mini|St. Gervasius und Protasius in Sechtem
Die Pfarrkirche St. Gervasius und Protasius der katholischen Kirchengemeinde Sechtem befindet sich in einem der größeren Stadtteile der im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis gelegenen Stadt Bornheim in Nordrhein-Westfalen. Die Kirche steht wahrscheinlich in der Nachfolge des ältesten christlichen Gotteshauses der Region. Die Bauausführung einer dem mittelalterlichen Gotteshaus an gleicher Stelle nachfolgend errichteten heutigen Pfarrkirche unterstand einer Kommission, die von dem Königlich-Preußischen Kommunalbaumeistern Schopen und Werner geleitet wurde. Diese realisierten die Entwürfe des 1845 verstorbenen Architekten Peter Josef Leydel (1798–1845), der sie in dem von ihm favorisierten Stil des Neoklassizismus 1842 entworfen hatte, indem sie den Neubau in knapp zwei Jahren Bauzeit im April 1848 vollendeten. Die Pfarrkirche, die den Heiligen Gervasius und Protasius geweiht wurde, ist eines der zahlreichen denkmalgeschützten Gebäude der Stadt Bornheim.
Lage des Kirchbergs Fast die gesamte Gemarkung des Ortes erstreckt sich in einer zwischen dem Vorgebirge und dem Rhein gelegenen Senke, aus der sich lediglich der sogenannte Kirch- oder Nikolausberg im Südwesten des alten Ortskernes abhebt. Auf dieser schon zur Römerzeit – wohl zu militärischen Zwecken – geschaffenen, aber im Lauf der vergangenen nahezu 2000 Jahre erodierten Anhöhe, stehen Pfarrkirche und die dieser benachbarte, dem heiligen Nikolaus geweihte Kapelle. Die ehemals von einem Kirchhof umschlossenen historischen Bauwerke befinden sich an der zwischen Krausplatz, Brüsseler Straße und der an der Kirchennordseite verlaufenden Straßburger Straße, der ehemaligen Kirchstraße.
Anfänge, Befunde der Archäologie am Kirchberg mini|links|Opus caementicium im Pfarrhaus-Nebengebäude
Bei dem geschichtsträchtigen Kirchengelände der Ortsmitte soll es sichPaul Clemen in „Sechtem, römische Funde“, S. 365 ff. um den Standort eines quadratisch angelegten Kastells innerhalb einer römischen Ansiedlung gehandelt haben. Diese Annahme erhärten die in Sechtem bei Grabungen des 19. und 20. Jahrhunderts festgestellten außergewöhnlich großen Mengen römischen Mauerwerks sowie die geborgenen vielfältigen Artefakte des täglichen Lebens jener Zeit. Zu den gehäuft im Rheinland (Germania inferior) festgestellten Bestattungsplätzen der Spätantike gehört auch der Sechtemer Kirchberg, dessen festgestellte Gräber und nur teilweise geborgenen Weihesteine der Matronen durch den Kirchneubau zu Tage traten. Es wurden neben mehreren im Boden verbliebenen, auch eingemauerte Matronensteine der gallo-römisch-germanischen Muttergottheiten festgestellt, jedoch auch einige Exemplare geborgen, darunter einer, der der Göttin Amanda geweiht worden war. Zu den auf römischem Mauerwerk ruhenden Kirchenfundamenten und dem Baumaterial der vormaligen alten Kirche kam in jüngerer Zeit die Aufdeckung einer noch bis um das Jahr 400 bewohnten Villa rustica sowie die Auffindung eines mit gut erhaltener Inschrift versehenen fränkischen Grabsteines des Knaben Godewin aus der Mitte des 7. Jahrhunderts. Die Inschrift bewies nicht nur die frühe Existenz der Ortschaft Sechtem, sondern auch das Vorhandensein einer christlichen, mit Beerdigungsrecht (Tauf-, Eheschließungs- und Bestattungsrecht oblag lange der Pfarrkirche) ausgestatteten Kirche des Ortes und macht eine gewisse Kontinuität der Besiedlung und des religiösen Lebens erkennbar.
