wahlen und Massenpolitik sinnlos. Weiße könnten den Kollaps des „Systems“ nur durch das Stiften von Chaos und Spannung beschleunigen, am besten durch Terror gegen nichtweiße Minderheiten und Juden. Seit dem “Unite-the-Right”-Aufmarsch in Charlottesville 2017 übernahmen immer mehr Neonazis diese Sicht und verachteten die Alt-Right-Vertreter als erfolglose Feiglinge.Zack Beauchamp: Accelerationism: the obscure idea inspiring white supremacist killers around the world. Vox, 18. November 2019

James Masons Siege Die AWD bezieht sich auf den rechtsextremen Autor James Mason und sein Werk Siege („Belagerung“) von 1992.Kira Ayyadi: „Siege“: James Masons Anleitung zum „Rassenkrieg“ für die „Atomwaffen Division“. Belltower, 10. Januar 2020 Das Buch war seit 2011 auf dem Iron March bekannt und wurde ab 2015 immer öfter als Antwort auf aktuelle Probleme empfohlen. Forenteilnehmer etablierten das Meme “Read Siege” und schufen damit einen Trend in der “White-supremacy”-Bewegung. AWD-Führungsmitglieder spürten Mason 2017 auf und boten ihm an, seine Ideen über ihre Webseite “Siege Culture” zu verbreiten.

In seinem Siege betitelten Briefwechsel mit dem inhaftierten Massenmörder Charles Manson pries Mason Mansons Terrormethode „Helter Skelter“. Die Sammlung enthält Holocaustleugnung und Hass gegen Juden und Homosexuelle, ruft zur Bildung dezentraler Terrorzellen und zum bewaffneten Kampf gegen das „System“ aufAlexander Epp, Roman Höfner: Das Hass-Netzwerk »Atomwaffen Division«. Spiegel, 24. August 2018 und propagiert eine von einer „weißen Rasse“ dominierte “Universal Order”. Mason verherrlicht Mansons Morde, fordert führerlose bewaffnete Terrorzellen zum Sturz der Regierung und Beschleunigen der angestrebten Revolution der Weißen. Weil Juden die ganze amerikanische Kultur beherrschen würden, wolle er dieses System vernichten, nicht nur verletzen.

Nach dem Verbot des Iron March übernahm die Webseite “Siege Culture” großenteils dessen Inhalte und wurde zur AWD-Plattform. Die AWD sandte Manson gewaltverherrlichende Briefe ins Gefängnis. Er soll das AWD-Logo entworfen haben. Nach Russells Festnahme im Mai 2017 und Mansons Tod im November 2017 erhielt Mason noch mehr Einfluss auf die AWD-Ideologie. Fetischisierte Terrorgewalt wurde deren Markenkern. Auf der im Oktober 2017 auf Cloudflare eröffneten Webseite “Siege-Culture (S-C)” schrieb Russells Nachfolger John Cameron Denton, die AWD habe Mason geholfen, Siege online zu publizieren, und sich dann für seine Aktionsrichtung entschieden. Die rechte Bewegung habe zu lange Leute in ein folgenloses Denken gelockt. Wer diese Webseite besuche, könne dagegen Geschichte machen.

Weitere Vorbilder Die AWD feiert frühere Rechtsterroristen und deren Taten als Beiträge zur angestrebten rassistischen „Säuberung“ der modernen Welt: Joseph Tommasi, Gründer der National Socialist Liberation Front von 1974; The Order von 1983/84; William Luther Pierce, Gründer der National Alliance und Autor der Turner Diaries;Jacob Ware: Siege, Juli 2019, S. 6 den davon angeregten Massenmörder von 1995 Timothy McVeigh; den Briefbombenmörder Theodore Kaczynski, mit dem AWD-Mitglieder persönlichen Kontakt hatten; den norwegischen Massenmörder von 2011 Anders Behring Breivik; Dylann Roof, der beim Anschlag in Charleston 2015 neun Afroamerikaner ermordete; Robert Bowers, der beim Attentat in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh 2018 elf Menschen erschoss; Brenton Tarrant, der 2019 beim Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) 51 Menschen ermordete; John Earnest, der 2019 beim Anschlag auf eine Synagoge in Poway eine Person tötete. Die AWD stellt diese Mörder als Heilige mit christlicher Ikonografie dar.Extremist Content Online: Atomwaffen Division Continues Uploads on YouTube. Counterextremism.com, 20. Mai 2019 Mit dem Slogan “Osama was Right” („Osama hatte Recht“) feierte sie auch den islamistischen Massenmörder Osama bin Laden und die Terroranschläge am 11. September 2001. Russell soll den ISIS-Attentäter Omar Mateen nach dessen Anschlag von Orlando am 12. Juni 2016 als „Helden“ gelobt haben.Christopher Matthias: The Enemy Of My Enemy Is My Friend: What Neo-Nazis Like About ISIS. Huffington Post, 27. Mai 2017 Zu einer Trauerfeier für dessen 49 Mordopfer erschien der maskierte AWD-Anhänger Steven Billingsley mit einem Schild mit Hakenkreuzen und der Parole “God hates Fags” („Gott hasst Schwuchteln“) und erklärte: Die „Degenerierten“ seien selbst Schuld an dem, „was sie kriegen“; „unsere Rasse“ sei von fremder Religion und Homosexualität rein zu halten.Brian Chasnoff: Racist at vigil sends online message. Express News, 17. Juli 2016