Von heidnischen Kultstätten zur christlichen Kirche
Die erste Auffindung eines antiken Weihesteines ist in Sechtem für 1845 belegt. Die von der jüngeren Forschung, aber auch die von Maaßen 1885German Hubert Christian Maaßen: Geschichte der Pfarreien des Dekanates Hersel (1885) hervorgehobene hohe Zahl (bisher fünf) geborgenen Weihesteine oder Altäre, die dem römischen Handelsgott Merkur geweiht worden waren, fanden sich vor allem im Bereich von Kirche, Kapelle und Pfarrhaus des Ortes. Die Funde ließen Vertreter der Provinzialrömischen Archäologie schon früh auf ein dortiges größeres Mercurius – Heiligtum des antiken „ad septimam leugam“ – schließen.Paul Clemen in „Sechtem, römische Funde“, S. 365, unter Verweis auf August Oxé, in „Ein Merkurheiligtum in Sechtem“ Bonner Jahrbücher, Band 108, S. 246. Neben diesen Funden im Bereich der Nikolauskapelle wurde 1975 ein Matronenstein freigelegt,Nr. 0794/40, Bonner Jahrbücher Band 175, 1975, S. 328–329. und jüngere Forschungsergebnisse aus dem Jahr 1999 belegten das Vorhandensein eines Mithräums auf dem Areal eines römischen Gutshofes im Südwesten des Ortes. Offenbar wurde das Heiligtum um das Jahr 400 nach einem offiziellen, möglicherweise von Theodosius erteiltem, Verbot der heidnischen Kulte durch Christen zerstört. Aus der Verehrung diverser Gottheiten der Römer und der dann folgenden Vermischung heidnisch-christlicher Anbetungsformen entwickelte sich die in fränkisch-karolingischer Zeit forcierte Christianisierung und wurde in Form der Römisch-katholischen Kirche zur Staatsreligion.
Patrozinium mini|Martyrium von Gervasius und Protasius (Manuskript 14. Jh.)
Bei dem zuerst genannten Titelpatron Gervasius und dem weiteren Patron der Sechtemer Kirche Protasius soll es sich um Mailänder Märtyrer handeln, die im Jahr 386 durch Bischof Ambrosius erhoben wurden. Nach dem Erhebungsjahr soll eine schnelle Verbreitung der Reliquien beider Märtyrer eingesetzt haben, die zur Bildung einer Reihe von Kathedralpatrozinien der beiden Patrone im römisch-fränkischen Gallien (Nordfrankreich/Belgien) geführt haben. Das Doppelpatrozinium der Heiligen Gervasius und Protasius hatte während der Zeit des Gregor von Tours seine Blütezeit. In der späteren Merowingerzeit wurde die Wahl dieses Patroziniums nicht mehr nachgewiesen und blieb im Vergleich zu anderen Patrozinien bis in die heutige Zeit in der Römisch-katholischen Kirche in Deutschland eine Seltenheit. So hat für das gesamte Rheinland nur in Trier ein Patronat des Gervasius überdauert. Es war die spätantike Kirche Alt-Gervasius, die in den römischen Kaiserthermen errichtet wurde und ab dem Beginn des 12. Jahrhunderts in Quellen genannt wurde.Helga Hemgesberg in: Basilica sancti Gervasi. Zu einer Merowingischen Grabinschrift, S. 325–334.Heinz Cüppers: Römische Baudenkmäler. S. 82, in: Patrick Ostermann (Bearb.): Stadt Trier. Altstadt. (= Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz) Eine weitere These zur Herkunft der Kirchenpatronats besagt, dass ein in Soissons beheimatetes Frauenkloster bereits im frühen Keldenich eine Niederlassung gegründet hatte, dessen Benediktinerinnen ebenfalls der Abtei Notre Dame unterstanden. Dieses Kloster am Vorgebirgsrand galt als begütert, und einer der Klosterhöfe – der Sechtemer Landskroner oder Stapelhof – befand sich in Sichtweite der dortigen Pfarrkirche. Möglicherweise waren es Nonnen aus Soissons, die dann das heimische Bistumspatronat nach Sechtem brachten.
Pergamenturkunden und Steinzeugnisse Godvine-Stein Der schon erwähnte, erst 1944 im Kölner Kunsthandel aufgetauchte fränkische Grabstein, ist nur als Fragment aus weißem Sandstein erhalten und hat ein verbliebenes Maß von ca. 16 × 25 × 7 cm. Die darauf erkennbare Inschrift muss daher als unvollständig angesehen werden, führt aber überaus wichtige Details an. Dem Stil nach ordnete man die Schrift als Vokalismus des frühen karolingischen Vulgärlateins ein, eine Kategorisierung, die durch weitere Charakteristika des Schriftbildes erhärtet wurde. Im Text enthalten sind der Name des Bestatteten und die seltene Angabe des Titelpatrons der Kirche am Bestattungsort. Darin sahen die Kirchenhistoriker Wilhelm Neuß und Paul Heusgen die Sechtemer Kirche oder deren ehemals anliegenden Friedhof als Fundort. Der Godvine-Stein ist zudem ein Nachweis einer frühen Pfarrkirche, da (wie zuvor) nur einer solchen das Bestattungsrecht verliehen wurde. Die Inschrift lautet:
Ein Abguss der Sandsteintafel soll sich nach der Autorin Hemgesberg im Rheinischen Landesmuseum Bonn befinden, eine in der Abhandlung vorhandene Fotografie zeigt im Untertitel die Inventar-Nr. 44. 263Helga Hemgesberg: Basilica sancti Gervasi. Zu einer Merowingischen Grabinschrift, S. 329.Die aktuelle Auskunft des Pfarrbüros bestätigt den Verbleib des Steines im RLM Bonn
Dietkirchen
mini|Kruzifixus des 11. Jh., Kloster Dietkirchen
Sechtems wirtschaftliche und geistliche Beziehung wurden erstmals im Jahr 1113 urkundlich offenbar. Eine eher beiläufige Erwähnung fand sich in einer Urkunde (Dietkirchen Urkunde Nr. 3). des in den Jahren 1000 bis 1015 gegründeten Klosters der Benediktinerinnen St. Petrus in Dietkirchen (Bonn), in der ein Zeuge namens „Winrich de Sephteme“ (ein für Dietkirchen tätiger Dienstmann) neben weiteren Zeugen den Inhalt des Urkundentextes bestätigte. Urkunden des ehemaligen, aus einem Kloster der Benediktinerinnen hervorgegangenen Dietkirchener Kanonissenstifts entstammen den Jahren 1015 (monasterio bunne constructo) und 1021 (Kirche des hl. Petrus in Tiedenkireca). Sie belegen die Anfänge des späteren Damenstiftes. Dessen frühe Besitzungen waren zumeist zehntpflichtige Gutshöfe mit ihren Ländereien, die häufig (aber nicht nur) in der Vorgebirgsregion gelegen waren und von Halfen bewirtschaftet wurden. Sechtems Orts- und Kirchengeschichte war über Jahrhunderte eng mit Dietkirchen, dem Patronatsherren seiner Kirche verbunden und reicht in das erste Viertel des 12. Jahrhunderts zurück. Sie ist nachweislich durch Urkunden belegt. So hatten Äbtissin und Konvent des Klosters/Stiftes Dietkirchen bereits 1166 das Präsentationsrecht und weitere Rechte bei der Pfarrwahl in Sechtem. Schon seit dem Frühmittelalter war Sechtem dem Bonner Kloster/Stift über Jahrhunderte hinweg zehntpflichtig: Seine ehemalige Zehntscheune, die von dem Halfen des Ophofs verwaltet wurde, steht heute im Freilichtmuseum Kommern. Der frühe Zehnt war durch Papst Calixt III. bestätigt worden. In der Folge erwarb Dietkirchen weiteren Einfluss in Sechtem, den es durch die Gunst hoher Kleriker ausüben konnte. 1279 pachtete der Bonner Konvent den Rottzehnten in Sechtem und Urfeld, den bisher das Kölner Kollegiatstift St. Georg erhalten hatte. 1307 nahm Erzbischof Heinrich II. mit dem Einverständnis des Domkapitels einen Gütertausch vor, indem er gegen Ländereien bei Honnef 103 Morgen Ackerland bei „Sechteme“ an Dietkirchen gab. Zu dieser Zeit war Heinrichs Schwester, Ponzetta von Virneburg, Äbtissin des Kanonissenstifts geworden. Seit 1113 ist das ehemalige Stift zudem in Urfeld (Sechtem angrenzend) als Grundherr urkundlich nachgewiesen., Stadt Wesseling
Abtei Rolduc 1122 soll während eines Aufenthalts bei Sechtem Ailbertus von Antoing verstorben sein. Der Priester und Gründer der heutigen Augustiner-Chorherren Abtei Klosterrath in der Provinz Limburg reiste in die Vorgebirgsregion wohl im Zusammenhang mit den dortigen Liegenschaften seiner Abtei Klosterrath und diente neben Verwaltungsgründen auch dem Besuch seines Freundes Graf von Saffenberg. Wie auch andere Stifte und Orden markierte die Abtei ihren Grund und Boden in der Feldmark Bornheims mit Grenzsteinen, auf denen sich ihr Monogramm befand. So auch im Fall Klosterrath, bei dem unter einem kleinen Kreuz als eingemeißelte Buchstaben "A R" = Abtei Rath bzw. Abtei Rolduc zu finden war.Norbert Zerlett: Grenzsteine in Feld und Wald. Grenzstein 5. Die auch Klosterrath genannte Abtei, heute in der niederländischen Provinz (Niederlande), hatte sich aus einer Schenkung des Grafen Adalbert von Saffenberg (auch Herr der später Graue Burg genannten Anlage in Sechtem) zu einer der wohlhabendsten Abteien entwickelt. Schon früh besaß der Konvent, wie auch Stifte aus Köln und Bonn, Ländereien in der Gemarkung der heutigen Stadt Bornheim.